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Vijay Iyver und Wadada Leo Smith - Foto © Marion Kainz

Höhenflug über lauter Stille

Wild, bunt, inter­na­tional, kurzum spekta­kulär präsen­tiert sich auch in diesem Jahr das Moers-Festival mit einem breiten Angebot von Jazz, Avant­garde und Impro­vi­sation. Aber auch Zwischentöne aus alter, elektro­ni­scher und zeitge­nös­si­scher Musik dürfen nicht fehlen. Insbe­sondere ein Blick auf die Weiter­ent­wick­lungen im Jazz lohnt sich. Im Zweifelsfall auch mal aus der Höhe. 

Caspar Brötzmann – Foto © Kurt Rade

60 Meter über dem Moers-Festival in der Sponsor-Kran-Gondel: Spiel­zeughaft breitet sich funktionale Nüchternheit aus. Festi­val­halle, Buden, Menschen­ge­wimmel, kleine Konzert­bühnen. Im Hinter­grund Camping­zelte im weitläu­figen Park, Ruhrge­biets-Zechen­türme und grüne Landschaft bis zum Horizont. Der von unten herauf­we­hende elektrische Gitar­ren­sound erinnert an eine verwehte Jimi-Hendrix-Impro­vi­sation. So handzahm „erlebt“ man Caspar Brötzmann selten, der tief unten auf einer kleineren Kran-Bühne agiert. Tim Isfort, künst­le­ri­scher Leiter des Festivals, hat den Sohn des „Festival-Pioniers“ Peter Brötzmann zu Recht gebeten, hier sanfter zu spielen. Es muss einen auch etwas auffangen aus dieser luftigen Höhe …

Der erste Tag der 54. Festi­val­ausgabe pulve­ri­siert die kultu­rellen Hierar­chien mit einer Premiere: Das Projekt Multiple Voices führte Thomas Tallis‘ Spem in Alium von 1570 fünf Stunden lang auf. Counter­tenor Terry Wey und Bariton Ulfried Staber singen live, während Sound­en­gineer Markus Wallner die Stimmen durch den Raum schichtet. Aus zwei werden vierzig Stimmen. Das Publikum – vom ergrauten Jazzve­te­ranen bis zu hippen Zwanzig­jäh­rigen – wird Teil einer kollek­tiven Meditation. Den distin­gu­ierten Herren hinter den Noten­pulten haftet eine Aura von „Heiligkeit“ an, wie sie auch von Kraftwerk ausgeht. Die uralte Musik wird durch ihre unkon­ven­tio­nelle Behandlung zum Dialog zwischen Mensch und Maschine erhoben.

Isforts organische Raumar­chi­tektur in der Festi­val­halle umschließt Musiker und Publikum mit Kissen zum Hinlegen. Die Überwindung von Konven­tionen trägt Früchte: Ein alters­mäßig und sozio­kul­turell buntes Publikum gibt sich den Konzerten hin. Früher herrschte noch Apartheid zwischen den zahlenden Musik­spe­zia­listen im einge­zäunten Festi­valzelt und den zahllosen jungen Leuten, denen freies Feiern ein ernst­haftes Anliegen ist. Heute vereint sich das.

Mit der China-Koope­ration nährt eine neue Quelle das Programm: Tief ehrliche, manchmal rohe Musik als vibrie­rende Antithese zu medialen Stereo­typen. Der Saxofonist Li Daiguo verdichtet sein Konzert zu einer Inten­sität, der selbst ein Coltrane kaum etwas hinzu­zu­fügen gehabt hätte. Mamer aus der uiguri­schen Bevöl­kerung demons­triert, dass der musika­lische Under­ground brennt. Auf fünfsai­tiger Bassgi­tarre plus Elektronik sprengt ein mächtiger Stream of Consciousness alle Kategoriebegriffe.

Im Regen schweißgebadet

Die neue Baumschatten-Bühne entwi­ckelt subver­sives Festival-Flair, das an manches Bauernhof-Festival erinnert, wo einst der Absturz zelebriert wurde. Ein würdiger Ort, um mit Oldschool-Freejazz die Gegenwart mit allen Gründungs­mythen des Moers-Festivals kurzzu­schließen. Die Band Das Ende der Liebe mit der chine­si­schen Perfor­merin Su dance110 verdichtet sich zu einem hypno­ti­schen Sound­dschungel mit mächtigen Beats. Trotz kühler Tempe­ra­turen und Regen hinterher schweiß­ge­badet sein. So muss das! Das Motto „Stille“ bleibt oft unver­standen – schließlich ist es überall laut in Moers. Welche Stille ist gemeint? Vielleicht die Abwesenheit akusti­scher Alltags­zu­mu­tungen. Der kondi­tio­nie­renden Zwangs­be­schallung zu entfliehen, ist ein Akt der Stille.

