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Foto © Nikolai Vdovenko

Geheimtipp am Schwarzen Meer

Nach fünf Jahren sieht Alexej Botvinov das von ihm gegründete Klassik-Festival in Odessa ganz am Anfang einer großen Karriere, obwohl schon jetzt das Publikum in Scharen strömt. Die großen Pläne kommen nicht von ungefähr. Schließlich kann der Pianist an eine große Vergan­genheit anknüpfen.

Roby Lakatos – Foto © Nikolai Vdovenko

Ein beson­deres Flair, eine besondere Anzie­hungs­kraft liegt über der Stadt Odessa, der Perle am Schwarzen Meer. Katharina die Große träumte von einem St. Petersburg im Süden, ihr Liebhaber General Potemkin entwarf 1789 einen ersten Plan, bevor er kurz darauf starb. Entstanden ist eine elegante, großzügige Stadt, die sehr bald Künstler, Adelige und Kaufleute aus vielen Teilen Europas anzog. Dann kam der Hafen dazu, der sich zu einem wichtigen Umschlag­platz vor allem für Getreide entwi­ckelte. Die Geschichte der Stadt ist eng mit ihrer jüdischen Bevöl­kerung verbunden, die über Jahrzehnte die größte Bevöl­ke­rungs­gruppe bildete und der Stadt Reichtum verschaffte, den der Besucher jetzt mit Staunen entdeckt. Kultur und besonders Musik sind in dieser Stadt zu Hause, verfügt die doch über eine der ältesten und größten Musik­schulen der Ukraine und zuvor Russlands. Das pracht­volle Opernhaus, von den Wiener Archi­tekten Helmer und Fellner entworfen, ist Zeugnis des kultu­rellen Lebens in der Stadt. Das Odessa Classic Festival, vor fünf Jahren von Alexej Botvinov gegründet, soll an das ehemalige lebendige Kultur­leben als private Initiative anknüpfen und der heimi­schen Bevöl­kerung inter­na­tional erfolg­reiche Künst­ler­per­sön­lich­keiten vorstellen sowie die inter­na­tionale Anerkennung der Stadt als bedeu­tendes Kultur­zentrum der Ukraine wieder generieren. Mit großem Einsatz arbeitet der in Odessa geborene Pianist an dieser Aufgabe. Bekannt geworden ist er als außer­or­dentlich einfühl­samer Begleiter von modernen Ballett­abenden des Choreo­grafen Heinz Spoerli, seine Inter­pre­tation der Goldberg-Varia­tionen sind legendär. Seine persön­lichen Kontakte ermög­lichen, ein anspre­chendes Programm über zehn Tage jeweils Anfang Juni zu kreieren. Ein vielbe­ach­tetes Open-Air-Konzert auf der berühmten Potemkin-Stiege, das alljährlich bis zu 10.000 Besucher begeistert, gehört dazu wie ein Klavier­wett­bewerb. Nur ein geringer Teil des Budgets wird von der Stadt zur Verfügung gestellt, Sponsoren und Karten­verkauf sind die wesent­lichen Finanzquellen.

Auffallend und sehr erfreulich ist der hohe Anteil junger Besucher, die das breit gefächerte Programm bereit­willig annehmen. Vergleichbar zu anderen bedeu­tenden Festspielen wird der Eröff­nungs­abend im frisch renovierten Opernhaus zu einem gesell­schaft­lichen Ereignis, roter Teppich, Presse und Fernsehen inklusive. Einmal im Gebäude, staunt man über die prunk­vollen Treppen mit vergol­deten Leuchtern, liebevoll gestal­teten Stucka­turen und vielen weiteren Details. Der Zuschau­erraum fasst 1.400 Zuhörer und ist in edlem, rotem Samt ausge­schlagen. Der Franco­zy­priote Cyprian Katsaris ist Preis­träger verschie­dener Wettbe­werbe, nach einem Schlag­anfall während eines Konzertes ist es ruhiger um ihn geworden. Begleitet vom Orchester des Opern­hauses spielt er Klavier­kon­zerte von Mozart und Beethoven. Ausgiebig widmet er sich seinen Kadenzen, über das Tempo einigt er sich bei Mozarts Klavier­konzert Nr. 21 KV 467 schwerer mit dem Dirigenten Igor Shavruk. Beethovens drittes Klavier­konzert wird packend und dynamisch im Wechsel­spiel des Solisten mit dem Orchester.

