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Am 10. Mai hielt der Publizist und Wagnerexperte Frank Piontek beim Nürnberger Richard-Wagner-Verband einen spannenden Vortrag über Siegfried Wagner in seiner Rolle als Festspielleiter in Bayreuth, wunderbar begleitet von der Sopranistin Rebecca Broberg.

Zu einem ganz besonderen Vortrag lud der Richard-Wagner-Verband Nürnberg am 10. Mai. Frank Piontek, Publizist und Wagnerexperte, war aus Bayreuth angereist, um über die Zeit von Siegfried Wagner als Festspielleiter in Bayreuth zu referieren. Frank Piontek wurde 1964 in Berlin-Schöneberg geboren. Er studierte Altgermanistik, Neue Deutsche Philologie und Philosophie in Berlin und Bayreuth. Seit 1988 lebt er in Bayreuth, wo er im vergangenen Jahr auch die Einführungsvorträge für die Bayreuther Festspiele hielt. Piontek hat viele Aufsätze und Artikel über Musiktheater, Kunst und Literatur publiziert. Zahlreiche Vorträge und Lesungen unter anderem in Bayreuth, Leipzig, Salzburg, Paris, Berlin, Kassel, Bamberg, Verona, Venedig. Regie- und Dramaturgie-Hospitanzen führten ihn an die Semperoper Wien, die Wiener Staatsoper und an das E.T.A.-Hoffmann-Theater Bamberg. Zahlreiche Bücher und Schriften über Richard Wagner wurden durch ihn in den letzten Jahren veröffentlicht.
Im Mittelpunkt des über 90 Minuten dauernden und freigehaltenen Vortrages steht dabei die nicht unumstrittene Zeit von Siegfried Wagner als Leiter der Bayreuther Festspiele von 1908 bis 1930. Siegfried Wagner war das dritte Kind von Richard Wagner und Cosima Freifrau von Bülow, einer Tochter von Franz Liszt. Damit er den Nachnamen Wagner führen konnte, wurde Siegfried erst im Alter von vierzehn Monaten, am 4. September 1870, getauft. Eine Heirat der Eltern war erst in jenem Jahr möglich, nachdem Cosimas Scheidung von Hans von Bülow rechtskräftig geworden war. Im Jahr 1870 komponierte Richard Wagner anlässlich der Geburt seines Sohnes das Siegfried-Idyll, eine Kammermusikkomposition, die auf Motiven aus der Oper Siegfried beruht und als Geburtstagsgeschenk für Cosima gedacht war. Nach dem Tod des Vaters 1883 trug sich Siegfried Wagner zunächst mit dem Gedanken an ein Studium der Architektur, wandte sich aber dann doch der Musik zu. Seine musikalische Ausbildung erhielt er bei Engelbert Humperdinck und Julius Kniese. Seit 1896 trat Siegfried Wagner auch als Dirigent bei den Bayreuther Festspielen hervor. Im Jahr 1908 übernahm er von seiner Mutter die Leitung der Bayreuther Festspiele. Mit unermüdlichem Arbeitseifer gelang es ihm, die mit Beginn des Ersten Weltkrieges unterbrochene Festspieltradition 1924 wieder aufzunehmen.
