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Claudio Nicolai - Foto © privat

Nachruf auf Claudio Nicolai

Nach erfülltem Sänger­leben ist Claudio Nicolai am 11. Mai im Alter von 91 Jahren auf La Palma gestorben.

Claudio Nicolai – Foto © privat

Ein Kavalier­ba­riton verfügt über ein gutes Legato, eine tragfähige Mittellage, kann sowohl lyrische als auch drama­tische Phrasen singen und ist im Klangbild männlich und nobel. Es gibt wenige echte Kavalier­ba­ritone, wenn man hinzufügt, dass eine edle Gesinnung und die Verkör­perung humani­tärer Werte zum Gesang gehört. Einer, auf den all das zutrifft, ist Claudio Nicolai. War Claudio Nicolai. Der Opern­sänger ist am 11. Mai im Alter von 91 Jahren gestorben.

Claus Hennecke wurde am 7. März 1929 in Kiel als Sohn eines Marine-Soldaten geboren, der später zum Admiral avancierte. In den Wirren des Zweiten Weltkriegs aufge­wachsen, wollte er für sein Leben eine „ganz andere Zukunft“. So studierte er Theater­wis­sen­schaften in Göttingen und ließ sich in Essen und München zum Tenor ausbilden. Nach einer Regie-Assistenz bei den Göttinger Händel-Festspielen sang er ab 1959 als Bariton am Gärtner­platz­theater in München, da schon unter dem Künst­ler­namen Claudio Nicolai, den er bei dem Operetten-Kompo­nisten Otto Nicolai entlehnte. Fünf Jahre später wechselte er an die Oper Köln. In 25 Jahren trat er in 52 Rollen mehr als 1.000 Mal dort auf. Gastauf­tritte gab es in dieser Zeit unter anderem bei den Schwet­zinger und den Salzburger Festspielen, in Washington und an der Metro­po­litan Opera New York.

In Köln begann er seine Karriere mit 35 Jahren als Guglielmo in Così fan tutte. Mit dieser Oper sollte er auch sein Engagement an der Kölner Oper beenden, dann aller­dings als Don Alfonso. Aus dem Jahr 1975 stammt die Anekdote, dass er dem Regisseur Jean-Pierre Ponnelle verwei­gerte, als Graf Almaviva in Le nozze di figaro seine Gemahlin zu ohrfeigen. Das war mit dem Pazifisten nicht zu machen. Aber Nicolai machte sich nicht nur in Museums­opern einen Namen, sondern gefiel heraus­ragend als Stolzius in Bernd Alois Zimmer­manns Urauf­führung von Die Soldaten im Jahr 1965. Seine erklärte Lieblings­rolle war Don Giovanni, seine meist­ge­sungene Rolle in Köln aller­dings war der Vogel­fänger Papageno in der Zauber­flöte, den er an mehr als 100 Abenden sang, aller­dings nicht als Natur­bur­schen, sondern eher, wie es Chefdra­maturg Georg Kehren in seiner Festrede zum 90. Geburtstag des Sängers ausdrückte, ein „nobler Melan­cho­liker von hohen Bühnengnaden“.

Glaubt man ehema­ligen Schülern von Nicolai, der bis 1991 an der Kölner Musik­hoch­schule lehrte, waren aber weder sein schau­spie­le­ri­sches noch sänge­ri­sches Talent, mit denen er die Zuschauer über so viele Jahre begeis­terte, die tatsäch­liche Lebens­leistung. Als Pädagoge überzeugte er zutiefst, wurde für den einen oder anderen gar etwas wie ein „Zweit­vater“ und pflegte die Lehrer-Schüler-Beziehung über viele Jahre, ja, bis hin zu seinem Tod. Vielleicht auch deshalb, weil er so große Fairness walten ließ. Fragte ihn ein Sänger um Unter­stützung an, gab es die Hilfe in Abhän­gigkeit von der Gage. Wer da schon weit oben auf der Karrie­re­leiter war, musste entspre­chend tiefer in die Tasche greifen. Aber es gab auf der anderen Seite auch den Nachwuchs. Der junge Sänger, bei dem Nicolai Potenzial erkannte, kam auch schon mal kostenlos in die Gunst, beim Maestro Unter­richt zu erhalten.

Mit Eintritt in den Ruhestand verab­schiedete der Sänger sich aus Köln, erwarb ein Anwesen mit eigenen Plantagen auf La Palma und begann einen letzten, erfüllten Lebens­ab­schnitt. „Mit ebensolch großer Liebe, mit der er auf der Bühne gestanden und unter­richtet hat, hat er dann auf La Palma seine vielen Tiere, von denen die meisten von ihm aus dem Straßen­graben gerettet wurden, verhät­schelt, Bäume veredelt und seine wunder­schönen Blumen und Pflanzen gepflegt. Ständig hatte er neue Ideen, um sein Grund­stück noch schöner zu gestalten“, erinnert sich Jolanta Nicolai, ehemalige Schülerin und ihm bis zuletzt freund­schaftlich verbunden.

Als Sänger und Gesangs­lehrer hat Claudio Nicolai schon vor vielen Jahren eine große Lücke hinter­lassen; die Lücke, die er als Mensch hinter­lässt, ist ungleich größer. Jetzt hat der Maestro die Bühne endgültig verlassen. Ehefrau Carmen, seine beiden Söhne, aber auch eine große Anhän­ger­schar bleiben zurück, um sich an einen Menschen mit Noblesse und Rückgrat zu erinnern.

Michael S. Zerban

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