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Karoline Strys - Foto © O-Ton

Noch keine hundert Prozent

Ein hundert­pro­zentig „korrektes“ Festival, das unsere gegen­wärtige Gesell­schaft abbildet, gibt es nicht. Aber nicht geringer war der Anspruch des neuen Hundertpro-Festivals im Ringlok­schuppen in Mülheim an der Ruhr, das erstmals am 5. Oktober stattfand. Etwas weniger Weltver­bessern und dafür mehr Nachdenken wird kommenden Ausgaben des Festivals sicher helfen.

Szenenfoto Bagalan Body – Foto © O‑Ton

Eigentlich klingt die Idee richtig gut. Da will der Ringlok­schuppen in Mülheim an der Ruhr ein neues Festival ausrichten, das die verän­derten gesell­schaft­lichen Wirklich­keiten abbildet. „Postmi­gran­tisch“ und „divers“ soll es werden. Und an einem Abend statt­finden. 16 Auffüh­rungen bringen die Verant­wort­lichen in der Zeit zwischen 18 und 23 Uhr unter. Das klingt eindrucksvoll. Die Vorfreude währt bis zur Ankunft. Immerhin gibt es noch Parkplätze statt Fahrrad­spuren vor dem Gebäude. Aus dem geplanten Abend­essen wird aller­dings nichts. Das Restaurant des Ringlok­schuppens bietet jetzt nur noch Vegeta­ri­sches und Veganes an. Weit und breit gibt es keine Alter­native. In einer Monopol-Situation nur noch Selle­rie­schnitzel anzubieten, ist eine Bevor­mundung, die nicht einmal der so genannten Freien Szene zusteht. Immerhin existiert noch eine weitere Theke außerhalb des Restau­rants, an der Erdnüsse verkauft werden. Das nächste Mal gibt es dann Butter­brote von zu Hause.

Im Eintritts­preis inbegriffen ist das Programmheft. Sehr bunt, vergleichs­weise hochwertig gedruckt, voller Recht­schreib­fehler und zweisprachig – weil Deutsch und Englisch die Lebens­wirk­lichkeit im Ruhrgebiet abbilden? Statt Sternchen und fehlender Binde­striche wären substan­zielle Infor­ma­tionen wie beispiels­weise die Namen von Tänzern und Musikern sinnvoll gewesen. Fehlan­zeige. Das hat nichts mit Diver­sität oder gesell­schaft­licher Vielfalt zu tun, sondern ist schlicht unhöflich. Bei so viel Ignoranz und so wenig Nachdenk­lichkeit gibt es eigentlich nur noch einen Grund, das jungfräu­liche Festival noch vor Beginn wieder zu verlassen. Das sind die vielen Helfer, die hier in Ruhe und mit vorbild­licher Freund­lichkeit das Festival organi­sieren. Hier fühlt man sich gleich gut aufge­hoben und betrachtet staunend den schier unglaub­lichen Arbeits­aufwand der Bühnen­ar­beiter, der an anderen Spiel­stätten hinter den Kulissen statt­findet. Hier in Mülheim findet archi­tek­tur­be­dingt die Arbeit vor den Augen des Publikums statt. Und das ist für so manchen sicher ganz lehrreich, der sich vor irgend­welchen Sternchen einer Produktion in den Staub wirft. Selbst Verzö­ge­rungen, die bei diesem Festival besonders verheerend sind, weil sie die parallel statt­fin­denden Auffüh­rungen auf zwei Bühnen treffen, werden souverän gehandhabt. Niemand verpasst hier den Beginn von Vorstel­lungen, die er sich ausge­sucht hat. Auch wenn sich der Abend dadurch ein wenig in die Länge zieht.

Zu ambitio­niert

Kenji Shinohe – Foto © O‑Ton

Die Festival-Kuratoren Sebastian Bruhn, Matthias Frense, Zsolt Kâldy, Britta Lins und Jasmin Maghames haben bewusst ein Programm aus den verschie­denen Genres Theater, Perfor­mance, Comedy, neuer Zirkus, Tanz und Physical Theatre zusam­men­ge­stellt, um den Fokus auf „postmi­gran­tische Nachwuchs­künstler und diverse Gruppen, die aus rund 100 Bewer­bungen aus Nordrhein-Westfalen und dem gesamten Bundes­gebiet ausge­wählt wurden“ zu legen. Die ursprüng­liche Idee, dass Besucher auch zwischen den Veran­stal­tungen wechseln, hat sich als nicht sinnvoll erwiesen, und so muss der Gast 8 von 16 Auffüh­rungen auswählen, die er an dem Abend besuchen möchte. Eine weitere Idee erweist sich im Rückblick als ziemlich albern. Denn eigentlich war der Gedanke, die Auffüh­rungen anmode­rieren zu lassen, durchaus sinnvoll. Ein paar Infor­ma­tionen über die auftre­tenden Künstler, die ja im Programmheft fehlen, ein paar Sätze, die die teils hanebü­chenen Werbe­texte des Programm­hefts zurecht­rücken, via Moderation nachliefern zu lassen, wäre sicher befruchtend. Statt­dessen haben die Kuratoren mit Amjad und Esrap drei Menschen ausge­wählt, die sicher vieles können, aber keine Moderation. „Ich weiß jetzt auch nicht, was der Künstler kann, aber hier kommt er“ klingt unglaublich, aber wahr. So dienen die Modera­tionen der – albernen – Selbst­dar­stellung und sind damit komplett überflüssig. Das hat das Niveau von schlecht gemachtem Privat­fern­sehen und kann eindeutig weg.

