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Synagoge der jüdischen Gemeinde Mannheim © JGM

Im Zeichen des Nussach

Die sakrale Musik des Judentums beruht auf einem vokalen Fundament. Spiel­arten und Beset­zungen der Synago­gal­musik heute können von Gemeinde zu Gemeinde unter­schiedlich sein. Gemeinsam ist allen, die Gebete zum Leuchten zu bringen.

Kantor Amnon Seelig bei der Ordination © privat

Mit einem Festjahr begehen zahlreiche deutsche Insti­tu­tionen und Organi­sa­tionen „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“. „In diesem Festjahr“, sagt Bundes­prä­sident Frank-Walter Stein­meier anlässlich der Eröffnung, „gibt es so unendlich viel zu entdecken oder wieder zu entdecken.“ Andrei Kovacs, Vorsit­zender des zu diesem Anlass gegrün­deten Vereins mit Sitz in Köln, meint, gerade zurzeit sei es wichtig, „jüdisches Leben sichtbar zu machen“. Der 46-jährige Musiker und Unter­nehmer, der aus einer jüdisch-ungari­schen Familie stammt, hätte auch „hörbar“ hinzu­fügen können. Denn das deutsch­land­weite Festjahr bietet die seltene Chance, jüdische Musik zu erleben, insbe­sondere geist­liche jüdische Musik.

Wie das Judentum selbst ist jüdische Musik außer­or­dentlich vielfältig. „Es gibt keine Formel“, beschreibt Jascha Nemtsov das Phänomen. Der Pianist und Musik­wis­sen­schaftler ist in die Ausbildung von Kantoren, haupt­be­ruf­lichen Vorbetern in Synagogen, in Potsdam invol­viert. Synago­gal­musik, neben Kunst­musik und Klezmer eine der drei Haupt­rich­tungen der Musik des Judentums heute, existiere in den unter­schiedlich ausge­rich­teten Gemeinden mit eigenen Strömungen, erläutert Nemtsov.

Lassen sich grob orthodoxe, konser­vative und reform­ori­en­tierte – liberale – Glaubens­kon­gre­ga­tionen unter­scheiden, drücken sich diese Konzepte auch in adäquaten Verständ­nissen von Synago­gal­musik aus. „Jede Synagoge bietet ihre eigene Möglichkeit, jüdische Identität auszu­bilden“, hebt der in Tel Aviv lebende israe­lische Schrift­steller und Musiker Assaf Gavron mit Blick auf seine Erfah­rungen in den USA hervor. Das gelte für jede jüdische Gemein­schaft in jedem Land außerhalb Israels. Synagogen bedeuten folglich für viele über die ganze Welt verstreut lebende Juden so etwas wie Heimat. Und die Liturgie der synago­galen Gottes­dienste spielt quasi die Melodie dazu.

3000 Synagogen vor 1945, 130 heute

Rund eine halbe Million Juden leben 1933 in Deutschland. 1989 sind es 26.000. Mit der Wende im Ost-West-Verhältnis wandern etwa 200.000 Menschen jüdischen Glaubens nach Deutschland ein, die meisten aus dem Gebiet der früheren Sowjet­union. Knapp die Hälfte der Juden, die heute in der Bundes­re­publik leben, sind Mitglieder einer jüdischen Gemeinde. 3000 Synagogen gab es vor 1945 in Deutschland. Heute sind es 130. In kleineren Städten hat sich, wie Amnon Seelig erläutert, auf Grund der gerin­geren Einwoh­nerzahl der Typus der Einheits­ge­meinde ausge­bildet. Gering im Vergleich speziell mit Berlin und der dortigen tradi­tionell großen jüdischen Gemeinde. Seelig, 39, ist der Kantor einer solchen, der Jüdischen Gemeinde Mannheim. Sie zählt 500 Mitglieder. Etwa 400 Gläubigen bietet die Synagoge Platz. „Unser Gottes­dienst“, berichtet Seelig, „wird nach nur einem Ritus, dem ortho­doxen, gestaltet. Aller­dings so, dass sich alle bei uns wohlfühlen.“

In der jüdischen Liturgie gibt es praktisch kein Gebet, das ausschließlich gesprochen wird. „Ohne Musik ist das Ausüben der jüdischen Religion undenkbar“, erläutert Nemtsov. Religion und Musik seien im Judentum so eng mitein­ander verwachsen, „dass fast nur singend gelesen und gebetet wird“. „Musik erleuchtet die Wörter“, unter­streicht Eli Schleifer, der am Abraham-Geiger-Kolleg in Potsdam die Kantoren-Ausbildung verant­wortet. Jüdische Gottes­dienste werden weitgehend durch­ge­sungen. In einigen Gemeinden werden einzelne litur­gische Texte rezitiert, aller­dings wird der überwie­gende Teil der Liturgie ebenfalls vokal gestaltet.

