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Foto © Björn Stork

Super Spreader in Comedy-Laune

Eigentlich setzen die Kultur-Veran­stalter derzeit alles daran, ihre Auffüh­rungen mit so genannten Hygiene-Plänen abzusi­chern, um nicht zu riskieren, zum Ausbruch einer Infek­ti­ons­welle beizu­tragen. Und eigentlich war der Ringlok­schuppen in Mülheim an der Ruhr bei seiner ersten Veran­staltung nach dem Lockdown vorbildhaft. Beim Hundertpro-Festival, das am 10. Februar stattfand, zeigte er sich aller­dings von einer anderen Seite. Für Besucher heißt das, selbst Vorsicht walten zu lassen. Lieber einmal eher gehen, als sich in Gefahr zu bringen.

Party auf der Tanzfläche – Foto © Björn Stork

Die Kultur ist derzeit arg gebeutelt. Wenn Einzel­künstler nicht eigene Auftritte organi­sieren, haben sie kaum noch eine Chance auf Engage­ments. Was derzeit auf den Bühnen Deutsch­lands abläuft, ist alles klein-klein. Da braucht man in der Regel keine Gäste für die Auffüh­rungen. Und die Theater spielen vor leeren Rängen, weil die Besucher trotz aller Sicher­heits­maß­nahmen fernbleiben. Da helfen vertrau­ens­bil­dende Maßnahmen – ein wenig.

Der Ringlok­schuppen Ruhr war nach dem Shutdown mit gutem Beispiel voran­ge­gangen. Seine erste Aufführung – Wunsch­konzert von Maura Morales – war vorbildlich im Sinne der behörd­lichen Vorstel­lungen. Da konnte man darauf vertrauen, dass die Verant­wort­lichen ihre Hausauf­gaben gemacht haben, und sich darauf freuen, dass trotz sich wieder verschär­fender Regeln das Hundertpro-Festival zum zweiten Mal seine Türen öffnet. Der Einstand Anfang Oktober vergan­genen Jahres hatte eine Menge Fragen aufge­worfen (O‑Ton berichtete), und so dürfen die Besucher nun gespannt sein, wie es weitergeht. Grund zum Staunen wird es tatsächlich geben, aller­dings weniger in künst­le­ri­scher Hinsicht.

Pünktlich zu Beginn des Festivals hat in Mülheim an der Ruhr der Regen einge­setzt. Nicht ganz unerwartet, wie die Party-Zelte vor dem Theater zeigen. Nicht gerechnet haben die Verant­wort­lichen offenbar damit, dass vor dem Eingang eine lange Menschen­schlange entsteht. Und so gibt es keine Abstands­mar­kie­rungen. Der Engpass einer zügigen Abfer­tigung liegt nicht, wie man vermuten möchte, im Ausfüllen der Anwesen­heits­nach­weise, sondern an der Kasse. Dort besteht erheb­licher Klärungs­bedarf, weil das Festival kurzerhand zu einem „Auffüh­rungs­ma­rathon“ erklärt wurde. Es gibt also weiterhin zwei Bühnen, aber nicht mehr die Möglichkeit, zwischen den Auffüh­rungen die Bühne zu wechseln, was im vergan­genen Jahr einen erheb­lichen Reiz des Festivals ausmachte. Ob es irgendwo Spender für Desin­fek­ti­ons­mittel gibt? Ins Auge fallen sie jeden­falls nicht.

Neue Abstands­regeln in Mülheim

Die Wahl fällt auf Bühne 1. Schließlich seien dort die meisten Tanzver­an­stal­tungen zu sehen, ist an der Kasse zu erfahren. Am Saaleingang weist das Einlass­per­sonal mit Handzeichen auf die ungefähre Sitzpo­sition. Dann kann die Suche im Halbdunkel ja losgehen. Wenn man im hintersten, oberen Winkel der Tribüne sitzt, hat man einen herrlichen Überblick über den gesamten Saal. Es tritt ein, was voraus­zu­sehen war. Alsbald treten viele Menschen dicht an dicht in Dialog mitein­ander. Die Sitzplatz­suche fördert viele inter­es­sante Gespräche und enge Kontakte. In anderen Häusern stehen hier Anweiser bereit, die die Besucher auf direktem Wege zu ihren Plätzen geleiten. Da gibt es aber auch ausrei­chend Platz. Der ist hier Mangelware. Jeweils ein Sitzplatz, also etwa 75 Zenti­meter, bleibt zwischen den Besuchern frei, die Reihen sind durch­gängig besetzt, Masken­pflicht am Platz gibt es nicht. Dagegen kann man sich auf einer Keller­party geradezu großzügig bewegen. Dass es kein besonders konzen­trierter Abend werden wird, ist klar. Getränke im Saal sind erlaubt, und auch hier kann man schon hören, was den Verlauf des Abends begleiten wird. Das Klirren umfal­lender Gläser und Flaschen geschieht so gut wie zwangsläufig.

