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Uli Zrenner-Wolkenstein - Foto © privat

Zynismus pur

Der Musiker und Fotograf Uli Zrenner-Wolken­stein ist einer der Solo-Künstler, die vom Shutdown mit voller Wucht getroffen wurden. Er war gut im Geschäft, das ihm nun bis ins nächste Jahr hinein wegge­brochen ist. Wütend ist er aber nicht auf den Virus, sondern auf Politiker, die das Blaue vom Himmel versprachen und anschließend dafür sorgten, dass sich eine große Anzahl von Künstlern beim Sozialamt anmelden müssen. Mit der freund­lichen Geneh­migung von Uli Zrenner-Wolken­stein übernimmt O‑Ton gern diesen Gastbeitrag, den er ursprünglich auf Facebook veröf­fent­licht hat.

Uli Zrenner-Wolken­stein – Foto © privat

Man ist sprachlos ob so viel Zynismus, falscher Verspre­chungen und dilet­tan­ti­scher Politik. Ja, es ist dilet­tan­tisch, arrogant oder aller­dings mieses, verlo­genes Kalkül. Harte Worte, die ich aller­dings auch gleich hinter­legen möchte.

Die Corona-Pandemie zeigt, wo im Kultur­staat Bayern die Künstler, die Kultur­schaf­fenden stehen. Sie zeigt aber auch, für was sie dienen: Zur Steigerung der Popula­ri­täts­werte von politi­schen Eliten. Unsere desas­tröse Situation wird allerorts benutzt, um sich zu profi­lieren. Da spricht die Kanzlerin „wir sind ihnen dankbar und vermissen sie“, da spricht der Kanzler­an­wärter („ihnen wird jetzt geholfen“), da gründet selbst die Oberbür­ger­meis­terin ein CNPR (Corona-Notfall-Programm für Künstler) zwei Tage vor der Stichwahl.

Wenn man in den Tagen mit Menschen spricht, die Ihre Infor­ma­tionen aus der Presse beziehen, dann sieht man sich mit Aussagen konfron­tiert, die so gar nichts mit der Realität zu tun haben. „Für Künstler wird ja einiges getan“. Das ist leider falsch. Es wird nur so getan, als würde man den Künstlern helfen wollen. Weil es eben gut wirkt. Sieht man sich aber die Tatsachen an, dann kann man nur noch staunen, mit welch verquerer Politik dem Leiden der Kultur­schaf­fenden begegnet wird. Ja es ist ein Leiden. Nicht, weil wir unserer Leiden­schaft nicht mehr nachgehen können, sondern weil wir am Verhungern sind. Wer? Die Künstler? Nein, nicht alle. Diese Diffe­ren­zierung sollte durchaus mal gemacht werden. Es trifft weit weniger den Schrift­steller oder Publi­zisten, der weiterhin seiner Arbeit nachgehen kann, weniger den bildenden Künstler, der weiterhin arbeiten kann. Nicht die angestellten Schau­spieler, Orches­ter­mu­siker und Musik­lehrer, die weiterhin zumindest zum großen Teil ihr Salär beziehen. Es sind die freien darstel­lenden Künstler, denen seit Anfang März bis sicherlich weit in den Herbst hinein und vielleicht darüber hinaus ein totales Berufs­aus­übungs­verbot auferlegt wurde. Natürlich zu Recht. Das ist keine Frage. Aber es ist Aufgabe des Sozial­staates, Menschen, die ohne Verschulden in eine Notsi­tuation geraten, weil sie zur Eindämmung der Pandemie nicht arbeiten dürfen, zu helfen.

Nur zur Klarstellung: Wir sprechen hier etwa von Musikern, die sich mit Ihrem Können eine Existenz aufgebaut haben, Familien gegründet haben, in den letzten Jahren sehr viel Steuern gezahlt haben und deren Auftrags­bücher eigentlich randvoll sind. Wir sprechen hier weder von Hobby­künstlern noch von Automo­bil­kon­zernen, die Entwick­lungen verschlafen und nun ihre milli­ar­den­schweren Subven­tionen via Dividenden an die Aktionäre weiter­leiten. Wir sprechen von kleinen künst­le­ri­schen Einmann-Unter­nehmen. Wir sprechen von zirka 30.000 Unter­nehmern in Bayern, die die Krise mit Abstand am härtesten trifft. Wenn etwa die leidge­plagte Gastro­nomie von einem Umsatz­ein­bruch von 25 bis 40 Prozent spricht, dann sprechen diese 30.000 Unter­nehmer von einem Umsatz­ein­bruch von 100 Prozent über mindestens ein halbes Jahr.
Wir sprechen von Künstlern, die Programme erarbeitet, Produk­tionen vorbe­reitet und in ihre Projekte inves­tiert haben. Von Live-Künstlern, deren wichtigstes Betriebs­mittel nun mal das Publikum vor Ort ist. Von daraus resul­tie­renden Umsätzen, an denen die Gastro­nomie, die Hoteliers, Karten­ver­kaufs­stellen, Verkehrs­be­triebe, die Werbe­branche und Technik­firmen partizipieren.

„Wir lassen niemanden zurück.“

Wie sieht diese Hilfe also aus? Zuerst sollten wir Sofort­hilfe beantragen. Damit kann man schön seine gewerb­lichen Mieten und Betriebs­kosten wie Leasing-Raten begleichen. Also alles das, was der Immobilien- und Finanz­branche gut tut. Den Lebens­un­terhalt? Nein, den nicht. Also bei mir: meine Studio­miete und meine KFZ-Finan­zierung bei der Bank. Hat man dann Glück und bekommt hier Geld, bekommt man nach zwei Wochen auch gleich einen Brief hinter­her­ge­schickt, in dem unter Haftan­drohung bis zu fünf Jahren die Rücküber­weisung der Gelder angemahnt wird, die nicht der Immobilien- und Finanz­branche zugute­kommen (genannt Betriebs­kosten, also all das, was den wirtschaft­lichen Betrieb in diesem Land am Laufen hält).

