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Foto © O-Ton

Siebzig Jahre Neu-Bayreuth

In diesem Jahr jährt sich zum siebzigsten Male der Beginn der Wieder­eröffnung der Bayreuther Festspiele 1951. In einem Vortrag des Richard-Wagner-Verbandes Nürnberg nimmt die Opern­re­gis­seurin und Musik­wis­sen­schaft­lerin Sabine Sonntag die Zuhörer mit auf eine musik­his­to­rische Zeitreise der Ära „Neu-Bayreuth“, mit dem Fokus auf die Regis­seure und ihre Inszenierungen.

Patrice Chéreau schuf den „Jahrhun­dertring“ – Foto © Lelli e Masotti

Am 25. August 2021 senkte sich zum insgesamt 109. Male ganz unspek­ta­kulär der Schluss­vorhang der Bayreuther Festspiele seit ihrer Gründung im Jahre 1876. Die Pandemie hatte nur eine einge­schränkte Festspiel­saison zugelassen. Dass es in diesem Jahr ein beson­deres Jubiläum zu feiern gab, rückte angesichts diverser Aufreger auf dem Grünen Hügel etwas in den Hinter­grund.  Immerhin konnte man in Bayreuth den 70. Jahrestag des Beginns der Ära „Neu-Bayreuth“ feiern. Doch was hat es mit diesem Begriff auf sich, und ist er nach siebzig Jahren mittler­weile nicht doch veraltet? Wenn man den Begriff googelt, findet man einen inter­es­santen Artikel von Johannes Jacobi, den er unter dem Titel Neu-Bayreuth und seine Vorgänger in der „Zeit“ veröf­fent­licht hat. Doch seine Ausfüh­rungen zu Neu-Bayreuth geraten sehr kurz, kein Wunder, der Artikel ist vom 30. November 1962. Jacobi spricht vom „Enkel-Bayreuth“, und bezieht sich dabei natürlich auf die Brüder Wieland und Wolfgang Wagner, Enkel des Kompo­nisten Richard Wagner und Begründer der Ära „Neu-Bayreuth“. Doch was bedeutet Neu-Bayreuth wirklich, wie war seine Entwicklung und wo stehen die Bayreuther Festspiele heute, 145 Jahre nach ihrem Beginn und 70 Jahre nach ihrem Neuanfang?

In einem Vortrag des Richard-Wagner-Verbandes Nürnberg versucht die Opern­re­gis­seurin und Musik­wis­sen­schaft­lerin Sabine Sonntag, Antworten auf diese Fragen zu geben. Sonntag, Dozentin für Histo­rische Musik­wis­sen­schaften an der Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover, ist den anwesenden Zuhörern schon bekannt durch einen Vortrag über das kontro­verse Verhältnis von Richard Wagner zu Beethovens Oper Fidelio. Sonntag nimmt die Zuhörer mit auf eine musik­his­to­rische Zeitreise der letzten siebzig Jahre in Bayreuth, die vor allem bei den älteren Zuhörern Erinne­rungen an eigene Bayreuther Erleb­nisse wieder lebendig werden lassen.

Was ist, was war, was wird sein.

Mit diesem Zitat aus Erich Wolfgang Korngolds Oper Die tote Stadt hat Sabine Sonntag ihren Vortrag gegliedert und deutlich gemacht, dass für sie die Ära Neu-Bayreuth aus drei Stufen besteht. Das „Was ist“ ist für Sonntag die aktuelle Situation der Bayreuther Festspiele 2021. Als Symbolbild dafür dient ihr der neue Kiosk gegenüber dem Festspielhaus, der die familiäre Ausstrahlung, die sein Vorgänger hatte und wo man sich gerne in den Pausen getroffen hat, vermissen lässt. Das Foto des alten Kiosks ist für sie auch das Symbolbild der Verän­de­rungen in Bayreuth, deren Entwicklung natürlich auch kritisch betrachtet werden muss. Zusam­men­ge­fasst ist für Sonntag das „Was ist“: 25 ausver­kaufte Auffüh­rungen, coronabe­dingt natürlich nur mit halber Zuschau­erzahl, Liveüber­tragung der Premiere Der Fliegende Holländer  im Internet und im Kino, Kinderoper, das Experiment Nitsch mit dem Aktions­künstler Hermann Nitsch und seinen Farbcol­lagen während der konzertant aufge­führten Walküre, Rheingold im Teich als Perfor­mance Act und ein konti­nu­ier­licher Wagner-Diskurs. Der Schwer­punkt ihres Vortrages ist natürlich „Was war“, und er beginnt mit der Ära Wieland Wagner.

