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Dustin Klein - Foto © Wilfried Hösl

Neue Sichtweisen

Es war ein Schock – die gesetz­lichen Maßnahmen zur Bekämpfung des Corona-Virus haben Künstler und Kultur­schaf­fende schwer getroffen. Es hagelte Absagen, Theater schlossen von heute auf morgen, Festspiele wurden verschoben. Erste Locke­rungen geben Hoffnung, aber bis auf weiteres fehlt ein konkreter Plan für die Aufhebung aller Beschrän­kungen. Die Künstler leiden wirtschaftlich, aber insbe­sondere auch in der kreativen Ausübung ihres Berufes.

Viele Aktionen und Reaktionen, leise und laut, hat es in den letzten Monaten gegeben. Sänger, Instru­men­tal­so­listen, Schau­spieler, Maler kamen oder meldeten sich zu Wort. Eine Zunft trat kaum oder zu wenig in Erscheinung, die der Ballett­tänzer. Diesen wollen wir Gehör und Aufmerk­samkeit schenken und haben mit der italie­ni­schen Ballerina Virna Toppi, Erste Solistin des Bayeri­schen Staats­ballett, und dem Halbso­listen und Choreo­grafen Dustin Klein über ihre Gefühle und Erfah­rungen mit Lockdown und den Erwar­tungen für die Zukunft gesprochen. Beide sind Mitglieder des inter­na­tional anerkannten Bayeri­schen Staats­bal­letts, das gerade wieder den Proben­be­trieb aufnimmt, und wirken auch an den zur Zeit gestreamten Montags­kon­zerten der Bayeri­schen Staatsoper mit.

Virna Toppi – Foto © privat

Helmut Pitsch: Was haben Sie im Moment der Ankün­digung des Lockdowns und der Absage aller Veran­stal­tungen empfunden und wie haben Sie die folgenden Tage erlebt?

Virna Toppi: Vom Problem Covid 19 hatten wir bereits Kenntnis, da meine Eltern in Mailand leben und sich dort die Situation bereits viel früher zugespitzt hat. Also war ich vorbe­reitet, und es war mir klar, dass das Virus auch Deutschland erreichen wird und somit auch Theater, Kinos, Konzerte die ersten sein werden, die schließen.

Dustin Klein: Die erste Reaktion war: Schock. Als es im März losging, hieß es zunächst, wir müssen ein paar Wochen Pause machen. Verständlich, Sicherheit und Gesundheit gehen vor. Aber als dann die Saison komplett abgesagt wurde, war ich wirklich schockiert.

Pitsch: An was haben Sie als erstes gedacht? An die Gesundheit oder die beruf­liche Zukunft?

Toppi: Sicherlich war das schlimm, aber ich wusste, dass es für die Gesundheit von vielen Menschen, meiner einge­schlossen, besser ist. Außerdem stehe ich zum Glück ja noch eher am Anfang meiner beruf­lichen Karriere. So zog ich mich für ein paar Monate aus gutem Grund zurück. Vor ein paar Tagen hat das Theater für Training und ausge­wählte Proben wieder aufge­macht und ich gebe zu, dass es sehr emotional war, dorthin zurück­zu­kehren und das zu machen, was ich so liebe: frei zu tanzen, ohne das Haus beim „home training“ zu zerstören.

Klein: An beides in gleichen Teilen. Da ich zu den „älteren“ Tänzern gehöre und nicht mehr am Anfang meiner Karriere stehe, sehe ich die beruf­liche Zukunft etwas entspannter als ein Kollege mit Anfang 20. Was ich aller­dings wirklich bedauere, ist die Absage von Sharon Eyals Bedroom Folk, ein Stück, das bei der Ballett­fest­woche jetzt Ende Mai Premiere gehabt hätte. Das war eines meiner persön­lichen Highlights, auf das ich mich sehr gefreut hatte. Aber natürlich hat man immer auch die Gesundheit im Kopf: die eigene, die der Kollegen im Theater, die der Menschen auf der ganzen Welt.

Pitsch: An was denken Sie jetzt?

Klein: Ganz klar: Wann geht es endlich wieder los? Wann kann das Opernhaus wieder ein Opernhaus sein und offen für sein Publikum? Und wie sehen die nächsten Monate, vielleicht sogar die nächsten Jahre aus? Diese Ungewissheit macht mir ein bisschen Sorge.

Pitsch: Wie haben Sie die Zeit der Ausgangs­be­schrän­kungen verbracht? Wie haben Sie trainiert, sich für die Zeit danach vorbereitet?

