O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Foto © O-Ton

Machen, was geht

Zur Unter­strei­chung der program­ma­ti­schen Leitidee vom „Kampf um die Zukunft“ wurde beim 50. Moers-Festival auf Ray Bradburys Roman Fahrenheit 451 angespielt. Zwar etwas vage, da die vielen Tanzein­lagen und Video­ein­spie­lungen in erster Linie als stimmungs­volle, manchmal hypno­tisch verdich­tende Unter­ma­lungen die Meinung im Publikum polari­sierten. Aber der litera­rische Klassiker steht immerhin als Requisit in der Gegend herum und zwischen den Konzerten wurden bedeu­tungs­schwere Textpas­sagen aus dem Off zitiert. 

Jessica Martin Maresco – Foto © O‑Ton

Man erinnere sich: Es geht in diesem Klassiker um eine nicht so ferne Zukunft, in der die Welt „sicher“ geworden ist. So sicher, dass die Feuerwehr in ihrem bishe­rigen Tätig­keitsfeld arbeitslos geworden ist und nun ausrückt, um Bücher zu verbrennen. Denn der zwischen zwei Buchde­ckeln konser­vierte freie Geist bedrohe nun einmal die „Sicherheit.“ Die daraus abgelei­teten Einspie­lungen und Anspie­lungen in Gestalt szeni­scher Elemente und surrealer Video­ein­spie­lungen hätten durchaus etwas weniger vage ausfallen können – aber sie unter­strichen dennoch, was alles beim 50. Moers-Festival zum Kämpfen animieren und Hoffnungen wecken sollte.

Sozusagen in aller­letzter Minute hatten sich Licht­blicke für Tim Isfort, Geschäfts­füh­rerin Helene Lischka und das ganze weitere Planungsteam aufgetan. Die neuen Pandemie-Verord­nungen erlauben zwar kein Publi­kums­fes­tival, wohl aber Freiluft­kon­zerte. Also machen, was geht! Mit Unter­stützung der Stadt Moers wurden kurzfristig vier unabhängige Sonder­kon­zerte auf die Beine gestellt, die „zufällig zeitgleich mit dem analogen online-Event des Moers-Festivals in der Festi­val­halle“ statt­fanden. Für Isfort war diese der geglückte „letzte Versuch der Unter­wan­derung der abenteu­er­lichen Regelungen“. Hinzu kam, dass ein Großteil des geplanten Line-ups kurzfristig noch gerettet werden konnte, da das Bundes­kul­tur­mi­nis­terium für zügige Einreise-Bewil­li­gungen gesorgt hatte. Es ist nicht alles nur schlecht, was aus der Politik kommt.

Endlich wieder live und draußen braucht es eine gewisse Anlaufzeit, damit sich Musik und Publikum näher­kommen. Aber regen­dicht einge­packt, halten bis zu 500 Musik­be­geis­terte durch. Melan­cho­lisch flutet Hans Gratkowskis Saxofon in der frei impro­vi­sie­renden Band The Resonators – und auch die Gitarre stimmt in Klage­ge­sänge ein. Ein leiser Kommentar zu den Menschen und ihrer Kultur, der es seit vierzehn Monaten gar nicht gut geht? Der Video­stream dazwi­schen versucht zumindest, etwas Frohsinn zu verbreiten, wie er per Green­screen die Tristesse mit einer bunten Männchen­schar und virtu­ellem Blumen­regen aufhei­terte. Spätestens beim erregenden Auftritt der ugandi­schen Afro-Elektronik-Formation Nihil­oxica ist der Schalter umgelegt. Das taugte als beste Basis für das wohl kostbarste Gastspiel bei der 50. Festival-Ausgabe – einem Konzert der äthio­pi­schen Band Fendika: Das ostafri­ka­nische Land, das Isfort gerne in diesem Jahr noch viel umfas­sender in Moers präsen­tiert hätte, ist gleich in mehrerlei Hinsicht eine Wiege der mensch­lichen Kultur – und hat mit seiner extrem geerdeten penta­to­ni­schen und repeti­tiven Musik gewis­ser­maßen einen archai­schen Proto­typen für alle Rockmusik geliefert. Als sich dann schließlich das nieder­län­dische Schlagzeug-Urgestein Haan Bennink mit ganzer Spiellust einklinkte, konnte man nur noch ausrufen „Das ist Moers!“ und spätestens da schmerzte es, so etwas nur vorm heimi­schen Flach­bild­fern­seher zu verfolgen.

