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Foto © Andreas H. Hölscher

Ein Hauch neuer Sachlichkeit

Am 10. Mai hielt der Publizist und Wagner­ex­perte Frank Piontek beim Nürnberger Richard-Wagner-Verband einen spannenden Vortrag über Siegfried Wagner in seiner Rolle als Festspiel­leiter in Bayreuth, wunderbar begleitet von der Sopra­nistin Rebecca Broberg.

Frank Piontek – Foto © Andreas H. Hölscher

Zu einem ganz beson­deren Vortrag lud der Richard-Wagner-Verband Nürnberg am 10. Mai. Frank Piontek, Publizist und Wagner­ex­perte, war aus Bayreuth angereist, um über die Zeit von Siegfried Wagner als Festspiel­leiter in Bayreuth zu referieren. Frank Piontek wurde 1964 in Berlin-Schöneberg geboren. Er studierte Altger­ma­nistik, Neue Deutsche Philo­logie und Philo­sophie in Berlin und Bayreuth. Seit 1988 lebt er in Bayreuth, wo er im vergan­genen Jahr auch die Einfüh­rungs­vor­träge für die Bayreuther Festspiele hielt. Piontek hat viele Aufsätze und Artikel über Musik­theater, Kunst und Literatur publi­ziert. Zahlreiche Vorträge und Lesungen unter anderem in Bayreuth, Leipzig, Salzburg, Paris, Berlin, Kassel, Bamberg, Verona, Venedig. Regie- und Drama­turgie-Hospi­tanzen führten ihn an die Semperoper Wien, die Wiener Staatsoper und an das E.T.A.-Hoffmann-Theater Bamberg. Zahlreiche Bücher und Schriften über Richard Wagner wurden durch ihn in den letzten Jahren veröffentlicht.

Im Mittel­punkt des über 90 Minuten dauernden und freige­hal­tenen Vortrages steht dabei die nicht unumstrittene Zeit von Siegfried Wagner als Leiter der Bayreuther Festspiele von 1908 bis 1930. Siegfried Wagner war das dritte Kind von Richard Wagner und Cosima Freifrau von Bülow, einer Tochter von Franz Liszt. Damit er den Nachnamen Wagner führen konnte, wurde Siegfried erst im Alter von vierzehn Monaten, am 4. September 1870, getauft. Eine Heirat der Eltern war erst in jenem Jahr möglich, nachdem Cosimas Scheidung von Hans von Bülow rechts­kräftig geworden war. Im Jahr 1870 kompo­nierte Richard Wagner anlässlich der Geburt seines Sohnes das Siegfried-Idyll, eine Kammer­mu­sik­kom­po­sition, die auf Motiven aus der Oper Siegfried beruht und als Geburts­tags­ge­schenk für Cosima gedacht war. Nach dem Tod des Vaters 1883 trug sich Siegfried Wagner zunächst mit dem Gedanken an ein Studium der Archi­tektur, wandte sich aber dann doch der Musik zu. Seine musika­lische Ausbildung erhielt er bei Engelbert Humper­dinck und Julius Kniese. Seit 1896 trat Siegfried Wagner auch als Dirigent bei den Bayreuther Festspielen hervor. Im Jahr 1908 übernahm er von seiner Mutter die Leitung der Bayreuther Festspiele. Mit unermüd­lichem Arbeits­eifer gelang es ihm, die mit Beginn des Ersten Weltkrieges unter­bro­chene Festspiel­tra­dition 1924 wieder aufzunehmen.

