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Foto © O-Ton

Heimliche Ehe

Lange Zeit gab es in Richard Wagners Biografie eine Lücke, nämlich in den Jahren 1864 bis 1869. Erst 1996 konnte sie durch einen Brief­wechsel zwischen König Ludwig II und Cosima Bülow-Liszt geschlossen werden. Auszüge aus diesem Brief­wechsel wurden jetzt bei einem Treffen des Richard-Wagner-Verbands Nürnberg in Kombi­nation mit den Wesen­donck-Liedern vorgetragen.

Dagmar Tuschy-Nitsch und Peter Morsbach – Foto © Agnes Sires

Im Frühjahr 1864 war der Komponist Richard Wagner mit all seinen Träumen und Visionen am Ende, Schulden und Gläubiger ließen ihm kaum noch Luft zum Atmen, ans Kompo­nieren war nicht mehr zu denken. In einem verzwei­felten Brief an seine Geliebte Cosima Bülow-Liszt schrieb Wagner am 10. März 1864 die Zeilen: „Den letzten Kampf, mit dem ich vom Leben Abschied nahm, hast Du empfunden. Seitdem bin ich in ein letztes Leidens­stadium getreten: ich fühle bestimmt, daß es nun bald vorbei sein wird. Noch eine traurige letzte Mühe, und es ist überstanden.“ Doch nur wenige Wochen später sollte Wagners Leben eine unvor­her­sehbare Wendung nehmen, die er selbst als Wunder bezeichnete. Der erst 19 Jahre alte König Ludwig II von Bayern trat in sein Leben, um ihn von finan­zi­ellen Sorgen zu befreien, damit er in Ruhe seine geplanten Werke kompo­nieren könne. In den 19 Jahren bis zu Wagners Tod am 13. Februar 1883 in Venedig gab es eine umfang­reiche Korre­spondenz zwischen Ludwig und Wagner, die Otto Strobel 1936 unter dem Titel Königs­freund­schaft editierte.

Inter­essant ist, dass Wagners eigene Autobio­grafie Mein Leben nur bis zum Mai 1864 reicht, also dem Beginn des Mäzena­tentums Ludwigs. Cosima Wagners detail­lierte Tagebuch­auf­zeich­nungen beginnen aller­dings erst am 1. Januar 1869 und enden am Todestag Wagners, so dass in der Gesamt­schau eine dokumen­ta­rische Lücke von knapp fünf Jahren in Wagners Leben klaffte. Doch es gibt einen Brief­wechsel zwischen Ludwig II und Cosima Bülow-Liszt im Zeitraum von August 1865 bis Anfang 1869 sowie einige wenige weitere Briefe bis 1885, einem Jahr vor König Ludwigs Tod. Dieser Brief­wechsel war bis 1996 weitgehend unbekannt und unbeachtet. Die promo­vierte Münchner Histo­ri­kerin und Buchau­torin Martha Schad war bei den Recherchen zu ihrem Erstlingswerk Bayerns Königinnen in den Münchner Archiven auf einige dieser Briefe gestoßen, viele weitere fanden sich dann in Bayreuth. Die Ehren­vor­sit­zende des Augsburger Richard-Wagner-Verbandes machte sich dann ans Werk und legte 1996 erstmals vollständig und vorzüglich aufge­schlüsselt den fast vollständig erhal­tenen Brief­wechsel zwischen Ludwig und Cosima vor, ergänzt um viele wichtige kultur­his­to­rische Anmer­kungen. Die 576 Seiten dieses nun über 25 Jahre alten Werkes beinhalten einer­seits den vertrau­ens­vollen Gedan­ken­aus­tausch eines hochge­bil­deten und musischen Regenten mit seiner „theuren Freundin“, anderer­seits den Nachweis einer virtuosen Diplo­matie Cosimas, einer geborenen Baronin. Für den Wagner­freund aber erhellt dieser Brief­wechsel die biogra­fische Dunkelheit der Jahre 1865 bis 1869 zwischen Wagners Autobio­grafie und Cosimas späteren Tagebüchern.