Wieland 1951 – 1966

Am 30. Juli 1951 konnten die Bayreuther Festspiele nach sieben­jäh­riger Pause wieder­auf­ge­nommen werden. Zu diesem Zeitpunkt waren die Brüder Wieland und Wolfgang Wagner gleich­be­rechtigt als Festspiel­leiter und Regis­seure tätig. Mit Wieland Wagners Neuin­sze­nierung des Parsifal begann die Epoche von Neubay­reuth. Sie war vor allem von Wielands revolu­tio­nären Neudeu­tungen der Wagner­schen Werke geprägt, die weltweit zum Vorbild wurden. Für diese erste Aufführung des Parsifal zeichnete Wieland Wagner für Regie und Bühnenbild verant­wortlich, und Dirigent Hans Knapperts­busch gab sein Debüt bei den Bayreuther Festspielen. Gespielt wurde auf nahezu leerer Bühne, fast ohne Requi­siten und ohne jeden Bezug zu histo­ri­scher Realität. Das Zitat von Gurnemanz „Zum Raum wird hier die Zeit“ schien Wirklichkeit geworden zu sein. Für die Altvor­deren, die Anhänger des „alten Bayreuth“, muss es ein Kultur­schock gewesen sein. Dennoch – Dieser Wielandsche Parsifal markierte den Beginn einer neuen Epoche der Bayreuther Festspiele: „Neubay­reuth“. Beispielhaft für Wieland Wagners Deutungen seiner Insze­nie­rungen seien diese Worte aus einem Interview mit Egloff Schwaiger vom Bayeri­schen Rundfunk vom 12. August 1963: „Ja, ich möchte sagen, dass beim Theater der Weg das Ziel ist; es gibt beim Theater niemals verbind­liche Lösungen, und hat man eine verbind­liche Lösung gefunden – das zeigt die Arbeit aller wirklich großen Theater­leute – dann ist sie bereits tot, und man muss eine neue Lösung finden.“ Wieland Wagners Theater­arbeit beruhte auf den Prinzipien: Deuten, Klären, Sichten und Sicht­bar­ma­chung tieferer Struk­turen jenseits der Szenen­an­wei­sungen. So schuf er ein neuar­tiges Insze­nie­rungs­modell zwischen Mythos und Moderne, zwischen dem alten Griechentum und Freuds Psycho­analyse, zwischen Brecht und Aischylos, zwischen Natura­lismus und Spiri­tua­lismus, Konkretheit und Abstraktion. Wieland Wagner insze­nierte meist auf einer kreis­för­migen Spiel­fläche, seiner „Welten­scheibe“, die gerne scherzhaft auch „Wielands Kochplatte“ genannt wurde. Auf dieser das ewige All symbo­li­sie­renden Bühne kreierte er seine tiefen­psy­cho­lo­gisch-abstrakten Insze­nie­rungen mit einer ganz eigenen Körper­sprache. „Hier gilt’s der Kunst“ ist quasi das Motto des Neuan­fangs. Sonntag illus­triert diese Ära Wieland Wagners sehr anschaulich mit Fotos von seinen Bühnen­ar­beiten und betont die Wendung vom Gegen­ständ­lichen zum Symbol besonders an den Bühnen­bildern zu seinen Tristan-Insze­nie­rungen. Diese nur 15 Jahre währende Schaf­fens­pe­riode Wieland Wagners in Bayreuth war nicht nur ein entpo­li­ti­sierter Neuanfang, sondern auch die Basis des Schaffens für viele Regis­seure, die folgen sollten.

