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Angelika-Kauffmann-Saal - Foto © Bregenzerwald-Tourismus

Lied-Juwelen

Die Schuber­tiade Vorarlberg gilt als das bedeu­tendste Schubert-Festival der Welt. 1976 von Hermann Prey in Hohenems mitge­gründet, ist die Schuber­tiade Schwar­zenberg seit 2001 Anzie­hungs­punkt von Musik­lieb­habern aus aller Welt. Hier treten seit jeher die bekann­testen Liedsänger auf. Eine der Haupt­spiel­stätten ist der Angelika-Kauffmann-Saal, der, 2001 erweitert und grund­legend renoviert, ob seiner Akustik gerühmt wird.

Benjamin Appl und Helmut Deutsch – Foto © Schubertiade

Im lieblichen Bregen­zerwald, im idylli­schen Schwar­zenberg mit seinem histo­ri­schen Ortskern, den behäbigen Gasthäusern rund um Kirche und Dorfbrunnen, lassen sich besonders intensiv die Lied-Verto­nungen der deutschen Romantik bei der Schuber­tiade genießen. Mit dem holzver­tä­felten Angelika-Kauffmann-Saal auf der grünen Almwiese steht zudem ein akustisch hervor­ra­gender Raum zur Verfügung für etwa 700 Konzert­be­sucher aus aller Welt. Exzel­lente Kammer­mu­siker und außer­ge­wöhn­liche Sänger geben sich hier ein Stell­dichein, bevor im Oktober die Veran­stal­tungs­reihe nach unten ins Tal, nach Hohenems, umzieht.

Zum Auftakt der letzten Sommer-Woche stellte sich mit Benjamin Appl ein „Spitzen­reiter der neuen Generation der Lieder­sänger“ vor, so die Ankün­digung. Der junge Bariton sieht sehr gut aus, wird von Helmut Deutsch am Klavier geradezu „väterlich“ wohlmeinend begleitet, erweist sich aber rein stimmlich noch nicht als der wirklich berau­schende Shooting-Star: Dazu geht er die Texte und ihre Inhalte oft zu unbekümmert forsch an, dunkelt die hellen Vokale leicht ab, öffnet sie zu wenig, was die Verständ­lichkeit der Artiku­lation beein­trächtigt, und der Ansatz zur oft flach geführten Höhe kommt etwas unsicher, die Tiefe wirkt wenig gestützt. Dabei verfügt er jedoch über ein sehr anspre­chendes Material, eine hell kräftige Stimme von angenehmem, leicht kernigem Timbre, und wenn es drama­tisch oder beschwingt wird, kann er seine Vorzüge als gestal­tender Darsteller von bewegten Szenen eindrucksvoll einsetzen. Weniger liegen ihm gefühl­volle Legati oder lyrischer Schmelz. Dies und die Lied-Auswahl sind wohl noch seiner Jugend zuzuschreiben. Appl beginnt mit Im Freien  ein Programm, das insgesamt etwas disparat scheint. Das Erzäh­lende, wie in Alinde, wo er auch ironische Distanz einflicht, liegt ihm eher, auch das Drängende, das Spannende, ebenso das Neckische wie in  Geheimes. In den Musensohn  legt er viel Fülle, jugend­lichen Schwung. In den Schumann-Liedern überzeugt er mit seinem hellen Bariton in Die Grena­diere,  und die muntere Stimmung in  Lauf der Welt in den Grieg-Liedern gelingt ihm gut. So steigert er sich immer mehr in der Freiheit der gesang­lichen Ausge­staltung; sein Klavier­partner Helmut Deutsch aber ist ihm vom Umfang der Färbungen, der Verschie­den­ar­tigkeit der Stimmungen und der illus­tra­tiven Schil­derung der Texte doch überlegen. Dennoch ist der Beifall groß, denn Appl war für den erkrankten Piotr Beczala einge­sprungen, und das wird dankbar honoriert. Ohne Zugaben entlässt ihn das Publikum im nicht ganz voll besetzten Saal aber nicht.