Zur Finanzierung der kostspieligen Festspiele – der Kartenverkauf hatte damals noch keineswegs den heutigen Umfang – unternahm Wagner regelmäßig Konzertreisen als Dirigent, so zum Beispiel Anfang 1924 in die Vereinigten Staaten. Er dirigierte dabei wechselnde Orchester. Die Tournee hatte allerdings nur mäßigen Erfolg: Statt der erhofften 200.000 Dollar blieben nur weniger als 10.000 Dollar für den geplanten Zweck. 1914 kündigte Wagner an, das gesamte Wagner-Erbe in eine Richard-Wagner-Stiftung des deutschen Volkes umzuwandeln. Im Jahre 1915 heiratete er auf Betreiben seiner Mutter die Engländerin Winifred Williams, die Pflegetochter Karl Klindworths. Der Ehe mit der späteren Bayreuther Festspielleiterin entstammen vier Kinder: Wieland, Friedelind, Wolfgang und Verena Wagner. In den Jahren nach 1924 bemühte sich Siegfried Wagner um eine zeitgemäße Modernisierung der Festspielaufführungen, insbesondere auch durch die Verpflichtung des Bühnenbildners Kurt Söhnlein. Am 1. April 1930 starb seine Mutter Cosima, zu der er ein inniges Verhältnis hatte. 1930 war zudem eine Neuinszenierung des Tannhäuser geplant. Dafür verpflichtete Siegfried Wagner den zu dieser Zeit bedeutenden italienischen Dirigenten Arturo Toscanini. Die Proben zur Aufführung erwiesen sich in dem heißen Festspielsommer als äußerst anstrengend. Siegfried Wagner erlitt am 18. Juli 1930 bei einer der Proben einen Herzinfarkt, von dem er sich nicht mehr erholte. Er starb am 4. August 1930 und wurde auf dem Stadtfriedhof in Bayreuth beigesetzt. Nach Siegfrieds Tod übernahm seine Witwe Winifred bis 1944 die Festspielleitung.
Eröffnung
Die Vorsitzende des Nürnberger Richard-Wagner-Verbandes, Agnes Simona Sires, erinnerte in Ihrer Begrüßungsansprache an das Symposium, das der Verband im Oktober 2019 zum 150. Geburtstag von Siegfried Wagner ihm zu Ehren veranstaltet hatte. Der Schwerpunkt des Symposiums war vor allem auf den Werdegang Siegfried Wagners als Komponist und Dirigent ausgerichtet und fand mit fachlicher Unterstützung der Internationen Siegfried-Wagner-Gesellschaft aus Bayreuth statt. Im Rahmen des Symposiums gab es ein Grußwort von Katharina Wagner, der jetzigen Leiterin der Bayreuther Festspiele und Urenkelin Richard Wagners. Aus diesem Grußwort zitiert Agnes Sires die folgenden Zeilen: „Siegfried Wagner, der einzige Sohn seiner übermächtigen Eltern Richard Wagner und dessen Frau Cosima, der Tochter Franz Liszts, ist genealogisch gesehen zwar mein Großvater, für mich jedoch vorrangig eine Persönlichkeit der Festspielgeschichte, der ich mit überwiegend historischem Interesse begegne. Fast ein halbes Jahrhundert liegt zwischen seinem Tod und meiner Geburt. Einst ein ebenso erfolgreicher Künstler als Komponist, Dirigent, Bühnenbildner und Regisseur wie auch vor allem bedeutend als Festspielleiter, geriet er nach seinem frühen Tod rasch in Vergessenheit, wurden sein Werk und seine Lebensleistung für den Erhalt und die Entwicklung der Bayreuther Festspiele sehr lange von anderem überlagert, verdrängt und oftmals geringgeschätzt. Heute ist er ungeachtet mancher Bemühungen noch immer ein weitgehend Unbekannter.“ Katharina Wagner bezeichnet ihren Großvater Siegfried als „ein echter wahrer Wagner!“ Nach der Einleitung durch Sires war es an Achim Bahr, dem Vorsitzenden der Internationalen Siegfried-Wagner-Gesellschaft, ein Grußwort an die Gäste zu richten, bei dem er besonders auf den durch Siegfried Wagner eingeleiteten Weg Bayreuths in die Moderne und dem Neubeginn 1924 zu sprechen kommt. Bahr weist auch auf die aktuellen Veranstaltungen der Gesellschaft im Steingräber-Haus in Bayreuth hin und beendet sein Grußwort mit einem bemerkenswerten Zitat der großen Wagner-Sängerin Martha Mödl: „Siegfried Wagner hatte das Pech, der Sohn von Richard und der Vater von Wieland zu sein.“
Damit war der Boden bereitet für den Vortrag über Siegfried Wagner als Festspielleiter in Bayreuth. Piontek, der auch Ehrenmitglied im Nürnberger Richard-Wagner-Verband ist, weist zu Beginn darauf hin, dass es in diesem Vortrag nicht um das viel- und heiß diskutierte Feld der Politik gehen soll, auch wenn eine Geschichte der Bayreuther Festspiele, zumal unter Wagner, ohne den Einschluss eben dieser Politik unvollständig sei. Die Winifred-Wagner-Biografin Brigitte Hamann, Bernd Buchner, Verfasser eines Buchs über die Geschichte der Bayreuther Festspiele zwischen Kunst und Politik, und andere Autoren haben Differenziertes zu dem Thema gesagt. „Hier gilt’s allein der Kunst und der Tätigkeit Wagners als künstlerischer und administrativer Festspielleiter, was Spekulationen über den Zusammenhang zwischen Kunst und Politik nicht ganz ausschließen mag“, sagt Piontek.