Die Organi­sa­ti­ons­fehler rächen sich. Mit einer halben Stunde Verspätung beginnt eine ganz besondere Aufführung. Vorerst sollen die Modera­toren überbrücken. Der eine ist Tan Caglar, der im vergan­genen Jahr mit eigenem Programm für wahre Begeis­terung gesorgt hatte. Die spontane Moderation ist nicht so seine Sache, auch wenn er hier und da für Fröhlichkeit sorgt. Ärger­licher ist da schon die Moderation von Miedya Mahmod. Es reicht einfach nicht, auf einer Bühne zu stehen und auf divers zu machen. Zahllose Ähms und Redun­danzen strecken zwar die Zeit, sind aber wenig erfreulich, und wenn sie schließlich von Mülheimer Sprech­pause innen redet, ist es eigentlich an der Zeit zu gehen. Aber bevor man sich erheben kann, hat sie die Bühne verlassen. Junge, unerfahrene Modera­toren sollten sich hüten, das Publikum sprachlich verge­wal­tigen zu wollen. Das kann die Karriere unerfreulich stark verkürzen. Zehn Minuten dauert die Überbrü­ckung, dann ist die Fantasie der beiden und ihre Erträg­lichkeit erschöpft. Weitere 20 Minuten also bis zum Beginn einer Veran­staltung, bei der man aus dem Staunen nicht mehr herauskommt.

Zunächst einmal fragt man sich, ob hier tatsächlich eine Tanzver­an­staltung oder ein Shooting für Handy-Hobby­fo­to­grafen statt­findet. Dem Veran­stalter ist auch das egal. Ungeniert werden die Kameras hochge­halten, um die Köpfe der vorderen Besucher nicht auf dem Foto zu haben. Es leuchtet bunt auf der Tribüne. Man kann das ja teilweise aus Sicht der Besucher verstehen, die da vermutlich ihre Angehö­rigen auf der Bühne ablichten wollen. Denn anstatt möglichst vielen Künstlern mit dem Festival ein Engagement zu ermög­lichen, hat das Hundertpro Vol. 2, wie sich das Festival originell nennt, eine Laien­spiel­schar mit 26 Teilnehmern auf die Bühne geschickt. Die Choreo­grafie Hamonim – hebräisch für „Was die Masse bewegt“ – von Patricia Carolin Mai handelt von Gruppen­ein­flüssen auf den einzelnen. Was in Corona-freien Zeiten sicher ein inter­es­santes Experiment gewesen wäre, sorgt heute Abend für Fassungs­lo­sigkeit. Um die Abstands­regeln in der immer wieder Haut an Haut zusam­men­tre­tenden Gruppe zu unter­laufen, tanzen die Laien mit Masken im Gesicht. Das kann kein Gesund­heitsamt dieser Republik ernsthaft abgenickt haben. Man braucht nur Minuten zu warten, bis die Masken bei vielen Tänzern ihre hübschen Nasen zur Schau stellen. Durch­nässt zieht sich das Papier zwischen die Lippen der Tänzer und wird damit zur Farce, genauso, wie es jeder mit gesundem Menschen­ver­stand erwarten darf. Statt Musik gibt es Puste­übungen im Chor. Wie gut, dass der Bundes­ge­sund­heits­mi­nister nicht zu Gast ist. Den hätte vermutlich der Schlag getroffen. Statt­dessen johlt das Publikum und freut sich.