Hier geben sich die weltbesten Liedsänger ein Stelldichein

Ian Bostridge und Julius Drake – Foto © Schubertiade

Ian Bostridge, aus England stammender, heraus­ra­gender Liedin­terpret und oft dafür ausge­zeichnet, mehrfach mit dem Grammy Award dekoriert, ist viel geliebter Stammgast bei der Schuber­tiade. Auch schrift­stel­le­risch hat er sich mit Schubert genauer befasst. Dass er bei seinem ausver­kauften Lieder­abend in die „schöne Welt“, „das Blüten­alter der Natur“, ins „Feenland der Lieder“ einführen würde, wie es bei den Schiller-Verto­nungen Schuberts heißt, war zu erwarten. Und mit einem ausge­feilten Programm, das die Sehnsucht nach einer „heilen“ Natur zeigt, die gefährdet ist durch mensch­liche Eingriffe, aber auch durch geheime, ihr innewoh­nende Gesetze, faszi­niert er. Die Lieder Hugo Wolfs nach Gedichten von Eduard Mörike – der übrigens begeistert von seiner Reise nach Schwar­zenberg war – widmen sich haupt­sächlich Empfin­dungen in der Natur, der erträumten Liebe, der Zufrie­denheit trotz unerfüllter Sehnsüchte. Lediglich bei Der Feuer­reiter  wendet sich Bostridge der drama­ti­schen Schil­derung des Gespens­ti­schen zu, und mit einem lustigen Abschied, nämlich der ironi­schen Betrachtung der Flucht eines Kritikers, beschließt er pointiert den Abend. Einfühlsam, fein illus­trierend begleitet von Julius Drake, kann Bostridge seine bestens sitzende, eher hell timbrierte Stimme locker und glänzend entfalten. Was bei ihm begeistert: seine textnahe, ausdrucks­starke Gestaltung, die hervor­ra­gende Verständ­lichkeit, wie er auch aus Schlichtem sanfte Freude hervor­zaubert. Beschwingte, fein abgestufte Schil­de­rungen von Natur­stim­mungen, aber auch expressiv Aufge­wühltes wie im Alpen­jäger  oder Drama­ti­sches wie im Erlkönig  wechseln sich ab. Bei den Wolf-Liedern gefallen vor allem die varia­ti­ons­reichen Färbungen, die innere Bewegung; nirgends klingt hier etwas forciert, und nach dieser Demons­tration intel­li­genter, abwechs­lungs­reicher Gestaltung ist der Beifall riesig. Der Ganymed von Wolf bei den Zugaben bietet da noch einen inter­es­santen Vergleich zur Schubert-Vertonung.

Elisabeth Kulman und Eduard Kutrowatz – Foto © Schubertiade

Elisabeth Kulman und ihr ganz auf sie einge­spielter Pianist Eduard Kutrowatz begeistern im nahezu ausver­kauften Angelika-Kauffmann-Saal mit einem ungewöhn­lichen Programm und überra­gender Gestaltung. Die sympa­thische Sängerin lässt gleich bei den Schubert-Liedern mit ihrer starken, in strah­lenden Höhen wie dunklen Tiefen berückenden Stimme aufhorchen, artiku­liert bestens, kann feinste Stimmungs­nu­ancen entfalten, innere Verzweiflung angesichts verlo­rener Liebe, Vergäng­lichkeit des kostbar Schönen in der Natur bei den Schubert-Liedern vermitteln. Der 1968 entstandene, relativ kurze, spätro­man­tisch angehauchte Lieder­zyklus Frantumi – Scherben – des ameri­ka­ni­schen, 73-jährigen Kompo­nisten Frederic Kroll – er nimmt gerührt den Beifall dafür entgegen – entstanden durch die Begegnung mit dem alkohol­kranken Henry Fregosi Loyzelle, findet durch die Sängerin eine schmerzlich schöne, drama­tisch akzen­tu­ierte, auch sanft klagende und schließlich nach starker Verzweiflung feinst verschwe­bende Deutung. Richard Wagners Wesen­donck-Lieder aber bilden den eigent­lichen Höhepunkt des Abends. Wunder­schön, eine reine Wonne Der Engel, innerlich aufge­wühlt und süß sich steigernd das Stehe still!, Im Treibhaus  ganz in sich versunken beim Klavier, im Ungewissen aushau­chend, heftig betont Die Schmerzen, und die Schönheit des Vergehens im schim­mernden Glanz von Träume  feiernd – solch eine sänge­rische Offen­barung wird belohnt von riesigem Beifall.

