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L’Enfant et les sortilèges an der Staatsoper Stuttgart - Bildschirmfoto

Masken oder Digitalgesichter

Online ist öde, und es geht nichts über eine Live-Aufführung: Die gängige Meinung von Theater­ma­chern und Konzert­ver­an­staltern ändert sich allmählich. Es locken neue Zielgruppen und attraktive Zuschau­er­zahlen. Aber noch fehlt es an grund­sätz­lichem Wissen. Die Aufholjagd beginnt.

Kay Voges – Foto © Stephan Röhl

So langsam geht es wieder los. Ganz allmählich öffnet sich hier ein Theater­eingang, dort ein Konzertsaal, trudeln fast täglich neue Presse­mit­tei­lungen ein mit verän­derten, neuen Programm­über­sichten und – zwar immer noch vorläu­figen – Terminen: Die Theater- und Konzertwelt hebt den Kopf. Viele Inten­danten und ihre Presse­re­fe­renten versprechen trotz Corona einen neuen Spielplan und müssen nicht noch einmal um Verständnis für Programm­än­de­rungen werben, sie stellen neue Formate, Spielorte und Koope­ra­tionen vor und empfehlen die Teilnahme an Strea­mings oder gar Livestrea­mings. Oft wählen die Theater kleine Formate mit zwei bis drei Schau­spielern, wählen neben den Haupt­häusern kleine Spielorte, bieten Kammer­kon­zerte mit kleinen Ensembles an, greifen auf frühere Auffüh­rungen zurück oder zeichnen neue Produk­tionen per Video auf, deren Empfang zu Hause kostenlos ist oder per bezahltem Link dort empfangen werden können.

Schon im Mai 2020 meldete sich das Theater Münster nach der verord­neten Corona-Pause beim Publikum zurück. Unter dem Bernstein-Titel Tonight bot es einen Lieder­abend mit rund 20 Titeln aus Oper, Operette und Musical und streifte darin quer durch die Musik­ge­schichte der letzten 300 Jahre. Mit diesem „bunten Abend“ präsen­tierte es quasi eine Online-Einladung an sein Publikum. Im März dieses Jahres verspricht Ute Lemper in einem digitalen Gastspiel Liebe und sonst gar nichts, die Zuschauer können sich Lemper ins Wohnzimmer holen, ebenfalls online. Die Kölner Bühnen kündigen an, die Ruhrfest­spiele eröffnen digital, der Bundes­prä­sident schaut per Video herein, Dortmund. Das Staats­theater Augsburg spricht mit Corona von einer „neuen Zeitrechnung“. „Das Gefühl des Vermissens, des Verzichts und der Unsicherheit prägen unser alltäg­liches Leben“. Es fragt seine Besucher nach den Folgen der Pandemie. Im Staats­theater Stuttgart läuft als Streaming-Vorpre­miere Maurice Ravels Kurzoper L’Enfant et les sortilèges. Das Theater Magdeburg verspricht „Wenn Sie schon nicht zu uns kommen können, dann kommen wir digital zu Ihnen“ und ersetzt zahlreiche Ausfälle durch verschiedene Digital­formate. Die Schloss­fest­spiele in Schwerin mussten ihren Spielplan kurzfristig beenden, doch General­intendant Lars Tietje ist zuver­sichtlich, „dass wir Ihnen noch in diesem Sommer, unter den dann geltenden Rahmen­be­din­gungen, wieder Theater­genuss unter freiem Himmel bieten können“. Die Augsburger Bühne möchte gern wissen, „was bleibt vom neuen Verhältnis von Nähe und Distanz?“ nach der Pandemie und befragt ihre Besucher. Auch das inter­dis­zi­plinäre Netzwerk Junge Ohren stellt sich mit seinen Aktivi­täten für Musik­bildner auf neue Bedin­gungen ein und hat sich für 2021 „ein neues Format ausge­dacht: Think & Drink zum Plaudern mit Niveau!“ Überall heißt das neue Stichwort Digita­li­sierung. Doch was darunter verstanden werden soll, ist noch  weitgehend unklar. Das soll und will eine Insti­tution klären und ändern, die seit 2019 in Dortmund ihre Arbeit aufge­nommen hat, die Akademie für Theater und Digita­lität.

Die Akademie, 2019 von der Stadt Dortmund und dem Theater als sechste Sparte des Hauses gegründet, soll spezielle theater­be­zogene Forschungs­auf­gaben übernehmen. Sie stellt fest, nicht neu, „die Welt, wie sie sich uns darstellt, ist komplexer geworden … An alldem hat die Digita­li­sierung aller Lebens­be­reiche ihren nicht zu unter­schät­zenden Anteil.“ Sie sieht sich „vor der epochalen Aufgabe, die zahlreichen neuen Verbin­dungen von digitaler und analoger Welt, also die Digita­lität, zu unter­suchen: phäno­me­no­lo­gisch, sozio­lo­gisch, philo­so­phisch, technisch und – als Kerndis­ziplin der Akademie – künst­le­risch.“ Außerdem geht es um die Weiter­bildung der Digita­lität in den szeni­schen Künsten.

