O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Eigentlich hätte er in diesem Jahr ausgiebig gefeiert werden sollen, der 250. Geburtstag des Komponisten Ludwig van Beethoven. Stattdessen Absagen über Absagen. Der Richard-Wagner-Verband Nürnberg hat an seinem Symposium auch unter erschwerten Auflagen festgehalten und sich intensiv mit der Beziehung von Richard Wagner zu Beethoven auseinandergesetzt.

Bereits 1870 fragte Richard Wagner anlässlich des 100. Geburtstages Ludwig van Beethovens: „Wie wollen wir nun unseren Beethoven feiern? Mit Aufführungen seiner Werke? Aber diese werden ja, Jahr aus Jahr ein, in unseren Konzertsälen gespielt … Wie also wollen wir – heute – Beethoven feiern?“ So ist es nachzulesen in Wagners Werk Beethoven aus dem Jahr 1870. Nun, diese Frage ist 150 Jahre später aktueller denn je, und trotzdem ist in diesem Jubiläumsjahr für Beethoven alles anders. Die Corona-Pandemie hat viele Feierlichkeiten, Sonderkonzerte und Festivals, die den 250. Geburtstag Beethovens feiern wollten, verhindert. Und so ist vieles weniger und kleiner geworden, aber deshalb nicht schlechter. Der Richard-Wagner-Verband Nürnberg hatte schon lange Zeit ein festliches Symposium unter dem Titel: Richard Wagner und Ludwig van Beethoven zum 250. Geburtstag – Der große Spätromantiker Richard Wagner verneigt sich vor Ludwig van Beethoven geplant. Ein durchaus hehrer Anspruch an ein Symposium, das unter Corona-Bedingungen nur 70 Teilnehmer zulassen kann, die dann auch noch auf zwei Säle verteilt sind. Aber der ganze Aufwand, einschließlich Umsetzung eines strengen Sicherheitskonzeptes, hat sich am Ende des Tages gelohnt, denn die Zuhörer werden in diesem achtstündigen Symposium mit hochkarätigen Vorträgen und musikalischen Beiträgen belohnt.
Eingestimmt werden die Zuhörer mit dem dritten Satz Rondo allegro aus Beethovens Klaviersonate Nr. 8 c‑Moll, op. 13, der Pathétique. Diese Sonate entstand in den Jahren 1798 bis 1799 und ist neben der Klaviersonate Nr. 14 in cis-Moll, op. 27 Nr.2, der Mondscheinsonate, das wohl populärste Werk unter den 32 Klaviersonaten Beethovens. Tobias Hartlieb spielt das Rondo heiter, dynamisch und völlig unpathetisch. Ein wunderbares Intro. Die Vorsitzende des Richard-Wagner-Verbandes Nürnberg, Agnes Simona Sires, eröffnet das Symposium mit einer kurzen Rede, in der sie auch die organisatorischen Herausforderungen betont, die so ein Symposium unter den momentanen Bedingungen mit sich bringen. Doch schnell schlägt sie den Bogen zum eigentlichen Kernthema des Symposiums, nämlich der Bedeutung von Beethovens universellem Schaffen und seinen Einfluss auf Richard Wagner. Unter den zahlreichen Grußworten aus Politik und Kultur ist besonders die Botschaft von Nike Wagner erwähnenswert. Die Intendantin des Beethovenfestes Bonn musste aufgrund der Corona-Pandemie ihre eigene Veranstaltung auf das kommende Jahr verschieben. Und sie stellt die schwierige Frage: „Denn trotz allen Feierns – Beethoven bleibt eine Herausforderung: Wie haltet Ihr’s mit der Politik? Wie mit der Brüderlichkeit? Wie mit der Natur?“ Und sie fährt weiter fort, dass Richard Wagner sich als Beethovens Erbe und Vollender sah. „Der Theatromane und Opernkomponist kniete vor dem Symphoniker. Gut so!“
Eine Ode an die Freiheit
