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Am 4. Juni konnte endlich das Klavier-Festival Ruhr beginnen, dessen Start eigentlich für den 21. April vorgesehen war. So konnten jetzt bis zur Sommerpause noch 17 der ursprünglich 66 geplanten Konzerte aufgeführt werden. Damit konnte zwar die Idee des diesjährigen Festivals, eine Gesamtschau der Klavierwerke Ludwig van Beethovens zu zeigen, nicht in die Tat umgesetzt werden. Aber dafür ist ja im Herbst auch noch Zeit, denn dann sollen die ausgefallenen Konzerte nachgeholt werden.

Mit großen Mühen gelang es dem Team um Intendant Franz-Xaver Ohnesorg, wenigstens einen Teil des diesjährigen Klavier-Festivals Ruhr wie geplant umzusetzen. Etliche Konzerte werden im Herbst und Winter noch nachgeholt. Auch wenn die ursprünglich vorgesehene Gesamtschau der Klavierwerke Ludwig van Beethovens nicht lückenlos präsentiert werden konnte, boten auch die letzten, hochkarätig besetzten Konzerte der Sommerphase interessante Einblicke in die Komponierwerkstatt Beethovens. Wenn auch auf unterschiedlichem Niveau.
Ludwig van Beethoven und Igor Levit: Seit Levits von allen Seiten mit Lorbeer überschütteter Gesamteinspielung sämtlicher Klaviersonaten des Bonner Meisters gilt die Paarung als eine Art „Dream-Team“ der Klassik. Im Konzerthaus Dortmund konnte sich das Publikum „leibhaftig“ davon überzeugen, was Levit zu Beethoven zu sagen hat. Und nicht zu einem der weniger problematischen „Leichtgewichte“, wenn es die überhaupt bei Beethoven geben sollte, sondern zu den drei letzten Sonaten. Rätselhafte Dokumente der Gefühls- und Gedankenwelt des späten Beethoven in derart verschlüsselten Tonsprachen und Formen, in deren letzte Geheimnisse weder Interpreten noch Hörer jemals vollständig eindringen dürften.
Levit betont den extrem subjektiven, jeden Zeitgeist wegwischenden Charakter der mysteriösen Botschaften und nähert sich den Werken aus einer romantischen Position. Dass er den 1951 verstorbenen Artur Schnabel als Idol verehrt, ist nicht zu überhören. Auch wenn Levit auf Schnabels dramatische Extreme und dessen existenziell bedrohliche Einblicke in depressive Abgründe verzichtet. Möglicherweise ist der Schlüssel zum Riesenerfolg seiner Beethoven-Interpretationen gerade darin zu finden, dass Levit dem Ernst der Werke nichts schuldig bleibt, aber dennoch stets einen versöhnlich hoffnungsvollen Schimmer anklingen lässt. Die langsamen Sätze bringen den Hörer zwar zum Grübeln, stürzen ihn aber in keine Depression. Das gilt auch für das Finale der letzten Sonate op. 111, einer allem Irdischen abgewandten Arietta, die Levit gelassener zum Klingen bringt als Schnabel, dafür aber auch erträglicher als Schnabel mit dessen Krisen-Szenarien.
Auch den Zugang zu den geradezu bizarren Formkonstruktionen erleichtert Levit, wenn er die Zerrissenheit der Teile kontrastreich ausspielt, ohne sie durch Extreme auseinanderzureißen. Dadurch bleibt selbst ein kaum zu bändigendes Formen-Monstrum wie der Schlusssatz der vorletzten Sonate op. 110 nachvollziehbar. Ein fast collagenhafter Mix aus Momenten der Erstarrung, melodischer Gelöstheit, strenger Kontrapunktik und atemloser Hektik. Manches mag glatter klingen als bei Schnabel oder Kempff. Die Irritation angesichts der beispiellosen Tonsprache und Architektur bleibt aber auch mit Levits konzilianterem Werkverständnis erhalten.
Es ist auf jeden Fall ein gewichtiges Wort, das Levit zu Beethoven zu sagen hat. Eine Zugabe verweigerte Levit dem begeisterten Dortmunder Publikum. Zu Recht. Was könnte den letzten Tönen von op. 111 folgen, ohne die Nachhaltigkeit des ausdrucksstarken Adagios zu verwässern?
Deutsche Pianisten wieder im Blickpunkt
Es ist erfreulich, dass sich nach der lange Zeit erdrückenden Übermacht aus Russland und Fernost wieder eine Reihe deutscher Pianisten und auch Pianistinnen an der vorderen Front der Klavierszene tummeln können. Der Hamburger Alexander Krichel hat es mit sechs interessanten Alben und viel beachteten Auftritten in deutschen Autokinos zu beträchtlicher medialer Anerkennung gebracht. Sein Debüt beim Klavier-Festival Ruhr im Bochumer Anneliese-Brost-Musikforum bestätigt den glänzenden Eindruck, den seine CD-Einspielungen hinterlassen.
Auch wenn Krichel effektvollem Tastendonner nicht abgeneigt ist, scheint sein Herz doch noch wärmer für zarte lyrische Töne zu schlagen. Scheinbare Widersprüche, die sich exemplarisch in der Musik Franz Liszts widerspiegeln. Diese beiden Gesichter Liszts beherrschen auch das Programm seines Bochumer Auftritts. Dem bisweilen ungestümen Zugriff, den die drei Stücke aus Venezia e Napoli erfordern, bleibt Krichel nichts an pianistischer Brillanz und Kraft schuldig. Seine musikalischen Qualitäten, die sich in sensiblen melodischen Läufen und einer feinen Anschlagskultur niederschlagen, kommen jedoch deutlicher in Liszts eher schlichten Bearbeitungen der sechs Lieder aus Beethovens Zyklus An die ferne Geliebte zum Ausdruck. Wie auch in der Zugabe mit Liszts fein ausgehörter Transkription des berühmten Ständchens von Franz Schubert.