Konträre Auffassungen
In seiner Einleitung spricht Piontek über das, was viele bei der Erwähnung des Namens Siegfried Wagner denken oder assoziieren. Der vielleicht letzten Endes erfolglose, wenn auch interessante Opernkomponist, der Verfertiger von Werken, die der Volksmund gern als „konservativ“ abtut und selbst bei denen, die es besser wissen müssten, unterm Strich als altbacken gilt. Typisch, so Piontek, sei etwa die Aussage Hans Mayers, dass Siegfried Wagners Opern nicht notwendig gewesen seien, anders als die Werke Richard Wagners, die eine tiefen gesellschaftlichen und musikalischen Urgrund besitzen. Heute weiß man es, nach den psychologisch fundierten Erkenntnissen des Dramaturgen Peter Paul Pachl und seiner Mitstreiter, der Gruppe der Siegfried-Wagnerianer, wesentlich besser. „Natürlich wird der Fachmann und der Laie auch an den Festspielleiter denken, der, als Sohn des Festspielgründers und einer Mutter, die die Festspiele nach dem Tod ihres Mannes konsolidierte, die Festspiele in zwei Phasen fortführte – und auch diese Arbeit gilt im Allgemeinen als konservativ, also bewahrend, was in der Regel nicht als wertbeständig, sondern eher als verkrustet definiert wird“, führt Piontek in seiner Vorstellung Siegfried Wagners aus. Er weist darauf hin, dass jene Siegfried-Wagner-Kritiker, die auf den Festspielleiter ebenso kritisch und undifferenziert hinunterschauen wie auf den Komponisten, kaum die These abwehren können, dass der Mann, der während der frühen Moderne des 20. Jahrhunderts lebte und arbeitete, sich zumindest teilweise aus dem Schatten herausgearbeitet hat, den seine Mutter, in ihrer Funktion als Festspielchefin und, was nicht vergessen werden darf, als Festspiel-Regisseurin, seit 1883 auf das Unternehmen warf. Dass Wagners Persönlichkeit keine revolutionäre, ja: scheinbar eine konformistische war, womit er sich radikal von seinem Vater unterschied, ist bekannt, dürfte auch Rückschlüsse auf die Art und Weise zulassen, wie er an die Praxis der Festspiele heranging, die er mit 38 Jahren übernahm.
