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Der Dirigent Andreas Vogler erkundet mit seiner Camerata Sinfonica München neue Wege in der Münchner Orchesterlandschaft. Vor allem die Jugend, aber auch die Verbindung von Profis und Amateuren liegen ihm am Herzen. Experimente werden allerdings vor der Drohkulisse weiterer Etatkürzungen immer schwieriger.

Wie andernorts ist auch das Münchner Selbstverständnis als Musikstadt durch drohende Kürzungen im Kulturetat von 16,8 Millionen Euro angekratzt. Durch das Reduzieren des Veranstaltungsangebotes und die Gefährdung von Ensemblestellen erhöhen sich die Sorgen um den Nachwuchs – sowohl auf der Seite des Publikums als auch auf der der Künstler. Beide hat der freischaffende Dirigent Andreas Vogler schon seit längerem im Blick, der generationsbezogen selbst in einer Position zwischen der rasanten Vermarktung von Senkrechtstartern – und verstärkt auch Senkrechtstarterinnen – und von Pultlöwen der älteren Generation agiert. Mitten in der Corona-Pandemie hat Vogler 2021 mit der Camerata Sinfonica München ein Side-by-Side-Projekt etabliert. Diese Form gemeinsamer Proben und Konzerte von Profis an der Seite von Nachwuchsmusikern hat sich seit den 1990-er Jahren, in Anlehnung an Bildungs- und Ausbildungskonzepte in anderen Berufen, vor allem von Orchestern im englischsprachigen Raum ausgehend etabliert. Seit 2021 werden von der Camerata Sinfonica München nach diesem Modell also Programme von Orchestermusikern mit langjähriger Berufserfahrung gemeinsam mit Musikstudenten und Amateurinstrumentalisten erarbeitet. Über die Idee einer Orchestergründung hatte Vogler mit Kollegen sogar schon rund zwei Jahre vor dem Ausbruch der Pandemie diskutiert, um „künstlerische und organisatorische Unabhängigkeit zu erzeugen. So schlimm Corona für die Musik und überhaupt im ersten Moment auch war, konnten wir die Lockdown-Zeit nutzen, um uns mit den Organisationsstrukturen von Orchester- und Vereinswesen auseinander zu setzen.“
Das erste Konzertprogramm der Camerata Sinfonica wurde in einer Phase von eineinhalb Monaten mit gelockerten, aber noch keineswegs aufgehobenen Restriktionen für den Musikbetrieb durchgeführt: mit Masken und erweiterten Abständen zwischen den Notenpulten. „Die Fagotti waren von den ersten Geigen gefühlt 30 Meter entfernt. Aber auch wenn der Konzertablauf stark durch die Coronamaßnahmen reglementiert war – wir zum Beispiel keine Pause hatten und sich das Publikum dort nicht begegnen konnte, war es mit Mendelssohns Hebriden-Ouvertüre und Beethovens Zweiter Symphonie doch ein großartiges symphonisches Projekt, das Musiker und Publikum sehr glücklich gemacht hat“, erinnert Vogler sich. Seit dem Start bleibt für Vogler in Bezug auf den Side-by-Side-Aufbau des Orchesters bei einem Programm wie dem aktuellen, mit dem Vorspiel zum dritten Aufzug von Wagners Tristan und Isolde, Schumanns Cellokonzert und Brahms Zweiter Symphonie, auch die Frage nach der Probenstruktur entscheidend. „Mit wie vielen Proben kann man Profimusiker belasten, und wie viele Proben brauchen Amateure oder Musikstudenten, um ein exzellentes künstlerisches Ergebnis zu erzielen? Momentan machen wir immer Streicher-Vorproben mit den Amateuren, dann kommen die Profis dazu. Das sind dann trotzdem noch fünf bis sechs Tutti-Proben, die wir haben, mit professionellen Orchestermusikern“, erzählt er. Eine solche Einteilung bewährt sich gerade angesichts im Lauf der Jahre länger und komplexer gewordener Programme, bei denen sich auch für angehende Profis nicht „alles vom Blatt“ spielt. Reizvoll an der Orchesterzusammensetzung findet Vogler neben den verschiedenen Beschäftigungsverhältnissen – mit Instrumentallehrern, Angehörigen mehrerer Projektorchester und festen Mitglieder der staatlichen oder städtischen Klangkörper – die Altersstruktur „von 18 bis 60 Jahren“. In einer solchen Konstellation zu arbeiten, bedeutet für den Dirigenten, bei aller Unabhängigkeit im Vergleich zu den Dienstplänen in einem ganzjährigen Spielbetrieb, im Voraus einen größeren Planungsaufwand. Mit dem langfristigen Ansetzen und Organisieren von Proben hat Vogler aber schon seit jungen Jahren, auch als Leiter von Jugend- und Studentenensembles, Erfahrungen gesammelt, weshalb er selbst die Terminierung der Proben mit einem halben Jahr Vorlauf festlegt und koordiniert, um früh für große Konzertsäle wie den Münchner Herkulessaal disponieren zu können. Mit so viel Weitblick bleibt auch noch genug Zeit für die künstlerische Vorbereitung der Partituren. Als einen wichtigen Impulsgeber und Mentor für eine solche Arbeitsweise nennt Andreas Vogler aus seiner dirigentischen Ausbildung und aus Meisterkursen vor allem den US-amerikanischen Dirigenten John Axelrod, dem er auch Tipps und Empfehlungen für die Bewerbung um Fördermittel verdankt.