Zur Finan­zierung der kostspie­ligen Festspiele – der Karten­verkauf hatte damals noch keineswegs den heutigen Umfang – unternahm Wagner regel­mäßig Konzert­reisen als Dirigent, so zum Beispiel Anfang 1924 in die Verei­nigten Staaten. Er dirigierte dabei wechselnde Orchester. Die Tournee hatte aller­dings nur mäßigen Erfolg: Statt der erhofften 200.000 Dollar blieben nur weniger als 10.000 Dollar für den geplanten Zweck. 1914 kündigte Wagner an, das gesamte Wagner-Erbe in eine Richard-Wagner-Stiftung des deutschen Volkes umzuwandeln. Im Jahre 1915 heiratete er auf Betreiben seiner Mutter die Englän­derin Winifred Williams, die Pflege­tochter Karl Klind­worths. Der Ehe mit der späteren Bayreuther Festspiel­lei­terin entstammen vier Kinder: Wieland, Friedelind, Wolfgang und Verena Wagner. In den Jahren nach 1924 bemühte sich Siegfried Wagner um eine zeitgemäße Moder­ni­sierung der Festspiel­auf­füh­rungen, insbe­sondere auch durch die Verpflichtung des Bühnen­bildners Kurt Söhnlein. Am 1. April 1930 starb seine Mutter Cosima, zu der er ein inniges Verhältnis hatte. 1930 war zudem eine Neuin­sze­nierung des Tannhäuser geplant. Dafür verpflichtete Siegfried Wagner den zu dieser Zeit bedeu­tenden italie­ni­schen Dirigenten Arturo Toscanini. Die Proben zur Aufführung erwiesen sich in dem heißen Festspiel­sommer als äußerst anstrengend. Siegfried Wagner erlitt am 18. Juli 1930 bei einer der Proben einen Herzin­farkt, von dem er sich nicht mehr erholte. Er starb am 4. August 1930 und wurde auf dem Stadt­friedhof in Bayreuth beigesetzt. Nach Siegfrieds Tod übernahm seine Witwe Winifred bis 1944 die Festspielleitung.

Eröffnung

Die Vorsit­zende des Nürnberger Richard-Wagner-Verbandes, Agnes Simona Sires, erinnerte in Ihrer Begrü­ßungs­an­sprache an das Symposium, das der Verband im Oktober 2019 zum 150. Geburtstag von Siegfried Wagner ihm zu Ehren veran­staltet hatte. Der Schwer­punkt des Sympo­siums war vor allem auf den Werdegang Siegfried Wagners als Komponist und Dirigent ausge­richtet und fand mit fachlicher Unter­stützung der Inter­na­tionen Siegfried-Wagner-Gesell­schaft aus Bayreuth statt. Im Rahmen des Sympo­siums gab es ein Grußwort von Katharina Wagner, der jetzigen Leiterin der Bayreuther Festspiele und Urenkelin Richard Wagners. Aus diesem Grußwort zitiert Agnes Sires die folgenden Zeilen: „Siegfried Wagner, der einzige Sohn seiner übermäch­tigen Eltern Richard Wagner und dessen Frau Cosima, der Tochter Franz Liszts, ist genea­lo­gisch gesehen zwar mein Großvater, für mich jedoch vorrangig eine Persön­lichkeit der Festspiel­ge­schichte, der ich mit überwiegend histo­ri­schem Interesse begegne. Fast ein halbes Jahrhundert liegt zwischen seinem Tod und meiner Geburt. Einst ein ebenso erfolg­reicher Künstler als Komponist, Dirigent, Bühnen­bildner und Regisseur wie auch vor allem bedeutend als Festspiel­leiter, geriet er nach seinem frühen Tod rasch in Verges­senheit, wurden sein Werk und seine Lebens­leistung für den Erhalt und die Entwicklung der Bayreuther Festspiele sehr lange von anderem überlagert, verdrängt und oftmals gering­ge­schätzt. Heute ist er ungeachtet mancher Bemühungen noch immer ein weitgehend Unbekannter.“ Katharina Wagner bezeichnet ihren Großvater Siegfried als „ein echter wahrer Wagner!“ Nach der Einleitung durch Sires war es an Achim Bahr, dem Vorsit­zenden der Inter­na­tio­nalen Siegfried-Wagner-Gesell­schaft, ein Grußwort an die Gäste zu richten, bei dem er besonders auf den durch Siegfried Wagner einge­lei­teten Weg Bayreuths in die Moderne und dem Neubeginn 1924 zu sprechen kommt. Bahr weist auch auf die aktuellen Veran­stal­tungen der Gesell­schaft im Stein­gräber-Haus in Bayreuth hin und beendet sein Grußwort mit einem bemer­kens­werten Zitat der großen Wagner-Sängerin Martha Mödl: „Siegfried Wagner hatte das Pech, der Sohn von Richard und der Vater von Wieland zu sein.“

