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Schauspielhaus Nürnberg - Foto © Matthias Dengler

Bits und Bytes auf dem Vormarsch

Gelder zur Entwicklung der Digita­lität des Theaters sind auch schon in anderen Häusern geflossen. Von Inhalten, abgesehen von dem einen oder anderen Gimmick, sieht man aller­dings bislang wenig. Jetzt hat das Staats­theater Nürnberg die bundesweit erste digitale Spiel­stätte unter dem origi­nellen Namen Extended Reality Theater eröffnet, die zur nächsten Spielzeit im dritten Oberge­schoss des Gebäudes ihre Arbeit aufnehmen wird.

Roman Senkl und Nils Corte – Foto © Nils Lucas

Die Digita­li­sierung ist ein wesent­licher gesell­schaft­licher Trans­for­ma­ti­ons­prozess, der uns alle betrifft“, sagt Jan Philipp Gloger, Schau­spiel­di­rektor am Staats­theater Nürnberg. „Wenn Theater Gegenwart beschreiben will, muss es hier aktiv mitspielen.“ Ein großes Wort, gelassen ausge­sprochen. Was aber ist eigentlich Digita­li­sierung? Zunächst einmal versteht man darunter wertfrei die Umwandlung physi­scher Objekte in Formate, die sich „zu einer Verar­beitung oder Speicherung in digital­tech­ni­schen Systemen“ eignen. Als Beispiel soll hier eine Buchseite dienen. Man kann sie „einscannen“, dann steht sie im Computer als Bild zur Verfügung, man kann sie abspei­chern. Inter­es­santer ist es, den Inhalt der Buchseite im digital­tech­ni­schen System, also dem Computer, verfügbar zu machen, etwa indem man sie abtippt und sie somit als bearbeit­barer Text zur weiteren Verar­beitung vorhanden ist. Dieses einfache Beispiel kann man jetzt in jeder nur erdenk­lichen Dimension weiter­denken. Das ist Problem und Chance zugleich. Wo sind die – zum Beispiel ethischen – Grenzen, wo müssen Grenzen des heute Vorstell­baren überschritten werden? Und was bedeutet das für das Theater?

Bislang hat die Kultur dieses Thema geradezu sträflich vernach­lässigt. Und läuft damit der Wirklichkeit um Jahre hinterher. Deutlich sichtbar wurde das bei den Auftritts­ver­boten während der Pandemie. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte sich kein Stadt- oder Staats­theater, Opernhaus oder Konzertsaal mit der digitalen Welt – heute spricht man von einer erwei­terten Wirklichkeit – auch nur ansatz­weise ausein­an­der­ge­setzt. Selbst während der Pandemie, als es entscheidend darum ging, das Publikum an sich zu binden, um es nicht an Strea­ming­dienste zu verlieren, gab es lediglich ein paar taktische Maßnahmen. Alte Filmauf­nahmen von Auffüh­rungen wurden unbear­beitet ins Netz gestellt, ein paar Videos gedreht, die teilweise in ihrer Qualität kaum zu unter­bieten waren. Hier und da gab es einen virtu­ellen Konzertsaal oder eine „lustige“ Serie von Video­clips. Nicht einmal andeu­tungs­weise wurde klar, dass irgendein Kultur­ar­beiter sich mit dem Thema ausein­an­der­setzte. Umso deutlicher die Ablehnung der digitalen Welt. „Das Theater gehört auf die analoge Bühne“, war in dieser Zeit immer wieder zu hören.

Es kam, was kommen musste. Mit dem Ende der Auftritts­verbote erlosch das Interesse der Kultur­ar­beiter an digitalen Möglich­keiten schlag­artig. Trotz finan­zi­eller Anreize aus der Politik, die von ohnehin hochsub­ven­tio­nierten Häusern einge­strichen wurden, ohne dass man davon je wieder gehört hätte, sind die Kultur­in­sti­tu­tionen wieder zur vorma­ligen täglichen Routine zurück­ge­kehrt, als sei nichts geschehen. Als existierte die digitale Welt außerhalb der Theater­mauern überhaupt nicht. Da darf man die Aktion am Theater Augsburg, das 3D-Brillen nach Hause verschickte, um sich dort ausge­suchte Produk­tionen anzuschauen, schon als histo­rische Großtat werten.