Abstraktion und Verdichtung

Dass Wieland Wagners Sicht­weise natürlich eine ganze Generation von Regis­seuren beein­flusst hat, liegt auf der Hand. Robert Wilson und Romeo Castel­lucci werden hier von Sonntag explizit und stell­ver­tretend beschrieben. Während Wilson mit seinen choreo­gra­fierten Insze­nie­rungen, den schon fast zeitlu­pen­mäßig anmutenden sparsamen Bewegungen weg vom Realismus für eine Fortführung der Ideen Wieland Wagners steht, zielen Castel­luccis Arbeiten auf eine ganzheit­liche Wahrnehmung der Gesamtheit der Künste ab, wie man in der aktuellen Don-Giovanni-Insze­nierung bei den diesjäh­rigen Salzburger Festspielen erfahren konnte. In Wagners Parsifal lässt er den Gral einfach aus, in dem zur Verwand­lungs­musik ein geschlos­sener Vorhang im hellen Licht zu sehen ist, auf dem ein Apostroph einge­blendet ist. Es ist die wörtliche Umsetzung des Zitates „der zeigt sich nicht“. Ob Castel­lucci damit wirklich in einer Nachfol­ge­tra­dition von Wieland Wagner zu betrachten ist, scheint an dieser Stelle doch etwas gewagt. Aber Sonntag leitet damit zu einem anderen inter­es­santen Themen­komplex der Bayreuther Regis­seure über, nämlich deren originäre Herkunft. Aufge­listet sind reine Opern­re­gis­seure, aber auch Theater- und Filmre­gis­seure, Maler und Dichter. Sie alle haben in Bayreuth insze­niert, aller­dingst gibt es bis heute keinen Sänger oder Dirigenten, der auf dem Grünen Hügel für eine Produktion heran­ge­zogen wurde, was die Opern­re­gis­seurin Sabine Sonntag natürlich sehr begrüßt, denn für sie bedeutet Regie mehr als nur die Erfahrung des persön­lichen Erlebens einer Oper auf der Bühne oder im Orches­ter­graben. So zeigt sie auf einer Folie die Insze­nie­rungen in Bayreuth, die für sie heraus­ragend sind und die gleich­zeitig Theater­ge­schichte geschrieben haben. Dazu gehören neben den Insze­nie­rungen Wieland Wagners der Tannhäuser von 1972 in der Insze­nierung von Götz Friedrich, der sogenannte Jahrhun­dertring 1976 von Patrice Chéreau, der Fliegende Holländer 1978 von Harry Kupfer, auch der Parsifal in der Insze­nierung von Stefan Herheim 2008 und der aktuelle Tannhäuser, 2019 von Tobias Kratzer auf die Bühne gebracht. Spätestens hier gibt es Diskus­si­ons­bedarf im Publikum, denn viele Zuhörer kennen natürlich die beiden letzt­ge­nannten Insze­nie­rungen aus eigenem Erleben, und insbe­sondere beim aktuellen Tannhäuser scheiden sich die Geister. Sonntag führt aus, dass sie die Liste nicht nach subjek­tivem Gefallen erstellt habe, sondern nach der Bedeutung für die inhalt­liche Umsetzung der Werke und die Annäherung an den Wagner­schen Stoff. Weitere wichtige Bayreuther Insze­nie­rungen, aller­dings ohne die heraus­ra­gende theater­ge­schicht­liche Bedeutung, sind unter anderem Barrie Koskys diesjährig letzt­malig aufge­führten Meister­singer von Nürnberg, Werner Herzogs Lohengrin von 1987 und Heiner Müllers Tristan von 1993. Einigkeit herrscht im Publikum mit Sonntag, dass der letzte Ring in Bayreuth von Frank Castorf und die aktuelle Neuin­sze­nierung des Fliegenden Holländer von Dmitrij Tcher­niakov auf dieser Liste nichts zu suchen haben.