Damit war der Boden bereitet für den Vortrag über Siegfried Wagner als Festspiel­leiter in Bayreuth. Piontek, der auch Ehren­mit­glied im Nürnberger Richard-Wagner-Verband ist, weist zu Beginn darauf hin, dass es in diesem Vortrag nicht um das viel- und heiß disku­tierte Feld der Politik gehen soll, auch wenn eine Geschichte der Bayreuther Festspiele, zumal unter Wagner, ohne den Einschluss eben dieser Politik unvoll­ständig sei. Die Winifred-Wagner-Biografin Brigitte Hamann, Bernd Buchner, Verfasser eines Buchs über die Geschichte der Bayreuther Festspiele zwischen Kunst und Politik, und andere Autoren haben Diffe­ren­ziertes zu dem Thema gesagt. „Hier gilt’s allein der Kunst und der Tätigkeit Wagners als künst­le­ri­scher und adminis­tra­tiver Festspiel­leiter, was Speku­la­tionen über den Zusam­menhang zwischen Kunst und Politik nicht ganz ausschließen mag“, sagt Piontek.

Konträre Auffas­sungen

In seiner Einleitung spricht Piontek über das, was viele bei der Erwähnung des Namens Siegfried Wagner denken oder assozi­ieren. Der vielleicht letzten Endes erfolglose, wenn auch inter­es­sante Opern­kom­ponist, der Verfer­tiger von Werken, die der Volksmund gern als „konser­vativ“ abtut und selbst bei denen, die es besser wissen müssten, unterm Strich als altbacken gilt. Typisch, so Piontek, sei etwa die Aussage Hans Mayers, dass Siegfried Wagners Opern nicht notwendig gewesen seien, anders als die Werke Richard Wagners, die eine tiefen gesell­schaft­lichen und musika­li­schen Urgrund besitzen. Heute weiß man es, nach den psycho­lo­gisch fundierten Erkennt­nissen des Drama­turgen Peter Paul Pachl und seiner Mitstreiter, der Gruppe der Siegfried-Wagne­rianer, wesentlich besser. „Natürlich wird der Fachmann und der Laie auch an den Festspiel­leiter denken, der, als Sohn des Festspiel­gründers und einer Mutter, die die Festspiele nach dem Tod ihres Mannes konso­li­dierte, die Festspiele in zwei Phasen fortführte – und auch diese Arbeit gilt im Allge­meinen als konser­vativ, also bewahrend, was in der Regel nicht als wertbe­ständig, sondern eher als verkrustet definiert wird“, führt Piontek in seiner Vorstellung Siegfried Wagners aus. Er weist darauf hin, dass jene Siegfried-Wagner-Kritiker, die auf den Festspiel­leiter ebenso kritisch und undif­fe­ren­ziert hinun­ter­schauen wie auf den Kompo­nisten, kaum die These abwehren können, dass der Mann, der während der frühen Moderne des 20. Jahrhun­derts lebte und arbeitete, sich zumindest teilweise aus dem Schatten heraus­ge­ar­beitet hat, den seine Mutter, in ihrer Funktion als Festspiel­chefin und, was nicht vergessen werden darf, als Festspiel-Regis­seurin, seit 1883 auf das Unter­nehmen warf. Dass Wagners Persön­lichkeit keine revolu­tionäre, ja: scheinbar eine konfor­mis­tische war, womit er sich radikal von seinem Vater unter­schied, ist bekannt, dürfte auch Rückschlüsse auf die Art und Weise zulassen, wie er an die Praxis der Festspiele heranging, die er mit 38 Jahren übernahm.

