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Alexander Jordis-Lohausen - Foto © privat

Nie vom Weg abgekommen

Ermonela Jaho begann ihr Gesangs­studium am Konser­va­torium ihrer albani­schen Heimat­stadt Tirana. Später studierte sie an der Accademia Nazionale di Santa Cecilia in Rom. Seit 2003 lebt sie in den USA und baut ihre inter­na­tionale Karriere erfolg­reich weiter auf. O‑Ton-Korre­spondent Alexander Jordis-Lohausen hat mir ihr über die größte Leiden­schaft ihres Lebens gesprochen.

Ermonela Jaho als Traviata – Foto © ROH

Alexander Jordis-Lohausen: Sie hatten Ihren ersten Gesangs­un­ter­richt in Albanien. Dort haben Sie auch La Traviata zu ersten Mal gehört.

Ermonela Jaho: Die Traviata war die erste Oper, die ich live sah und hörte. Ich kannte sie nicht, aber von den ersten Noten der Ouvertüre an hat sie mich in ihren Bann geschlagen. Ich habe mich sofort in sie verliebt. Nach dem Schluss sagte ich zu meinem Bruder, der mich begleitete, ich würde diese Welt nicht verlassen, ohne zumindest einmal diese Oper gesungen zu haben. Seit damals habe ich sie fast 300 Mal in der ganzen Welt gesungen … Mission accom­plished!

Jordis-Lohausen: Das Opernhaus in Tirana wurde in den 1960-er Jahren gebaut. Es gab also sicherlich schon eine Opern­tra­dition, als Sie dort aufge­wachsen sind. Glauben Sie, dass Ihr Ruhm und Ihr Prestige vor Ort und im Ausland dazu beigetragen haben, das Interesse für die Oper weiter zu entwickeln?

Jaho: Ich glaube schon, aber nicht nur meinet­wegen, sondern auch durch andere albanische Künstler. Die meisten unserer Lehrer hatten in Moskau studiert, der russische Einfluss im Musik­un­ter­richt war daher sehr fühlbar. Nach dem Fall des Kommu­nismus überwog dann bald der italie­nische Einfluss, wegen der geogra­fi­schen Nähe zu Italien.

Jordis-Lohausen: Nachdem ich Sie in jener unver­gess­lichen La-Traviata-Aufführung in der Pariser Oper im Dezember vergan­genen Jahres sah, haben sie anschließend in Covent Garden nochmal La Traviata gesungen. War es nicht Covent Garden, wo vor einigen Jahren Ihre große inter­na­tional Karriere Ihren Höhenflug begann?

Jaho: Ja, es war ein Einspringen im letzten Moment. Es war meine große Chance, es hätte auch meine große Niederlage sein können. Aber ich habe mich damals entschlossen, das Risiko einzu­gehen. Denn es handelte sich um eine große, von allen Medien laut angekün­digte La-Traviata-Aufführung mit Jonas Kaufmann, Dimitry Hvoros­tovsky und Anna Netrebko in Covent Garden in London. Seit langem ausver­kauftes Haus! Ich saß zu der Zeit in New York, wo ich lebe, als ich eines Nachmittags von meinem Management einen Anruf bekam, ich solle, wenn ich wolle, so schnell wie möglich nach London fliegen, um vor Ort im Falle einer eventu­ellen Absage von Anna Netrebko bereit zu sein.

Jordis-Lohausen: Was für eine Entscheidung!

Jaho: Ja. Ich zögerte kurz, akzep­tierte das Angebot und nahm den letzten Nachtflug nach London. Bei der Ankunft in Heathrow am nächsten Morgen hatte ich keinerlei Nachricht auf meinem Handy. Erleichtert, nicht gleich singen zu müssen, fuhr ich ins Hotel und legte mich nieder, um meinen jet-lag auszu­schlafen. Doch zwei Stunden später, Anruf von Covent Garden, ich solle sofort kommen, Anna hätte abgesagt und ich solle die Regie kennen­lernen, Kostüm- und Make-up-Proben absol­vieren und und und … Dort nahm ich schweigend und völlig konzen­triert alle Regie­an­wei­sungen in mich auf, ließ mich einkleiden, schminken – und ich war fertig für die Aufführung. Eine Viertel­stunde vor Beginn der Aufführung lernte ich den Dirigenten und Jonas kennen. Fünf Minuten vor Beginn musste ich hinter dem Vorhang stehen, dann gab jemand dem Publikum bekannt, dass Anna Netrebko nicht sänge und ein Sopran namens Ermonela Jaho einge­sprungen sei. Im ausver­kauften Hause konnte ich das Raunen der Enttäu­schung hören.

