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Die Jury - Foto © Daniel Delang

Bekannte Überraschung

Alle zwei Jahre findet im Rahmen des ARD-Musik­wett­be­werbs auch ein Gesangs­wett­bewerb statt. Im Herku­lessaal der Münchener Residenz treffen sich vier Finalisten, um den Wettbewerb im Finale unter sich auszu­machen. Dieses Jahr gibt es immerhin eine inter­es­sante Mischung der Stimmen und des Programms. Ansonsten ist alles wie immer. Die „hochka­rätige Jury“ findet völlig überra­schend einen anderen Sieger, als sich das Publikum das wünscht.

Die Finalisten (v.l.n.r.): Milan Siljanov, Natalya Boeva, Ylva Sofia Stenberg und Mingjie Lei – Foto © Daniel Delang

Erica Köth und Christa Ludwig gewannen die Wettbe­werbe von Radio Frankfurt, die von 1947 bis 1950 für „junge Solisten“ durch­ge­führt wurden. Ab 1952 wurden die jährlichen ARD-Musik­wett­be­werbe absol­viert. Alle zwei Jahre gibt es auch einen Gesangs­wett­bewerb. Und weil sich der öffentlich-recht­liche Rundfunk keine Gedanken über die Finan­zierung zu machen braucht, weil das Geld per Staats­dekret fließt, gibt es den Wettbewerb bis heute. Und er hat sich zu einem der wichtigsten Wettbe­werbe überhaupt entwi­ckelt. Zuständig dafür ist der Bayerische Rundfunk, der sich dazu aus den Zwangs­ab­gaben der Bürger bedient. Da bekommen die Lorbeeren einen bitteren Geschmack. Nicht so für die Finalisten. Finalist oder gar Gewinner eines ARD-Wettbe­werbs zu sein, bedeutet einen Eintrag im Lebenslauf eines Sängers, der die Karriere erheblich befördern kann.

Der Herku­lessaal in der Münchner Residenz – von König Ludwig I als Thronsaal erbaut – erinnert nach seinem Wieder­aufbau als Konzertsaal nach dem Krieg fatal an eine pompöse Nazi-Archi­tektur, woran sich in München aller­dings inzwi­schen niemand mehr stört. Wichtiger ist die gute Akustik, die schon große Stimmen verlangt, wenn sie sich voll und ganz entwi­ckeln soll, und die Orgel mit 74 Registern. Und an diesem Abend bleibt kaum einer der rund 1300 Sitzplätze frei. Vier Finalisten treten im ARD-Gesangs­wett­bewerb an. In Unkenntnis der Zulas­sungs­vor­aus­set­zungen für den Wettbewerb staunt der Besucher über die Quali­fi­kation der Sänger beiderlei Geschlechts. Hier gibt es keine talen­tierten Berufs­an­fänger, sondern Menschen um die 30, die längst fest im Berufs­leben stehen. Da darf man sich wohl auf ein Niveau freuen, das auf anderen Wettbe­werben nicht zu erwarten ist.

Das Münchner Rundfunk­or­chester ist unter Leitung von Andriy Yurkevich angetreten, um die Sänger mit dem rechten Klangbild zu unter­stützen, die inter­na­tional besetzte Jury nimmt, wie es sich gehört, in der Mitte des Saales Platz, um den bestmög­lichen Klang hören zu können. Unter dem Vorsitz von Ann Murray versammeln sich Laura Aikin, John Mark Ainsley, Bernarda Fink, Michael Nagy, Gerhild Romberger und  Matti Salminen, um die Preis­gelder in Höhe von 5.000 bis 10.000 Euro sowie Sonder­preise einschließlich des Publi­kums­preises zu verteilen.

Moderiert wird aus dem Off, was den offizi­ellen Charakter der Veran­staltung noch unter­streicht. Die Sänger präsen­tieren sich in zwei Runden. In der ersten stehen zwei Darbie­tungen an, in der zweiten wird jeweils eine große Arie zu Gehör gebracht. Voller Vorfreude darauf, nun die Besten der Besten – zumindest innerhalb des Wettbe­werbs – zu hören, werden die Besucher zunächst eher enttäuscht als begeistert.

Ylva Sofia Stenberg, 28 Jahre alt, in Schweden geboren, gehört dem Ensemble der Staatsoper Hannover an. Sie beginnt mit der Arie Caro nome der Gilda aus Giuseppe Verdis Rigoletto. Das ist schöner Gesang, wenn auch sehr zurück­ge­nommen und eher gehaucht als gesungen, dazu kaum textver­ständlich, aber eine Gilda ist das nicht. Und Stenberg ist auch keine Königin der Nacht, wenn sie die Arie O zittre nicht, mein lieber Sohn – Zum Leiden bin ich auser­koren aus Wolfgang Amadeus Mozarts Zauber­flöte singt. Das ist schön gelernt und lyrisch wieder­ge­geben, wenngleich die Stimme für den Saal eigentlich zu klein ist, aber ein Rollen­studium möchte man dahinter nicht vermuten. Das bessert sich, als die Sopra­nistin Glitter and be gay aus Leonard Bernsteins Candide zum Besten gibt. Hier passt der Auftritt gestisch wie mimisch schon sehr viel eher zu Cunegonde, die Kolora­turen werden sehr sauber gesungen und einen kleinen Patzer fängt sie geschickt ab. Das ist ordentlich gemacht und gefällt, Außer­or­dent­liches wird hier nicht geboten.

