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Deutsche Kammerakademie Neuss - Foto © O-Ton

Solide und erfolgreich

Die Deutsche Kammer­aka­demie Neuss feiert in der kommenden Spielzeit ihr 40-jähriges Bestehen. Dann soll es auch vorbei sein mit der „führungs­losen“ Zeit am Pult. Im Januar 2019 soll der neue musika­lische Leiter der Akademie gefunden sein. Aspiranten gibt es reichlich. Auch Isabelle van Keulen, die Interims­lei­terin des Orchesters, ist interessiert.

Martin Jakubeit – Foto © O‑Ton

Johannes Goritzki ist ein deutscher Cellist und Dirigent. So in etwa beginnen ja die Einträge bei Wikipedia. Einen solchen gibt es von Goritzki nicht. Es findet sich auch kein „Grund­satz­ar­tikel“, der seine Biografie nachzeichnet. Und auf der eigenen Website sind lediglich seine beruf­lichen Erfolge aufge­führt, die zahlreiche Lücken nicht übertünchen helfen. Immerhin so viel steht fest: Goritzki ist 1942 in Tübingen geboren, ging in Rottweil zur Schule, studierte in Freiburg und gründete 1967 gemeinsam mit seinem Bruder Ingo die Musiktage Rottweil. Dazu versam­melte er befreundete Musiker um sich, die im Schwarzwald eine Mischung aus zeitge­nös­si­scher Musik und Kammer­musik zu einem Festival aufbauten. Bis heute gibt es dort keine klare Positio­nierung der Auffüh­rungen. 1972 wurde Goritzki zum Professor der Robert-Schumann-Hochschule in Düsseldorf berufen, der er in dieser Stellung bis 2007 verbunden blieb. Mehr Infor­ma­tionen gibt es auch dort nicht. In den 1980-er Jahren baute er wohl eine Beziehung zu den Zeughaus­kon­zerten in Neuss auf. Dort gastierte das Festival-Orchester Rottweil, das immer häufiger aus Düssel­dorfer Studenten bestand, ehe es sich 1978 als Deutsche Kammer­aka­demie Neuss emanzi­pierte. Somit gilt Goritzki auch als deren Gründer.

Von Anfang an regierte, nein, dirigierte Goritzki mit eiserner Hand. Gastdi­ri­genten waren nicht vorge­sehen, im Gegenteil versuchte der Musiker, seinen Einfluss­be­reich in Neuss auszu­weiten. Der Erfolg schien ihm Recht zu geben. Und bis heute findet seine Maxime Nachhall im Orchester. Einspie­lungen genießen höchste Priorität, obwohl das in mehrfacher Hinsicht nicht nachvoll­ziehbar ist. 2003 verab­schiedete sich Goritzki als Künst­le­ri­scher Leiter von der Deutschen Kammer­aka­demie Neuss – und versetzte ihr damit den Befreiungsschlag.

Inzwi­schen gilt es der Kammer­aka­demie als Ehre, Gastdi­ri­genten begrüßen zu dürfen, was der Zielsetzung des mittler­weile zum Stipen­diaten-Orchester mutierten Klang­körpers sehr entgegen kommt. Ein Teil des Orchesters besteht aus erfah­renen Musikern, die sich teilweise aus früheren Stipen­diaten zusam­men­setzen, den anderen Teil bilden Stipen­diaten. Das sind jüngere Musiker, also solche, die gerade ihr Studium beendet haben oder im Begriff sind, einen Abschluss zu erreichen. Sie bekommen von der Stadt Neuss ein monat­liches Entgelt und von der Kammer­aka­demie die Gelegenheit, sich in das Konzert­leben einzu­finden. „Zwischen drei und fünf Jahren“ werden die Jungmu­siker so unter­stützt, weiß Martin Jakubeit, Orches­ter­ma­nager, ehe sie das Orchester erfolg­reich als Sprung­brett in andere Orchester nutzen.

Soeben sind die letzten drei von sieben Stipen­diaten-Stellen mit sehr jungen Leuten neu besetzt worden, immer in der Hoffnung, dass sie dem Orchester möglichst lange erhalten bleiben. Gerade recht­zeitig. Denn es wird ziemlich aufregend in der kommenden Spielzeit.

Die Zusam­men­arbeit zählt

2017 verließ Lavard Skou Larsen die Kammer­aka­demie als Chefdi­rigent und Künst­le­ri­scher Leiter nach sehr erfolg­reichen dreizehn Jahren. Wie schon 2003 lässt sich das Orchester auch jetzt wieder viel Zeit mit der Suche nach einem Nachfolger. Für zwei Jahre ist Geigerin und Bratschistin Isabelle van Keulen als artist in residence bestellt, um das Interim zu leiten. Egal, was die Findungs­kom­mission Ende Januar des kommenden Jahres beschließen wird: Diese zwei Jahre, davon können sich die Konzert­be­sucher persönlich überzeugen, sind eine Erfolgs­ge­schichte. Schon nach den ersten zwei gemein­samen Projekten sind Orchester und Dirigentin ein Herz und eine Seele. Und so ist für van Keulen heute schon klar, dass sie bleiben würde, wenn man sie darum bäte. Das Publikum ist an ihrer Seite. Die Abonne­ment­kon­zerte haben inzwi­schen einen Spitzenwert von 95 Prozent Auslastung bei 460 Plätzen erreicht. Es sind kaum noch Karten im freien Verkauf zu erhalten. Allein, das Findungs­ver­fahren läuft unbarm­herzig weiter. Und das macht es für das Publikum ungleich interessanter.

Insgesamt neun Kandi­daten werden sich nach Ablauf der zwei Jahre vorge­stellt haben. Das Prickelnde daran ist, dass alle Dirigenten sich mit einem eigenen, also dem nach ihrer Ansicht besten Programm präsen­tieren. Wer patzt, kann sich nicht auf eine falsche oder unange­messene Auswahl der Werke berufen. So gestaltet sich denn auch das Programm der kommenden Spielzeit. Viel Kanon, wenig Zeitge­nös­si­sches, wenn man von ein paar Ausreißern absieht, Urauf­füh­rungen verspricht Jakubeit spaßhaft für das 50-jährige Jubiläum. Isabelle van Keulen geht mit der Anzahl der Konzerte in klaren Vorteil, aber dagegen erhebt auch niemand Einspruch. Aller­dings erfolgt auf die Frage, ob der Findungs­prozess nicht eigentlich schon längst abgeschlossen sei, ein klares Nein vom Orches­ter­ma­nager. Wenn die Findungs­kom­mission Ende Januar kommenden Jahres zusam­men­tritt, wird in erster Linie das Orchester zu entscheiden haben. „Das Orchester hat das Veto-Recht“, sagt Jakubeit. Das ist durchaus keine Selbst­ver­ständ­lichkeit, wenn es nicht gerade um die Berliner Philhar­mo­niker geht. Auch, wenn das Publikum kein Mitspra­che­recht hat und als Zaungast an der Strecke bleibt, wird es doch viel Stoff für Diskus­sionen geben. Und so bleibt die Kammer­aka­demie im Gespräch. Wie schön.

Michael S. Zerban

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