Spannend wird es werden, wenn die Bayreuther Festspiele 2023 einen neuen Parsifal auf die Bühne bringen. Der US-ameri­ka­nische Regisseur Jay Scheib, Professor am renom­mierten Massa­chu­setts Institute of Technology (MIT), soll Richard Wagners letzte Oper insze­nieren. „Im besten Fall wird man nicht immer sagen können, was echt ist und was nur virtuell”, sagte Scheib im Interview der Deutschen Presse-Agentur. Darum soll es auf dem Grünen Hügel „das erste Mal eine komplette Insze­nierung in Augmented Reality geben”. Konkret bedeutet das, dass zu einem echten Bühnenbild virtuelle Elemente dazu kommen, die nur mit einer entspre­chenden Brille zu erkennen sind. Ob das technisch umsetzbar ist, und ob die altein­ge­ses­senen Wagne­rianer in Bayreuth sich auf dieses Experiment einlassen werden, wird sich dann zeigen.

Maler als Regisseure

Eine weitere inter­es­sante Sicht­weise auf die Bayreuther Insze­nie­rungen der letzten 70 Jahre ist die Tatsache, dass Maler als Regis­seure verpflichtet wurden oder besser deren gewaltige Bühnen- und oder Kostüm­bilder die Insze­nie­rungen dominierten und zum Kumula­ti­ons­punkt wurden, was die Arbeit der Regis­seure teilweise in den Hinter­grund rücken ließ oder sie gar überflüssig zu machen schien. Der Bekann­teste unter diesen Künstlern ist sicher Jean-Pierre Ponnelle. Seine Bayreuther Tristan-Insze­nierung von 1981 dominierte durch sein Bühnenbild, den überdi­men­sio­nierten Baum, der sich durch das ganze Stück in verschie­denen Darstel­lungen zog und bis heute in der Emotio­na­lität einzig­artig bleibt. Rosalie und ihr märchen­haftes Bühnenbild im Alfred-Kircher-Ring sind unver­gesslich, vor allem der aus vielen grünen Regen­schirmen bestehende Wald im Siegfried.  Der leider viel zu früh verstor­benen großar­tigen Künst­lerin widmete das Haus Wahnfried in diesem Jahr eine eigene Ausstellung. Heiner Müllers Tristan, der durch die kühle Distanz der Protago­nisten unter­ein­ander für viele Diskus­sionen sorgte, lebte aber vor allem durch die Bühnen­bilder von Erich Wonder. Und auch der umstrittene Maler und Aktions­künstler Hermann Nitsch darf mit seinen Farbspielen bei der diesjäh­rigen konzer­tanten Walküre nicht unerwähnt bleiben. Kein anderes Werk Richard Wagners wie der Lohengrin wurde in Bayreuth durch die Arbeit von Malern so stark beein­flusst. Alle fünf Neuin­sze­nie­rungen des Werkes seit 1979 sind durch die Bühnenbild- und Kostüm­ar­beiten von Malern wesentlich beein­flusst worden. Günther Uecker war der erste, der mit dem Lohengrin in der Insze­nierung von Götz Friedrich im wahrsten Sinne des Wortes den Nagel auf den Kopf traf. Ihm folgte 1987 Henning von Gierke mit seinen heute legen­dären Bühnen­bildern und Kostümen in der Insze­nierung des Filmre­gis­seurs Werner Herzog. Die Ankunft des Schwans mit Lasershow und Nebel war ein Novum auf der Opern­bühne. Stefanos Lazarides schuf die Bühnen­bilder in der 1999-Insze­nierung, in der Keith Warner Regie führte. Hans Neuenfels höchst umstrit­tener Lohengrin aus dem Jahre 2010 hätte ohne die „Ratten-Kostüme“ und das sterile Bühnenbild von Reinhard von der Thannen, einem Schüler von Erich Wonder, kaum diesen Kultstatus erreicht. Und wer außer den absoluten Insidern kennt den Namen des Regis­seurs der letzten Lohengrin-Insze­nierung aus dem Jahre 2018? Yuval Sharon hat das Pech, dass das renom­mierte Künst­ler­ehepaar Rosa Loy und Neo Rauch mit ihren überdi­men­sio­nierten blauen Bühnen­bildern und den Fantasy-Kostümen seine Regie­arbeit völlig ins Abseits manövrierte. In jedem Fall ist dieser Diskurs von Sonntag über Maler als Regis­seure oder Bühnen- und Kostüm­bildner eine inter­es­sante und spannende Betrachtung und ein nicht unwich­tiges Kapitel für Neu-Bayreuth.