Mit diesen großen Worten ist natürlich auch der Anspruch an das Symposium erhoben, aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten, wie viel Beethoven in Wagner steckt, und ob Wagner ohne Beethoven in der uns bekannten Form so möglich gewesen wäre. Den ersten Blickwinkel zeigt Dieter Borchmeyer, Theaterwissenschaftler, Honorarprofessor für Neuere deutsche Literatur an der Universität Graz und von 2004 bis 2013 Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste und Stiftungsratsvorsitzender der Ernst von Siemens-Musikstiftung. Sein Vortrag ist übertitelt: Beethoven – Zur Resonanzgeschichte eines Klassikers jenseits der Klassizität! Borchmeyer geht im ersten Teil seines Vortrages auf die nationalistische Politik des späten 19. Jahrhunderts und die Anfänge eines geeinten Europas ein und zitiert dabei Friedrich Nietzsche, für den es nur Dichter, Philosophen und Musiker sind, die den „Europäer der Zukunft“ vorwegnehmen: „Ich denke an Menschen wie Napoleon, Goethe, Beethoven, Stendhal, Heinrich Heine, Schopenhauer; man verarge mir es nicht, wenn ich auch Richard Wagner zu ihnen rechne, über den man sich nicht durch seine eignen Missverständnisse verführen lassen darf – Genies seiner Art haben selten das Recht, sich selbst zu verstehen.“ Borchmeyer spannt einen großen philosophischen Bogen von Goethe und Schiller über Schopenhauer bis hin zu Beethoven, dessen Egmont-Musik erstmals die Träume Goethes von einer Symbiose aus Wort und Musik erfüllte. Und über Nietzsche zurück kommt Borchmeyer nun zum ersten Kern seines Vortrags, der aus ihrem symphonischen Kontext herausgelösten Vertonung von Schillers Lied an die Freude aus dem Schlusssatz der Neunten, die Beethoven ursprünglich mit dem Appell einleiten wollte: „Lasst uns das Lied des unsterblichen Schillers singen“. Über den Ursprung von Schillers Ode bis hin zur heute gültigen Fassung der Europahymne entwickelt Borchmeyer die Geschichte dieses Werkes und die unterschiedlichsten Interpretationen. So arrangierte Herbert von Karajan im Auftrag des Europarates die Melodie in drei Versionen: als Solopiano-Fassung, in einer Version für Blasorchester und für Symphonieorchester. Aus der Klavierfassung Karajans spielt dann der Pianist Tobias Hartlieb einen Auszug aus der Ode an die Freude.
Borchmeyer erinnert in seinem Vortrag an die bewegenden Aufführungen der Neunten von Beethoven. Am 23. Dezember 1989 – sechs Wochen nach dem Mauerfall – führte Leonard Bernstein das Werk in Berlin erst im Westteil und zwei Tage später im Ostteil der Stadt auf. Der Schlusssatz erfolgte mit einer Textänderung, die Bernstein selbst im Programmheft rechtfertigte: „Es scheint eine Vermutung gegeben zu haben, daß Schiller neben der Ode an die Freude einen weiteren Entwurf dieses Gedichts mit dem Titel An die Freiheit verfasst haben soll … Ob wahr oder nicht – ich glaube, dies ist der Augenblick, den der Himmel gesandt hat, um das Wort Freiheit immer dort zu singen, wo in der Partitur von Freude die Rede ist.“ Und so wurde denn unter Bernsteins Leitung aus der Ode An die Freude ein Hymnus An die Freiheit.
Im weiteren Verlauf des Vortrags spricht Borchmeyer über die historischen, aber auch philosophischen Fakten, die hinter der Ode an die Freude oder doch der Freiheit stehen. Zum Ende des ersten, von durchaus schwerverdaulicher philosophischer Kost geprägten Vortrages zitiert Borchmeyer den Komponisten Peter Tschaikowsky, der in seinem Essay über Beethovens Neunte von 1875 die Gegenwart mit „ihren ewigen Leiden, Zweifeln und unerfüllten Hoffnungen noch düsterer, noch auswegloser darstellt“.
