O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken

Online ist öde, und es geht nichts über eine Live-Aufführung: Die gängige Meinung von Theatermachern und Konzertveranstaltern ändert sich allmählich. Es locken neue Zielgruppen und attraktive Zuschauerzahlen. Aber noch fehlt es an grundsätzlichem Wissen. Die Aufholjagd beginnt.

So langsam geht es wieder los. Ganz allmählich öffnet sich hier ein Theatereingang, dort ein Konzertsaal, trudeln fast täglich neue Pressemitteilungen ein mit veränderten, neuen Programmübersichten und – zwar immer noch vorläufigen – Terminen: Die Theater- und Konzertwelt hebt den Kopf. Viele Intendanten und ihre Pressereferenten versprechen trotz Corona einen neuen Spielplan und müssen nicht noch einmal um Verständnis für Programmänderungen werben, sie stellen neue Formate, Spielorte und Kooperationen vor und empfehlen die Teilnahme an Streamings oder gar Livestreamings. Oft wählen die Theater kleine Formate mit zwei bis drei Schauspielern, wählen neben den Haupthäusern kleine Spielorte, bieten Kammerkonzerte mit kleinen Ensembles an, greifen auf frühere Aufführungen zurück oder zeichnen neue Produktionen per Video auf, deren Empfang zu Hause kostenlos ist oder per bezahltem Link dort empfangen werden können.
Schon im Mai 2020 meldete sich das Theater Münster nach der verordneten Corona-Pause beim Publikum zurück. Unter dem Bernstein-Titel Tonight bot es einen Liederabend mit rund 20 Titeln aus Oper, Operette und Musical und streifte darin quer durch die Musikgeschichte der letzten 300 Jahre. Mit diesem „bunten Abend“ präsentierte es quasi eine Online-Einladung an sein Publikum. Im März dieses Jahres verspricht Ute Lemper in einem digitalen Gastspiel Liebe und sonst gar nichts, die Zuschauer können sich Lemper ins Wohnzimmer holen, ebenfalls online. Die Kölner Bühnen kündigen an, die Ruhrfestspiele eröffnen digital, der Bundespräsident schaut per Video herein, Dortmund. Das Staatstheater Augsburg spricht mit Corona von einer „neuen Zeitrechnung“. „Das Gefühl des Vermissens, des Verzichts und der Unsicherheit prägen unser alltägliches Leben“. Es fragt seine Besucher nach den Folgen der Pandemie. Im Staatstheater Stuttgart läuft als Streaming-Vorpremiere Maurice Ravels Kurzoper L’Enfant et les sortilèges. Das Theater Magdeburg verspricht „Wenn Sie schon nicht zu uns kommen können, dann kommen wir digital zu Ihnen“ und ersetzt zahlreiche Ausfälle durch verschiedene Digitalformate. Die Schlossfestspiele in Schwerin mussten ihren Spielplan kurzfristig beenden, doch Generalintendant Lars Tietje ist zuversichtlich, „dass wir Ihnen noch in diesem Sommer, unter den dann geltenden Rahmenbedingungen, wieder Theatergenuss unter freiem Himmel bieten können“. Die Augsburger Bühne möchte gern wissen, „was bleibt vom neuen Verhältnis von Nähe und Distanz?“ nach der Pandemie und befragt ihre Besucher. Auch das interdisziplinäre Netzwerk Junge Ohren stellt sich mit seinen Aktivitäten für Musikbildner auf neue Bedingungen ein und hat sich für 2021 „ein neues Format ausgedacht: Think & Drink zum Plaudern mit Niveau!“ Überall heißt das neue Stichwort Digitalisierung. Doch was darunter verstanden werden soll, ist noch weitgehend unklar. Das soll und will eine Institution klären und ändern, die seit 2019 in Dortmund ihre Arbeit aufgenommen hat, die Akademie für Theater und Digitalität.
Die Akademie, 2019 von der Stadt Dortmund und dem Theater als sechste Sparte des Hauses gegründet, soll spezielle theaterbezogene Forschungsaufgaben übernehmen. Sie stellt fest, nicht neu, „die Welt, wie sie sich uns darstellt, ist komplexer geworden … An alldem hat die Digitalisierung aller Lebensbereiche ihren nicht zu unterschätzenden Anteil.“ Sie sieht sich „vor der epochalen Aufgabe, die zahlreichen neuen Verbindungen von digitaler und analoger Welt, also die Digitalität, zu untersuchen: phänomenologisch, soziologisch, philosophisch, technisch und – als Kerndisziplin der Akademie – künstlerisch.“ Außerdem geht es um die Weiterbildung der Digitalität in den szenischen Künsten.
Digitalisierung erfordert Datengewinnung

