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Nach fünf Jahren Programm, einer ständig wachsenden Zahl von Konzerten, immer neuen Aufführungsorten und inzwischen zahlreichen Stammbesuchern kann man das Summerwinds-Festival der Gesellschaft zur Förderung der Westfälischen Kulturarbeit mit Sitz in Münster als etabliert betrachten. Originalität und Qualität setzen sich durch, fast alle Konzerte sind ausverkauft – angekommen bei Zuhörern und in der Szene.

Neben den beliebten Pättkes-Touren, den kleinen Dorfbrauereien und den versteckten Badeseen hat sich das Münsterland längst als Kulturlandschaft mit internationalem Niveau entwickelt. Von der Festival-Reihe Musiklandschaft Westfalen mit Klassik am Schloss im Schlosspark Velen über Münsters Opernszene, die zahlreichen Freilichttheater bis hin zu den Bagno-Konzerten und der Konzertreihe Summerwinds, Europas größtem Holzbläser-Festival, ist die Kultur im Münsterland breit aufgestellt, bestens sortiert und längst überregional konkurrenzfähig.
Zum Auftakt des diesjährigen Summerwinds-Festivals bietet die GWK, die Gesellschaft zur Förderung der Westfälischen Kulturarbeit, erneut die sehr spezielle und außergewöhnliche Ausstellung BlockBuster 2018 an, bei der sich alles um Blockflöten dreht. Im Sitz der Bezirksregierung am Domplatz in Münster treffen sich namhafte Blockflötenbauer und ‑firmen und stellen ihre Blockflötenmodelle vor. Wer diese Vielfalt sieht und den zahlreichen Kostproben zuhört, die Fachleute dort erklingen lassen, vergisst schnell sein Bild des ewig gleich klingenden Kinder-Blockflötenchores der Adventszeit und merkt sich das Datum für das nächste Konzert vor. „Das Instrument jubelt und brilliert, wenn Maurice Steger, der charismatische Schweizer Blockflöten-Star, zusammen mit dem La Cetra Barockorchester Basel das Eröffnungskonzert spielt und das gemischte Ensemble Prisma und Tabea Debus am folgenden Abend ein Doppelkonzert im barocken Erbdrostenhof geben“, sagt Susanne Schulte, Intendantin des Festivals. Besucher können die Vielfalt der Blockflöten bestaunen, „Instrumente ausprobieren, fachsimpeln. Man kann sich ein neues Instrument kaufen oder sein eigenes reparieren lassen“. Zudem bieten Verlage Noteneditionen und Musikalienhandlungen alles rund um die Blockflöte an. Der klingenden Wirklichkeit begegnet der Besucher dann auf inzwischen gut 40 Konzerten, breit gestreut im gesamten Münsterland.
Ungewöhnliche Kombinationen sind normal
Mit seinem Programm Café Europa 2.0 lädt die Vienna Clarinet Connection, ein Klarinetten-Quartett, seine Besucher in die Kulturscheune Walstedde südlich von Münster ein. Diese ansehnlich restaurierte Scheune auf dem Gelände eines weitläufigen Gesundheitszentrums im Zentrum von Walstedde erweist sich als einladender Ort für besondere Events – vor allem, wenn über den gepflegten Anlagen die Sonne lacht.
Zwei Klarinetten, eine Bassklarinette und ein Bassethorn reichen dem Quartett, um von feinem Klarinettensolo bis zum vollen Bläserklang die innen schmucklose, aber akustisch gut geeignete Scheune klanglich zu füllen. Musiker und Zuhörer trennen keine zehn Meter, das ist Musik zum Mitsummen. Und so gelingt es dem Ensemble und dem als Conférencier auftretenden Rupert Frankhauser auch bald, eine lockere Atmosphäre herzustellen. Unterhaltend führt er das Publikum durch das bunte Programm mit Stücken aus der österreichischen Literatur, der deutschen Klassik, neu arrangierte Stücke wie Mendelssohn-Bartholdys Scherzo aus dem Sommernachtstraum oder Franz Schuberts Klavierkonzert Impromptu Nr. 2 Es-Dur. Volkstümliche Klänge und Tänze erklingen neben Eigenkompositionen der Musiker, und immer wieder, ob in der Schubert-Bearbeitung oder bei den Traditionals, mischen sich Jazzelemente in die Stücke.