Digitaler Vorstoß in Nürnberg

Schau­spiel­di­rektor Jan Philipp Gloger – Foto © Konrad Fersterer

Nun also gibt es den Vorstoß des Nürnberger Staats­theaters. „Mit dem XRT in der dritten Etage des Schau­spiel­hauses schaffen wir am Staats­theater Nürnberg einen einzig­ar­tigen Ort für digitale Theater­formen und digitale Schau­spiel­kunst“, erklärt Gloger. XRT steht dabei für Extended Reality Theater. Einmal mehr zeigt sich bei der Namens­gebung die Kultur von ihrer fanta­sie­losen und Amerika-lastigen Seite. Extended reality bedeutet erwei­terte Wirklichkeit, und theater ist die ameri­ka­nische Schreib­weise für Theater. Da hätte man sich als Liebhaber der deutschen Sprache auch einen aufre­gen­deren Namen vorstellen können, um die auser­ko­renen Zielgruppen anzusprechen. „Dank der eigenen Spiel­stätte werden virtuelle Welten buchstäblich begreifbar – für ein Stamm- und Stadt­pu­blikum, für eine neu wachsende Community und natürlich auch für eine poten­ziell sehr junge Zielgruppe“, beschreibt Gloger die Menschen, die er mit dem Projekt in Zukunft erreichen möchte.

Um das Vorhaben umzusetzen, reicht es nicht, eine neue Spiel­stätte einzu­richten, die in der nächsten Saison in Betrieb gehen und etwa 100 Besuchern Platz bieten wird. Intendant Jens-Daniel Herzog hat deshalb den Regisseur und Autor Roman Senkl und den Program­mierer und Autor Nils Corte verpflichtet. Damit kommen nach Aussage des Theaters „zwei Digital­thea­ter­macher der ersten Stunde“ nach Nürnberg. Seit mehr als 15 Jahren loten die beiden die Möglich­keiten des Theaters in einer sich digital trans­for­mie­renden Welt aus, ist zu hören. „Die Digita­li­sierung erschafft neue Techno­logien, die großen Einfluss darauf haben, wie wir arbeiten, kommu­ni­zieren und zusam­men­leben. Im XRT wollen wir mit diesen Techno­logien spielen und uns mit ihren Möglich­keiten, aber auch ihren Gefahren künst­le­risch ausein­an­der­setzen“, sagt Corte. Dazu sollen auch Gäste einge­laden werden, wie etwa die Regis­seurin Cosmea Spelleken und das Kollektiv Cyber­Räuber, die in der kommenden Spielzeit originäre Produk­tionen für das XRT erarbeiten. Das Umfeld stimmt bereits. Denn die Spiel­stätte im dritten Stock des Theaters wird mit so ziemlich allem ausge­stattet, was erfor­derlich ist, um Theater der Zukunft zu gestalten. LED-Leinwand für virtuelle Bühnen­bilder, Live-Tracking- und Motion-Capturing-Systeme sind nur einige der Techniken, mit denen sich die Kultur­ar­beiter ausein­an­der­setzen können. Und dann auch entscheiden müssen, mit welchen dieser Techniken sich auch die Zuschauer befassen müssen. „Der hybride Bühnenraum ermög­licht es uns, die oftmals unsicht­baren Verbin­dungs­linien zwischen Algorithmen und Alltag erfahrbar zu machen“, erklärt Senkl. „Im XRT wollen wir die Wirklichkeit, in der Digitales und Analoges längst vielschichtig mitein­ander verknüpft sind, reflek­tieren, gestalten und bespielen. Und das Ganze soll natürlich auch Lust und neugierig machen.“

Corte und Senkl kennen das Nürnberger Staats­theater bereits aus der Spielzeit 202122. Damals experi­men­tierten sie mit Motion Capturing, einem Prozess, bei dem die physi­schen Bewegungen des Schau­spielers erfasst und anschließend anhand digitaler Figuren­mo­delle nachge­bildet werden. Diese Erfah­rungen werden sie mit Mythos P.A.N. weiter entwi­ckeln, einem Theater­projekt, das am 23. Juni die Spiel­stätte offiziell in Betrieb nehmen soll. Damit wird die Beschäf­tigung des Theaters mit der Digita­li­sierung, die nach eigenen Angaben bereits seit fünf Jahren währt, einen vorläu­figen Höhepunkt erleben. „Die Gründung des XRT ist eine logische Weiter­ent­wicklung unserer Digital­stra­tegie und ein spannendes Angebot an unser Publikum“, ist deshalb Intendant Herzog überzeugt.

Michael S. Zerban

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