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Theo Ceccaldi, Yorn und Valentin Ceccaldi - Foto © O-Ton

Zeit-Kontinuum

Vor 40 Jahren gründete Fritz Schmücker das Inter­na­tionale Jazzfes­tival Münster und leitet es noch heute. Einmal mehr gelingt es ihm und seinem Team, einen Blick auf die aktuelle europäische Jazz-Szene zu vermitteln. Über 80 Musiker aus 20 Ländern treten in 17 Konzerten im Theater Münster vom 3. bis 5. Januar auf, darunter auch Gianluigi Trovesi, der bereits vor 25 Jahren mit dabei war.

Gianluigi Trovesi – Foto © O‑Ton

Das Foucaultsche Pendel von Gerhard Richter in Münsters Domini­ka­ner­kirche zieht seine konstante Bahn – und das wirkt bei den Impro­vi­sa­ti­ons­kon­zerten, die seit zwei Jahren das Festival-Haupt­pro­gramm ergänzen, wie ein passendes Symbol für die Konti­nuität des Festivals, das in den 1980-er Jahren als studen­ti­sches Open-Air-Festival ins Leben gerufen wurde, sich dann zum Großevent in der Halle Münsterland entwi­ckelte, seit Ende der 1990-er Jahre in den städti­schen Bühnen seine Heimat gefunden hat und seitdem auch vorbildhaft für viele andere Jazzfes­tivals wirkt. Immer wieder neu und immer zeitlos, veredelt Jazz nun alljährlich in Münster den Jahres­beginn – mit voller Publi­kums­aus­lastung und inter­na­tio­nalem Zulauf.

Was alles Jazz ist, das man so nicht für möglich gehalten hatte, wird eben gerade durch den großen Konzert­ma­rathon auch für den Nicht-Spezia­listen erfahrbar. In diesem Jahr funktio­niert die Drama­turgie der Kontraste geradezu vorbildlich. Jazz hat zum Beispiel nicht zwangs­läufig mit jener sport­lichen Disziplin zu tun, möglichst viele Töne kunstvoll in den Raum zu werfen: Zu einem einzigen, großen Ganzen mit hypno­ti­scher Sogkraft vereint sich auf großer Bühne der Klari­net­ten­spieler Yom mit den Brüdern Theo Ceccaldi an der Violine und Valentin Ceccaldi am Cello, um daraus unter Aufbietung aller spiele­ri­schen und expres­siven Möglich­keiten eine Art Trance-Ritual zu reali­sieren – angefüllt mit assozia­tiver Struktur, Klang, Emotion vor rund 1.000 hypno­ti­sierten Menschen.

Jazz ist vor allem Freiheits­musik und als solche ursprünglich entstanden. Um diese Erkenntnis wieder in Gehör­gänge und Köpfe zu bringen, steht im kleinen Haus der städti­schen Bühnen ein hervor­ra­gendes briti­sches Duo bereit: Der Saxofonist Xhosa Cole und der Schlag­zeuger Tim Giles zünden in mitrei­ßenden Duellen den Moment an. Jazz hat auch viel mit zu artiku­lie­renden Botschaften zu tun: Was es alles heute in unsteter Zeit zu sagen gibt, vereint sich in Worten und engagierter Musik durch die Leipziger Band Pauline Reáge – basierend auf Texten der Sängerin Anne Munka und unter Betei­ligung von Olga Rezni­chenko. Hier wird nicht nur über den Weltun­tergang reflek­tiert, sondern auch über alles Mensch­liche in kraft­vollem Wir-Gefühl.

Inter­na­tional trifft regional

Das Münste­raner Jazzfes­tival kann die Früchte eines herrschafts­freien Mitein­anders der europäi­schen Jazzin­itia­tiven immer wieder neu ernten. Das hochmo­ti­vierte Brain­teaser Orchestra aus dem Amster­damer Bimhuis eröffnet das Festival mit kammer­mu­si­ka­li­schen und sinfo­ni­schen Vernet­zungen, souverän auch neben dem Special Guest Theo Ceccaldi.

Jan Klare – Foto © O‑Ton

Fritz Schmücker, der das Jazzfes­tival seit seiner Gründerzeit kuratiert, hat ein gutes Händchen für die Ausba­lan­cierung der Elemente – und das heißt auch, dass die regio­nalen Poten­ziale gleich­be­rechtigt abgebildet werden, sofern sie künst­le­risch mit den inter­na­tio­nalen Topacts auf gleichem Level liegen. Definitiv kein Zweifel besteht hier bei der Band Kind unter Leitung des Münste­raner Saxofo­nisten Jan Klare. Ein junges Menschen­wesen erschließt sich die Welt der Musik ungestüm und fanta­sievoll – dieses Bild überträgt sich eins zu eins auf die spiele­rische Artiku­lation der Band und wird vor allem von der außer­ge­wöhn­lichen Energie der Schlag­zeu­gerin Bruna Cabral getragen. Vielleicht müssen Musiker gerade im frei impro­vi­sierten Jazz erst mal starke Bilder im Kopf definieren, auf die dann sämtliche Inter­ak­tionen bezogen werden. Das funktio­niert bei Kind so gut, dass es alle Hörer unwei­gerlich aus den Tiefen der Polster­sessel direkt an die Stuhl­kante zieht.

Die europäische Jazzszene von heute hat sich weitgehend von jeder ameri­ka­ni­schen Hegemonie emanzi­piert. Dennoch bleiben zeitlose Werte wie die Musik von Thelo­nious Monk bestehen – und die raue, energe­tische Färbung des Londoner Jazz, die der Saxofonist Xhosa Cole mit seiner Band verkörpert, bewahrt dessen Erbe zuver­lässig vor dem Abgleiten ins Museale.

Ist es wirklich schon über 25 Jahre her, dass wir auch in diesem Theater saßen und dem Italiener Gianluigi Trovesi zuhörten? Er und viele seiner italie­ni­schen Kollegen haben damals das Gepräge des Festivals nach seinem Umzug ins Theater mit definiert – jetzt ist Trovesi mit seinem Trio wieder zurück. Seine Arpeggien, Impro­vi­sa­tionen und Kanti­lenen entfalten ihre ganze Eleganz, während sich Bassist Paolo Damiani und Schlag­zeuger Ettore Fiora­vanti zu weiteren „Singstimmen“ entwi­ckeln. Auch Louis Sclavis, eine Symbol­figur für die Emanzi­pation des europäi­schen Jazz, gibt sich mit seiner Band India die Ehre.

Das Pendel in der Domini­ka­ner­kirche schwingt unauf­hörlich wegen seines Gewichts und der fast 30 Meter langen Aufhän­gungs­schnur, muss aber dennoch etwa einmal im Monat angestupst werden. Der Jazz, der in Münster den Jahres­auftakt wieder klangvoll werden lässt, braucht keinen solchen Anschub von außen – er erneuert sich beständig selbst.

Stefan Pieper

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