Im zweiten Teil seines Vortrags geht Borchmeyer auf Richard Wagner und die Bedeutung Beethovens für dessen künstlerische Entwicklung ein. Wagner habe immer wieder eine Brücke zwischen Weimar und Wien, Goethe, Schiller und Beethoven geschlagen, so Borchmeyer, zumal Faust und die Neunte Symphonie für Wagner stets die beiden paradigmatischen Werke der deutschen Kultur gewesen seien. Im Alter von erst achtzehn Jahren hatte Wagner bereits einen Klavierauszug der Neunten angefertigt, den es bis dahin nicht gab. Ein Beweis dafür, wie wenig präsent Beethovens letzte Symphonie zu dieser Zeit noch im Musikleben war. Tobias Hartlieb präsentiert dazu am Flügel einen Auszug aus dem dritten Satz von Beethovens Neunter Symphonie in der Klavierfassung von Richard Wagner. Einen interessanten Ansatz wählt Borchmeyer für seine These, wie wichtig die seelische Verbundenheit von Goethes Faust und Beethovens Neunter für Wagners weiteres Schaffen gewesen sei. „Wie Faust zur Musik drängt, ohne Musik werden zu können, so drängt nach Wagners Deutung die Neunte Symphonie mit ihrer Wortwerdung der Instrumentalmusik im Chorfinale zum musikalischen Drama, ohne doch wirklich Drama sein zu können. Faust und die Neunte Symphonie werden für Wagner dergestalt zum Advent des Musikdramas.“ Auch in dem zweiten Teil seines Vortrags spannt Borchmeyer einen großen und weiten philosophischen und musikwissenschaftlichen Bogen von Goethe und Beethoven zu Wagner und dessen eigener Biografie. Zwangsläufig landet Borchmeyer dann irgendwann bei Eduard Hanslick, dem großen Musikästheten und scharfen Wagner-Kritiker. Borchmeyer kommt auf Wagners Festschrift über Beethoven anlässlich des hundertsten Geburtstages 1870 zu sprechen, die gleichzeitig auch in unverkennbarer Opposition gegen Eduard Hanslicks Traktat Vom musikalisch Schönen von 1854 stehe und dass Form und Wirkung der Musik „einzig nach der Kategorie des Erhabenen“, nicht nach derjenigen des Schönen zu erfassen seien.
Im letzten Teil seiner Ausführungen kommt Borchmeyer auf Thomas Mann und seinen Doktor Faustus zu sprechen, in dem Beethoven eine „zentrale kultursymbolische Rolle“ spielt. Das letzte Werk des Protagonisten Adrian Leverkühns Dr. Fausti Weheklag, so zitiert Borchmeyer den Chronisten Serenus Zeitblom, sei ein „Lied an die Trauer“, das Beethovens Neunte Symphonie mit der Ode An die Freude förmlich „zurücknehmen“ wolle. Der orchestrale Adagio-Satz, mit dem Leverkühns letztes Werk schließt, sei nach Zeitbloms Worten „gleichsam der umgekehrte Weg des Liedes an die Freude“. Das Werk verklingt mit dem langsam vergehenden hohen G eines Cellos.
Borchmeyers weitere Ausführungen enden mit einem ganz besonderen Werk Beethovens, seiner letzten Klaviersonate op. 111, einem außerordentlich anspruchsvollen Werk, das auch Thomas Mann in seinem vielschichtigen Künstler- und Gesellschaftsroman Dr. Faustus beschäftigte. Jene Romankapitel, in denen Wendell Kretzschmar Beethovens op. 111 analysiert, zählen zu den grandiosesten Musikbeschreibungen der Weltliteratur, wobei der Einfluss von Theodor W. Adorno auf Thomas Mann hier unverkennbar ist. Borchmeyers fast einstündiger Vortrag, der den Zuhörern in beiden Sälen höchste Konzentration abverlangt, endet mit einem Ausschnitt aus einem Live-Mitschnitt des zweiten Satzes von Beethovens Klaviersonate Nr. 32 op. 111, eingespielt von Swjatoslaw Richter, der diesen Satz zunächst sehr melancholisch und getragen spielt, um dann im Mittelteil dynamisch wild zu forcieren.
Aus der Perspektive des Praktikers
Nach der Mittagspause beginnt der zweite Teil des Symposiums wieder musikalisch. Auf dem Programm steht Beethovens Klaviersonate Nr. 13 in Es-Dur, Op. 27 Nr.1, während im zweiten Saal parallel die Sonate für Violoncello und Klavier in F‑Dur, Op. 5, Nr.1 gespielt wird. Patrik Hévr am Flügel beginnt den ersten Satz Andante – Allegro getragen, romantisch, um dann im zweiten Satz Allegro molto e vivace in ein fast schon wildes Tempo überzugehen. Ganz getragen und verträumt das Adagio con espressione des dritten Satzes, um dann im vierten Satz Allegro vivace dynamisch und ausdrucksstark zu enden. Hévrs Wechsel zwischen piano und forte sind ausgewogen, da gibt es keine Brüche in den Übergängen. Insgesamt besticht diese Klaviersonate neben den temperamentvollen Läufen vor allem durch die innigen Momente.