Was vor der Tür geschieht, ist egal

Negah Amiri – Foto © Gregor Wiebe

In der darauf­fol­genden Pause regnet es. Also drängt sich das Publikum dicht an dicht unter den Balda­chinen der Party-Zelte. Ja, so ungefähr stellt man sich die Situation auf den Party­meilen der Republik vor. Längst laufen alle durch­ein­ander. Beste Stimmung halt. Und keiner, der sich Sorgen macht. Schließlich verlassen sich die Gäste darauf, dass der Veran­stalter nur das erlaubt, was ein Sicher­heits­konzept vorsieht. Die Laune sinkt auf den Nullpunkt. Daran vermag dann auch der Auftritt von Negah Amiri nicht mehr viel ändern. Sie gilt laut Canglar als shooting star unter den Komödi­anten. Wollen wir nicht hoffen, dass das die Zukunft der Comedy ist. Amiri stellt Teile ihres Programms Negah gut! vor. Ihre sympa­thische Erscheinung und der frische Auftritt täuschen nicht lange über zahlreiche Stolperer und die Unart hinweg, das Publikum ständig veran­lassen zu wollen, irgend­welche persön­lichen Eigen­schaften durch Klatschen bekannt zu geben. „Wer hat denn hier auch einen ungewöhn­lichen Namen. Klatscht doch mal.“ Tja, wann ist ein Name ungewöhnlich? Wenn er von Thomas Müller abweicht? Zöger­liches Klatschen. Amiri spricht eine junge Frau direkt an. „Wie heißt du denn?“ „Rarad“, antwortet die. „Ach, so ähnlich wie Fahrrad?“ Zwei Minuten später hat Amiri den Namen wieder vergessen. Insgesamt wirkt der Auftritt sehr unkon­zen­triert, und die Witze werden immer flacher und vorher­seh­barer. Das ist Comedy auf niedrigem Niveau. Einem Niveau, das auf einem Festival gewünscht ist? Das kann es nicht sein.

Aber zu lachen gibt es ohnehin nicht viel an diesem Abend. Nach der zweiten Aufführung wird dann auch der Ausgang nicht mehr kontrol­liert, die Menschen machen, was sie wollen. Im Hinblick auf die Tatsache, dass es eine deutliche Korre­lation zwischen Zeit und Infek­ti­ons­wahr­schein­lichkeit gibt, sprich, je länger man sich einer Infek­ti­ons­quelle aussetzt, desto größer ist die Wahrschein­lichkeit einer Infektion – deshalb finden derzeit gewöhnlich nur Auffüh­rungen in einer Länge von 70 Minuten statt – ist nach zweieinhalb Stunden Schluss mit dem Besuch. Obwohl es für Infek­ti­ons­willige noch Programm bis elf Uhr abends gibt. Wenn der Veran­stalter nicht in der Lage ist, die Sicherheit zu gewähr­leisten, muss der verant­wor­tungs­be­wusste Gast den Besuch selbst vorzeitig abbrechen. Wenn Gesund­heits- und Ordnungsamt der Stadt Mülheim an der Ruhr tatsächlich diesen Abend abgenickt haben, sollte der Oberbür­ger­meister dringendst eine Unter­su­chung in die Wege leiten, ob da ausrei­chend quali­fi­zierte Menschen auf den richtigen Positionen sitzen. Der Eindruck ist ein anderer.

Man muss die Restrik­tionen, die von der Regierung auferlegt und immer wieder verschärft werden, kritisch hinter­fragen und ständig neu disku­tieren, ob der Regierung das nun gefällt oder nicht. Und der theatrale Diskurs ist da sicher ein guter Weg. Aber die Maßnahmen im Rahmen einer Theater-Veran­staltung zu ignorieren, ist ein gefähr­liches Spiel. Das nicht nur für den Ringlok­schuppen Ruhr, sondern für die gesamte Veran­stal­tungs­branche ganz übel ausgehen kann. Es ist sicher keine ganz abwegige Vermutung, dass es eine Menge Menschen gibt, die darauf warten, dass sich eine Kultur­ver­an­staltung zu einem so genannten Hot Spot entwi­ckelt, um für ein neuer­liches Verbot zu sorgen. Der Ringlok­schuppen hat heute sein Bestes unter­nommen, dem Vorschub zu leisten.

Und damit anderen Veran­staltern einen Bären­dienst erwiesen. Deshalb sei an dieser Stelle noch einmal unter­strichen, dass der heutige Abend die Ausnahme ist, die die Regel bestätigt. Und die Regel lautet: Man kann ruhigen Gewissens eine Aufführung besuchen, weil die Veran­stalter sich alle erdenk­liche Mühe geben, ihre Gäste sicher durch den Abend zu führen. Von Anfang an.

Michael S. Zerban

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