Das Verharren in der Vergan­genheit passt zum Ort

Unumgänglich sind bei der Schuber­tiade die berühmten Lieder­zyklen des Kompo­nisten nach Gedichten von Wilhelm Müller.

Die schöne Müllerin  erfährt durch den Bariton Andrè Schuen und seinen etwas mecha­nisch beglei­tenden Pianisten Daniel Heide eine von Anfang an eher tragische Deutung. Der Sänger aus Südtirol wartet gleich mit seiner großen, jugendlich kernigen Stimme, bester Verständ­lichkeit und feiner textlicher Diffe­ren­zierung auf. Schon nach dem munteren Auftakt des wandernden Müller­bur­schen spürt man in der Gestaltung einzelner Worte die Vorahnung der vergeb­lichen Liebe zur Müllerin, das traurige Ende. Zwar kann die Stimme strahlend, hoffnungsfroh aufblühen, doch beim Besingen des Bachs, der Metapher für das verrau­schende Leben, ist das glück­liche Gefühl schon infrage gestellt durch innewoh­nende Melan­cholie. Trotz heftiger Betonung der Liebe ahnt man das Kommende. Schuen nimmt seine Stimme immer mehr zurück, die jugend­liche „Ungeduld“ weicht zunehmend der Resignation. Weich abschat­tierte Färbungen, das idyllische Gemälde der Natur­stimmung am Bach, die Beschwörung erfüllter Liebe mit der gleich folgenden Enttäu­schung, die trotzige Erwähnung des Jäger-Rivalen, die Wandlung des Fröhlichen, des Grünen ins Fahle, ins Schmerz­liche – all das wird sanft, schlicht vorge­tragen bis zum unmerk­lichen Verklingen beim Tod des Müllers im Bach, der hier nicht als Erlösung gedeutet wird. Nach einer betrof­fenen Pause bricht lauter Jubel im ausver­kauften Saal los, mit stehenden Ovationen für den Sänger.

Da ist man dann gespannt, wie Daniel Behle mit seinem Freund und Liedbe­gleiter Oliver Schnyder die von vorne­herein viel düsterere Winter­reise,  den zweiten großen Lied-Zyklus Schuberts, inter­pre­tieren würde. Die schlanke Stimme des Tenors aus Hamburg beginnt mit tragi­scher Verschattung die Gute Nacht , legt alles als inneres Drama an, steigert den schlichten Liedton, textnah, sehr gut verständlich, zur Deutung expres­siver Verzweiflung angesichts des schick­sal­haften Laufs des Lebens. Feinste Kopfstimme, Aufbäumen gegen innere Qualen, Nachdenk­liches, seltene Momente fröhlicher Bewegung wie im Frühlings­traum lösen sich auf in Beobach­tungen einer abwei­senden Natur. Ein Juwel ist Der Lindenbaum  als Symbol für den Lauf des Lebens. Die Ergebenheit in das Unabän­der­liche des Schicksals ist zu spüren in Der Wegweiser , das Aufbe­gehren des Menschen dagegen in Mut , und in Der Leiermann  manifes­tiert sich die Ausweg­lo­sigkeit des mensch­lichen Schicksals. Diese sinnvoll variierte, verin­ner­lichte Schau auf Leben und Tod gefällt dem Publikum im ausver­kauften Saal, und es feiert Sänger wie Pianisten mit stehenden Ovationen.

Es ist eine Lust, sich der Intimität eines Lieder­abends – zumal auf solch hohem Niveau – hinzu­geben. Sicher einer der Gründe, warum derzeit das Kunstlied eine Renais­sance erfährt. Umso bedau­er­licher, dass auch hier der klassische Musik­be­trieb allzu sehr in der Vergan­genheit verhaftet bleibt.

Renate Freyeisen

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