Die Urauf­führung Sei still! von Maya Dunietz und William Northlich-Redmond gipfelt in einem stummen Schrei wie bei Edvard Munch als Parabel auf die indivi­duelle Ohnmacht einer zu lauten Welt. Stille als inten­sivste Form der Präsenz. Koshiro Hinos Chrono­graffiti schöpft am puris­tischsten aus der Stille. Das schließt fette Lautstärke keineswegs aus, als drei Perkus­sio­nisten das Spektrum ihrer Instru­mente in Steve-Reich-artigen Crescendo-Patterns auf die Spitze treiben. Wenn Hino auf die Riesen-Taiko hämmert, freuen sich jene über wohlige Zwerchfell-Massage, die auf Liege­kissen vorne ganz nah dran sind.

Rohe, ungezü­gelte Klangwelten

Koshiro-Hino – Foto © Kristina Zalesskaya

Das Kernge­schäft des Jazz darf sich neu erfinden – vielleicht gerade deswegen so authen­tisch, weil sich das Festival schon vor Jahrzehnten von der „Nische Jazz“ verab­schiedet hat? Mette Rasmussen elektri­siert als wichtigste Stimme die europäische Impro-Szene. Die Dänin reprä­sen­tiert eine Generation, die das Free-Jazz-Erbe radikal weiter­ent­wi­ckelt. Sie verkörpert die Chrono­graffiti-Ästhetik: Zeit besprühen, markieren, trans­for­mieren durch rohe, ungezü­gelte Klang­welten ihrer akustisch-elektro­ni­schen Band. Die Pianistin Angelica Sanchez lässt aus Hörern echte Teilnehmer werden, die sie und ihren Flügel konzen­triert hinein­lau­schend dicht umringten. Ausfor­mu­lierte, treibend schwin­gende Idiome stoßen in freie Klang­flächen vor – der hypno­tische Fluss vereint die Menschen intuitiv. Definitiv kein Grund mehr, auf dem heimi­schen Sofa zu bleiben und sich einzu­bilden, dass nach dem „unerreichten“ Köln-Concert nichts mehr nachge­kommen sei.

Wadada Leo Smith und Vijay Iyer liefern den defini­tiven Höhepunkt. Aus tiefsten Basstönen wird der Raum weit gemacht, wie schwere Seufzer klingen die ersten Trompe­tentöne. Smiths ergrei­fender Erzähl­fluss reißt nie ab, während Iyer in messer­scharfer Kalibrierung auf die weiten, im Innersten ergrei­fenden Narrative des genialen Trompeters antwortet, der 1979 zum ersten Mal in Moers spielte. Mittendrin steht ein Mahnmal: Stelen mit erschre­ckend vielen Namen abgewi­ckelter Festivals als Verweis auf die kultur­po­li­tische Realität. Das Bundes­jazz­or­chester spielt Stücke aus den 1930-er Jahren, dazu werden Texte aus NS-Entschä­di­gungs­akten rezitiert. Die Mahnung ist klar: Wehret repres­siven Zeiten, die zuallererst die Kultur töten. Moers steht noch stabil da als wärmendes Kraftwerk für mensch­liche Emotionen. Noch.

Finale ohne Ende

Das letzte Konzert bündelt nochmal alle Energie zwischen den Menschen. Diese Ausgabe darf sich in die Top-Five der inten­sivsten Festival-Abschlüsse einreihen. Die „Bühne“ gehört noch mal Caspar Brötzmann – diesmal mit seinem Massaker-Trio, das zusammen mit Eduardo Delgado Lopez und Fehlfarben-Schlag­zeu­gerin Saskia von Klitzing in runderneu­erter Weise den Moment zum Brennen bringt, prog-metal-lastig. Roh, intensiv, grell leuchtend! Ist es das jetzt schon? Nein, jetzt geht es erst richtig los …

Stefan Pieper

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