Das Erbe der Herrin vom Hügel

Cosima Wagner hatte das „Unter­nehmen Bayreuth“ vierund­zwanzig Jahre geleitet, dabei jedoch nicht vierund­zwanzig Festspiele organi­siert. Noch unter Siegfried Wagner gibt es Pausen­jahre, so dass die Mutter es auf fünfzehn und der Sohn es insgesamt, also vor und nach dem Ersten Weltkrieg, auf neun Spiel­zeiten bringt. Keine zehn Bayreuther Sommer, das ist nicht viel, zumal fünf der Saisons in die Zeit nach dem Krieg fallen, in der aus finan­zi­ellen Gründen weniger möglich war als erträumt, erläutert Piontek in seiner Analyse.  Das erkläre zumindest teilweise die ästhe­tische Ausrichtung des Mannes, der als Chefre­gisseur darüber bestimmen konnte, was und wie etwas auf die Bühne kommen konnte. Wieland Wagner, dem nur kurze fünfzehn Jahre zur Verfügung standen, um das Gesicht der Festspiele in eine andere Richtung zu drehen, konnte unter ganz anderen Umständen eine Neuaus­richtung vornehmen. „Wir müssen uns Wagner auch als schöp­fe­ri­schen Künstler vorstellen“, erklärt Piontek. Der Weg begann nicht erst 1907, im Jahr der Übertragung der Festspiel­leitung auf den einzigen Sohn. Cosima Wagner fasste es in die Worte: „Er war ja schon längst der eigent­liche Bühnen­leiter und Organi­sator.“ Tatsächlich war Wagner schon vorher bei den Proben anwesend, wenn er nicht gerade das Orchester einstu­dierte. Von Cosima Wagner übernahm er eine Ästhetik, die man als klassi­zis­tisch geprägte Ausdrucks- und Natur­kunst bezeichnen könnte, wobei strikte Experi­mente mit den Werken Richard Wagners ausge­schlossen waren. Trotzdem gab es bereits im Bayreuth Cosima Wagners Änderungen an den ursprüng­lichen Konzepten, vor allem an der Gestik und an den Kostümen, die beim Ring von 1896 – der ersten Insze­nierung nach der Premiere von 1876 – augen­fällig waren. Es war diese Insze­nierung, nicht die vom Kompo­nisten geleitete, die das Bild einer „normalen“ Ring-Insze­nierung lange Zeit bestimmte. Wesentlich unter­stützt wurden die Festspiele seit ihrer Gründung von den Gebrüdern Brückner, die in ihrem Coburger Maler­atelier jene Dekora­tionen und Bühnen­bilder herstellten, die über die Kritik der meisten Auffüh­rungen entschied. Wurde Cosima Wagners Regie­arbeit als minder­wertig abgekanzelt, so ernteten die Gebrüder Brückner mit ihren quasi natura­lis­ti­schen Bühnen­ent­würfen doch stets das Lob der Besucher. Sie waren alles andere als von Gestern, auch wenn ihre Ästhetik am Ende ihrer Karriere nicht mehr up to date war. Trotzdem muss festge­halten werden, dass die herkömm­liche Einschätzung der beiden als Sachwalter eines konser­va­tiven, undif­fe­ren­ziert indus­tri­ellen Geschmacks, wie sie Oswald Georg Bauer noch in seiner Festspiel­ge­schichte verbreitete, aus den Geschichts­bü­chern gestrichen werden muss. Noch 1989 konnte man anlässlich einer Bayreuther Ausstellung über die Gebrüder Brückner von der „braunen Soße“ reden, die die Malerei der Coburger auszeichnete, von der Repro­duk­ti­ons­äs­thetik eines indus­tri­ellen Zeitalters, das auch die Bühnen­kunst einer mehrfachen Verwertung unterwarf.

Die kolpor­tierte Aussage Cosima Wagners, dass auf der Dekoration des ersten Parsifal noch „das Auge des Meisters geruht habe“ und daher sakro­sankt sei, mag gefallen sein – tatsächlich wurden noch zu Lebzeiten der Künst­ler­witwe Modifi­ka­tionen des Bühnen­bilds vorge­nommen, die auf eine Verbes­serung der Optik abzielten. Siegfried Wagners eigene Entwürfe zielten dort, wo es drama­tur­gisch geboten war wie im zweiten Parsifal‑Akt, auf eine lichte und helle Szene, doch tut man den Brückners Unrecht, die vier Jahre nach Wagners Dienst­an­tritt ihre letzten Bayreuther Bilder entwarfen. Dass sie 1908 in den offizi­ellen Mittei­lungen der Festspiele nicht genannt wurden, lässt übrigens einen tiefen Blick in die Bayreuther Werkstatt zu. Es gab keinen vernünf­tigen Grund für das Verschweigen der Produ­zenten jener Bilder, die bei der Presse und bei den Zuschauern gut ankamen. Statt­dessen sugge­rierte man, dass auch die Bühne von Wagner entworfen worden war.