In der Auswahl der auftre­tenden Personen gibt es nur wenige Ausfälle wie den „Komiker“ Samed Varug, der auf solch niedrigem Niveau agiert, dass einem die Spucke wegbleibt. Statt­dessen wird der atembe­rau­bende Auftakt mit der Produktion von Balagan Body in Erinnerung bleiben. Schon vor Beginn haben die Akteure ihre Positionen einge­nommen. Ein Bassist mit einer Menge Elektronik-Kram zu Füßen, ein Schlag­zeuger, der später auch zu Mischpult und Gitarre greift, und zwei Tänze­rinnen, die in zeitlu­pen­mä­ßigem Ringkampf verharren. Ansonsten bleibt die Fläche leer, und ein paar Schein­werfer reichen für das folgende Geschehen aus. Choreo­grafin Patricia Carolin Mai hat sich Anfang vergan­genen Jahres die Frage gestellt, wie ein Körper reagiert, wenn ihm eine Minute bleibt, um sich in Sicherheit zu bringen. Daraus entsteht ein schon fast panisches Geschehen zu ohren­be­täu­bender, hämmernder Musik, unzählige Wieder­ho­lungen in rasantem Tempo, das den jungen Frauen auf der Bühne alles abver­langt. Nach rund einer Dreivier­tel­stunde kommen die Körper, von ihren Kleidern befreit, endlich zur Ruhe. Und mit ihnen die Zuschauer, die erfreulich zahlreich erschienen sind.

Großartige Vielfalt

Tan Caglar – Foto © O‑Ton

Ganz anders hingegen erzählt Özlem Alkış ihre Geschichte vom Staub­teufel. Dust Devil ist ebenfalls eine ältere Arbeit, genauer aus dem Jahr 2015, aber so zeitlos, dass sie auch jetzt noch wie am ersten Tag funktio­niert. Die drei Tänze­rinnen Jennifer Döring, Susanne Schneider und Karoline Strys treten auf die leere Tanzfläche und sogleich wird klar, dass der Dust Devil Besitz von ihnen ergriffen hat, ein böser Geist in der Mythenwelt der Navajos. Mit weit geöff­neten Mündern starren sie apathisch in die Gegend. Hin und wieder entfährt ihnen ein undefi­nier­barer Laut. Wie aus dieser Erstarrung wieder heraus­kommen? Echtes Wissen gibt es nicht, aber den Willen zum Versuch. Und da kommen die Häufchen auf der Tanzfläche gerade recht. Denn dabei handelt es sich um Heilerde. Alkış beweist Sinn für Humor, wenn sie ihre Tänze­rinnen Kreide, pardon, Heilerde fressen lässt. Die scheint doch nicht ganz so bekömmlich zu sein wie angenommen. Also speien, prusten und pusten die Damen sie wieder aus. Um einen weiteren Versuch zu unter­nehmen. Das kleine, aber schöne Märchen, das über immerhin 40 Minuten erzählt wird, geht gut aus. Auch wenn die Tänze­rinnen zum guten Schluss dem Publikum den Rücken zukehren.

Den Rücken von Kenji Schinohe sieht man nur selten. Der Mann ist ein Phänomen, das sich kaum einordnen lässt. Tänzer, Komödiant, Pantomime? Man weiß es nicht. Ja, man weiß nicht einmal, was es mit dem Titel seines 15-minütigen Stücks auf sich hat. K(-A-)O mag vielleicht ein Hinweis darauf sein, dass es noch etwas dazwi­schen gibt, zwischen kitschiger Gefüh­ligkeit und – wie Shinohe meint – einem steten Abnehmen mensch­licher Gefühls­aus­drücke. Der Künstler zeigt mit Händen, Körper, seinem Gesicht, was nonverbale Kommu­ni­kation alles kann. Das geht von heiter bis abstoßend, aber es geht. Schön, dass Shinohe es einmal wieder so plastisch vor Augen führt. Keine Gefühle zu zeigen, ist übrigens keine neue Erfindung des digitalen Zeitalters. Und damit wird das Erschre­ckende deutlich: Die digitale Entwicklung scheint keine mensch­liche Entwicklung mit sich zu bringen.

