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Alle zwei Jahre findet im Rahmen des ARD-Musikwettbewerbs auch ein Gesangswettbewerb statt. Im Herkulessaal der Münchener Residenz treffen sich vier Finalisten, um den Wettbewerb im Finale unter sich auszumachen. Dieses Jahr gibt es immerhin eine interessante Mischung der Stimmen und des Programms. Ansonsten ist alles wie immer. Die „hochkarätige Jury“ findet völlig überraschend einen anderen Sieger, als sich das Publikum das wünscht.

Erica Köth und Christa Ludwig gewannen die Wettbewerbe von Radio Frankfurt, die von 1947 bis 1950 für „junge Solisten“ durchgeführt wurden. Ab 1952 wurden die jährlichen ARD-Musikwettbewerbe absolviert. Alle zwei Jahre gibt es auch einen Gesangswettbewerb. Und weil sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk keine Gedanken über die Finanzierung zu machen braucht, weil das Geld per Staatsdekret fließt, gibt es den Wettbewerb bis heute. Und er hat sich zu einem der wichtigsten Wettbewerbe überhaupt entwickelt. Zuständig dafür ist der Bayerische Rundfunk, der sich dazu aus den Zwangsabgaben der Bürger bedient. Da bekommen die Lorbeeren einen bitteren Geschmack. Nicht so für die Finalisten. Finalist oder gar Gewinner eines ARD-Wettbewerbs zu sein, bedeutet einen Eintrag im Lebenslauf eines Sängers, der die Karriere erheblich befördern kann.
Der Herkulessaal in der Münchner Residenz – von König Ludwig I als Thronsaal erbaut – erinnert nach seinem Wiederaufbau als Konzertsaal nach dem Krieg fatal an eine pompöse Nazi-Architektur, woran sich in München allerdings inzwischen niemand mehr stört. Wichtiger ist die gute Akustik, die schon große Stimmen verlangt, wenn sie sich voll und ganz entwickeln soll, und die Orgel mit 74 Registern. Und an diesem Abend bleibt kaum einer der rund 1300 Sitzplätze frei. Vier Finalisten treten im ARD-Gesangswettbewerb an. In Unkenntnis der Zulassungsvoraussetzungen für den Wettbewerb staunt der Besucher über die Qualifikation der Sänger beiderlei Geschlechts. Hier gibt es keine talentierten Berufsanfänger, sondern Menschen um die 30, die längst fest im Berufsleben stehen. Da darf man sich wohl auf ein Niveau freuen, das auf anderen Wettbewerben nicht zu erwarten ist.
Das Münchner Rundfunkorchester ist unter Leitung von Andriy Yurkevich angetreten, um die Sänger mit dem rechten Klangbild zu unterstützen, die international besetzte Jury nimmt, wie es sich gehört, in der Mitte des Saales Platz, um den bestmöglichen Klang hören zu können. Unter dem Vorsitz von Ann Murray versammeln sich Laura Aikin, John Mark Ainsley, Bernarda Fink, Michael Nagy, Gerhild Romberger und Matti Salminen, um die Preisgelder in Höhe von 5.000 bis 10.000 Euro sowie Sonderpreise einschließlich des Publikumspreises zu verteilen.
Moderiert wird aus dem Off, was den offiziellen Charakter der Veranstaltung noch unterstreicht. Die Sänger präsentieren sich in zwei Runden. In der ersten stehen zwei Darbietungen an, in der zweiten wird jeweils eine große Arie zu Gehör gebracht. Voller Vorfreude darauf, nun die Besten der Besten – zumindest innerhalb des Wettbewerbs – zu hören, werden die Besucher zunächst eher enttäuscht als begeistert.
Ylva Sofia Stenberg, 28 Jahre alt, in Schweden geboren, gehört dem Ensemble der Staatsoper Hannover an. Sie beginnt mit der Arie Caro nome der Gilda aus Giuseppe Verdis Rigoletto. Das ist schöner Gesang, wenn auch sehr zurückgenommen und eher gehaucht als gesungen, dazu kaum textverständlich, aber eine Gilda ist das nicht. Und Stenberg ist auch keine Königin der Nacht, wenn sie die Arie O zittre nicht, mein lieber Sohn – Zum Leiden bin ich auserkoren aus Wolfgang Amadeus Mozarts Zauberflöte singt. Das ist schön gelernt und lyrisch wiedergegeben, wenngleich die Stimme für den Saal eigentlich zu klein ist, aber ein Rollenstudium möchte man dahinter nicht vermuten. Das bessert sich, als die Sopranistin Glitter and be gay aus Leonard Bernsteins Candide zum Besten gibt. Hier passt der Auftritt gestisch wie mimisch schon sehr viel eher zu Cunegonde, die Koloraturen werden sehr sauber gesungen und einen kleinen Patzer fängt sie geschickt ab. Das ist ordentlich gemacht und gefällt, Außerordentliches wird hier nicht geboten.