Auch wenn es noch zu früh ist, die Arbeit und Möglichkeiten der Akademie näher zu beschreiben und zu beurteilen, steht außer Frage, dass es großen Bedarf für eine solche „Clearing-Stelle“ gibt. Die bisherigen Entscheidungen für oder gegen die Digitalisierung von Theaterangeboten und Konzerten scheinen, schaut man quer durchs Land, eher zufällig und sehr von den jeweiligen personellen und lokalen Bedingungen abhängig. Für ein systematisches Vorgehen bei Programmentscheidungen und ihren Formaten, aber auch für das Absetzen oder Verändern von Spielplänen angesichts der Corona-Restriktionen fehlen noch viele Grundinformationen. Hierauf macht ausgerechnet eine professionsmäßig eher kunstferne Forscherin aufmerksam, die sich an der Universität Göttingen mit der Erforschung komplexer Systeme befasst. Viola Priesemann wirft als Physikerin einen ungewohnten, scharfen Blick auf die Entwicklung von Corona und stellt unter anderem fest, „dass sich die derzeitige Entwicklung selbst verstärkt. Exponentielles Wachstum. Kontrollverlust. Am Ende sind die Kliniken voll.“ Sie will mit ihrem Team „das System wieder ins Gleichgewicht“ bringen und fragt nach dem Erfolg eines Lockdowns: „Schulen zu: eher 15 oder 25 Prozent? Einzelhandel dicht: 10 oder 20 Prozent? Soll man die Friseure schließen? Die Opernhäuser ?“ Zu den Opernhäusern möchte sie nicht nur wissen, wie viel Besucher dort hineingehen. „Sie müsste auch wissen, wie alt die sind. Sie müsste die durchschnittliche Belüftung der deutschen Opernsäle kennen … wie die Menschen anreisen, wie eng sie im Saal zusammensitzen und in der Pause herumstehen“, erst dann könne sie berechnen, wie groß die Gefahr von Infektionen ist und „wie viele Infektionen verhindert werden, wenn niemand mehr in die Oper geht.“ Von den Medizinern möchte sie wissen, „wie viele andere Menschen steckt ein Infizierter an.“ Ihr geht es darum, „die großen Zusammenhänge zu erkennen“, um Sinn oder Unsinn eines Lockdowns sachgerecht beurteilen zu können. Zeigt der Lockdown nach zwei oder drei Wochen keinen klaren Effekt, sollte die Strategie geändert werden.“ Noch klarer und schärfer: Mit Karl Lauterbach, SPD, ist sie sich darin einig, „wie katastrophal schlecht der Lockdown light funktioniert.“ Priesemann denkt darüber nach, wie sie und ihr Team ein mathematisches Modell entwerfen, das es möglich macht, die Wirkung einzelner Maßnahmen mit Mitteln der Mathematik zu prognostizieren und darauf abzustimmen. Träumerei, Fantasmen? Man müsse die Ergebnisse abwarten.
Inzwischen werden weitere Stimmen laut, die ebenfalls dringend eine bessere Erforschung der Grunddaten der Pandemie fordern. Der Medizinstatistiker Gerd Antes von der Universität Freiburg vermisst massiv das Fehlen von einfachsten Grunddaten zu Covid-19, die Absolventin Franziska Krüger von der Fernuniversität Hagen fragt in einem Vortrag nach den Folgen der Corona-Pandemie. Und auch andere Medien entdecken die Chancen, die sich für den gesamten Kunstbereich nutzen lassen. Der Deutschlandfunk Kultur lädt seine Zuhörer im Rahmen seines Mittagsmagazins Studio 9 regelmäßig ins Studio ein, damit sie im Studio oder zu Hause „Radio gucken“ können und an den Debatten per Video-Chat oder als Studio-Gäste teilnehmen können.
Angesichts dieser Entwicklungen im Kunst- und Bildungssektor hat sich die Frage „Digital oder nicht?“ erübrigt, es geht eher um die Frage: Wann und wo und für wen? Dass für eine solche Entwicklung noch zahleiche Vorinformationen fehlen, um für solche Pläne Konzepte zu entwickeln, ist allerdings heute schon klar.
Horst Dichanz