Zäsur

Für Sonntag gibt es die erste große Zäsur in Neu-Bayreuth im Jahre 1972. Nach Wieland Wagners viel zu frühem Tod im Jahre 1966 übernahm sein Bruder Wolfgang mit nur 49 Jahren die alleinige Leitung der Festspiele, die er bis zu seinem Abschied zum Ende der Festspiele 2008 über 50 Jahre innehatte. Es war Wolfgang Wagner, der die Festspiele für neue Regis­seure und neue Gedanken öffnete, ohne dabei auf eigene Insze­nie­rungen zu verzichten. So erlebte die Neuin­sze­nierung des Tannhäuser 1972 durch Götz Friedrich und in den Bühnen­bildern von Jürgen Rose den bis dahin größten Bayreuther Theater­skandal. Friedrich, ein Schüler Walter Felsen­steins, insze­nierte den Tannhäuser explizit als Gesell­schafts­kritik. „Die reaktionäre Wartburg­ge­sell­schaft meine er ganz konkret in dem Publikum wieder­zu­finden, das auf den Grünen Hügel pilgert, um Kunst und Frieden zu finden“, schreibt Oswald Georg Bauer in seinem großen Band über die Geschichte der Bayreuther Festspiele, der bei diesem Vortrag mehrfach von Sonntag zitiert wird. Friedrich, DDR-Bürger, wollte politische Aktua­lität und der dekadenten westlichen Gesell­schaft den Spiegel vorhalten. Bauer beschreibt nicht nur detail­liert die für die damalige Zeit revolu­tionäre Neuin­sze­nierung, sondern beleuchtet auch den gesell­schaft­lichen Diskurs, den diese Aufführung auch außerhalb der Festspiele auslöste. Doch nicht nur die Publi­kums­schelte Fried­richs sorgte damals für heftige Diskus­sionen, auch eine neue Art von Leben­digkeit auf der Bühne, die man bisher so nicht kannte, sorgte für Unruhe. So lief Gwyneth Jones in der Rolle der Elisabeth vor ihrer „Hallenarie“ völlig aufgelöst hin und her, was für so manchen altein­ge­ses­senen Wagne­rianer einem Sakrileg gleichkam. Übertroffen wurde dieser Tannhäuser-Skandal nur vier Jahre später von dem, was die „Jahrhundertring“-Inszenierung von Patrice Chéreau im Jubilä­umsjahr 1976 auslöste. Pierre Boulez dirigierte, Richard Peduzzi entwarf die Bühnen­bilder. Doch was als Skandal begann, endete 1980 als der größte Triumpf der Festspiele. Chéreau wollte weg von Symbolen und Mythos, hin zum Mensch­lichen in der Geschichte, die er ganz nahe an die Zuschauer bringen wollte. Und auch Sonntag, selbst Schülerin von Götz Friedrich, muss einge­stehen, dass Chéreau auch die jungen Regie­stu­denten wie sie selbst so stark beein­flusst und geprägt haben, dass ihr Mentor Götz Friedrich darüber regel­recht beleidigt gewesen sei. Ein Filmaus­schnitt von „Wotans Abschied von Brünn­hilde“ mit Donald McIntyre als Wotan und Gwyneth Jones als Brünn­hilde zeigen einen zutiefst mensch­lichen und gebro­chenen Göttervater.

