O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Vor 40 Jahren gründete Fritz Schmücker das Internationale Jazzfestival Münster und leitet es noch heute. Einmal mehr gelingt es ihm und seinem Team, einen Blick auf die aktuelle europäische Jazz-Szene zu vermitteln. Über 80 Musiker aus 20 Ländern treten in 17 Konzerten im Theater Münster vom 3. bis 5. Januar auf, darunter auch Gianluigi Trovesi, der bereits vor 25 Jahren mit dabei war.

Das Foucaultsche Pendel von Gerhard Richter in Münsters Dominikanerkirche zieht seine konstante Bahn – und das wirkt bei den Improvisationskonzerten, die seit zwei Jahren das Festival-Hauptprogramm ergänzen, wie ein passendes Symbol für die Kontinuität des Festivals, das in den 1980-er Jahren als studentisches Open-Air-Festival ins Leben gerufen wurde, sich dann zum Großevent in der Halle Münsterland entwickelte, seit Ende der 1990-er Jahre in den städtischen Bühnen seine Heimat gefunden hat und seitdem auch vorbildhaft für viele andere Jazzfestivals wirkt. Immer wieder neu und immer zeitlos, veredelt Jazz nun alljährlich in Münster den Jahresbeginn – mit voller Publikumsauslastung und internationalem Zulauf.
Was alles Jazz ist, das man so nicht für möglich gehalten hatte, wird eben gerade durch den großen Konzertmarathon auch für den Nicht-Spezialisten erfahrbar. In diesem Jahr funktioniert die Dramaturgie der Kontraste geradezu vorbildlich. Jazz hat zum Beispiel nicht zwangsläufig mit jener sportlichen Disziplin zu tun, möglichst viele Töne kunstvoll in den Raum zu werfen: Zu einem einzigen, großen Ganzen mit hypnotischer Sogkraft vereint sich auf großer Bühne der Klarinettenspieler Yom mit den Brüdern Theo Ceccaldi an der Violine und Valentin Ceccaldi am Cello, um daraus unter Aufbietung aller spielerischen und expressiven Möglichkeiten eine Art Trance-Ritual zu realisieren – angefüllt mit assoziativer Struktur, Klang, Emotion vor rund 1.000 hypnotisierten Menschen.
Jazz ist vor allem Freiheitsmusik und als solche ursprünglich entstanden. Um diese Erkenntnis wieder in Gehörgänge und Köpfe zu bringen, steht im kleinen Haus der städtischen Bühnen ein hervorragendes britisches Duo bereit: Der Saxofonist Xhosa Cole und der Schlagzeuger Tim Giles zünden in mitreißenden Duellen den Moment an. Jazz hat auch viel mit zu artikulierenden Botschaften zu tun: Was es alles heute in unsteter Zeit zu sagen gibt, vereint sich in Worten und engagierter Musik durch die Leipziger Band Pauline Reáge – basierend auf Texten der Sängerin Anne Munka und unter Beteiligung von Olga Reznichenko. Hier wird nicht nur über den Weltuntergang reflektiert, sondern auch über alles Menschliche in kraftvollem Wir-Gefühl.
International trifft regional
Das Münsteraner Jazzfestival kann die Früchte eines herrschaftsfreien Miteinanders der europäischen Jazzinitiativen immer wieder neu ernten. Das hochmotivierte Brainteaser Orchestra aus dem Amsterdamer Bimhuis eröffnet das Festival mit kammermusikalischen und sinfonischen Vernetzungen, souverän auch neben dem Special Guest Theo Ceccaldi.

Fritz Schmücker, der das Jazzfestival seit seiner Gründerzeit kuratiert, hat ein gutes Händchen für die Ausbalancierung der Elemente – und das heißt auch, dass die regionalen Potenziale gleichberechtigt abgebildet werden, sofern sie künstlerisch mit den internationalen Topacts auf gleichem Level liegen. Definitiv kein Zweifel besteht hier bei der Band Kind unter Leitung des Münsteraner Saxofonisten Jan Klare. Ein junges Menschenwesen erschließt sich die Welt der Musik ungestüm und fantasievoll – dieses Bild überträgt sich eins zu eins auf die spielerische Artikulation der Band und wird vor allem von der außergewöhnlichen Energie der Schlagzeugerin Bruna Cabral getragen. Vielleicht müssen Musiker gerade im frei improvisierten Jazz erst mal starke Bilder im Kopf definieren, auf die dann sämtliche Interaktionen bezogen werden. Das funktioniert bei Kind so gut, dass es alle Hörer unweigerlich aus den Tiefen der Polstersessel direkt an die Stuhlkante zieht.
Die europäische Jazzszene von heute hat sich weitgehend von jeder amerikanischen Hegemonie emanzipiert. Dennoch bleiben zeitlose Werte wie die Musik von Thelonious Monk bestehen – und die raue, energetische Färbung des Londoner Jazz, die der Saxofonist Xhosa Cole mit seiner Band verkörpert, bewahrt dessen Erbe zuverlässig vor dem Abgleiten ins Museale.
Ist es wirklich schon über 25 Jahre her, dass wir auch in diesem Theater saßen und dem Italiener Gianluigi Trovesi zuhörten? Er und viele seiner italienischen Kollegen haben damals das Gepräge des Festivals nach seinem Umzug ins Theater mit definiert – jetzt ist Trovesi mit seinem Trio wieder zurück. Seine Arpeggien, Improvisationen und Kantilenen entfalten ihre ganze Eleganz, während sich Bassist Paolo Damiani und Schlagzeuger Ettore Fioravanti zu weiteren „Singstimmen“ entwickeln. Auch Louis Sclavis, eine Symbolfigur für die Emanzipation des europäischen Jazz, gibt sich mit seiner Band India die Ehre.
Das Pendel in der Dominikanerkirche schwingt unaufhörlich wegen seines Gewichts und der fast 30 Meter langen Aufhängungsschnur, muss aber dennoch etwa einmal im Monat angestupst werden. Der Jazz, der in Münster den Jahresauftakt wieder klangvoll werden lässt, braucht keinen solchen Anschub von außen – er erneuert sich beständig selbst.
Stefan Pieper