Allein­stel­lungs­merkmal ist die Vielschichtigkeit

Brad Mehldau – Foto © O‑Ton

Diskus­sionen über „Höhepunkte“ laufen in Moers regel­mäßig ins Leere – und das soll so sein. Allein­stel­lungs­merkmal ist die Vielschich­tigkeit. Die 50. Ausgabe glänzte durchweg mit bestechendem künst­le­ri­schem Niveau. Als große Namen rückten John Scofield und Brad Mehldau an – beide strei­chelten die Seelen durch sanfte Anleihen an große Hymnen der Popge­schichte, durch verfei­nerte Impro­vi­sa­ti­ons­kunst voll sugges­tiver Kraft und wurden dafür mit viel Wärme dankbar gefeiert. Für manche mögen die zupackend-energe­ti­schen Inter­ak­tionen des Sylvie-Courvoisier-Klavier­trios das tiefste Innere getroffen haben, allein weil gerade Sylvie Courvoisier und ein strahlend eupho­ri­scher Joey Baron am Schlagzeug sich von der Energie mit „echtem“ Live-Publikum hörbar anstecken ließen. Andere hatten womöglich ihre Stern­stunde in den vielen exqui­siten Klang-Offen­ba­rungen in der Festi­val­halle, etwa bei der faszi­nie­renden Minimal Music eines Julius Eastman – oder in der spekta­kulär verfei­nerten Musique Concrete seitens des großbe­setzten Orchestra of New Musical Creations and Experi­men­ta­tions aus Frank­reich, dessen zweites Stück in einem einzigen, sich aufbau­enden, klanglich subtil modulie­renden Ton bestand. Auch spiel­tech­nisch eine unfassbare Leistung. Die Fähigkeit, so viel Dispa­rates zu einem Gesamtbild zu integrieren, ist das Resultat jenes Bildungs­auf­trages, den das Moers-Festival nun schon über 50 Festi­val­aus­gaben konti­nu­ierlich erfüllt.

Einem aufrüh­re­ri­schen, kreativen Lebens­gefühl seinen Sound geben – das wollte schon im Jahr 1972 Peter Brötzmann, wenn er im Schlosshof seine ungezähmten Luftströme ins Saxofon entließ. Junge Menschen aus vielen Subkul­turen der Avant­garde setzen dem heute ihre neuen, eigenen und viel ausdif­fe­ren­zier­teren Spiel­arten entgegen: Die brachialen, auch elektro­nisch manipu­lierten Stimm­at­tacken der Britin Elvin Brandhi versetzen wohl so manchen Spazier­gänger außerhalb des Freiluft-Konzert­ge­ländes in Angst und Schrecken – aber ihr impro­vi­sierter Dialog mit dem Bassisten Joel Grip verzaubert trotz aller Dissonanz durch seine rohe, zugleich tief mensch­liche Unmittelbarkeit.

Das Genormte und Weich­ge­spülte ist etwas für Menschen, die mit blühender Fantasie nichts anfangen können. Und Viervier­teltakt und Durton­leitern eben für jene, über die noch nicht die schrille Extrem-Perfor­mance des franzö­si­schen Progrock-Avant­garde-Oktetts Le Grand Sbam kam. Ausge­sprochen kunstvoll ist deren Strudel aus bizarren Metren und Tonskalen, exaltierten Gesangs­parts in einer nicht existenten Fanta­sie­sprache. Auch bei diesem aktuellen Projekt der Franzosen stand ein dysto­pi­scher Roman Pate. Auch hier hinter steht wieder eine reiche Tradition aus der franzö­si­schen Under­ground-Musik­kultur, die ohne „Moers“ wohl den meisten Menschen für immer verborgen bliebe. Ebenso stahl Sbam dem eigent­lichen Finale, der routi­niert-kulti­vierten Gitarren-Noise-Begegnung von Fred Frith, Ava Mendzoa und Orem Ambarchi locker die Show.

Das Festi­val­plakat ist eines der vielen aufschluss­reichen Bilddo­ku­mente aus ferner Zeit: Es zeigt ein Paar bei einer innigen Umarmung, ein Zufalls-Schnapp­schuss irgendwann aus den frühen 1970-ern. In Zeiten von Masken­zwang sogar im Freien, Abstands­ge­boten, kompli­zierten Einlass­regeln, Alkohol­ver­boten und so weiter wirkt diese harmlose Moment­auf­nahme wie ein Relikt aus einer fernen Galaxis. Bizarr genug ist, dass sich das in diesen Tagen so anfühlt. Nein, wir wollen keine „neue Normalität“!

„Im nächsten Jahr wird es wieder wie 1972!“ hatte Jan Klare, Kurator der Moers-Sessions, seinem Publikum zugerufen. Mit dem neuen Freiluft­areal im Park als hervor­ra­gende Ergänzung zur Festi­val­halle steht schon mal eine hervor­ra­gende Infra­struktur bereit, in der im nächsten Jahr „auch das Moers-Festival“ statt­finden darf.

Stefan Pieper

Teilen Sie sich mit: