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Ein hundertprozentig „korrektes“ Festival, das unsere gegenwärtige Gesellschaft abbildet, gibt es nicht. Aber nicht geringer war der Anspruch des neuen Hundertpro-Festivals im Ringlokschuppen in Mülheim an der Ruhr, das erstmals am 5. Oktober stattfand. Etwas weniger Weltverbessern und dafür mehr Nachdenken wird kommenden Ausgaben des Festivals sicher helfen.

Eigentlich klingt die Idee richtig gut. Da will der Ringlokschuppen in Mülheim an der Ruhr ein neues Festival ausrichten, das die veränderten gesellschaftlichen Wirklichkeiten abbildet. „Postmigrantisch“ und „divers“ soll es werden. Und an einem Abend stattfinden. 16 Aufführungen bringen die Verantwortlichen in der Zeit zwischen 18 und 23 Uhr unter. Das klingt eindrucksvoll. Die Vorfreude währt bis zur Ankunft. Immerhin gibt es noch Parkplätze statt Fahrradspuren vor dem Gebäude. Aus dem geplanten Abendessen wird allerdings nichts. Das Restaurant des Ringlokschuppens bietet jetzt nur noch Vegetarisches und Veganes an. Weit und breit gibt es keine Alternative. In einer Monopol-Situation nur noch Sellerieschnitzel anzubieten, ist eine Bevormundung, die nicht einmal der so genannten Freien Szene zusteht. Immerhin existiert noch eine weitere Theke außerhalb des Restaurants, an der Erdnüsse verkauft werden. Das nächste Mal gibt es dann Butterbrote von zu Hause.
Im Eintrittspreis inbegriffen ist das Programmheft. Sehr bunt, vergleichsweise hochwertig gedruckt, voller Rechtschreibfehler und zweisprachig – weil Deutsch und Englisch die Lebenswirklichkeit im Ruhrgebiet abbilden? Statt Sternchen und fehlender Bindestriche wären substanzielle Informationen wie beispielsweise die Namen von Tänzern und Musikern sinnvoll gewesen. Fehlanzeige. Das hat nichts mit Diversität oder gesellschaftlicher Vielfalt zu tun, sondern ist schlicht unhöflich. Bei so viel Ignoranz und so wenig Nachdenklichkeit gibt es eigentlich nur noch einen Grund, das jungfräuliche Festival noch vor Beginn wieder zu verlassen. Das sind die vielen Helfer, die hier in Ruhe und mit vorbildlicher Freundlichkeit das Festival organisieren. Hier fühlt man sich gleich gut aufgehoben und betrachtet staunend den schier unglaublichen Arbeitsaufwand der Bühnenarbeiter, der an anderen Spielstätten hinter den Kulissen stattfindet. Hier in Mülheim findet architekturbedingt die Arbeit vor den Augen des Publikums statt. Und das ist für so manchen sicher ganz lehrreich, der sich vor irgendwelchen Sternchen einer Produktion in den Staub wirft. Selbst Verzögerungen, die bei diesem Festival besonders verheerend sind, weil sie die parallel stattfindenden Aufführungen auf zwei Bühnen treffen, werden souverän gehandhabt. Niemand verpasst hier den Beginn von Vorstellungen, die er sich ausgesucht hat. Auch wenn sich der Abend dadurch ein wenig in die Länge zieht.
Zu ambitioniert

Die Festival-Kuratoren Sebastian Bruhn, Matthias Frense, Zsolt Kâldy, Britta Lins und Jasmin Maghames haben bewusst ein Programm aus den verschiedenen Genres Theater, Performance, Comedy, neuer Zirkus, Tanz und Physical Theatre zusammengestellt, um den Fokus auf „postmigrantische Nachwuchskünstler und diverse Gruppen, die aus rund 100 Bewerbungen aus Nordrhein-Westfalen und dem gesamten Bundesgebiet ausgewählt wurden“ zu legen. Die ursprüngliche Idee, dass Besucher auch zwischen den Veranstaltungen wechseln, hat sich als nicht sinnvoll erwiesen, und so muss der Gast 8 von 16 Aufführungen auswählen, die er an dem Abend besuchen möchte. Eine weitere Idee erweist sich im Rückblick als ziemlich albern. Denn eigentlich war der Gedanke, die Aufführungen anmoderieren zu lassen, durchaus sinnvoll. Ein paar Informationen über die auftretenden Künstler, die ja im Programmheft fehlen, ein paar Sätze, die die teils hanebüchenen Werbetexte des Programmhefts zurechtrücken, via Moderation nachliefern zu lassen, wäre sicher befruchtend. Stattdessen haben die Kuratoren mit Amjad und Esrap drei Menschen ausgewählt, die sicher vieles können, aber keine Moderation. „Ich weiß jetzt auch nicht, was der Künstler kann, aber hier kommt er“ klingt unglaublich, aber wahr. So dienen die Moderationen der – albernen – Selbstdarstellung und sind damit komplett überflüssig. Das hat das Niveau von schlecht gemachtem Privatfernsehen und kann eindeutig weg.
In der Auswahl der auftretenden Personen gibt es nur wenige Ausfälle wie den „Komiker“ Samed Varug, der auf solch niedrigem Niveau agiert, dass einem die Spucke wegbleibt. Stattdessen wird der atemberaubende Auftakt mit der Produktion von Balagan Body in Erinnerung bleiben. Schon vor Beginn haben die Akteure ihre Positionen eingenommen. Ein Bassist mit einer Menge Elektronik-Kram zu Füßen, ein Schlagzeuger, der später auch zu Mischpult und Gitarre greift, und zwei Tänzerinnen, die in zeitlupenmäßigem Ringkampf verharren. Ansonsten bleibt die Fläche leer, und ein paar Scheinwerfer reichen für das folgende Geschehen aus. Choreografin Patricia Carolin Mai hat sich Anfang vergangenen Jahres die Frage gestellt, wie ein Körper reagiert, wenn ihm eine Minute bleibt, um sich in Sicherheit zu bringen. Daraus entsteht ein schon fast panisches Geschehen zu ohrenbetäubender, hämmernder Musik, unzählige Wiederholungen in rasantem Tempo, das den jungen Frauen auf der Bühne alles abverlangt. Nach rund einer Dreiviertelstunde kommen die Körper, von ihren Kleidern befreit, endlich zur Ruhe. Und mit ihnen die Zuschauer, die erfreulich zahlreich erschienen sind.
Großartige Vielfalt

Ganz anders hingegen erzählt Özlem Alkış ihre Geschichte vom Staubteufel. Dust Devil ist ebenfalls eine ältere Arbeit, genauer aus dem Jahr 2015, aber so zeitlos, dass sie auch jetzt noch wie am ersten Tag funktioniert. Die drei Tänzerinnen Jennifer Döring, Susanne Schneider und Karoline Strys treten auf die leere Tanzfläche und sogleich wird klar, dass der Dust Devil Besitz von ihnen ergriffen hat, ein böser Geist in der Mythenwelt der Navajos. Mit weit geöffneten Mündern starren sie apathisch in die Gegend. Hin und wieder entfährt ihnen ein undefinierbarer Laut. Wie aus dieser Erstarrung wieder herauskommen? Echtes Wissen gibt es nicht, aber den Willen zum Versuch. Und da kommen die Häufchen auf der Tanzfläche gerade recht. Denn dabei handelt es sich um Heilerde. Alkış beweist Sinn für Humor, wenn sie ihre Tänzerinnen Kreide, pardon, Heilerde fressen lässt. Die scheint doch nicht ganz so bekömmlich zu sein wie angenommen. Also speien, prusten und pusten die Damen sie wieder aus. Um einen weiteren Versuch zu unternehmen. Das kleine, aber schöne Märchen, das über immerhin 40 Minuten erzählt wird, geht gut aus. Auch wenn die Tänzerinnen zum guten Schluss dem Publikum den Rücken zukehren.
Den Rücken von Kenji Schinohe sieht man nur selten. Der Mann ist ein Phänomen, das sich kaum einordnen lässt. Tänzer, Komödiant, Pantomime? Man weiß es nicht. Ja, man weiß nicht einmal, was es mit dem Titel seines 15-minütigen Stücks auf sich hat. K(-A-)O mag vielleicht ein Hinweis darauf sein, dass es noch etwas dazwischen gibt, zwischen kitschiger Gefühligkeit und – wie Shinohe meint – einem steten Abnehmen menschlicher Gefühlsausdrücke. Der Künstler zeigt mit Händen, Körper, seinem Gesicht, was nonverbale Kommunikation alles kann. Das geht von heiter bis abstoßend, aber es geht. Schön, dass Shinohe es einmal wieder so plastisch vor Augen führt. Keine Gefühle zu zeigen, ist übrigens keine neue Erfindung des digitalen Zeitalters. Und damit wird das Erschreckende deutlich: Die digitale Entwicklung scheint keine menschliche Entwicklung mit sich zu bringen.
Der Entfremdung wirkt auch Tan Caglar entgegen. Oder wehrt er sich einfach gegen die tägliche Gedankenlosigkeit? Caglar ist ein Komödiant, der auf den Rollstuhl angewiesen ist und mit seinen Auftritten längst überregionale Bedeutung erlangt hat. Warum das so ist, versteht man innerhalb der ersten Minuten seines Auftritts. Caglar macht nicht viel anderes, als über seinen Alltag im Rollstuhl zu erzählen – und zu versuchen, mit dem Publikum in einen Dialog zu kommen. Hier kann keiner verschämt am Rollstuhl vorbeisehen, denn der ist Thema seines Programms Rollt bei mir …! In 30 Minuten kann der Alleinunterhalter das Publikum so faszinieren, dass es zutiefst bedauert, nur eine halbe Stunde Therapie zu bekommen. Das Geheimnis Caglars ist, dass man ihn eigentlich gar nicht auf der Bühne sehen möchte, sondern lieber mit ihm im Café am Straßeneck sitzt, um über den Rollstuhl und den ganzen Scheiß zu reden. Auch wenn man, wie er erzählt, dabei ungeheuer viel dumme Fragen stellen kann. Der Mann mit der kleinen Plauze, gegeltem Haar, dem Tattoo am Oberarm und, ach ja, den vier Rollen unter dem Körper, ist ein Gottesgeschenk, weil er uns endlich aus der Betroffenheitsecke rausholt. Bravo!
Stillgestanden ist zu wenig
Danach wird es noch einmal richtig ernst. Fast eine Dreiviertelstunde lang bringen Anton Rudakov, Insa Griesing und Co. mit ihrem Stück Totalitarian Body das Publikum „auf Spur“. In Russland gibt es einen wiedererstarkenden Totalitarismus ebenso wie einen wiederentdeckten Patriotismus. Dagegen wehren sich Rudakov und sein Team heftig. Die Aufführung krankt heftig an viel zu lang gewählten Pausen, die irgendwann auch wirklich den letzten Spaß verderben. Wer diese Lücken gedanklich herausschneidet, erlebt ein Stück, das ein wenig plakativ daherkommt. Aufmärsche, sportliche Spitzenleistungen des Sozialismus, Gulag und harmlose Gegenwehr, es gibt kaum ein Thema, das die engagierten Tänzer auslassen. Da wird die „glorreiche“ Vergangenheit entlarvt, um sie den neuerlichen Fehlentwicklungen entgegenzuschmettern. Aber. Was geht uns Russland an? Da bleibt eine gewisse Hilflosigkeit zurück. Schon jetzt fühlen sich viele Deutsche mit der Vielfalt der Kulturen in Deutschland überfordert. Zumindest immer dann, wenn diese anderen Kulturen sich nicht einbringen, sondern nach Hilfe rufen, sich um die Belange ihres Volkes zu kümmern. Da wird schnell die Frage laut, ob es sich bei den Vortragenden nun um Leute handelt, die zu Deutschland gehören oder Deutschland für ihre Zwecke vereinnahmen wollen.
Auf dem Heimweg geraten die Gedanken ins Rutschen. Es war ein gelungenes Festival, das auch neue Publika für andere Genres gewinnen konnte. Aber besteht tatsächlich die Notwendigkeit, postmigrantischen Künstlern eine größere Bühne zu bieten? Oder ist unsere Gesellschaft – nicht die braungeistigen oder neuerdings blaugeistigen Mitmenschen, kurz, die Ewiggestrigen – nicht längst viel weiter? An diesem Abend jedenfalls gibt es keine Erkenntnisse, die nicht längst auf den Bühnen der Republik Fuß gefasst hätten. Auch die Annahme, man müsse postmigrantische Künstler oder „diverse“ Gruppen besonders fördern, wirft Fragen auf. Ist es einem aufgeklärten Publikum nicht wirklich egal, aus welchem Teil der Erde ein Künstler kommt oder mit welchem „Anderssein“ er sich auseinandersetzen muss? Die Gefahr, über solchen Befindlichkeiten die Leistungen auf der Bühne zu vernachlässigen, scheint doch längst viel größer. Ein Wiener, dessen Eltern oder Ureltern in der Türkei aufgewachsen sind, interessiert primär kaum, bis er eine Leistung abruft, die für die Bühne taugt. Und so sollten wir es vielleicht auch weiterhin halten. Die hundert Prozent hat das Festival in seiner Erstausgabe trotz des Engagements der vielen Helfer nicht annähernd erreicht. Aber es ist ihm immerhin gelungen, so viele Fragen aufzuwerfen, dass ein Weitermachen unabdingbar erscheint.
Michael S. Zerban