Jetzt können wir also für drei Monate (was ist eigentlich mit der restlichen Zeit, also Juni, Juli, August und so weiter, in denen wir weiterhin nicht arbeiten dürfen?) unsere „Liqui­di­täts­eng­pässe“ bestreiten, sprich unsere gewerb­lichen Mieten und Instru­menten-Leasing (wer hat so etwas?) bezahlen. Derweilen haben wir noch keine privaten Mieten, kein Essen, keine Kranken­ver­si­cherung, keine Kleidung für uns und unsere Familien bezahlt.

Dafür hat nun unser Minis­ter­prä­sident eine groß angekün­digte Lösung: Eine neue Corona-Künst­ler­hilfe. Mit vielen Millionen. Schön! „Wir lassen eben keinen zurück“. Drei mal 1.000 Euro sollen es sein. Der Antrag lässt auf sich warten. Compu­ter­pro­bleme, hört man. Die Anträge werden wochenlang program­miert (man staune: es sind genau acht Fragen zum Anklicken – dazu braucht ein gemeiner Webent­wickler genau zehn Minuten). Wow! Aber heute, vier Wochen nach Ankün­digung und elf Wochen nach Beginn des Berufs­aus­übungs­ver­botes ist er endlich online! Juhu! Nun wird geholfen. Erster Satz: Sie sind nicht antrags­be­rechtigt, wenn sie Sofort­hilfe beantragt haben. Wie jetzt? Sofort­hilfe für die Betriebs­kosten und die Künst­ler­hilfe, um seinen Lebens­un­terhalt so zum Teil bestreiten zu können. Nein: Wenn du einen Probenraum hast und für diese Kosten Sofort­hilfe bezogen hast, bekommst du nichts für den Lebens­un­terhalt. Also: Wer Betriebs­kosten hat, braucht nichts essen. Wer essen will, darf keine Betriebs­kosten haben. Das ist politische Logik. Wir lassen eben keinen zurück.

Uns reicht’s. Diese ganzen Regelungen, die so viel Zeit brauchen, gehen zu 100 Prozent an der Lebens­wirk­lichkeit von Künstlern vorbei und dienen alleinig einer Sache: der Popula­rität dessen, der sich hinstellt und die angeb­lichen Hilfen verlogen präsen­tiert. Zum Überblick: Es gibt 30.000 in der Künst­ler­so­zi­al­kasse (KSK) versi­cherte Künstler. Davon dürften etwa 10 Prozent keine Betriebs­kosten haben oder keine Sofort­hilfe beantragt haben. Das ist der Schnitt in meinem Kolle­gen­kreis. Hinzu kommen etwa 5.000 Künstler, die aus diversen Gründen nicht in der KSK sind (zum Beispiel freie Schau­spieler oder Tänzer, die immer wieder Anstel­lungen haben). Zusätzlich will man Veran­stal­tungs­tech­nikern und ähnlichen Berufen helfen. Die haben aber meist Betriebs­kosten und haben entspre­chend Sofort­hilfe bekommen. Also bleiben ungefähr 10.000 Antrag­steller à 3.000 Euro. Das entspricht 30 Millionen Euro. Was passiert mit den restlichen 110 Millionen? Die fließen wohl zurück in den Haushalt. Die gleiche Luftnummer haben wir hier in Regensburg erlebt: 1000 Euro für drei Monate für alle Künstler, die in der KSK sind und keine Sofort­hilfe beantragt haben. Bisher nach zwei Monaten so gut wie null Antrag­steller. Klar, oder? Wie kann man eine solch schlechte Politik machen? Wir haben ein Kunst­mi­nis­terium mit Minister, Staats­se­kre­tären, Minis­te­ri­al­räten und großer Verwaltung. Man habe sich mit der „Szene“ kurzge­schlossen. Wie kann man hier dann so etwas beschließen, wenn man auch nur einen grund­sätz­lichen Einblick in die Lebens­wirk­lichkeit der Betrof­fenen hätte? Das kann also keine arrogante Inkom­petenz, sondern nur klares Kalkül sein. Diese Luftnummer dient alleinig der Profi­lierung der politi­schen Elite. Geholfen wird Aktien­un­ter­nehmen und Ärzten etwa, die ihre Praxen schließen, ihre Angestellten in Kurzarbeit schicken und gleich­zeitig 90 Prozent des letzt­jäh­rigen Einkommens erstattet bekommen. Aus unseren Steuer­geldern und Kranken­kas­sen­bei­trägen wohlge­merkt! Das ist unser Sozial­staat! Dieje­nigen, deren Einkommen aber über mindestens sechs Monate aufgrund eines verord­neten Auftritts­ver­botes unver­schuldet komplett gestrichen werden, denen verbietet man, mit der Sofort­hilfe den nötigen Lebens­un­terhalt zu bestreiten. Wir werden verarscht und dienen alleinig der Vermehrung der Popula­ri­täts­werte von Politikern. Es reicht! Es wird Zeit, auf die Straße zu gehen und diese Verteilung unserer Steuer­gelder anzuprangern. Die Ignoranz des Sozial­staates und den Zynismus der Politik auf dem Rücken der Leidtra­genden anzuklagen. Aber auch klarzu­machen: Uns steht das Wasser bis zum Hals. Jetzt!

Uli Zrenner-Wolken­stein

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