Toppi: Während des Lockdowns habe ich versucht, immer positiv zu bleiben, daran gedacht, dass die Gesundheit der Menschen, die ich liebe, wichtiger ist. Die ersten Wochen zu Hause habe ich mich erholt, da diese Spielzeit bisher sehr anstrengend für mich war. Bald darauf haben Körper und Geist nach Bewegung und zur Rückkehr zum Tanz gerufen. So habe ich begonnen, Online-Lektionen zu verfolgen, nicht nur fürs Ballett­training , sondern auch für Giroki­nesis, Yoga und Gym.

Klein: Ich habe Pilates und Yoga für mich neu entdeckt, das habe ich früher nur spora­disch gemacht, in den letzten Wochen sehr intensiv. In der Zeit der Ausgangs­be­schrän­kungen war das ein fester Bestandteil meines Tages. Dazu kam immer das morgend­liche Online-Training über Zoom. Auch sonst war mir nicht langweilig: Ich habe mich in der Holzschnit­zerei auspro­biert, Käse herge­stellt, wir haben viel Pizza gebacken und unsere eigene kleine Familien-Pizzeria Eduardo eröffnet. So gesehen war es auch eine spannende Zeit. Ich habe viele Dinge auspro­biert, für die ich im normalen Tänzer­alltag kaum Zeit finde.

Pitsch: Wie beginnen jetzt die Proben?

Toppi: Es ist schwierig zu trainieren, wenn Du nicht genau weißt, wann Du wieder auf die Bühne zurück­kehrst. Aber Du kommst an den Punkt, da machst Du es für Dich, unabhängig von deinem Job.

Klein: Erstmal fangen wir jetzt wieder mit dem Training im Ballettsaal an, in kleinen festge­legten Gruppen und einem strikten Hygie­ne­konzept. Danach sehen wir weiter. Ich freue mich auf jeden Fall, endlich wieder ins Studio zurück­kehren zu dürfen.

Pitsch: Was denken Sie über die derzei­tigen Beschrän­kungen – insbe­sondere die angedachten Abstands­regeln auf der Bühne?

Toppi: Sicherlich werden sich viele Dinge ändern, zuerst werden die Vorstel­lungen im Theater durch Aufnahmen und Strea­mings im Internet ersetzt; aber wir müssen uns immer daran erinnern, dass es in unserer Arbeit darum geht, Leiden­schaft und Emotionen zu vermitteln, wir möchten Gefühle leben und erleben, und das können wir nur live.

Klein: Für das existie­rende Reper­toire sind solche Regeln natürlich nur sehr schwer umzusetzen. Aus choreo­gra­fi­scher Sicht, und ich arbeite mittler­weile ja viel als Choreograf, finde ich das aber sehr spannend. Da gibt es plötzlich viele Ideen und Optionen, an die man früher nie gedacht hätte; auch was zum Beispiel Kostüm- und Bühnenbild angeht. Man könnte beispiels­weise Tütüs mit einem Durch­messer von 1,5 Meter schneidern und schauen, was man wie damit tanzen kann. So hätte man die Abstands­regel allein durchs Kostüm umgesetzt. Choreo­grafie als System kann so ganz neu gedacht werden. Vielleicht entwi­ckelt man ein System, das es erlaubt, Tänzer zu steuern wie Mario­net­ten­puppen. Aus der Ferne, ohne Berührung. Es gibt da, glaube ich, ganz viele kreative Möglichkeiten.

Pitsch: Wie wird es sich für Sie anfühlen, vor Publikum mit Masken und Abstand in halbleeren Sälen aufzutreten?

Toppi:  Der Tanz ist eine sehr fordernde Kunst mit viel Anstrengung und Disziplin. Aber Tanzen mit einer Maske im Gesicht, ohne frei atmen zu können, und das vor einem leeren Theater ohne Zuschauer, ohne die Möglichkeit einen Pas de Deux mit deinem Partner zu tanzen, das geht nicht. Trotzdem versuchen wir, immer zu lächeln, denn wir wissen, dass dieser Moment vorbei­gehen wird und alles wird wie früher.

Klein: Für mich als Tänzer spielt es generell keine große Rolle, ob ich für fünf oder 2000 Leute tanze. Ich gebe immer 100 Prozent. Als Performer darf es keinen Unter­schied machen, wie viele Leute dir zuschauen. Und für den Zuschauer ist es ein großes Privileg, quasi in den Genuss einer Privat­vor­stellung zukommen. Wenn nur ein sehr kleiner Kreis an Zuschauern zugelassen ist, hat eine Vorstellung automa­tisch einen sehr beson­deren, exklu­siven Charakter.