Das Erbe der Herrin vom Hügel
Cosima Wagner hatte das „Unternehmen Bayreuth“ vierundzwanzig Jahre geleitet, dabei jedoch nicht vierundzwanzig Festspiele organisiert. Noch unter Siegfried Wagner gibt es Pausenjahre, so dass die Mutter es auf fünfzehn und der Sohn es insgesamt, also vor und nach dem Ersten Weltkrieg, auf neun Spielzeiten bringt. Keine zehn Bayreuther Sommer, das ist nicht viel, zumal fünf der Saisons in die Zeit nach dem Krieg fallen, in der aus finanziellen Gründen weniger möglich war als erträumt, erläutert Piontek in seiner Analyse. Das erkläre zumindest teilweise die ästhetische Ausrichtung des Mannes, der als Chefregisseur darüber bestimmen konnte, was und wie etwas auf die Bühne kommen konnte. Wieland Wagner, dem nur kurze fünfzehn Jahre zur Verfügung standen, um das Gesicht der Festspiele in eine andere Richtung zu drehen, konnte unter ganz anderen Umständen eine Neuausrichtung vornehmen. „Wir müssen uns Wagner auch als schöpferischen Künstler vorstellen“, erklärt Piontek. Der Weg begann nicht erst 1907, im Jahr der Übertragung der Festspielleitung auf den einzigen Sohn. Cosima Wagner fasste es in die Worte: „Er war ja schon längst der eigentliche Bühnenleiter und Organisator.“ Tatsächlich war Wagner schon vorher bei den Proben anwesend, wenn er nicht gerade das Orchester einstudierte. Von Cosima Wagner übernahm er eine Ästhetik, die man als klassizistisch geprägte Ausdrucks- und Naturkunst bezeichnen könnte, wobei strikte Experimente mit den Werken Richard Wagners ausgeschlossen waren. Trotzdem gab es bereits im Bayreuth Cosima Wagners Änderungen an den ursprünglichen Konzepten, vor allem an der Gestik und an den Kostümen, die beim Ring von 1896 – der ersten Inszenierung nach der Premiere von 1876 – augenfällig waren. Es war diese Inszenierung, nicht die vom Komponisten geleitete, die das Bild einer „normalen“ Ring-Inszenierung lange Zeit bestimmte. Wesentlich unterstützt wurden die Festspiele seit ihrer Gründung von den Gebrüdern Brückner, die in ihrem Coburger Maleratelier jene Dekorationen und Bühnenbilder herstellten, die über die Kritik der meisten Aufführungen entschied. Wurde Cosima Wagners Regiearbeit als minderwertig abgekanzelt, so ernteten die Gebrüder Brückner mit ihren quasi naturalistischen Bühnenentwürfen doch stets das Lob der Besucher. Sie waren alles andere als von Gestern, auch wenn ihre Ästhetik am Ende ihrer Karriere nicht mehr up to date war. Trotzdem muss festgehalten werden, dass die herkömmliche Einschätzung der beiden als Sachwalter eines konservativen, undifferenziert industriellen Geschmacks, wie sie Oswald Georg Bauer noch in seiner Festspielgeschichte verbreitete, aus den Geschichtsbüchern gestrichen werden muss. Noch 1989 konnte man anlässlich einer Bayreuther Ausstellung über die Gebrüder Brückner von der „braunen Soße“ reden, die die Malerei der Coburger auszeichnete, von der Reproduktionsästhetik eines industriellen Zeitalters, das auch die Bühnenkunst einer mehrfachen Verwertung unterwarf.
Die kolportierte Aussage Cosima Wagners, dass auf der Dekoration des ersten Parsifal noch „das Auge des Meisters geruht habe“ und daher sakrosankt sei, mag gefallen sein – tatsächlich wurden noch zu Lebzeiten der Künstlerwitwe Modifikationen des Bühnenbilds vorgenommen, die auf eine Verbesserung der Optik abzielten. Siegfried Wagners eigene Entwürfe zielten dort, wo es dramaturgisch geboten war wie im zweiten Parsifal‑Akt, auf eine lichte und helle Szene, doch tut man den Brückners Unrecht, die vier Jahre nach Wagners Dienstantritt ihre letzten Bayreuther Bilder entwarfen. Dass sie 1908 in den offiziellen Mitteilungen der Festspiele nicht genannt wurden, lässt übrigens einen tiefen Blick in die Bayreuther Werkstatt zu. Es gab keinen vernünftigen Grund für das Verschweigen der Produzenten jener Bilder, die bei der Presse und bei den Zuschauern gut ankamen. Stattdessen suggerierte man, dass auch die Bühne von Wagner entworfen worden war.