Die Jugend mit ins Boot holen
An die CSM-Orchesterorganisation, unter deren Dach die Camerata Sinfonica München musiziert, ist seit dem Frühjahr 2023 auch eine Musikvermittlungsabteilung angegliedert, geleitet von der Sopranistin Elif Aytekin, die in Zusammenarbeit mit der Deutschen Orchesterstiftung und mehreren Schulen das junge Konzertpublikum im Blick hat – besonders als Perspektive für die Zukunft. „Grundsätzlich ist die Idealvorstellung von einem Publikum: ein empfängliches Publikum, das offene Ohren hat und das fühlt und sich darin findet, was wir auf der Bühne machen“, weiß Vogler. Workshops in Schulklassen, bei denen unter anderem der Klang einzelner Instrumente erläutert wird, schließen sich Proben- und Vorstellungsbesuche von Schülern bei den Konzerten der Camerata Sinfonica an. Probenbesuche bieten Schülern beispielsweise die wichtige Erkenntnis, dass auch etwas schiefgehen könne und sich aber korrigieren lasse, hebt Vogler hervor. Und aus seiner Sicht müsste gerade in den Schulen, den Kürzungen von Unterrichtsstunden in Kunst und Musik zum Trotz, vorbereitend darauf hingewirkt werden, dass die Gesellschaft empfänglich für die Emotionen bleibt, die von Musikern transportiert werden. Denn das sei für den Stellenwert der Musik und ihre weitere Förderung entscheidend. So merkt Andreas Vogler diesbezüglich an, dass wir uns schon bei jungen Menschen darum kümmern müssen, Schwellenängste abzubauen. Wenn es die Möglichkeiten gibt, soll die Musikpädagogik in den Schulen so nah wie möglich an den Instrumenten oder am Gesang dran sein, „die Schwingungen spüren“, sagt Vogler. „Wir müssen in den Schulen so viel Kunst und Musik wie möglich unterrichten lassen – denn das erzieht freie Köpfe und wird unsere Gesellschaft vor der Ignoranz und Stumpfheit retten, die vielleicht sogar irgendwann das Potenzial hat, unseren Frieden und unsere Freiheit zu bedrohen.“
Mit Schönbergs Verklärte Nacht und einer Kammerfassung von Verdis La Traviata plant die CSM-Orchesterorganisation in Zukunft auch den Startschuss zu einer Erweiterung der Vereinsabteilungen um theatrale Formen: Im Aufbau befindet sich das Isaria-Kollektiv, eine Kooperation von Münchner Musikern, Schauspielern, Tänzern und bildenden Künstlern, die in spartenübergreifenden Performances, Kammeropern und Sinfoniekonzerte zu erleben sein werden. „… mit einem hochkarätigen Kammerorchester als Kern, um das herum verschiedene Formate erkundet werden. Aber auch dort werden wir mit Unterstützung unseres Vereins und unserer Vermittlungsabteilung Schüler einladen, in die Vorstellungen und bereits in die Proben zu kommen. Gerade für Jugendliche könnte es ja auch noch interessanter als bei einer Symphonieprobe sein, die Zusammenarbeit von Musikern und beispielsweise Tänzern zu verfolgen.“ Für die finanzielle Grundsicherung der Aktivitäten des gemeinnützigen Orchestervereins ist das Kulturreferat der Landeshauptstadt München sicherlich der wichtigste Partner, weshalb die eingangs erwähnten Kürzungen dort von Vogler auch mit Besorgnis wahrgenommen werden. Aber auch viele ehrenamtliche Mitstreiter des Vereins, wie Ercan Tuna für das grafische Erscheinungsbild, tragen erheblich zum künstlerischen Profil bei. Für die nächsten Jahre wünscht sich Vogler daher vor allem, dass „der Verein die Musiker fair bezahlen kann, und dass wir alle sorgenfrei Kunst machen können“.
Sebastian Stauss