Digita­li­sierung erfordert Datengewinnung

Viola Priesemann – Bildschirmfoto

Auch wenn es noch zu früh ist, die Arbeit und Möglich­keiten der Akademie näher zu beschreiben und zu beurteilen, steht außer Frage, dass es großen Bedarf für eine solche „Clearing-Stelle“ gibt. Die bishe­rigen Entschei­dungen für oder gegen die Digita­li­sierung von Theater­an­ge­boten und Konzerten scheinen, schaut man quer durchs Land, eher zufällig und sehr von den jewei­ligen perso­nellen und lokalen Bedin­gungen abhängig. Für ein syste­ma­ti­sches Vorgehen bei Programm­ent­schei­dungen und ihren Formaten, aber auch für das Absetzen oder Verändern von Spiel­plänen angesichts der Corona-Restrik­tionen fehlen noch viele Grund­in­for­ma­tionen.   Hierauf macht ausge­rechnet eine profes­si­ons­mäßig eher kunst­ferne Forscherin aufmerksam, die sich an der Univer­sität Göttingen mit der Erfor­schung komplexer Systeme befasst. Viola Priesemann wirft als Physi­kerin einen ungewohnten, scharfen Blick auf die Entwicklung von Corona und stellt unter anderem fest, „dass sich die derzeitige Entwicklung selbst verstärkt. Exponen­ti­elles Wachstum. Kontroll­verlust. Am Ende sind die Kliniken voll.“ Sie will mit ihrem Team „das System wieder ins Gleich­ge­wicht“ bringen und fragt nach dem Erfolg eines Lockdowns: „Schulen zu: eher 15 oder 25 Prozent? Einzel­handel dicht: 10 oder 20 Prozent? Soll man die Friseure schließen? Die Opern­häuser ?“  Zu den Opern­häusern möchte sie nicht nur wissen, wie viel Besucher dort hinein­gehen. „Sie müsste auch wissen, wie alt die sind. Sie müsste die durch­schnitt­liche Belüftung der deutschen Opernsäle kennen … wie die Menschen anreisen, wie eng sie im Saal zusam­men­sitzen und in der Pause herum­stehen“, erst dann könne sie berechnen, wie groß die Gefahr von Infek­tionen ist und „wie viele Infek­tionen verhindert werden, wenn niemand mehr in die Oper geht.“ Von den Medizinern möchte sie wissen, „wie viele andere Menschen steckt ein Infizierter an.“ Ihr geht es darum, „die großen Zusam­men­hänge zu erkennen“, um Sinn oder Unsinn eines Lockdowns sachge­recht beurteilen zu können. Zeigt der Lockdown nach zwei oder drei Wochen keinen klaren Effekt, sollte die Strategie geändert werden.“ Noch klarer und schärfer:  Mit Karl Lauterbach, SPD, ist sie sich darin einig, „wie katastrophal schlecht der Lockdown light funktio­niert.“ Priesemann denkt darüber nach, wie sie und ihr Team ein mathe­ma­ti­sches Modell entwerfen, das es möglich macht, die Wirkung einzelner Maßnahmen mit Mitteln der Mathe­matik zu prognos­ti­zieren und darauf abzustimmen. Träumerei, Fantasmen? Man müsse die Ergeb­nisse abwarten.

Inzwi­schen werden weitere Stimmen laut, die ebenfalls dringend eine bessere Erfor­schung der Grund­daten der Pandemie fordern. Der Medizin­sta­tis­tiker Gerd Antes von der Univer­sität Freiburg vermisst massiv das Fehlen von einfachsten Grund­daten zu Covid-19, die Absol­ventin Franziska Krüger von der Fernuni­ver­sität Hagen fragt in einem Vortrag nach den Folgen der Corona-Pandemie. Und auch andere Medien entdecken die Chancen, die sich für den gesamten Kunst­be­reich nutzen lassen. Der Deutsch­landfunk Kultur lädt seine Zuhörer im Rahmen seines Mittags­ma­gazins Studio 9 regel­mäßig ins Studio ein, damit sie im Studio oder zu Hause „Radio gucken“ können und an den Debatten per Video-Chat oder als Studio-Gäste teilnehmen können.

Angesichts dieser Entwick­lungen im Kunst- und Bildungs­sektor hat sich die Frage „Digital oder nicht?“ erübrigt, es geht eher um die Frage: Wann und wo und für wen? Dass für eine solche Entwicklung noch zahleiche Vorin­for­ma­tionen fehlen, um für solche Pläne Konzepte zu entwi­ckeln, ist aller­dings heute schon klar.

Horst Dichanz

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