Der Entfremdung wirkt auch Tan Caglar entgegen. Oder wehrt er sich einfach gegen die tägliche Gedan­ken­lo­sigkeit? Caglar ist ein Komödiant, der auf den Rollstuhl angewiesen ist und mit seinen Auftritten längst überre­gionale Bedeutung erlangt hat. Warum das so ist, versteht man innerhalb der ersten Minuten seines Auftritts. Caglar macht nicht viel anderes, als über seinen Alltag im Rollstuhl zu erzählen – und zu versuchen, mit dem Publikum in einen Dialog zu kommen. Hier kann keiner verschämt am Rollstuhl vorbei­sehen, denn der ist Thema seines Programms Rollt bei mir …! In 30 Minuten kann der Allein­un­ter­halter das Publikum so faszi­nieren, dass es zutiefst bedauert, nur eine halbe Stunde Therapie zu bekommen. Das Geheimnis Caglars ist, dass man ihn eigentlich gar nicht auf der Bühne sehen möchte, sondern lieber mit ihm im Café am Straßeneck sitzt, um über den Rollstuhl und den ganzen Scheiß zu reden. Auch wenn man, wie er erzählt, dabei ungeheuer viel dumme Fragen stellen kann. Der Mann mit der kleinen Plauze, gegeltem Haar, dem Tattoo am Oberarm und, ach ja, den vier Rollen unter dem Körper, ist ein Gottes­ge­schenk, weil er uns endlich aus der Betrof­fen­heitsecke rausholt. Bravo!

Still­ge­standen ist zu wenig

Danach wird es noch einmal richtig ernst. Fast eine Dreivier­tel­stunde lang bringen Anton Rudakov, Insa Griesing und Co. mit ihrem Stück Totali­tarian Body das Publikum „auf Spur“. In Russland gibt es einen wieder­erstar­kenden Totali­ta­rismus ebenso wie einen wieder­ent­deckten Patrio­tismus. Dagegen wehren sich Rudakov und sein Team heftig. Die Aufführung krankt heftig an viel zu lang gewählten Pausen, die irgendwann auch wirklich den letzten Spaß verderben. Wer diese Lücken gedanklich heraus­schneidet, erlebt ein Stück, das ein wenig plakativ daher­kommt. Aufmärsche, sport­liche Spitzen­leis­tungen des Sozia­lismus, Gulag und harmlose Gegenwehr, es gibt kaum ein Thema, das die engagierten Tänzer auslassen. Da wird die „glorreiche“ Vergan­genheit entlarvt, um sie den neuer­lichen Fehlent­wick­lungen entge­gen­zu­schmettern. Aber. Was geht uns Russland an? Da bleibt eine gewisse Hilflo­sigkeit zurück. Schon jetzt fühlen sich viele Deutsche mit der Vielfalt der Kulturen in Deutschland überfordert. Zumindest immer dann, wenn diese anderen Kulturen sich nicht einbringen, sondern nach Hilfe rufen, sich um die Belange ihres Volkes zu kümmern. Da wird schnell die Frage laut, ob es sich bei den Vortra­genden nun um Leute handelt, die zu Deutschland gehören oder Deutschland für ihre Zwecke verein­nahmen wollen.

Auf dem Heimweg geraten die Gedanken ins Rutschen. Es war ein gelun­genes Festival, das auch neue Publika für andere Genres gewinnen konnte. Aber besteht tatsächlich die Notwen­digkeit, postmi­gran­ti­schen Künstlern eine größere Bühne zu bieten? Oder ist unsere Gesell­schaft – nicht die braun­geis­tigen oder neuer­dings blaugeis­tigen Mitmen­schen, kurz, die Ewiggest­rigen – nicht längst viel weiter? An diesem Abend jeden­falls gibt es keine Erkennt­nisse, die nicht längst auf den Bühnen der Republik Fuß gefasst hätten. Auch die Annahme, man müsse postmi­gran­tische Künstler oder „diverse“ Gruppen besonders fördern, wirft Fragen auf. Ist es einem aufge­klärten Publikum nicht wirklich egal, aus welchem Teil der Erde ein Künstler kommt oder mit welchem „Anderssein“ er sich ausein­an­der­setzen muss? Die Gefahr, über solchen Befind­lich­keiten die Leistungen auf der Bühne zu vernach­läs­sigen, scheint doch längst viel größer. Ein Wiener, dessen Eltern oder Ureltern in der Türkei aufge­wachsen sind, inter­es­siert primär kaum, bis er eine Leistung abruft, die für die Bühne taugt. Und so sollten wir es vielleicht auch weiterhin halten. Die hundert Prozent hat das Festival in seiner Erstausgabe trotz des Engage­ments der vielen Helfer nicht annähernd erreicht. Aber es ist ihm immerhin gelungen, so viele Fragen aufzu­werfen, dass ein Weiter­machen unabdingbar erscheint.

Michael S. Zerban

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