Es sind die Jahre der „heimlichen“ Ehe Wagners mit Cosima, der Tochter Franz Liszts, die ja noch mit dem Dirigenten Hans von Bülow verhei­ratet war. In diese Zeit fallen die Urauf­führung von Tristan und Isolde sowie den Meister­singern von Nürnberg, und das Ringen um ein eigenes Festspielhaus sowie Wagners politi­scher Einfluss auf den jungen König und seine Verbannung aus München. Cosima schrieb in dieser Zeit 127 Briefe und Telegramme an den König, der ihr in 101 Briefen und Telegrammen antwortete. Viele Briefe sind mehrere Seiten lang und zeugen von einer sehr inten­siven Korre­spondenz. Der Brief­wechsel gibt über Richard Wagner, König Ludwig und Cosima von privaten Alltäg­lich­keiten bis hin zu politi­schen Entschei­dungen wichtige Aufschlüsse über das Leben der drei Protago­nisten in der besagten Zeit.

In einer Veran­staltung des Nürnberger Richard-Wagner-Verbandes am 19. März 2022 war Martha Schad zu Gast, um über diese besondere Korre­spondenz zu sprechen, aber auch die Hinter­gründe der Entstehung ihres Buches zu erläutern. Knapp 50 Mitglieder und Freunde des Verbandes waren der Einladung der Vorsit­zenden, Agnes Sires, gefolgt, die auch thema­tisch in die Lesung einführte. Neben Schad waren die Stimm- und Sprach­the­ra­peutin Dagmar Tuschy-Nitsch aus München und der Kunst­his­to­riker und Publizist Peter Morsbach aus Regensburg zu Gast. Tuschy-Nitsch als Cosima Bülow-Liszt und Morsbach als König Ludwig II lasen einige der Briefe vor, die Schad dann mit den entspre­chenden Erläu­te­rungen kommen­tierte. Da gab es viel Schwär­me­ri­sches seitens des Königs, viel weibliche Diplo­matie seitens Cosima. Es gab heitere Anekdoten, aber auch ernste Momente, als König Ludwig, scheinbar seiner Regent­schaft satt, über einen Rücktritt sinnierte.

Cosimas erster Brief an König Ludwig ist vom 20. August 1865 datiert, in Pesth verfasst und beginnt mit den Zeilen: „Allgroß­mäch­tigster König! Aller­gnä­digster König und Herr! Darf ich es wagen, Eurer Majestät zu Aller­höchst-Deren Geburts­tags­feste mit untert­hä­nigstem Glück­wunsche und einer geringen Gabe mich zu nahen? … So habe ich mich denn erkühnt, Eurer Majestät in einer schlichten Arbeit die Symbole der hohen Werke zusam­men­zu­stellen, welche Eure König­liche Majestät durch die hehrste That sich zu eigen gewonnen. Des Holländer’s Schiff, Tannhäuser’s Stab, Lohengrin’s Schwan, Siegfried’s Schwert, Tristan’s Schaale ich habe sie auf den grünen Grund der Hoffnung gestickt, – deren Panier Eure König­liche Hand in trübster Nacht geschwungen, und mit den Blumen umgeben welche den Erlöser Parzival am Charfreitag so wunderbar entge­gen­blühen …“ Es folgt eine längere Abhandlung über die Kunst im Allge­meinen, und der erste Brief endet dann mit den Zeilen: „Und so rufe ich dann Heil dem ‚leuch­tenden Tag‘, Heil dem ‚Wecker des Lebens‘, Heil dem ‚siegenden Lichte!‘ In tiefster Ehrfurcht verharre ich Eurer König­lichen Majestät treu gehor­samste Dienerin Cosima von Bülow Liszt“.