Im Zentrum des einstündigen Recitals prangt Beethovens Sturm-Sonate, die musikalisch größte Herausforderung des Abends. Krichel geht kontrolliert mit dem Notentext um und findet eine ausgewogene Balance zwischen der inneren Unruhe und dem Streben nach entspannter Harmonie. Einem Konflikt, der die Sonate beherrscht und pianistisch schwierig zu fassen ist. Krichel gelingt die Quadratur des Kreises überzeugend, so dass das begeisterte Publikum einem mehr als hörenswerten Vortrag eines deutschen Hoffnungsträgers beiwohnen darf.
Mit robustem Anschlag und vorwärtsstürmendem Impetus
Das Beethovenjahr sollte Anlass geben, den Blick auf das reiche, aber kaum wahrgenommene Variationswerk des Komponisten zu richten. Mit Ausnahme der Diabelli-Variationen hat es keiner seiner zahlreichen Variationszyklen geschafft, aus dem Schatten der Sonaten zu treten. Dabei beschäftigte sich Beethoven über 40 Jahre lang von den ersten Anfängen mit dieser Gattung, die einen überraschend vielfältigen Einblick in die geradezu explodierende Experimentierlust des Meisters erlauben. Insofern kommt dem Auftritt des finnischen Pianisten Olli Mustonen eine besondere Bedeutung zu.
In der Gebläsehalle des Duisburger Landschaftsparks Nord präsentiert der Musiker gleich fünf Zyklen, meist frühere Werke noch ohne Opus-Zahl, die vor verspielter Fantasiefülle regelrecht bersten. Und Mustonen nimmt die Werke, darunter Variationen über God save the King und Rule Britannia, mit robustem Anschlag und vorwärtsstürmendem Impetus in Angriff. Die Spielfreude, die Beethovens Auseinandersetzung mit der Gattung zum Ausdruck bringt, lässt sich durch Mustonens burschikose Interpretation nachvollziehen.
Allerdings gerät doch manches zu pauschal und roh, was sich in der abschließenden Waldstein-Sonate besonders nachteilig niederschlägt. Mustonen geht fast hemdsärmelig mit dem Notentext um. Gleich die Eingangstakte mit den charakteristischen Tonrepetitionen wirken rhythmisch verwaschen, die gesamte Darstellung leicht zerfahren. Von einer inspirierten Gestaltung kann nicht die Rede sein. Angesichts der enormen Fähigkeiten, die der Pianist bei seinen vorherigen elf Auftritten beim Klavier-Festival Ruhr erkennen ließ, hinterlässt das jüngste Konzert nur einen recht enttäuschenden Eindruck.
Ungewöhnliche Kombination

Haydn, Mozart und Bach: Das sind die Wegmarken, die man mit Beethoven in Verbindung bringt. Frédéric Chopin gehört nicht unbedingt dazu. Gleichwohl zieht die russische Pianistin Anna Zassimova interessante Querverbindungen zwischen den auf den ersten Blick so ungleichen Meistern. Im Haus Opherdicke zu Holzwickede bringt sie Werke der beiden Komponisten zusammen, die ihre Nähe zur freien und improvisatisonsnahen Fantasie belegen. Das Spannungsverhältnis zwischen geradezu explosiver Experimentierfreude und formaler Kontrolle beschäftigte Beethoven sein Leben lang und führte in seinen 25 Variations-Zyklen und 32 Sonaten zu unerschöpflich eigenwilligen Formen, mit denen er sich immer weiter von traditionellen Vorbildern löste.
Chopin ging im Grunde nicht anders vor. Und der Vergleich der formal frei schweifenden Fantasie op. 77 Beethovens mit der nicht weniger zerklüfteten Polonaise-Fantasie op. 61 Chopins wirft ein bezeichnendes Licht auf die kreative Energie beider Komponisten. Einblicke, die der Rest des Programms nicht ganz so scharf zum Ausdruck bringt, wenn etwa Chopins Nocturne in f‑Moll op. 55 Nr. 1 mit Beethovens 32 Variationen über ein Originalthema WoO 80 konfrontiert wird.
Den durchweg improvisationshaften Charakter der meisten Stücke vermag Zassimova mit ihrer Spielfreude und ihrem impulsiven Spiel zielsicher zu treffen, wobei sie so viel Kraft verströmt, dass sich der schmucke Vortragssaal des ehemaligen Herrenhauses in der Nachbarschaft Dortmunds bisweilen als zu klein erweist und manche Feinheit des Anschlags und der Phrasierung verschluckt.
Gleichwohl wird das Konzert nicht nur den hohen Qualitätsansprüchen des Festivals gerecht, sondern auch der diesjährigen Intention, Beethoven aus eher ungewohnten Perspektiven zu betrachten.
Mit Martin Stadtfeld in der Essener Philharmonie geht das Klavier-Festival in die ungewohnte Sommerpause. Weiter geht es am 30. August in Düsseldorf mit einem Liederabend des Baritons Matthias Goerne und des Pianisten Jan Lisiecki, die an Beethoven als viel zu wenig beachteten Liedkomponisten erinnern, dem man mit der Liederfolge An die ferne Geliebte schließlich den ersten Liederzyklus der Musikgeschichte verdankt und der mehr Klavierlieder hinterlassen hat als Robert Schumann. Die Monate September bis November sind dann mit Nachholterminen vollgespickt.
Pedro Obiera