Neben Frankhauser erweisen sich Helmut Hödl, ebenfalls Klarinette, Wolfgang Kornberger, Bassklarinette und Hubert Salmhöfer, Bassethorn, als Virtuosen ihrer Instrumente. Rasend schnelle Läufe der beiden Klarinetten, die leicht wehklagenden Melodien ungarischer Stimmung in den Czernowitzer Skizzen, die orchesterhaft klingende Bearbeitung von Mendelssohn Bartholdys Scherzo, die getragene Melodie eines bulgarischen Volksliedes – ein bunter, abwechslungsreicher Strauß anspruchsvoller Klarinetten-Literatur. In schönem Kontrast erklingen das harmonische Duna-Lied und anschließend der von Helmut Hödl formulierte flotte Tribute to Itchy Fingers, einem ebenfalls bekannten Sax-Quartett. Eine gelöste, fröhliche Stimmung macht sich unter den Besuchern breit. Natürlich sind die Zuhörer nach dem Schlussstück nicht zufrieden und freuen sich über die jazzigen Zugaben. Erst mit der dritten Zugabe signalisiert die Clarinet Connection, dass dieser beschwingte, lockere und anspruchsvolle Klarinettenabend in Walstedde zu Ende geht. Mit dem swingenden Glenn-Miller-Klassiker Moonlight Serenade im Kopf und dem Mond über dem Münsterland verlassen die Besucher zögernd und ein wenig verträumt diesen stimmungs- und klangvollen Musikabend.
In die Kolvenburg, einem trutzigen Herrensitz aus dem 13. Jahrhundert und eines der Kulturzentren des Kreises Coesfeld, lädt das Trio Akk:zent Musikliebhaber zu „Jazz mit Ethno oder Techno, mit Balkan‑, Tango‑, Klezmer-Klängen, mit Klassik, Minimal Musik und Neuer Musik, mit Pop“ ein, wie in der Vorankündigung zu lesen ist – mal sehen und hören.
In ungewöhnlicher Besetzung präsentiert das Trio mit Victoria Pfeil, Saxophon, Paul Schubert und Johannes Münzner, Akkordeon, ein Programm, in dem keines der genannten Elemente fehlt. Vom internationalen Akkordeonfestival über zahlreiche Auftritte im Österreichischen Rundfunk bis zu einem Auftritt in der Wiener Sargfabrik scheuen sie vor kaum einem Experiment zurück. Sie „entlocken den tongewaltigen Instrumenten Musik, die wohl irgendwo im Grenzbereich oder gar außerhalb der Grenzen zwischen World Music, Jazz, Pop, Neuer Musik und Techno“ liegt. Paul Schuberth, meist zuständig für die melodieführende Stimme, gelegentlichen Gesang und Kompositionen, kann sich völlig auf seinen Mitspieler Johannes Münzer verlassen, der mit einfachsten Mitteln wie dem Akkordeon-Balg die Percussion besorgt und sich mit Gesang und eigenen Kompositionen am Programm beteiligt. Beide stellen sich als Virtuosen auf ihrem chromatischen Knopfakkordeon vor, auf dem sie mit schnellen Läufen und Trillern ebenso brillieren wie mit gefühlvollen, harmonisch ausgespielten Akkordfiguren. Victoria Pfeil bereichert das Programm um melodische Akzente und schön ausgespielte Melodiebögen, gelegentlich auch um raue, mitreißend fetzige Saxophonpassagen, die manchem Zuhörer in die Beine gehen. Dabei zeigt sie sich auf dem Sopransaxophon ebenso zu Hause wie auf dem Alt‑, Tenor- oder Baritonsaxophon.
Die Musik des Trio Akk:zent ist schwer einzuordnen. Den Zuhörern dürfte es schwerfallen, die angekündigten Elemente von Ethno über Techno bis zum Jazz wiederzuerkennen, das Klangbild des breit gefächerten Repertoires ist ungewohnt. Alles in allem lässt sich dieser Musikstil am besten in die Kategorie Weltmusik einordnen. Die überschaubare Zahl der Besucher in dem kleinen Saal der Kolvenburg hat keine Probleme, sich musikalisch zu orientieren. Vor allem rhythmisch betonte jazzige Stücke, die dem Saxophon Raum geben, erhalten besonderen Beifall. Ein beschwingtes, fröhlich gestimmtes Publikum macht sich nach zwei Zugaben sehr zufrieden auf den Weg zum Dämmerschoppen.