Heimat­liche Klänge schwingen mit

Farbenfroh und jazzig wird der folgende Abend mit dem als „Teufels­geiger“ angekün­digten Roby Lakatos. Sein „Zigeu­nerblut“ lebt er mit seinem Ensemble musika­lisch aus und präsen­tiert ein Feuerwerk an Rhythmus und schmis­sigen Melodien. Hervor­ragend wird er am Piano von Robert Lakatos und am Cimbalon von Jeno Lisztes begleitet und auch solis­tisch unter­stützt. Puszta-Klänge füllen den Saal der Philhar­monie. Vormals fungierte das Gebäude als Börse, jetzt als neugo­ti­scher Konzertsaal mit viel Flair und guter Akustik. Das Publikum aller Alters­klassen wird mitge­rissen und der mittel­eu­ro­päische Besucher des Festivals fühlt sich in der Grenz­stadt zur unend­lichen Steppe der Ukraine angekommen. Yehudi Menuhin entdeckte das außer­ge­wöhn­liche Talent und die ausge­feilte Technik von Roby Lakatos in London und verhalf ihm zu inter­na­tio­nalem Ruhm als klassi­scher Violinist. Seine Heimat ist aber spürbar seine Virtuo­sität in den schwung­vollen Melodien und akroba­ti­schen Impro­vi­sa­ti­onssoli geblieben, die für alle Mitglieder seines ausge­zeich­neten Ensembles gilt.

Giya Kancheli ist ein in unseren Breiten nahezu unbekannter georgi­scher Komponist, in den Ländern des ehema­ligen Ostblocks genießt der 95-Jährige durchaus Bekanntheit. Ein ganzer Abend wird seinen Kompo­si­tionen mit verschie­denen Solisten gewidmet. Seine Werke klingen spätro­man­tisch, mit impres­sio­nis­ti­schen Klang­fär­bungen durch­setzt. Immer wieder brechen atonale Dishar­monien durch und wühlen den bedäch­tigen, medita­tiven Klangstil auf. Botvinov selbst stellt ein Stück für Klavier und Orchester mit dem Titel Boston vor. Franzö­sische Chanson-Melodien muten an, melodisch einge­bunden in vornehme Zurück­haltung. Das Piano antwortet den Strei­chern, und langsam entwi­ckelt sich aus Zweiklang Einklang. Charmant und anspre­chend ist die Gestaltung, moderne zeitge­nös­sische Harmo­nie­spiele sind einge­bunden, ohne den ruhigen Fluss zu unter­binden. Kancheli hat auch Filmmusik geschrieben, der bildhafte Stil ist in seiner Musik allge­gen­wärtig. Der aus Odessa stammende und in Kanada lebende Klari­nettist Julian Milkis musiziert im Anschluss mit der russi­schen Pianistin Polina Osetinskaya einen Satz elegi­scher Stücke, unter­brochen von unbeherrscht anmutenden Ausbrüchen. Langge­zogen werden schwer­mütige Gefühle bis zur Selbst­aufgabe mit wallendem Aufbe­gehren aufge­ar­beitet. Für die Musiker eine anspruchs­volle Aufgabe, Takt und Rhythmus einzu­halten. Eine Aufgabe, die die beiden bestens meistern, die Konzen­tration und Anstren­gungen bei erhöhten Tempe­ra­turen im Saal sind spürbar. Viel verdienten Applaus und, wie in diesen Breiten üblich, viele Blumen­sträuße belohnen alle Musiker für ihre Leistungen.

Ein gutes Zeichen für die Ukraine

Das Festival läuft noch weitere fünf Abende unter anderem mit zwei Konzerten des Künstlers in Residenz, Daniel Hope, und dem Züricher Kammer­or­chest. Sie bestreiten auch das diesjährige große Open-Air-Konzert.

Für die Zukunft hat sich der engagierte und umtriebige Intendant viel vorge­nommen, um Odessa auf der Landkarte der Festspiele einen festen Platz zu erobern. Fernseh­auf­zeichnung und Übertragung des Open-Air-Konzertes, Ausbau des Wettbe­werbs und weitere Anrei­cherung mit inter­na­tio­nalen Künstlern, aber auch die Förderung des natio­nalen Nachwuchses stehen fest auf dem Plan. Der Preis­träger des diesjäh­rigen Wettbe­werbs wird in das Programm 2020 aufge­nommen werden. Auch Opern­auf­füh­rungen sollen das Programm einmal ergänzen.

Es bleibt viel zu tun, aber Odessa ist schon jetzt auf alle Fälle eine wertvolle Entde­ckung. Die Stadt lehrt den Besucher viel über die osteu­ro­päische Geschichte und lebendige Kultur und wird ihren Platz im Festspiel­ka­lender erobern.

Helmut Pitsch

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