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Mühsal ist der Anfang allen Erfolgs. Und gute Ideen sind hilfreich auf dem Weg dorthin. Musiker wissen das und erfahren es in diesen Tagen erneut in nie gekannter Wucht. Jeder Versuch, auf öffentlichen Bühnen aufzutreten, wird von der Regierung rigoros unterbunden. Bar jeder Vernunft. Aber hinter den Kulissen wird vorbereitet, geplant und gearbeitet. So auch bei der Deutschen Kammerakademie Neuss, die gerade ein neues Album einspielt.

Orchestermanager Martin Jakubeit hatte allen Grund, zufrieden zu sein. Die Deutsche Kammerakademie Neuss war hervorragend aufgestellt. Geigerin und Bratschistin Isabelle van Keulen konnte nach ihrer Residenz, während der sie die Herzen der Stadt im Sturm erobert hatte, als Künstlerische Leiterin bleiben, und mit Christoph Koncz hatte die Kammerakademie einen Chefdirigenten gewinnen können, von dem viel zu erwarten ist.
Da hätte man jetzt richtig durchstarten können. Und gute Ideen lagen schon auf dem Tisch. Zum Beispiel Tango im Abokonzert. Da hört man schon im Vorfeld manchen Abonnenten schwer atmen. Aber Astor Piazzolla wäre in diesem Jahr 100 geworden, und er ist nicht weniger als der vielleicht berühmteste Komponist Argentiniens. Er gilt als Vater des Tango Nuevo und findet in deutschen Konzertsälen vergleichsweise wenig statt, wenn man mal vom Libertango absieht, der gerne mal als Zugabe erklingt. Zudem ist das Know-how für ein solches Konzert bereits im Haus. Bereits 2013 hatte das Isabelle van Keulen Ensemble das Album Tango! und 2018 das Album Ángeles y Diablos mit Werken von Piazzolla veröffentlicht. Neben Pianistin Ulrike Payer und Rüdiger Ludwig am Kontrabass gehört auch Christian Gerber zum Ensemble. Der gilt als einer der bedeutendsten Bandoneón-Spieler der Gegenwart mindestens europaweit. Und warum nicht einmal den Kanon auch im Abokonzert verlassen? Ja, und wenn man schon dabei war, sprach ja auch nichts dagegen, gleich ein neues Album einzuspielen mit Quartett und Orchester einzuspielen.
Es lief so prima. Gerber erklärte sich bereit, die Arrangements zu schreiben. Mit Berlin Classics und dem Deutschlandfunk wurden zwei zuverlässige Partner für Aufnahme und Vertrieb gefunden. Dann kam das Kulturverbot der Regierung. Das erste Konzert wurde verschoben, das zweite hätte dieser Tage stattfinden sollen, wurde abgesagt. Aber immerhin waren sich alle Beteiligten darin einig, zumindest dann schon mal das Album Piazzolla 100 einzuspielen. Der nächste Nackenschlag folgte auf den Fuß. Eine Aufnahme im wunderbaren Kammermusiksaal des Deutschlandfunks, auf den sich schon alle gefreut hatten, war nicht möglich. Die baulichen Gegebenheiten ließen den Auftritt des 20-köpfigen Orchesters nicht zu.

Durchaus verständlich, wenn bei vielen Künstlern inzwischen die Wut die größere Antriebsfeder ist, ihre Projekte voranzutreiben, als die Freude an der Arbeit. Auch Jakubeit lässt sich nicht kleinkriegen. Und so ist diese Woche der Aufnahme von Piazzolla 100 gewidmet. Orchester und Quartett sind auf die Neusser Stadthalle ausgewichen, der Deutschlandfunk hat sich einverstanden erklärt, nach viertägiger Probe das Album am kommenden Wochenende dort aufzunehmen. Es ist, will man den Geburtstag des Komponisten würdigen, quasi die letzte Gelegenheit. Denn schon jetzt wird das Album erst im Dezember erscheinen. Da muss man auch schon großzügig in Jahren rechnen, denn Piazzolla ist am 11. März geboren.
Bei der Probe am Vatertag ist von all den Querelen nichts zu spüren. Immerhin trifft man die Kollegen und kann mit ihnen arbeiten. Die gröbsten Schwierigkeiten sind am dritten Probentag bereits behoben, so dass der Vortrag so entspannt wie konzentriert vonstatten gehen kann. Es ist eigentlich die schönste Probenphase. Das große Gerüst steht, man kann noch ein wenig an den Feinheiten knobeln, gleichzeitig kribbelt schon die Vorfreude auf die Aufnahme. Und so kommt der Besucher jetzt schon bei den vorgetragenen Bruchstücken in den Genuss einer wunderbaren Musik, die sich in der immer wieder erstaunlichen Akustik der Stadthalle voluminös ausbreitet. 22 Streicher, die Pianistin und der Bandoneón-Spieler – damit ist die Bühne ausgelastet. Die Kammerakademie unterlegt die solistischen Ausflüge des Quartetts mit sattem Klang, der sich mit höchster Präzision einfügt. Großartig gelungene Anschlüsse, die auf den Bogenstrich sitzen, sind auch ein visuelles Vergnügen.
Kurz kocht mal wieder der Ärger über eine Regierung hoch, die ihre Bürger vor die heimischen Lautsprecher verbannt, wenn sie Musik hören wollen, dann kann man wieder im Strom der so farbigen und abwechslungsreichen Musik untergehen. Piazzolla hat sich nie an die Vorgaben eines 2/4- oder 4/8‑Taktes gehalten, dazu war für ihn die Vorstellung von Tango viel zu universell. Gerber hat die Melodienflut, das Panoptikum Argentiniens – zumindest aus Sicht Piazzollas – perfekt auf den Orchesterklang übertragen und mit minimalistischen Stichen in aufregende Schwingungen versetzt.
An diesem Tag gehen die Musiker höchst zufrieden nach Hause. Zu Recht. Und wenn der Tontechniker nicht komplett patzt, dürfen sich nicht nur Tango-Freunde auf ein aufregendes Abenteuer in den Klangwelten des Tangos freuen. Und ganz vielleicht, deutet Jakubeit an, könnte es sein, dass ein Veranstalter die Deutsche Kammerakademie Neuss mit diesem Programm noch vor Dezember verpflichtet. Ja. Das wäre schön. Weil der Tango dann doch noch aus dem Schneckentempo herauskäme.
Michael S. Zerban