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Vier Häuser, vier Schicksale. In Bielefeld, Düsseldorf und Duisburg, Gelsenkirchen und Hagen beenden die Intendanten mit der soeben ausgelaufenen Spielzeit ihre Ämter. Haben die Herren Fußabdrücke hinterlassen können? Und wie geht es mit den Häusern weiter? Einsparungen drohen allerorten, viele Baustellen sind nicht behoben. Da bleibt für die Nachfolger mehr als eine Herausforderung.

An Rhein und Ruhr verabschieden sich mit dem Ende der aktuellen Spielzeit vier Intendanten von ihren Häusern: In Hagen, Bielefeld, Düsseldorf und Duisburg sowie in Gelsenkirchen.
In Hagen quittiert Francis Hüsers nach acht Jahren auf eigenen Wunsch seinen Dienst am westfälischen Mehrspartenhaus. Er kann auf eine eindrucksvolle Gesamtbilanz verweisen, die das Haus trotz erheblicher finanzieller Sparzwänge im Fokus des bundesdeutschen Feuilletons gehalten oder wieder zurückgeführt hat. Sein vieraktiger Don Carlos als letzte Regiearbeit hat die enorme Leistungsfähigkeit eines so genannten Provinztheaters unterstrichen. Dennoch scheint das Verhältnis zwischen Intendanz und Theaterbelegschaft sowie weiten Teilen des Publikums zerrüttet. Hüsers verlässt das Hagener Haus ohne offiziellen Abschied, dafür aber mit einer von ihm in Auftrag gegebenen Publikation, in der sein Vorgänger Norbert Hilchenbach geschmäht wird. Fakt ist, dass die Zuschauerzahlen in den vergangenen Jahren weggebrochen sind und das sehr anspruchsvolle Programm einer Mehrzahl der traditionellen Abonnenten zu ambitioniert erschien. Ein neues Publikum konnte bislang nicht gefunden werden. Verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen, das wird jetzt die Aufgabe des Nachfolgers Sören Schumacher sein.
Nach 21 Jahren verabschiedet das Theater Bielefeld seinen Intendanten Michael Heicks. Eine Theater-Ära geht damit zu Ende. Umsichtig und klug hat Heicks die Geschicke des Theaters geleitet und seit zwei Jahren seine Nachfolgerin Nadja Loschky eingeführt. In Bielefeld scheint der Generationenwechsel vollzogen.
An der Deutschen Oper am Rhein Düsseldorf Duisburg wird Intendant Christoph Meyer nach 16-jähriger Tätigkeit mit einer opulenten Operngala verabschiedet. Meyer selbst hat aus gesundheitlichen Gründen um eine vorzeitige Vertragsauflösung gebeten. Künstlerisch war Meyers lange Intendanz kein großer Wurf für das hochsubventionierte Zweistädte-Institut. Beispielhaft für die mäßige künstlerische Herausforderung muss die Ring-Inszenierung von Dietrich Hilsdorf bewertet werden, die, wenn auch hochwertig, nur ein Remake des wenige Jahre zuvor in direkter Nachbarschaft entstandenen Essener Tetralogie war. Auch das Engagement von Barry Kosky und die Kooperation mit den Salzburger Festspielen und der Komischen Oper Berlin können nicht als Wagnis gewertet werden. Wenige Produktionen konnten an die Glanzzeiten der Vorgänger Richter, Horres oder gar Barfuss anknüpfen. Die 1968 geborene, designierte Nachfolgerin Ina Karr kommt mit den Erfahrungen eines Dreispartenhauses aus dem schweizerischen Luzern an den Rhein. Man darf gespannt sein, wie die erste Frau im Amt ab 2027 den Ansprüchen der Rheinoper auch angesichts der Herausforderungen um den geplanten Opernneubau in Düsseldorf gerecht werden kann. Die Grundlagen sind zumindest aktuell geschaffen: Die seit 1956 währende Kooperation zwischen Duisburg und Düsseldorf um die Deutsche Oper am Rhein wurde soeben für weitere acht Jahre verlängert.
Irgendwas bleibt immer

Fast eine Generation lang war Michael Schulz am Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen Generalintendant. In seinen 17 Jahren hat er das mondäne Haus, das bis zum Ende der 80-er Jahre Takt- und Impulsgeber für innovatives Regietheater unter Claus Leininger war, konsolidiert und einen Theaterbetrieb mit Strahlkraft weit über das Ruhrgebiet hinaus neu erschaffen. Seit 15 Jahren gibt es in Gelsenkirchen bereits Audiodeskription für Besucher mit Seheinschränkung. Gemeinsam mit dem Wuppertaler Intendanten Bertold Schneider entstand das Opernstudio NRW, dem auch Essen und Dortmund angehören und den beteiligten Häusern hochbegabten Nachwuchs garantieren. Kinder- und Jugendtheater ist seit vielen Jahren eine wichtige Aufgabe. Mit der Gründung des MiR-Puppentheaters und des MiR-Labs sind gar zwei völlig neue Sparten entstanden, die helfen, neue Besucherschichten für Theater zu erschließen.
Die Abschiedsgala im ausverkauften Musiktheater zeigt dann auch eindrucksvoll, wie schwer es dem Gelsenkirchener Publikum fällt, den rast- und ruhelosen Intendanten ans Saarländische Staatstheater zu verlieren. Dennoch blickt man voller Dankbarkeit auf viele Jahre qualitativ hochwertiger Theaterproduktionen. Die Neue Philharmonie Westfalen, das Opernensemble, der Opernchor, die MiR-DanceCompanie, das MiR-Puppentheater und das MiR-Lab bieten den festlichen Rahmen, innerhalb dessen die Verdienste des langjährigen Intendanten um das Musiktheater im Revier gewürdigt werden. Zum Abschied wird Michael Schulz noch ein blau-weißer Schal von Schalke 04 um den Hals gelegt. Dass er die für das Ruhrgebiet so typische Currywurst nicht vermissen wird, hatte er schon vorab eingeräumt. Gemeinsam für alle prangt als Banner deutlich sichtbar für die Stadtgesellschaft am Bühnenturm des Musiktheaters und Michael Schulz wird sich die engagierte Ansprache sicherlich auch für seinen neuen Wirkungsbereich bewahren. Die Intendanz des Musiktheaters wird zur Spielzeit 26⁄27 der ebenfalls 1968 geborene Frank Hilbrich übernehmen, der aktuell noch Leiter der Musiktheatersparte in Bremen ist und sich gegen 32 Mitbewerber durchgesetzt hat.
Der begonnene Generationenwechsel an den Theatern an Rhein und Ruhr scheint mit der Berufung der 42-jährigen Nadja Loschky und dem 50-jährigen Sören Schuhmacher in Teilen gelungen. Was Karr und Hilbrich anbelangt, ist sicherlich auch deren ausgewiesene Expertise gefragt, den gewaltigen Herausforderungen der kommenden Jahre gerecht werden zu können. Was mit den Kürzungen des Kulturetats in Berlin begonnen hat, setzt sich in den neuen Bundesländern fort und wird in Kürze auch in NRW zu einschneidenden Veränderungen führen. Sich auch mit neuen Formen des Theaterbetriebs frühzeitig zu beschäftigen, scheint überdies das Gebot der Stunde.
Bernd Lausberg