Wesen­donck-Lieder in vorzüg­licher Interpretation

Rafaela Fernandes – Foto © Agnes Sires

Diese letzten Zeilen, der Wagner-Kenner wird es sofort bemerken, sind Zitate aus dem dritten Aufzug und der dritten Szene aus Wagners Siegfried. Damit trifft sie bei dem für Wagners Werke in schwär­me­ri­scher Ekstase geratenen König genau ins Schwarze. Ludwig lässt es sich nicht nehmen und antwortet schon sechs Tage später mit einem von Opern­zi­taten Wagners gespickten Dankes­schreiben, das in seiner Diktion dem Briefe Cosimas in nichts nachsteht. Tuschy-Nitsch und Mosbach rezitieren die Briefe in so stilvoller Diktion, dass man meinen könnte, Cosima und Ludwig persönlich läsen aus ihren Briefen vor. Musika­lisch untermalt wird die Lesung mit den Wesen­donck-Liedern. Sie sind ein Lieder­zyklus von Richard Wagner nach Gedichten von Mathilde Wesen­donck. Die Fünf Gedichte für Frauen­stimme und Klavier entstanden in den Jahren 1857 und 1858. Wagner lebte ab 1852 in seinem Schweizer Exil in Zürich und fand in Mathilde Wesen­donck eine Muse, deren Mann Otto ihn finan­ziell und ideell unter­stützte. Dem Verhältnis der beiden stand aller­dings auf der einen Seite Mathildes Ehemann und auf der anderen Seite Wagners damalige Ehefrau, Minna, im Wege, so dass sich eine wirkliche Liebes­be­ziehung nicht entwi­ckeln konnte. Das Verhältnis bestand bis zum plötz­lichen Ende, als Minna einen Brief Wagners an Mathilde abfing und einen Bruch provo­zierte, vor allem in unerfüllter Sehnsucht zuein­ander, was sich in Wagners Oper Tristan und Isolde wider­spiegelt. Zwei Lieder aus diesem Zyklus bezeichnete Wagner ausdrücklich als Studien zu Tristan und Isolde (Im Treibhaus und Träume). Das Lied Träume instru­men­tierte Wagner selbst im Dezember 1857 für Solovioline und kleines Orchester. Felix Mottl schuf die Instru­men­tation des Zyklus für großes Orchester, wobei er für Träume die erwähnte Bearbeitung Wagners übernahm.

Rafaela Fernandes, Stipen­diatin des Nürnberger Richard-Wagner-Verbandes, trägt diesen Lieder­zyklus in drei Abschnitten zwischen den Lesungen vor. Die junge Sopra­nistin weiß mit einer reifen Stimme, einer kräftigen Mittellage und jugendlich-drama­ti­schen Höhen zu begeistern. Auch vermag sie durch ihren gesang­lichen Ausdruck, durch eine saubere Dekla­mation und eine sehr gute Textver­ständ­lichkeit zu überzeugen. Sie spielt mit ihrer Stimme, weiß Farben und Phrasie­rungen gut einzu­setzen, was ihr vor allem im vierten Lied Schmerzen wunderbar gelingt. Sie wird bei ihrem Vortrag von Tobias Hartlieb am Flügel sehr gefühlvoll begleitet. Das letzte Lied Träume, das dieselbe Einleitung hat wie im Tristan das O sink hernieder Nacht der Liebe, wird von Fernandes sehr lyrisch und verträumt dargeboten.

In die verklin­genden letzten Töne rezitiert Mosbach den Kondo­lenz­brief Ludwigs II an Cosima vom 16. Februar 1883 anlässlich des Todes Wagners drei Tage zuvor. „Hochver­ehrte Frau! Theuere Freundin! Unmöglich ist es mir, Ihnen den tiefen Schmerz zu schildern, der meine Seele erfüllt über den furcht­baren, unersetz­lichen Verlust, den Wir erlitten hatten …“ Ludwigs Trauer über den Verlust des „geliebten Freundes“ ist echt, und man kann die körper­liche Qual des Regenten förmlich spüren. Den Brief schließt er mit den Worten: „Wie liebe ich Sie um der starken Liebe willen, der Sie so unerschüt­terlich treu Ihm, dem Unver­gess­lichen geweiht und ihm das Leben dadurch verschönt und zu einem glück­lichen gestaltet zu haben. In herzlicher Anhäng­lichkeit immerdar Ihr und der theuren Ihrigen unwan­delbar treuer Freund Ludwig.“

Die Lesung ausge­wählter Briefe zwischen Cosima und Ludwig, ergänzt durch die fachkun­digen Kommentare von Martha Schad und musika­lisch stilvoll untermalt mit den Wesen­donck-Liedern war auch für einge­fleischte Wagne­rianer ein beson­derer Nachmittag mit vielen neuen Erkennt­nissen, die noch lange nachhallen werden.

Andreas H. Hölscher

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