Jordis-Lohausen: Was ging Ihnen in dem Moment durch den Kopf?

Jaho: Damals, in diesem entschei­denden Moment, sagte ich mir, wenn Singen immer mein Traum gewesen war, so hätte ich hier und heute die Gelegenheit zu zeigen, ob ich singen kann oder nicht. Um es kurz zu machen: Die Aufführung war ein Riesen­erfolg. Alle bedeu­tenden Kritiker schrieben darüber. Und ich glaube, von jenem Tag an ist mein Name in der Opernwelt ein Begriff geworden. Seitdem trete ich jedes Jahr von neuem in Covent Garden auf.

Jordis-Lohausen: Und was folgte, ist eine fabel­hafte inter­na­tionale Karriere! Und jetzt ist plötzlich alles zum Still­stand gekommen. Manche Menschen überdenken in dieser plötz­lichen Stille ihr ganzes Leben. Sind Sie zu einem Schluss gekommen, was für Verän­de­rungen Sie vielleicht erwarten und was Sie vielleicht verändern wollen, wenn das alles eines Tages vorbei ist?

Jaho: Ich glaube diese schwierige Zeit legt die unglaub­liche Verwund­barkeit des Künstlers offen. Und ich glaube, damit kämpfe ich noch. Irgendwie wird mir klar, wie schwierig es sein wird, wenn irgendwann einmal der Moment kommt, dass ich von der Bühne abtreten muss. Dann muss ich einen Weg finden, ohne Trauma weiter zu leben. Denn auf der Bühne zu stehen und das Feuer zu spüren, das die Bühne und das Publikum entfacht, macht mein ganzes Leben aus. Die plötz­liche Stille und Einsamkeit erlebe ich jetzt wie ein Trauma. Zu diesem Schluss bin ich gekommen. Daher sollten Sie auch die erste Aufführung, in der ich auftreten werde, wenn all das vorüber ist, nicht verpassen.

Jordis-Lohausen: Sogar in einer so stillen Zeit vermeiden Sie es, online zu singen, weil Sie die Kommunion mit Ihrem Publikum brauchen. Ich nehme an, wenn Sie Aufnahmen machen, ziehen Sie es auch vor, dass es live-Aufnahmen sind, wie die ergrei­fenden La-Traviata- und Madama-Butterfly-DVD von Covent Garden.

Jaho: Absolut! Kunst ist die Sprache unserer Seelen, Kunst kann ohne Publikum nicht bestehen, denn den Zauber der Energie, den das Wechsel­spiel von Künstler und Publikum ergibt, kann nur bei einer live-Aufführung zustande kommen. Vielleicht ist der Ton nicht ganz so perfekt wie auf einer CD, aber die Verwund­barkeit und die Mensch­lichkeit machen aus so einer Aufführung etwas ganz Beson­deres, dem nichts noch so ästhe­tisch und technisch Zufrie­den­stel­lendes gleich­kommt. Wir Menschen haben das Vollkommene gern, aber wir lieben unsere Menschlichkeit.

Jordis-Lohausen: Ich weiß, dass Sie sich ihrer albani­schen Herkunft noch sehr bewusst sind, und sie besuchen regel­mäßig Albanien. Doch Ihre Haupt­stu­di­en­jahre als Sängerin haben sie in Italien verbracht. Darauf haben Sie sich als ständigen Wohnsitz New York ausge­sucht. Und wenn sie nicht dort sind, sind sie auf Tournee in der ganzen Welt unterwegs. In Ihrem Herzen, wo fühlen Sie sich wirklich zu Hause?

Jaho: Ich weiß es wirklich nicht … Manchmal bin ich sehr glücklich, wenn ich in Albanien bin, dann wieder fehlt mir Italien und manchmal New York.

Jordis-Lohausen: Als ich Sie das erste Mal La Traviata singen hörte, 2014 in der Pariser Oper, waren Sie wundervoll. Ich hörte Sie in derselben Rolle vier Jahre später, wieder in Paris, und Sie hatten unglaub­liche Fortschritte gemacht, sowohl stimmlich wie schau­spie­le­risch. Sie waren noch wunder­voller. Was macht eine große Sängerin noch größer? Ist es die unablässige Arbeit an sich selbst? Oder Lebens­er­fahrung? Oder die Proben mit verschie­denen Regis­seuren und Dirigenten?

Jaho: Erst mal möchte ich Ihnen danken, dass Sie mir das sagen. Für einen Künstler ist es wichtig, Fortschritte zu machen, und es ist wichtig, dass diese Fortschritte auch sichtbar, hörbar sind. Ich arbeite täglich, um meine Technik zu verbessern, aber auch um neue musika­lische und schau­spie­le­rische Einzel­heiten zu finden, um in den Rollen, die ich studiere, meine Gefühle zum Ausdruck bringen zu können. Ein richtiger Künstler ist nie mit seiner Arbeit zu Ende.

