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Das Festspielhaus in Bayreuth um 1900 - Foto © N.N.

Leb wohl, Du großer Wagner-Freund

Ein persön­licher Nachruf auf Stefan Mickisch (1962 – 2021) von Andreas H. Hölscher

Stefan Mickisch – Foto © Gerhard Götz

Als ich am heutigen Morgen die erste Meldung über den Tod von Stefan Mickisch las, war ich zutiefst berührt und traurig. Nicht nur, weil ein profunder Wagner-Kenner viel zu früh von uns gegangen ist, sondern weil seine Vorträge über Wagner, aber auch die vielen Diskus­sionen mit ihm über Richard Wagner und sein Werk mich über viele Jahre begleitet und mich als Wagne­rianer berei­chert hat. Ich erinnere mich noch gut, wie ich ihn 1998 erstmals bei seinen Einfüh­rungs­vor­trägen zu den Auffüh­rungen der Richard-Wagner-Festspiele in Bayreuth erleben durfte. In der Stadt­halle, organi­siert vom Richard-Wagner-Verband Bayreuth, hielt er morgens um zehn Uhr einen etwa 90-minütigen Vortrag zu dem Werk, das dann nachmittags auf dem Grünen Hügel gegeben wurde. In dem Jahr standen Der fliegende Holländer, Die Meister­singer von Nürnberg, Der Ring des Nibelungen und der Parsifal auf dem Programm. Und Stefan Mickisch machte keine reine Inhalts­angabe der Werke, garniert mit ein paar Musikbeispielen.

Seine Einfüh­rungs­vor­träge waren kleine Kunst­werke in sich, mit fundiertem Fachwissen zu Wagners Leben und zu seinen Opern, und seine musika­li­schen Inter­pre­ta­tionen am Flügel waren Kleinod-Konzerte, die nicht nur noch mehr Lust auf die Vorstellung am Grünen Hügel machte, sondern sie waren schon eigene kleine Festauf­füh­rungen. Oft stellte er Querver­weise und Verbin­dungen in der Musik zu anderen Werken dar, nicht nur zu Wagner selbst, sondern auch zu anderen Kompo­nisten wie Bach, Beethoven, Schumann oder Mendelssohn-Bartholdy. Er garnierte seine humor­vollen Vorträge gerne mit launigen Quizfragen, und belohnte den Sieger dann mit einer CD, natürlich seiner eigenen. Nachdem ich selbst an drei Tagen hinter­ein­ander so in den Genuss von Mickisch-Alben gekommen war, wurde ich mit herzlichem Beifall von weiteren Quizfragen ausge­schlossen, „da ich ihn sonst ruinieren würde“. Diese natürlich nicht ernst gemeinte Aussage führte nach dem Vortrag zu einem ersten persön­lichen Gespräch mit Stefan Mickisch, dem in den folgenden Jahren noch viele weitere über Wagner und Gott und die Welt folgen sollten.

Stefan Mickisch kam aus einer Musiker­fa­milie und wurde frühzeitig gefördert. Er erlernte zuerst das Klavier­spiel, später auch Violine und Orgel. Nach dem Abitur studierte er am Meister­singer-Konser­va­torium Nürnberg Klavier sowie Violine, des weiteren Kompo­sition, Musik- und Opern­ge­schichte. 1982 legte er die Musika­lische Reife­prüfung ab. Es schlossen sich weitere Studien an, unter anderem bei Karl-Heinz Kämmerling an der Musik­hoch­schule Hannover, Meister­kurse bei Oleg Maisenberg in Wien, Bruno Leonardo Gelber in München und bei Sergiu Celibi­dache in Mainz. Von 1987 bis 1991 studierte er bei Leonid Brumberg am Konser­va­torium Wien.

Mickisch erwei­terte sein Marketing, und nach Diffe­renzen mit dem Bayreuther Richard-Wagner-Verband führte er von 2002 bis 2013 die Einfüh­rungs­vor­träge zu den Bayreuther Festspielen in Eigen­regie durch. Mickisch war nicht nur ein genialer Wagner-Experte, sondern auch ein guter Promoter der Marke Mickisch. Über 70 CDs und DVDs hat er in seinem künst­le­ri­schen Leben produ­ziert, neben den vielen Einfüh­rungs­vor­trägen zu Richard Wagner und Richard Strauss auch zu Werken anderer Kompo­nisten, sowie eigene Kompo­si­tionen und Transkrip­tionen. Auf Wagners Steinway in Haus Wahnfried spielte er 1999 eigene Paraphrasen und Transkrip­tionen zu Wagners Opern auf CD ein.