Mit der Textverständlichkeit ebenfalls nicht zum Besten bestellt ist es bei der 29-jährigen Natalya Boeva, die in Russland geboren ist und nun dem Ensemble des Theaters Augsburg angehört. Dass sie mit Es ist vollbracht aus Johannes Sebastian Bachs Johannes-Passion beginnt, ist ungewöhnlich. Das Ergebnis, vom Blatt gesungen, rechtfertigt allerdings die ausgefallene Wahl nicht. Und auch die Arie Give him this orchid der Lucretia aus Benjamin Brittens The Rape of Lucretia hat man schon deutlich besser gehört. In der zweiten Runde wagt sich die Mezzosopranistin an O don fatale, o don crudel der Eboli in Giuseppe Verdis Don Carlos. Im Schwierigkeitsgrad erheblich anspruchsvoller, kann sie die Bandbreite ihres Könnens zeigen. Sowohl in den Registern als auch im Volumen gelingen beeindruckende Stellen, im Großen und Ganzen ist ein ordentliches Ergebnis zu verzeichnen.
Von dem Tenor Mingjie Lei hat man aus den Vorrunden viel Positives gehört. Nach seinem Studium in Amerika hat der 30-jährige Chinese bereits zwei Engagements an amerikanischen Opernhäusern absolviert und häufig an Wettbewerben teilgenommen. Jetzt allerdings enttäuscht der fröhlich mit offenem Sakko auftretende Sänger so ziemlich auf der ganzen Linie. Gelingt ihm die Arie Unis dès la plus tendre enfance des Pylades aus Christoph Willibald Glucks Iphigénie en Tauride noch textklar, wird bei Ich baue ganz auf deine Stärke kräftig geknödelt. Als Belmonte in Wolfgang Amadeus Mozarts Entführung aus dem Serail taugt auch seine Aussprache nicht. In der zweiten Runde kann er mit der Arie des Tonio Ah! Mes amis … Pour mon âme aus Donizettis La fille du régiment an einigen Stellen tenoralen Glanz zeigen. Insgesamt überzeugt das trotz darstellerischer Unterstützung nicht.
Milan Siljanov rettet den Abend. Der 31-jährige Bass-Bariton ist in der Schweiz geboren und jetzt im Opernstudio der Bayerischen Staatsoper, dem er sängerisch längst entwachsen ist. Schon die Auswahl seiner Arien ist ausgesprochen publikumsfreundlich. Als Figaro zeigt er mit der Arie Se vuol ballare, signor Contino aus Mozarts Le nozze di figaro, wie man das Auditorium fesselt, und als Escamillo in Georges Bizets Carmen traut er sich an den Schlager Votre toast, je peux vous le rendre, den er mit Bravour absolviert. Der schöne, dunkel gefärbte und runde Bariton bleibt jederzeit textverständlich und packend. In der zweiten Runde legt er noch mal ein Schippchen drauf, wenn er die Arie Ella giammai m’amò des Königs in Giuseppe Verdis Don Carlos würdevoll und elegant durchlebt. Da ist nichts von dem weinerlichen Jammerlappen Filippo zu hören, wie man die Rolle gern und oft auf der Bühne erlebt, sondern bei Siljanov ist es wirklich der dem Untergang geweihte Staatsmann. So treten Sieger auf, möchte man spontan rufen.
Aber wie so oft bei Gesangswettbewerben legt die Jury andere, unbekannte – und oft auch unerfindliche – Kriterien an und kommt zu einem anderen Ergebnis. Die Gewinnerin des ARD-Gesangswettbewerbs 2018 heißt Natalya Boeva. Großes Staunen im Publikum, das seinen Preis tatsächlich Siljanov zuerkennt, den die Jury auf den zweiten Platz verweist. Ebenso wenig nachvollziehbar, dass es keinen vierten Platz gibt und Tenor Lei auf den dritten Platz gehievt wird, den er sich mit Stenberg teilt. Solche Entscheidungen, die immer den Ruch eines Gnadenerweises haben, schaden auf Dauer jedem Wettbewerb.
Hatte man während der Vorrunden viel vom hohen Niveau des Wettbewerbs gehört, bestätigt das Finale diesen Eindruck nicht. Und wenn beim Bayerischen Rundfunk als Ausrichter des Wettbewerbs viel vom Nachwuchs die Rede ist, darf man sich über die Besetzung der Finalrunde wundern. Der kleinere Teil des Publikums, der die Entscheidung der Jury noch abgewartet hat, verflüchtigt sich schnell, nachdem die Besucher sich artig bei der Jury bedankt und auch den Finalisten mit gehörigem Applaus gratuliert haben.
Michael S. Zerban