Pitsch: Tanz ist auch geprägt von Gefühl und Emotion – ein Pas de Deux ist nur in Innigkeit möglich. Fühlen Sie sich benach­teiligt gegenüber Sängern oder Schau­spielern? Hier kann auf einen Lieder­abend, Lesungen oder eine konzer­tante Aufführung ausge­wichen werden?

Toppi: Der Tanz ist eine wunderbare Kunst, da er das Leben wider­spiegelt, die Bezie­hungen und noch mehr die Gefühle, die Menschen im physi­schen Kontakt erleben und mit der Gemein­schaft teilen. Im Gegensatz zu Sängern oder Musikern ist es für einen Tänzer unabdingbar, den Partner zu berühren. Die Situation ist traurig, aber gleich­zeitig auch eine Heraus­for­derung: Wir probieren Neues aus, Dinge, die wir nie zuvor getan haben, immer in der Hoffnung, dass bald alles wieder zur Norma­lität zurück­kehren wird.

Klein: Nähe und Zusam­men­ge­hö­rigkeit kann man auch über Abstand herstellen, man kann Bezüge aufbauen, ohne sich berühren zu müssen. Das haben wir erst Mitte Mai in unserem Schumann-Montags­konzert und den beiden Soli von Kristina Lind und Henry Grey gezeigt. Ich fühle mich nicht benach­teiligt gegenüber anderen Kunst­formen. Aber natürlich freue ich mich, wenn wir das „good old Pas de deux“ wieder machen dürfen.

Pitsch: Wie schätzen Sie die Zukunft, die neue Norma­lität mit Corona für den Tanz ein? Wird es neue Tanzformate geben? Wie wird die neue Norma­lität die moderne Choreo­gra­fie­ten­denzen oder ‑Stile beeinflussen?

Toppi: Meine Zukunft als Tänzerin nach dem Corona­virus sehe ich ein bisschen wie meine Vergan­genheit, aber besser.  Es ist uns jetzt bewusster, dass da Risiken sind, und so vermeiden wir noch mehr die Dinge, die uns nicht den entspre­chenden Wert und Sinn geben. Kehren wir zum Tanz zurück, mit mehr Ausdruck und Leiden­schaft als zuvor!

Klein: Ich denke, Corona wird das Tanz- und Theater­leben sehr beein­flussen, die Einschrän­kungen werden uns ja voraus­sichtlich noch etwas erhalten bleiben. Da kann sich vieles entwi­ckeln – hoffentlich zum Guten. Vermutlich entstehen neue Stile, auf die man unter anderen Umständen so nicht gekommen wäre. Als Choreograf finde ich diese Zeit jetzt unheimlich spannend. Eine Einschränkung auf der einen Seite bedeutet ja zumeist auch eine neue Möglichkeit auf der anderen. Ich könnte mir sogar vorstellen, dass wir in zehn Jahren von einem neuen Tanzstil sprechen, der in den 2020-er Jahren entstanden ist. Ähnlich wie wir das aus der Musik vom HipHop kennen, diese Musik­richtung hat sich ja auch aus in einem ganz bestimmten sozio­kul­tu­rellen Kontext heraus in den USA entwi­ckelt. Gleiches gilt für den Flamenco.

Pitsch: Ist ein wesent­liches, wichtiges Projekt durch Corona ausge­fallen, das mögli­cher­weise nicht mehr nachgeholt werden kann? Gibt es neue Projekte?

Toppi: Der Corona-Virus hat das Leben nicht beendet, auch nicht die Kunst. Er hat uns nur für eine gewisse Zeit in einen Stand-by-Modus versetzt. Aber was wir jetzt verpasst haben, das werden wir später nachholen und vielleicht sogar noch besser machen.

Klein: Jein. Eines meiner choreo­gra­fi­schen Projekte wurde um einige Monate verschoben, bei einem anderen warte ich noch, ob die Vorstel­lungen im Hochsommer wie geplant statt­finden können. Aber selbst, wenn etwas ausfallen würde, ist das, unter diesen Umständen weltweit verständlich.

Pitsch: Gibt es aktuell Auftritts­termine, die mit Sicherheit statt­finden werden?

Klein: Ich habe ständig Projekte, ja. Konkrete Auftritts­termine gibt es aller­dings noch keine. Außer Mozarts Idomeneo im Juli 2021 bei den Münchner Opern­fest­spielen. Den wird Antú Romero Nunes zum Abschluss von Bachlers Intendanz im Prinz­re­gen­ten­theater insze­nieren, und ich gestalte die Choreo­grafie. Bei allem anderen warte ich derzeit ab.

Das Gespräch führte Helmut Pitsch.

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