In die Räume eines ehemaligen Kinderheimes katholischer Trägerschaft in Wettringen, in die westfälische Prärie zwischen Wersetal und den Emsauen, lädt die GWK zum Konzert mit dem Quartett 4 Times Baroque ein – und die Zuhörer sind überrascht. Hier, wo sich die Landschaft immer weiter öffnet und Gehöfte und Orte sich in der Parklandschaft verlieren, findet ein Konzert statt, das ein wenig des leichten, fröhlichen Lebensgefühls des Barocks vermittelt. Vier jungen Musikern, alle Spezialisten auf ihren Instrumenten, gelingt es, ihren Zuhörern einiges der italienischen Virtuosität zu übermitteln, die sie selbst bei ihrer Musik empfinden. Mit Kompositionen von Händel, Prowo, Vivaldi, Corelli und Sammartini präsentieren sie wichtige Vertreter der leichten Barockmusik. Jan Nigges, Blockflöten, Jonas Zsychenderlein, Violine, Karl Simko, Violoncello, und Alexander von Heissen, Cembalo, präsentieren die Werke in einer unprätentiösen, leicht spielerischen Weise, die zu diesem heißen Spätnachmittag bestens passt. Ob die Kompositionen der Barock-Klassiker Händel, Vivaldi oder Corelli oder die Triosonate des Altonaers Pierre Prowo oder die herrlich virtuose Ciaccona von Merula: Immer sind es Stücke in leichter, fröhlicher Grundstimmung. Nigges hat das Talent, in einer lebendigen, Fakten gesicherten Moderation Wissenswertes und Unterhaltsames zu verbinden und den Zuhörern manche Geschichte über die Entstehung der Instrumente und einzelner Kompositionen zu erzählen. Die Aufmerksamkeit ist ihm sicher, in den Schlussapplaus mischen sich einige Bravorufe.
Vom Barock bis in die Gegenwart
In die prunkvolle, kleine Kirche des Franziskanerklosters in Warendorf, das der Fürstbischof von Münster als Bollwerk gegen die Reformation gründete, lädt das Ensemble Schönbrunn ein. In klassischer Streicher- und Holzbläserbesetzung überrascht das Nonett die Zuhörer mit relativ neuen Kompositionen der Französin Louise Farrenc und des Niederländers Frans Coenen. Im Unterschied zu den strengen Formen vieler Barockstücke nutzen beide Komponisten alle erdenklichen kompositorischen Freiheiten und spielen „in freien Melodien“, wie Frans Coenen so schön schrieb.
So springt das Eingangsthema des Farrenc-Nonetts Es-Dur zunächst von Instrument zu Instrument, dann entwickelt sich ein munteres Wechselspiel zwischen Horn und den Streichern. Die Bläser formen schöne, harmonische Melodiebögen, über denen häufig die Flöte klingt. Ein eingestreutes Violin-Solo verändert den Klang, feine, auch gezupfte Streicherrhythmen geben dem Klang etwas leicht Fliehendes, Fagott und Horn sichern dem Klangbild ein solides rhythmisches Fundament. Im Finale treffen sich noch einmal Flöte und Oboe zu einem melodiösen Schlussakkord.
In Frans Coenens D‑Dur-Komposition mit fünf Sätzen breiten zunächst die Bläser ein lebhaftes, fröhlich stimmendes Thema aus, das das Horn im Bass begleitet. Streicher und Bläser spielen sich in harmonischem Wechsel wohlklingende Melodiebögen zu, in denen die Tonkaskaden der Flöte und die Staccati der Streicher sich abwechseln. Auch diese Komposition, noch freier komponiert als die von Farrenc, erklingt in einer fröhlichen Grundstimmung, die Musiker wie Zuhörer ansteckt. Unter verhaltener Leitung von Marten Root, Flöte, lassen die Musiker ihre Spiellaune bald ins Publikum überspringen und überzeugen durch Präzision, Leichtigkeit und Musikalität. Das durchweg grauhaarige Publikum muss sich erst ein wenig warm klatschen, bis es das Ensemble dann doch noch zu einer Zugabe bewegt und einige Bravo-Rufe zu hören sind.
Auch wenn noch nicht alle Konzerte aufgeführt sind, lässt sich feststellen: Das Summerwinds-Holzbläser-Festival mit rund 40 hochkarätigen Konzerten aus Klassik, Crossover und Weltmusik ist eine Reise wert. Seine Spielorte, eine „trutzige Renaissanceburg oder der umgenutzte münsterländische Gutshof, das klassizistische Herrenhaus, die Industriegießerei oder das Barockschloss, Kirchen, Klosteranlagen, neue private Kunstmuseen, die alte Zeche, Mühle, Schnapsbrennerei“, zählt Schulte auf, werden zu Kulturorten, an denen sich Alltag und Kunst begegnen, zum Nutzen beider und als Anregung für eine offene, flexible Kulturpolitik.
Horst Dichanz