Eine besondere Aufnahme ist ein Schuber mit neun CDs, auf denen Stefan Mickisch 2013 in seinem Haus in Schwandorf in der Oberpfalz alle 261 Leitmotive in Wagners Ring des Nibelungen einge­spielt und erläutert hat, eine einmalige und einzig­artige Aufnahme. 2013 war es auch, als er anlässlich des 200. Geburts­tages von Richard Wagner in einer großen viertei­ligen Produktion über den Ring des Nibelungen von 3sat mitwirkte. Zum 150. Geburtstag von Richard Strauss ein Jahr später gab es ebenfalls zwei TV-Produk­tionen mit ihm. Neben Wagner und Strauss spielte auch die Philo­sophie für ihn eine große Rolle in seinem Leben und hatte Einfluss auf sein musika­li­sches Schaffen. „Nur wer Philo­sophen wie Nietzsche oder Schopen­hauer versteht, der versteht, welche Rolle sie im Leben Richard Wagners oder im Schaffen Richard Strauss‘ gespielt haben“, sagte Mickisch, der sich auch mit Nietz­sches Also sprach Zarathustra und dessen musika­li­scher Umsetzung durch Strauss beschäf­tigte. Nietzsche spielte in Mickischs Leben ebenfalls eine gewichtige Rolle, und vielleicht war es auch dieses Spannungsfeld zwischen Wagner und Nietzsche, das Mickisch stark beein­flusst hat. War Nietzsche in seinen jungen Jahren ein glühender Verehrer Wagners, hat er sich später von ihm abgewendet und wurde ein erbit­terter Wagner-Gegner.

Und so wie es bei Wagner und Nietzsche Pole und Antipole gab, so war es auch im Leben von Stefan Mickisch, vor allem in letzter Zeit, was man der Ehrlichkeit halber auch nicht verschweigen darf. Mickisch sagte immer gerade­heraus seine Meinung, was vielen nicht gefiel, und er eckte an. 2014 wurde er erstmals mit einem Text auf Facebook heftigst kriti­siert, als er erklärte, er wolle Richard Wagner vom Vorwurf des Antise­mi­tismus reinwa­schen. Daraufhin wurde ihm die Verharm­losung des Holocaust vorge­worfen. 2020 geriet Stefan Mickisch erneut negativ in die Schlag­zeilen. So hatte er im April die Gesund­heits­po­litik der Bundes­re­gierung als „Corona-Faschismus“ bezeichnet und vor drohender Total­über­wa­chung gewarnt. Trauriger Höhepunkt seiner Polemik war, dass er sich selbst mit dem Nazi-Wider­stands­kämpfer Hans Scholl verglichen hat. Nach Meinung des Leiters des Richard-Wagner-Museums in Bayreuth, Sven Friedrich, stellte Mickisch mit diesem Bezug die Bundes­re­gierung auf eine Stufe mit dem Nazi-Regime. Friedrich erklärte ihn darauf zur „persona non grata“ in der Villa Wahnfried und erteilte ihm Hausverbot.

Doch diese negativen Schlag­zeilen um seine Person sollen seinen Erfolg und seine Verdienste um die Kunst, die Musik und vor allem um das Werk Richard Wagners nicht schmälern. Im vergan­genen Jahr brachte er noch vier Doppel-Alben zu den sympho­ni­schen Dichtungen von Richard Strauss heraus. Für Ludwig van Beethoven hatte er zum 250. Geburtstag im letzten Dezember ein beson­deres Geburts­tags­ge­schenk. Neben der Veröf­fent­li­chung von 2 Doppel-CDs Tonarten und Stern­zeichen bei Beethoven sowie Die Geschöpfe des Prometheus/​Egmont stellte er ein Video bei YouTube ein, mit einem Ausschnitt aus der Klavier­sonate Nr. 21 in C‑Dur, op. 53, die Waldstein-Sonate, gespielt am heimi­schen Flügel in Schwandorf. Es sollte wohl sein letztes Video sein.

Mickisch hatte noch viele Pläne. So hätte er ab April an der Sibelius-Akademie Helsinki mithelfen sollen, Richard Wagner in Finnland zu etablieren. Dazu kommt es nun nicht mehr. Am vergan­genen Freitag ist Stefan Mickisch im Alter von nur 58 Jahren überra­schend gestorben. Er hinter­lässt seine Frau und soll – auf eigenen Wunsch – in Wien beigesetzt werden. Die Musikwelt hat einen großen Wagner-Kenner und Klavier­vir­tuosen verloren. In Abwandlung von Wotans Abschied von Brünn­hilde sage ich mit Wehmut und Trauer: „Leb wohl, Du großer Wagner-Freund“.

Andreas H. Hölscher

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