Mit der Textver­ständ­lichkeit ebenfalls nicht zum Besten bestellt ist es bei der 29-jährigen Natalya Boeva, die in Russland geboren ist und nun dem Ensemble des Theaters Augsburg angehört. Dass sie mit Es ist vollbracht aus Johannes Sebastian Bachs Johannes-Passion beginnt, ist ungewöhnlich. Das Ergebnis, vom Blatt gesungen, recht­fertigt aller­dings die ausge­fallene Wahl nicht. Und auch die Arie Give him this orchid der Lucretia aus Benjamin Brittens The Rape of Lucretia hat man schon deutlich besser gehört. In der zweiten Runde wagt sich die Mezzo­so­pra­nistin an O don fatale, o don crudel der Eboli in Giuseppe Verdis Don Carlos. Im Schwie­rig­keitsgrad erheblich anspruchs­voller, kann sie die Bandbreite ihres Könnens zeigen. Sowohl in den Registern als auch im Volumen gelingen beein­dru­ckende Stellen, im Großen und Ganzen ist ein ordent­liches Ergebnis zu verzeichnen.

Von dem Tenor Mingjie Lei hat man aus den Vorrunden viel Positives gehört. Nach seinem Studium in Amerika hat der 30-jährige Chinese bereits zwei Engage­ments an ameri­ka­ni­schen Opern­häusern absol­viert und häufig an Wettbe­werben teilge­nommen. Jetzt aller­dings enttäuscht der fröhlich mit offenem Sakko auftre­tende Sänger so ziemlich auf der ganzen Linie. Gelingt ihm die Arie Unis dès la plus tendre enfance des Pylades aus Christoph Willibald Glucks Iphigénie en Tauride noch textklar, wird bei Ich baue ganz auf deine Stärke kräftig geknödelt. Als Belmonte in Wolfgang Amadeus Mozarts Entführung aus dem Serail taugt auch seine Aussprache nicht. In der zweiten Runde kann er mit der Arie des Tonio Ah! Mes amis … Pour mon âme aus Donizettis La fille du régiment an einigen Stellen tenoralen Glanz zeigen. Insgesamt überzeugt das trotz darstel­le­ri­scher Unter­stützung nicht.

Milan Siljanov rettet den Abend. Der 31-jährige Bass-Bariton ist in der Schweiz geboren und jetzt im Opern­studio der Bayeri­schen Staatsoper, dem er sänge­risch längst entwachsen ist. Schon die Auswahl seiner Arien ist ausge­sprochen publi­kums­freundlich. Als Figaro zeigt er mit der Arie Se vuol ballare, signor Contino aus Mozarts Le nozze di figaro, wie man das Auditorium fesselt, und als Escamillo in Georges Bizets Carmen traut er sich an den Schlager Votre toast, je peux vous le rendre, den er mit Bravour absol­viert. Der schöne, dunkel gefärbte und runde Bariton bleibt jederzeit textver­ständlich und packend. In der zweiten Runde legt er noch mal ein Schippchen drauf, wenn er die Arie Ella giammai m’amò des Königs in Giuseppe Verdis Don Carlos würdevoll und elegant durchlebt. Da ist nichts von dem weiner­lichen Jammer­lappen Filippo zu hören, wie man die Rolle gern und oft auf der Bühne erlebt, sondern bei Siljanov ist es wirklich der dem Untergang geweihte Staatsmann. So treten Sieger auf, möchte man spontan rufen.

Aber wie so oft bei Gesangs­wett­be­werben legt die Jury andere, unbekannte – und oft auch unerfind­liche – Kriterien an und kommt zu einem anderen Ergebnis. Die Gewin­nerin des ARD-Gesangs­wett­be­werbs 2018 heißt Natalya Boeva. Großes Staunen im Publikum, das seinen Preis tatsächlich Siljanov zuerkennt, den die Jury auf den zweiten Platz verweist. Ebenso wenig nachvoll­ziehbar, dass es keinen vierten Platz gibt und Tenor Lei auf den dritten Platz gehievt wird, den er sich mit Stenberg teilt. Solche Entschei­dungen, die immer den Ruch eines Gnadener­weises haben, schaden auf Dauer jedem Wettbewerb.

Hatte man während der Vorrunden viel vom hohen Niveau des Wettbe­werbs gehört, bestätigt das Finale diesen Eindruck nicht. Und wenn beim Bayeri­schen Rundfunk als Ausrichter des Wettbe­werbs viel vom Nachwuchs die Rede ist, darf man sich über die Besetzung der Final­runde wundern. Der kleinere Teil des Publikums, der die Entscheidung der Jury noch abgewartet hat, verflüchtigt sich schnell, nachdem die Besucher sich artig bei der Jury bedankt und auch den Finalisten mit gehörigem Applaus gratu­liert haben.

Michael S. Zerban

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