Den zweiten Vortrag des Symposiums bestreitet der mittlerweile 86-jährige Peter Gülke, Musikwissenschaftler, Musikschriftsteller und Dirigent. Aus der Perspektive eines „Praktikers“ mit einem unermesslichen Kenntnisschatz und den über 60 Jahren Berufserfahrung als Dirigent kennt Gülke die Werke Beethovens und Wagners nur zu Genüge. Sein kurzweiliger Vortrag beginnt um das Jahr 1810, in dem innerhalb von dreieinhalb Jahren die großen Komponisten Frédéric Chopin, Franz Liszt, Robert Schumann, Felix Mendelssohn Bartholdy und Richard Wagner geboren wurden, die allesamt im Schatten der großen Vorhänger Beethoven, Mozart und Haydn aufgewachsen waren. Gülke stellt die rhetorische Frage, wie man angesichts dieser Übermacht der Vorgängergenerationen da noch komponieren soll. Alle haben aber Seitenwege eingeschlagen, um das „Hochgebirge kanonischer Musikwelten“ zu erklimmen. Gülke möchte den „Problemdruck“, den Richard Wagner nach Beethoven hatte, nicht unterschätzen. Seine Herausforderung war, einen eigenen Weg zu finden, ohne in Konkurrenz zu den großen verstorbenen Komponisten zu treten. Gülke schließt dann thematisch an den Vorgängervortrag von Borchmeyer an und spricht über Thomas Mann, der Richard Wagners theoretische Schriften überhaupt nicht mochte. Auch Wagners Verhältnis zu Beethovens Neunter war nicht problemfrei, so bezeichnete er den vierten Satz als den „schwächsten“. Das alles fällt zusammen mit einem neuen gesellschaftspolitischem Bewusstwerden.
Besonders anregend wird Gülkes frei gehaltener Vortrag, wenn er auf die Novelle Pilgerfahrt zu Beethoven von Richard Wagner zu sprechen kommt. Diese Novelle erzählt die fiktive Geschichte des in voller Beethoven-Begeisterung entflammten jungen Musikers Richard Wagner, der eine „Pilgerfahrt“ nach Wien zu dem „Genius“ unternimmt, um sich von Beethoven unterrichten zu lassen. In großer Ehrfurcht vor dem lange verstorbenen Meister gerät die Reise zu einer regelrechten Wallfahrt. Es ist eine humoristische Erzählung, die am Ende nach einer neuen Operndramaturgie verlangt. So legt Wagner Beethoven Worte in den Mund, die den „Unsinn“ und die „Langeweile“ zeitgenössischer Opern anprangern, eigentlich aber seine eigene Position dazu darstellen sollen. Nach diesem Ausflug in das etwas heitere Genre wird es wieder ernst, wenn der Dirigent und Pragmatiker Gülke über den bekannten „Tristan-Akkord“ referiert und erläutert, dass dieser Akkord eigentlich eine Akkord-Verbindung ist. Ein weiteres Thema seines Vortrages ist die Problematik der Reprise in der Sonatenform, die für Wagner stets ein Widerspruch war. Mit diesen musiktheoretischen Überlegungen, garniert mit den Ansichten eines Dirigenten, leitet Gülke über zu einem ersten großen Höhepunkt dieses Symposiums, einem kulturellen Dialog zwischen dem Kulturtheoretiker Borchmeyer und dem Kulturpraktiker Gülke, die in einem offenen Frage-Antwort-Spiel einen Gedankenaustausch zu Beethoven und Wagner praktizieren. Es ist bisweilen ein Streitgespräch auf höchstem Niveau zweier Grandseigneurs der Musikgeschichte, dabei bleibt ein Satz von Gülke besonders im Gedächtnis: „Ein Genie ist nicht verpflichtet, ein anderes Genie zu verstehen.“ Der Themenkomplex, über den die beiden Musikwissenschaftler diskutieren, ist breit. Von Beethovens letzten Quartetten, die das besondere Interesse Wagners gefunden hatten, über den Text in Wagners Ring mit „musikalischer Vorahnung“ bis hin zu einer kontroversen Debatte über Beethovens Missa solemnis und deren Ablehnung durch Adorno. Auch wenn die Themen anspruchsvoll sind, so hat dieser Dialog durchaus den Anflug einer entspannten Heiterkeit. Das Publikum dankt den beiden Rednern für deren Ausführungen mit langem Applaus.
