O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken

Immer mehr Stadttheater erkennen die Notwendigkeit, sich stärker in der städtischen Gesellschaft zu verankern. Dabei sind die gewählten Formate so bunt wie das Theaterleben selbst. Das Rheinische Landestheater Neuss versucht jetzt, mit einem neuen Gesprächsformat Bürger auch außerhalb der Aufführungsbesuche für die Aktivitäten des Theaters zu interessieren. Die Idee ist löblich, in der Ausführung hapert es bei der Premiere noch ein wenig.

Die Stadttheater in Deutschland haben keinen leichten Stand. In vielen Gegenden sind sie kaputtgekürzt bis ans Existenzminimum, große Sprünge sind da nicht mehr drin. Andere versuchen, sich gegen konkurrierende Unterhaltungsangebote mit einem interessanten Programm durchzusetzen. Und neuerdings müssen sich die Kulturinstitutionen in vielen Kommunen auch noch gegen Versuche der politischen Einflussnahme von rechtsaußen zur Wehr setzen. Längst hat sich in den Köpfen der Bürger festgesetzt, dass Theater teuer für das Gemeinwohl sind und die Eintrittspreise für die Mehrheit der Bürger dennoch immer teurer werden, für manche gar – zumindest gefühlt – unerschwinglich sind. Kurzum, es gibt keinen Grund mehr, das Theater zu besuchen. Damit wird den Theatern ihre Daseinsberechtigung entzogen, die sie selbst darin sehen, am öffentlichen Diskurs teilzuhaben.
Es sei dahingestellt, inwieweit sich die Theater selbst in diese Situation gebracht haben. Wichtiger ist, dass immer mehr Häuser erkennen, wie bedrohlich die Lage ist und daran arbeiten, der Bredouille zu entfliehen. Die Fantasie ist gefragt. Die Bürger müssen in die Theater zurückkehren und sich am dortigen Diskurs beteiligen.
Das Rheinische Landestheater Neuss ist vergleichsweise gut aufgestellt. Die Finanzierung ist gesichert, die Aufführungen sind gut besucht und auch erfreulich gut an andere Häuser verkauft, wie es Aufgabe des Landestheaters ist. Gerade in dieser noch durchaus komfortablen Situation sieht Intendantin Caroline Stolz die Notwendigkeit, das Theater weiter in die Stadt zu öffnen. Und so gibt es seit Anfang dieses Jahres die Veranstaltung Extraklang, ein kleines Format, bewusst niedrigschwellig und bei freiem Eintritt angelegt.
Einmal mehr traut sich das Theater nicht aus den Mauern des eigenen Hauses hinaus. Und so findet die Veranstaltung im Theatercafé Diva statt. Nicht die schlechteste Wahl, weil das Café dank seiner Glasfront ebenerdig Transparenz vermittelt und bereits eine Art Minibühne in Form einer Rundcouch vorsieht, für die es sogar eigene Lichtspots gibt. An diesem Nachmittag wird allerdings auf alle theatralischen Mittel verzichtet. Auf der roten Couch nehmen fünf Personen Platz, die mit zwei Mikrofonen ausgestattet sind. Ihnen gegenüber sitzen vielleicht fünfzehn Personen. Das Publikum. Eine zufriedenstellende Anzahl von Menschen, wenn man bedenkt, dass es vor dem Café nicht einmal irgendeinen Hinweis auf die Veranstaltung gibt.
Interessante Statements
Das Spielzeitmotto des Landestheaters lautet „Was ist Familie?“. Da liegt es nahe, die Auftaktveranstaltung zu Extraklang unter das Thema „Wozu Familie?“ zu stellen, möchte man meinen. Allerdings löste das im Vorfeld nichts aus. Weder bei denen, die in einer Familie leben, weil die zu wissen glauben, wozu. Noch bei denen, die sich nicht im Familienverbund aufgehoben fühlen. Die glauben zu wissen, warum sie keine Familie brauchen, ihr womöglich gerade entflohen sind. Alexander May, volltönend in das Amt des Leitenden Dramaturgen und damit Stellvertretenden Intendanten eingestiegen, aber bereits zum Ende des Monats gekündigt, eröffnet die Gesprächsrunde. Ihm gelingt ein durchaus dramatischer Einstieg. Denn er hat sich entschieden, seine Spitzenposition im Theater zugunsten familiärer Umstände aufzugeben. Das geht gleich mal unter die Haut. Auch Co-Moderator Joachim Rulfs, Vorsitzender des Vereins der Freunde und Förderer des Rheinischen Landestheaters, erzählt als Alleinlebender ausgesprochen sympathisch von seiner schwierigen Beziehung zum Begriff Familie. Bei Marion Hardegen, Streetworkerin, die sich um junge Menschen ohne Familienbezug kümmert, möchte man grübeln, wenn sie erzählt, dass sie glücklich verheiratet sei und drei Kinder habe. Joachim Braun vom Familienbildungswerk Edit Stein, entwickelt gar Visionen für ein zukünftiges Zusammenleben von Familien, das er gerade in die Wirklichkeit umsetzen möchte. Guido Assmann, der aus dem Quirinus-Münster herübergekommen ist, wo er als Monsignore arbeitet, öffnet sich ebenfalls und erzählt vom Elternhaus und seinen Freundeskreisen.
Nach dem gelungenen Einstieg hätte man sich mehr erwartet als die Aneinanderreihung von Statements. Auch wenn sich May und Rulfs bemühen, ein Gespräch in Gang zu bringen, bleibt es dabei. Immerhin kann man nach dem Austausch allgemein bekannter Gegebenheiten auch als Besucher noch ein paar Erkenntnisse mitnehmen. Etwa, wenn Braun von der „erschöpften Familie“ spricht. Also der herkömmlichen Familienstruktur, die nach wie vor die Normalität darstellt, aber unter den herrschenden Bedingungen einfach nicht mehr die Kraft findet, aus den persönlichen Bindungen ebenjene zu schöpfen. Auch die Forderung nach unkommerziellen Begegnungsstätten verhallt nicht ungehört, die der Isolation von Familien entgegenwirkt.
Nach einer erschöpfenden Stunde kommen auch noch zwei Menschen aus dem Publikum zu Wort. Das Ende der Geschichte: Hier muss ein bisschen mehr passieren, um die Bürger der Stadt in den Dialog zu bringen. Eine gute Idee, halbherzig umgesetzt. Großartige Gäste, die ihre Statements zum Besten geben, reichen nicht. Also: Nachdenken. Und dann kann sich aus dieser Veranstaltung auch ein interessantes Format entwickeln. In zwei Monaten gibt es die nächste Möglichkeit.
Michael S. Zerban