Siegfried Wagner als Regisseur 

Siegfried Wagner war ja nicht nur Festspiel­leiter, sondern auch Regisseur der Werke seines Vaters. Diese Tätigkeit bildet den Haupt­anteil von Pionteks Vortrag, die er mit vielen histo­ri­schen Fotos und Musik­ein­spie­lungen belegt. Wagner hat sich bereits 1896 in die Regie der Festspiele einge­bracht, als er im neu insze­nierten Ring des Nibelungen mit Wolken­schleiern arbeitete, womit er recht eigentlich Licht­regie führte. „Diese Wolken­schleier“, schrieb der spätere Bayreuther Chef-Bühnen­bildner Kurt Söhnlein, „waren und blieben bis zu aller­letzt Siegfrieds theatra­lische Lieblings­ob­jekte“. Sie waren „die Vorstufe zu den raffi­nierten Beleuch­tungs- und Projek­tions-Apparaten, die dergleichen heute bewerk­stel­ligen“. Wagner hat sich 1901 auch beim Fliegenden Holländer, 1904 beim Tannhäuser und 1906 beim Tristan in dieser Richtung engagiert. Hier fiel die Licht-Regie besonders auf, die man als psycho­lo­gisch bezeichnen kann: dem Nachtblau der Duett-Szene des zweiten Akts folgte beim Auftritt König Markes ein helles und hartes Licht, und Tristans Fieber wurde mit einem sehr grellen Licht zusätzlich gesteigert. So nutze Wagner die Errun­gen­schaften der Technik, um wenigstens ansatz­weise die Moderne auf die Bayreuther Bühne zu bringen.

Das ästhe­tische Programm, das für seine gesamte Regie­rungszeit mehr oder wenig über gültig war, hat der Festspiel­leiter bereits früh für eine Zeitungs­um­frage formu­liert. Er vermöge sich nicht „ganz zu der einen oder anderen Richtung zu bekennen“, also weder zu irgend­einem Fortschritt noch zu einer Tradition. Statt­dessen bevorzuge er die Richtung der „Einfachheit“. Es ginge ja darum, das „Drama“ zur „vollen Geltung zu bringen“, wobei ihm die „Einfachheit“ als beste Möglichkeit erschiene, eben dieses Drama zu reali­sieren. Die Götter­däm­merung könne man ja auch nicht insze­nieren wie ein Stück von Ibsen, und für die Pariser Oper könne man nicht dieselben Prinzipien anwenden wie für das Deutsche Theater in Berlin, an dem Max Reinhardt seine Aufsehen erregenden Regie­ar­beiten einem staunenden Publikum präsen­tierte – was nicht bedeutete, dass Wagner alles guthieß, was aus Reinhardts Theater kam. Was Ihr wollt fand Wagner 1907 „ekelhaft“, nicht berau­schend. Typisch ist weiterhin die Aussage, dass „wir hier in Bayreuth“ beson­deren Wert auf die Beleuchtung, auf die zarten Übergänge, mit Vermeidung roher Effekte legen – Vermeidung roher Effekte. Es weist auf eine charak­te­ris­tische Spiel-Art hin, die Wagners Insze­nie­rungen wohl auszeichneten.

Spätere Insze­nie­rungen aber sollten zeigen, dass die so genannte „Einfachheit“ auch bei Wagner nicht immer umgesetzt wurde. Bei allen Einschät­zungen muss man jedoch bedenken, dass es mit Hilfe der überlie­ferten Quellen kaum möglich ist, ein wider­spruchs­freies Bild seiner Regie­ar­beiten zu gewinnen. Da die Einschät­zungen der Kritiker und Beobachter natürlich immer subjektiv sind, ist es oft unmöglich, sich abseits der wenigen überlie­ferten Schwarzweiß-Fotos und Bühnenbild-Skizzen ein wirklich­keits­ge­treues Bild einer echten Aufführung zu machen. Vieles bleibt im Dunkeln, und ob etwas noch „einfach“ oder eher „kompli­ziert“ über die Rampe kam, lag und liegt bis heute im Auge des Betrachters.