Technik in Bayreuth

Im letzten Teil ihres Vortrages kommt Sonntag auf die Weiter­ent­wicklung der Bühnen­technik in Bayreuth zu sprechen. Angefangen vom „Hollän­derhaus“ von Jürgen Rose in der Insze­nierung von Dieter Dorn, das sich um die eigene Achse drehte und plötzlich auf dem Kopf stand und jeder Zuschauer nur noch gebannt auf den Hut schaute, der die Gesetze der Schwer­kraft aufzu­heben schien und nicht von der Wand fiel. Der erstmalige Einsatz von Nebel und Laser­tech­no­logie im Lohengrin von Werner Herzog und im Ring von Harry Kupfer waren Meilen­steine in der Weiter­ent­wicklung techni­scher Möglich­keiten, die mit dem berühmten Walkü­renritt im Kirchner-Ring, wo Rosalie acht Pater­noster zum Einsatz brachte, einen vorläu­figen Höhepunkt hatte, und vielleicht mit dem Einsatz von „Augmented Reality“ im Parsifal 2023 eine ganz neue Dimension erschließen wird. Doch nicht immer klappte es mit der Technik. Der „Schmel­zende Schwan“ in der Lohengrin-Insze­nierung von Keith Warner wurde im wahrsten Sinne des Wortes auf Eis gelegt. In der Schluss­be­trachtung nimmt Sonntag noch einmal Bezug auf zwei Regis­seure, die Bayreuth auf ganz unter­schied­liche Art geprägt haben. Harry Kupfer mit seiner legen­dären Holländer‑Inszenierung 1978 und seinem Ring des Nibelungen 1988, und Stefan Herheim mit seiner Parsifal-Insze­nierung von 2008, die geprägt waren durch viele Assozia­ti­ons­ketten und sogar im Bühnenbild des dritten Aufzugs durch einen direkten Rückgriff auf Wielands Wagner Parsifal-Insze­nierung.

Was wird sein

Für den Blick in die Zukunft zitiert Sonntag noch einmal Oswald Georg Bauer und sein Werk zur Festspiel­ge­schichte: „Wagner wollte das Ringen um das Unmög­liche! Bayreuth muss bemüht sein, der Ausnah­me­zu­stand des Theaters zu sein, nur so hat es seine vom Gründer geschaffene Daseins­be­rech­tigung. Es war immer groß und bedeutend, wenn es wider­ständig war, wenn es voraus dachte, Entwick­lungen nicht kopierte, sondern eigene Entwick­lungen schuf.“ Ob das Zitat nun auch für den aktuellen Tannhäuser in der Regie von Thomas Kratzer gilt, sei dahin­ge­stellt, für Sonntag ist die im Video gezeigte Schluss­szene dieser Insze­nierung gleich­zeitig auch der Schluss eines spannenden und durchaus im Wagner­schen Sinne kontro­versen Vortrages, an den sich noch eine inter­es­sante Diskussion anschließt, zum Beispiel mit der Frage, ob mit der Parsifal-Insze­nierung von Christoph Schlin­gensief 2004 nicht eine neue Trend­wende einge­leitet wurde, die Insze­nie­rungen wie die von Castorf und Tcher­niakov erst ermög­licht haben. Unabhängig davon, dass Sonntag Schlin­gen­siefs Parsifal als ein nur singu­läres Ereignis einstuft, so bleibt ihr Vortrag über „70 Jahre Neu-Bayreuth“ doch ein musik­his­to­ri­scher Parforce-Ritt mit dem Fokus auf die Regisseure.

Dass auch Genera­tionen von Dirigenten, Sängern sowie die Festspiel­leitung von den Brüdern Wieland und Wolfgang Wagner bis hin zu Katharina Wagner diese Ära prägten, ist selbst­redend, kann aber in knapp zwei Stunden Vortrag und Diskussion nur angerissen werden.

Andreas H. Hölscher

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