Jordis-Lohausen: Glauben Sie, dass Ihr jüngster Triumpf als Desdemona in Verdis Otello in London ein weiterer Schritt in Richtung eines drama­ti­scheren Reper­toires war?

Jaho: Ich habe diese Rolle nicht gesungen, um drama­tisch zu sein. Ich versuche, in jeder Rolle mein Bestes zu geben. Aber ich kann behaupten, dass gequälte Seelen in Opern mir die Möglichkeit bieten, tiefer in mich selbst einzu­dringen. Natürlich müssen drama­tische Rollen mit meinen stimm­lichen Fähig­keiten im Einklang stehen. Als lyrischer Sopran übernehme ich eine Rolle, die als drama­tisch gilt, nur dann, wenn ich die Partitur studiert und festge­stellt habe, dass Sänge­rinnen sich völlig geirrt haben, und dass der Komponist etwas ganz anderes gemeint hat. Wir vergessen oft, dass drama­tische Geschichten nicht nur von drama­ti­schen Charak­teren gelebt werden.

Jordis-Lohausen: Was erwarten sie von Dirigenten und Regisseuren?

Jaho: Ein großer Dirigent oder Regisseur lässt dich du selbst sein, innerhalb seiner eigenen Vision. Und er treibt dich vorwärts, wenn du mehr geben kannst, aber lässt Dir die Freiheit, wenn du über ihn hinauswächst.

Jordis-Lohausen: Um zusam­men­zu­fassen, was ist Ihnen bei der Vorbe­reitung auf eine Rolle wichtig, um die Inter­pre­tation zu erlangen, die Sie für gelungen halten?

Jaho: Mehr als alles andere zählt für mich dabei die Strenge mir selbst gegenüber. Ich versuche aufrichtig, alles zu geben und betrachte jeden Bühnen­auf­tritt als sei es mein erster und letzter in diesem Leben. Die Produktion oder das Opernhaus spielen dabei keine Rolle. Wo immer und was immer sonst, wichtig ist nur, dass das Publikum hundert Prozent von mir erhält.

Jordis-Lohausen: Sie haben mir mal erzählt, dass Ihr Manager jedes Mal, wenn Sie ihn gebeten haben, Händel singen zu dürfen, geant­wortet hat: „Nein, nein, bleiben Sie nur bei Violetta, Madama Butterfly oder Desdemona – Sie sterben so nett auf der Bühne!“ Ich finde das eine schließt das andere nicht aus. Ich glaube, Sie würden, zum Beispiel, eine fantas­tische Alcina abgeben. Was meinen Sie?

Jaho: Bei meinen frühen Schritten auf der Bühne habe ich oft Händel gesungen, und ich habe es geliebt. Ich finde Händel dringt so tief in die mensch­liche Seele ein, es kann herzzer­reißend sein. Das letzte Mal habe ich Händel vor etwa 20 Jahren gesungen – mit großem Erfolg. Doch die Opern­häuser laden mich meistens als Traviata, Butterfly oder Suor Angelica ein. Vielleicht bin ich sterbend in diesen Rollen überzeu­gender als im Barock. Ich liebe Alcina … Hoffen wir, dass jemand mir diese Rolle anbietet.

Jordis-Lohausen: Sie sprechen nie darüber, aber ich weiß, dass Sie trotz Ihres angefüllten Zeitplans immer bereit sind, anderen zu helfen und die zu unter­stützen, die es notwendig haben. Ist es nicht so?

Jaho: Es stimmt, denn ich glaube, dass es mensch­liche Pflicht ist. Wir dürfen nicht vergessen, wie schwer der Anfang in der Sänger-Karriere ist und wir dürfen diese Realität nicht aus den Augen verlieren. Zu geben berei­chert, sowohl den, der empfängt, als auch den, der gibt. Ich fühle mich besser als Mensch, aber berei­chere damit auch mein Leben, was es mir wiederum erlaubt, glaub­haftere Charaktere auf der Bühne darzu­stellen und mich damit mit dem Publikum zu verbinden.

Jordis-Lohausen: Wenn Sie keine Opern­sän­gerin geworden wären, was hätten Sie dann mit Ihrem Leben angefangen?

Jaho: Da ich ein großes Einfüh­lungs­ver­mögen habe, wäre ich vielleicht Psycho­login geworden. Das kommt mir ganz natürlich vor, und ich lese gerne Bücher darüber.

Ins Deutsche übersetzt von Alexander Jordis-Lohausen

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