Die Wacht am Rhein

Rebecca Broberg – Foto © Andreas H. Hölscher

Zum Ende seines Vortrages wird es dann doch noch politisch. Piontek erzählt dabei die Anekdote, dass Siegfried Wagner es überhaupt nicht mochte, wenn das Publikum in Bayreuth anno 1924 nach einer Vorstellung der Meister­singer von Nürnberg aufstand und die deutsche Natio­nal­hymne sang. „Demnächst singen sie noch die Wacht am Rhein“, zitiert Piontek Siegfried Wagner. In seinem Resümee fasst Piontek die Leistungen Siegfried Wagners wie folgt zusammen. Es genügte, dass er die Festspiele nach der offizi­ellen Amtsüber­nahme weiterhin konso­li­dierte, technisch auf den neuesten Stand brachte und stilis­tisch vorsichtig modifi­zierte. Die Neugründung nach dem Epochen­bruch von 1914 war eine histo­rische Tat, die er mit dem Tannhäuser wohl zu krönen gedachte, ohne die Absicht zu hegen, die Bayreuther Festspiele mit den angesag­testen Stilmitteln auszu­statten. Dass künst­le­risch einiges aufgrund beabsich­tigter Unein­deu­tig­keiten auf der Strecke blieb, war unaus­weichlich. Bayreuth hätte unter seiner Leitung vielleicht ein moder­neres Antlitz gewonnen, wenn er etwas durch­set­zungs­fä­higer oder anders gesagt, weniger freundlich gewesen wäre. Der Festspiel­leiter Siegfried Wagner muss ein sehr zugewandter und humor­voller Direktor gewesen sein. Typisch ist eine Episode aus der Tannhäuser-Zeit: Die Kostüm­bild­nerin Daniela Thode zeigte ihm ihre mittel­al­ter­lichen Kostüme, als Änderungen zeitlich nicht mehr möglich waren, so dass eine Reform auf dieser Ebene ausblieb. Heraus­ge­kommen wäre wohl eine größere Stili­sierung, ein weiterer Schritt in Richtung Sachlichkeit, der schon kurz nach Wagners Tod, unter der Intendanz seiner Witwe, in Bayreuth voran­ge­trieben wurde, als Emil Preetorius seine Ring-Entwürfe schuf. Von hier aber ging es weiter in Richtung jenes Neu-Bayreuth, das Siegfried Wagner an stilis­ti­scher Richtung vielleicht nicht viel, aber doch einiges Wenige verdankt, wofür der Tristan von 1927 ein besseres Beispiel ist als der von Wagner ersehnte neue Tannhäuser von 1927. Ein Hauch neuer Sachlichkeit herrschte auch, wovon die Rede war, in der Neuordnung der Geschäfte im Jahre 1929 und im Engagement eines jungen Bühnen­bildners, weniger auf dem Gebiet des Kostüms; von seinen Licht- und Farbspielen war schon die Rede. Ob man sein repro­duk­tives künst­le­ri­sches Schaffen nun als Teil eines vorsich­tigen Fortschritts, also eines Schritts in die Zukunft oder, was ja auch möglich wäre, als eine technische Innovation inter­pre­tiert, bleibt zuletzt Ansichts­sache der Siegfried-Wagne­rianer und ihrer Gegen­sprecher. Insofern wies auch der Festspiel­leiter Siegfried Wagner, soweit es die Kunst und die Adminis­tration betraf, vielleicht sogar ein wenig über seine Zeit hinaus.

Musika­lische Begleitung

Der mit großem Applaus bedachte, detail­reiche Vortrag von Frank Piontek über die Zeit von Siegfried Wagner als Festspiel­leiter in Bayreuth wird musika­lisch von der Sopra­nistin Rebecca Broberg und dem Pianisten Enrico Rizzo begleitet. Sie eröffnet den musika­li­schen Reigen mit dem Lied Frühlings­blick von Siegfried Wagner, nach einem Gedicht von Nikolaus Lenau. Vor der Pause inter­pre­tiert Broberg mit viel Witz Das Märchen vom dicken, fetten Pfann­kuchen, bei dem Text und Musik aus der Feder Siegfried Wagners stammen, für das sie und ihr Begleiter am Klavier viel Applaus erhalten. Höhepunkt der musika­li­schen Darbietung ist dann zu Beginn des zweiten Teils des Vortrages der hochdra­ma­tische Gesang der Iris aus Siegfried Wagners Oper Sonnen­flammen.

Piontek hat es mal wieder geschafft, einen fesselnden und inhaltlich weit gespannten Vortrag zu halten, der die Person Siegfried Wagners neu einordnet und ihn etwas aus dem Schatten seines übermäch­tigen Vaters und seiner dominanten Mutter treten lässt.

Andreas H. Hölscher

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