Frank Piontek, studierter Philologe und Philosoph aus Bayreuth, ist als Wagner-Experte den Mitgliedern des Nürnberger Richard-Wagner-Verbandes kein Unbekannter, hatte unlängst einen beeindruckenden Vortrag über das besondere Verhältnis von Wagner zum Bayerischen König Ludwig II. gehalten. Bei diesem Symposium sprach Piontek über Richard Wagners Beethoven und dessen Einflüsse auf den Symphoniker, Klavierkomponisten, Musikdramatiker und Schriftsteller Richard Wagner. Anhand von einigen, zum Teil sehr illustren Beispielen erläutert Piontek diese besondere musikalische Beziehung. So vergleicht er den Beginn von Beethovens 3. Symphonie in Es-Dur, op. 55, der Eroica, mit Wagners 1. Symphonie in C‑Dur. Beginnt die Eroica mit zwei großen Orchesterschlägen, muss es beim jungen Wagner natürlich viel mehr sein. Gleich zehn Orchesterschläge sind seiner Symphonie vorangestellt.
Wagners Frauenbild in der Oper

Piontek weiß viele Feinheiten im Vergleich dieser beiden großen Komponisten herauszuarbeiten, unterstreicht aber auch Wagners Aussage, dass nach Beethovens neun Symphonien keine weiteren Symphonien mehr möglich seien und damit für sich selbst legitimierte, kein großes symphonisches Schaffen hinterlassen zu haben. Ob die Büste Beethovens, die im ersten Aufzug der aktuellen Bayreuther Inszenierung der Meistersinger von Nürnberg von Barry Kosky, die in der Villa Wahnfried spielt, zu sehen ist, auch zu Wagners Lebzeiten dort stand, kann auch Piontek nicht sicher sagen. Interessant sind auch die historischen Fakten zum Geburtsjahr Wagners 1813, dem Jahr der Völkerschlacht bei Leipzig, in dem neben dem Orchesterwerk Wellingtons Sieg oder die Schlacht bei Vittoria Beethovens Symphonie Nr. 7 in A‑Dur, op. 92 am 8. Dezember 1813 in Wien uraufgeführt worden. Und so spannt sich der Faden von historischen Fakten über Wagners „Erweckungserlebnis“ durch die Sängerin Wilhelmine Schröder-Devrient bis hin zu Paraphrasen in Wagners Musik, die man als indirekte Zitate Beethovens deuten kann. Pionteks Vortrag mit den vielen Musikbeispielen ist nach den vorangegangen musikwissenschaftlichen Theorien mehr die praktische Umsetzung dieser Theorien und durch seine heitere, manchmal auch spitzbübisch ironische Art sehr kurzweilig.
Nach den vielen theoretischen Ausführungen gibt es mit der Sonate für Violine und Klavier Nr. 3 in Es-Dur op. 12 Nr. 3 wieder einen Moment des Innehaltens und des Genusses. Gespielt werden die ersten beiden Sätze. Christian Zahlten an der Violine und seine Partnerin Edita Hakobjan am Flügel harmonieren dabei auf einfühlsame Weise. Der erste Satz Allegro con Spirito ist ein Dialog zwischen Violine und Klavier, der fast an Mozart erinnert. Das Werk ist im übrigen Antonio Salieri gewidmet. Der zweite Satz Adagio con molto espressione ist ein inniges Liebesthema, in dem die Violine zart dominiert, und der Schluss in einem instrumentalem Rezitativ in Moll gipfelt. Wunderbar zart und innig gespielt, mit sehr viel Gefühl!
Der dritte Teil des Symposiums beginnt mit zwei Liedern aus den Sechs Gesängen, op. 75, von Ludwig van Beethoven, nach Gedichten von Johann Wolfgang von Goethe. Das bekannteste Lied dieser Sechs Gesänge ist sicher die Nummer eins Mignon mit dem Satz: „Kennst Du das Land, wo die Zitronen blühen …“. Die Sopranistin Laura Braun singt dieses Lied innig, mit sehr viel Gefühl und leuchtend strahlenden Höhen. Das zweite Lied, Neue Liebe, neues Leben imponiert durch sein quirliges Tempo und dem ständigen Wechsel der Register, den Braun mit sympathischem Ausdruck und viel Leidenschaft meistert. Am Flügel wird sie harmonisch von Inès Roland begleitet.