Siegfried Wagner als Regisseur
Siegfried Wagner war ja nicht nur Festspielleiter, sondern auch Regisseur der Werke seines Vaters. Diese Tätigkeit bildet den Hauptanteil von Pionteks Vortrag, die er mit vielen historischen Fotos und Musikeinspielungen belegt. Wagner hat sich bereits 1896 in die Regie der Festspiele eingebracht, als er im neu inszenierten Ring des Nibelungen mit Wolkenschleiern arbeitete, womit er recht eigentlich Lichtregie führte. „Diese Wolkenschleier“, schrieb der spätere Bayreuther Chef-Bühnenbildner Kurt Söhnlein, „waren und blieben bis zu allerletzt Siegfrieds theatralische Lieblingsobjekte“. Sie waren „die Vorstufe zu den raffinierten Beleuchtungs- und Projektions-Apparaten, die dergleichen heute bewerkstelligen“. Wagner hat sich 1901 auch beim Fliegenden Holländer, 1904 beim Tannhäuser und 1906 beim Tristan in dieser Richtung engagiert. Hier fiel die Licht-Regie besonders auf, die man als psychologisch bezeichnen kann: dem Nachtblau der Duett-Szene des zweiten Akts folgte beim Auftritt König Markes ein helles und hartes Licht, und Tristans Fieber wurde mit einem sehr grellen Licht zusätzlich gesteigert. So nutze Wagner die Errungenschaften der Technik, um wenigstens ansatzweise die Moderne auf die Bayreuther Bühne zu bringen.
Das ästhetische Programm, das für seine gesamte Regierungszeit mehr oder wenig über gültig war, hat der Festspielleiter bereits früh für eine Zeitungsumfrage formuliert. Er vermöge sich nicht „ganz zu der einen oder anderen Richtung zu bekennen“, also weder zu irgendeinem Fortschritt noch zu einer Tradition. Stattdessen bevorzuge er die Richtung der „Einfachheit“. Es ginge ja darum, das „Drama“ zur „vollen Geltung zu bringen“, wobei ihm die „Einfachheit“ als beste Möglichkeit erschiene, eben dieses Drama zu realisieren. Die Götterdämmerung könne man ja auch nicht inszenieren wie ein Stück von Ibsen, und für die Pariser Oper könne man nicht dieselben Prinzipien anwenden wie für das Deutsche Theater in Berlin, an dem Max Reinhardt seine Aufsehen erregenden Regiearbeiten einem staunenden Publikum präsentierte – was nicht bedeutete, dass Wagner alles guthieß, was aus Reinhardts Theater kam. Was Ihr wollt fand Wagner 1907 „ekelhaft“, nicht berauschend. Typisch ist weiterhin die Aussage, dass „wir hier in Bayreuth“ besonderen Wert auf die Beleuchtung, auf die zarten Übergänge, mit Vermeidung roher Effekte legen – Vermeidung roher Effekte. Es weist auf eine charakteristische Spiel-Art hin, die Wagners Inszenierungen wohl auszeichneten.
Spätere Inszenierungen aber sollten zeigen, dass die so genannte „Einfachheit“ auch bei Wagner nicht immer umgesetzt wurde. Bei allen Einschätzungen muss man jedoch bedenken, dass es mit Hilfe der überlieferten Quellen kaum möglich ist, ein widerspruchsfreies Bild seiner Regiearbeiten zu gewinnen. Da die Einschätzungen der Kritiker und Beobachter natürlich immer subjektiv sind, ist es oft unmöglich, sich abseits der wenigen überlieferten Schwarzweiß-Fotos und Bühnenbild-Skizzen ein wirklichkeitsgetreues Bild einer echten Aufführung zu machen. Vieles bleibt im Dunkeln, und ob etwas noch „einfach“ oder eher „kompliziert“ über die Rampe kam, lag und liegt bis heute im Auge des Betrachters.
Die Wacht am Rhein

Zum Ende seines Vortrages wird es dann doch noch politisch. Piontek erzählt dabei die Anekdote, dass Siegfried Wagner es überhaupt nicht mochte, wenn das Publikum in Bayreuth anno 1924 nach einer Vorstellung der Meistersinger von Nürnberg aufstand und die deutsche Nationalhymne sang. „Demnächst singen sie noch die Wacht am Rhein“, zitiert Piontek Siegfried Wagner. In seinem Resümee fasst Piontek die Leistungen Siegfried Wagners wie folgt zusammen. Es genügte, dass er die Festspiele nach der offiziellen Amtsübernahme weiterhin konsolidierte, technisch auf den neuesten Stand brachte und stilistisch vorsichtig modifizierte. Die Neugründung nach dem Epochenbruch von 1914 war eine historische Tat, die er mit dem Tannhäuser wohl zu krönen gedachte, ohne die Absicht zu hegen, die Bayreuther Festspiele mit den angesagtesten Stilmitteln auszustatten. Dass künstlerisch einiges aufgrund beabsichtigter Uneindeutigkeiten auf der Strecke blieb, war unausweichlich. Bayreuth hätte unter seiner Leitung vielleicht ein moderneres Antlitz gewonnen, wenn er etwas durchsetzungsfähiger oder anders gesagt, weniger freundlich gewesen wäre. Der Festspielleiter Siegfried Wagner muss ein sehr zugewandter und humorvoller Direktor gewesen sein. Typisch ist eine Episode aus der Tannhäuser-Zeit: Die Kostümbildnerin Daniela Thode zeigte ihm ihre mittelalterlichen Kostüme, als Änderungen zeitlich nicht mehr möglich waren, so dass eine Reform auf dieser Ebene ausblieb. Herausgekommen wäre wohl eine größere Stilisierung, ein weiterer Schritt in Richtung Sachlichkeit, der schon kurz nach Wagners Tod, unter der Intendanz seiner Witwe, in Bayreuth vorangetrieben wurde, als Emil Preetorius seine Ring-Entwürfe schuf. Von hier aber ging es weiter in Richtung jenes Neu-Bayreuth, das Siegfried Wagner an stilistischer Richtung vielleicht nicht viel, aber doch einiges Wenige verdankt, wofür der Tristan von 1927 ein besseres Beispiel ist als der von Wagner ersehnte neue Tannhäuser von 1927. Ein Hauch neuer Sachlichkeit herrschte auch, wovon die Rede war, in der Neuordnung der Geschäfte im Jahre 1929 und im Engagement eines jungen Bühnenbildners, weniger auf dem Gebiet des Kostüms; von seinen Licht- und Farbspielen war schon die Rede. Ob man sein reproduktives künstlerisches Schaffen nun als Teil eines vorsichtigen Fortschritts, also eines Schritts in die Zukunft oder, was ja auch möglich wäre, als eine technische Innovation interpretiert, bleibt zuletzt Ansichtssache der Siegfried-Wagnerianer und ihrer Gegensprecher. Insofern wies auch der Festspielleiter Siegfried Wagner, soweit es die Kunst und die Administration betraf, vielleicht sogar ein wenig über seine Zeit hinaus.
Musikalische Begleitung
Der mit großem Applaus bedachte, detailreiche Vortrag von Frank Piontek über die Zeit von Siegfried Wagner als Festspielleiter in Bayreuth wird musikalisch von der Sopranistin Rebecca Broberg und dem Pianisten Enrico Rizzo begleitet. Sie eröffnet den musikalischen Reigen mit dem Lied Frühlingsblick von Siegfried Wagner, nach einem Gedicht von Nikolaus Lenau. Vor der Pause interpretiert Broberg mit viel Witz Das Märchen vom dicken, fetten Pfannkuchen, bei dem Text und Musik aus der Feder Siegfried Wagners stammen, für das sie und ihr Begleiter am Klavier viel Applaus erhalten. Höhepunkt der musikalischen Darbietung ist dann zu Beginn des zweiten Teils des Vortrages der hochdramatische Gesang der Iris aus Siegfried Wagners Oper Sonnenflammen.
Piontek hat es mal wieder geschafft, einen fesselnden und inhaltlich weit gespannten Vortrag zu halten, der die Person Siegfried Wagners neu einordnet und ihn etwas aus dem Schatten seines übermächtigen Vaters und seiner dominanten Mutter treten lässt.
Andreas H. Hölscher