Für viele Wagnerianer ist es eine Tatsache, dass Wagner Beethoven nicht nur verehrt hat, sondern dass seine Bekanntschaft mit der Sängerin Wilhelmine Schröder-Devrient, die ab 1822 die Partie der Leonore in Beethovens Fidelio sang, maßgeblich sein Frauenbild in der Oper mit prägte. Es wird daher auch immer gemutmaßt, dass die Oper Fidelio, ähnlich wie Carl Maria von Webers Freischütz, eine entscheidende Rolle für Wagners Weg gespielt hat. Dass dem nicht so ist, erläutert die Opernregisseurin und Musikwissenschaftlerin Sabine Sonntag anhand von illustren Beispielen und Szenen. Eine fast widerwärtige Abschwächung des Dramas – Zwischen Abscheu und Heldenverehrung: Richard Wagner und Beethovens Fidelio ist ihr Vortrag übertitelt. Wagner war wohl alles andere als begeistert von Beethovens einziger Oper, sie war für ihn geradezu der Inbegriff eines Irrweges der Oper. Dann aber sah und hörte Wagner die Schröder-Devrient 1835 als Leonore, und ihr Aufschrei „Noch einen Laut, und du bist tot“ führte bei ihm zu einem radikalen Umdenken. Das Thema, die Frau als Retterin, als Erlöserin des Mannes, war geboren. Für Sonntag ist die Elisabeth im Tannhäuser die erste, die das tut, was zuvor Leonore und Euryanthe getan haben. Streng genommen müsste man aber an dieser Stelle einwerfen, dass auch schon die Senta im Fliegenden Holländer diesem die Erlösung respektive Rettung gewährt hat. Die Bedeutung der Schröder-Devrient für Wagners Schaffen und sein Frauenbild in der Oper wird durch Sonntag anhand von verschiedenen Zitaten aus Wagners Schriften unterstrichen. Es sind die drei großen und thematisch verwandten Opern Fidelio von Ludwig van Beethoven, Euryanthe von Carl Maria von Weber und Tannhäuser von Richard Wagner, wo die Frau sich schützend vor den Mann stellt. Für Sonntag ist Wagner „Florestan, Adolar und Tannhäuser“. Mit Videoausschnitten aus den drei großen Opern belegt sie ihre interessanten und durchaus diskussionswürdigen Thesen. Die Konzentration auf diese Frauenbilder und die musikalische Umsetzung lassen den Zuhörer zum Ende der fünf großen Vorträge die Verflechtung Wagners mit Beethoven noch einmal aus einem ganz anderen Blickwinkel betrachten.
Der musikalische Abschluss dieses Symposiums gehört Richard Wagner und zweien seiner fünf Wesendonck-Lieder. Die Sopranistin Rafaela Fernandes nimmt im dritten Lied Im Treibhaus die ganze Melancholie, die im dritten Aufzug des Tristan liegt, auf und trägt es sehr schwermütig vor, um dann im fünften Lied Träume in Anlehnung an das Liebesduett Tristan und Isolde im zweiten Aufzug fast schon entrückt mit leicht aufkeimender Dramatik diesem Symposium einen würdigen musikalischen Schluss zu bieten. Edita Hakobjan begleitet am Flügel mit gefühlvollem Anschlag. Damit endete ein achtstündiges Symposium, das die 70 Teilnehmer, auf zwei Säle verteilt, gefesselt, aber zum Schluss auch erschöpft hat, denn auf die eigentlich zum Abschluss geplante Podiumsdiskussion mit den Referenten wurde dann auch aus Zeitgründen verzichtet. Als Fazit bleibt festzuhalten, dass die thematische Auseinandersetzung mit Beethoven und Wagner sowohl unter musikwissenschaftlichen Aspekten als auch aus dem Blickwinkel von Musikschaffenden ein reizvoller und vor allem erkenntnisreicher Mix ist, der durch die unterschiedlichen musikalischen Darbietungen wunderbar ergänzt und abgerundet wird.
Um mit Wagner zu schließen: „Es ist nicht möglich, den Menschen Beethoven für irgendeine Betrachtung festzuhalten, ohne sofort wieder den wunderbaren Musiker Beethoven zu seiner Erklärung heranzuziehen“.
Andreas H. Hölscher