Inwieweit die Torah-Lesung tradi­tionell nicht nur gesungen, sondern im Übrigen durch Instru­mente begleitet wurde, ist dagegen nicht belegt. Zwar nennt die Bibel Musik­in­stru­mente. Doch ist ungeklärt, ob Uggay, Kinnor, Zimbel oder Hasoserah bei feier­lichen Tempel-Zeremonien einge­setzt wurden. 70 nach Christus erlebt die jüdische Liturgie eine folgen­reiche Zäsur. Nach der Zerstörung des Tempels in Jerusalem durch die römischen Besatzer wird die jüdische Instru­men­tal­musik aus der Liturgie elimi­niert. „Aus Trauer“, sagt Regina Yantian, 57, Organistin der jüdischen Pesta­loz­zi­ge­meinde in Berlin und Leiterin des Synagogal-Ensembles Berlin.

Rückbe­sinnung auf Blütezeit im 19. Jahrhundert

Wer sich mit Neugier und einem an christ­licher Sakral­musik ausge­bil­deten Vorver­ständnis der Synago­gal­musik nähert, wird noch am ehesten in liberalen Gemeinden wie der Pesta­loz­zi­ge­meinde Berlin im Stadtteil Charlot­tenburg Vertrautes finden. Die Gottes­dienste werden nach dem Nussach-Ritus der aschke­na­si­schen Juden gehalten. Als Aschke­nasen werden die Juden Mittel‑, Nord- und Osteu­ropas sowie ihre Nachfahren bezeichnet. Auch gegen­wärtig bilden sie die Mehrheit aller Juden in der Welt, auch im deutsch­spra­chigen Raum. Unter Nussach – hebräisch Stil, Fassung – wird eine Sammlung von Motiven und Tonarten verstanden. Der Nussach-Ritus beinhaltet bestimmte Melodie­frag­mente für die Ausge­staltung von Gebeten und Festgot­tes­dienten. Bestimme Tonarten sind für das frühe Freitags­gebet, andere für das Freitag­abend­gebet und das Gebet am Shabbat bestimmt.

Die Corporate Identity, wie man in der Marke­ting­sprache sagen könnte, der Berliner Pesta­loz­zi­ge­meinde orien­tiert sich exempla­risch an der Blütezeit des Synago­gen­ge­sangs im 19. Jahrhundert. Im Zuge eines gesell­schaft­lichen Akkul­tu­ra­ti­ons­pro­zesses sucht sich in dieser Epoche die jüdische Liturgie der christlich-deutschen anzunähern. In Berlin sammeln und erklären die Kompo­nisten Salomon Sulzer und Louis Lewan­dowski die tradi­tio­nelle Liturgie und öffnen sie durch eigene Kompo­si­tionen einer modernen Richtung, auch unter Zulassung von Orgel und Chor.

Bis zum Bruch durch den Natio­nal­so­zia­lismus waren Instru­mente ein genuiner Teil des Gottes­dienstes. Heute sind die Orgel und der Chor in einigen wenigen Reform­ge­meinden wieder zu erleben. Die Begegnung mit einer Liturgie der Tiefe und der Emotio­na­lität könnte dann auch den Reiz für Musik­in­ter­es­senten hierzu­lande ausmachen, sich mit dem Judentum neu zu befassen. „Unser Ziel ist es“, beschrieb Yantian nach einem Konzert Ende Januar im Berliner Dom ihr Anliegen, „die jüdische Liturgie und kantorale Musik mit Schwer­punkt auf die deutsche Tradition einem breiten Publikum nahe zu bringen.“ Letztlich ist die deutsch geprägte Synago­gal­musik Teil einer großen, aber verschüt­teten Musik­kultur. Sie sollte es wert sein, neu wahrge­nommen zu werden.

Konzert zum 200. Geburtstag Louis Lewandowskis

An den Wegbe­reiter der Moderne, den aus der Provinz Posen im heutigen Polen stammenden Lewan­dowski, und seine Impulse für die Erneuerung der jüdischen Liturgie erinnert die Pesta­loz­zi­ge­meinde regel­mäßig durch das alljähr­liche Louis-Lewan­dowski-Festival. Dessen elfte Ausgabe soll vom 16. bis 19. Dezember statt­finden – mit einer Strahl­kraft, die vom Festjahr „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ verstärkt werden dürfte. Die Planungen sind im Gange. Ein christlich-jüdisches Musikfest soll einer der Höhepunkte werden. Die Konzerte, umfassend gefördert durch die Initia­toren des Festjahrs, sehen auch Stücke vor, die nicht für Gottes­dienste kompo­niert worden sind. Zu den einge­la­denen Gästen zählt ein renom­mierter Chor aus dem südafri­ka­ni­schen Soweto.

Anlässlich des 200. Geburtstags Lewan­dowskis, geboren am 3. April 1821, veran­stalten die Initia­toren des Festivals ein spezi­elles geist­liches Konzert. Es wird am 14. März in der Berliner Synagoge Rykestraße gegeben, Corona-bedingt ohne Publikum. Der Live-Stream ist ab 16 Uhr auf der Webseite des Festivals abrufbar.

Zentrale Figur jedes jüdischen Gottes­dienstes ist der Kantor, der Chazan, ein im Idealfall profes­sionell ausge­bil­deter Sänger. Er weiß, wie gebetet, aus der Torah gelesen wird. Er ist scheliach zibbur, Abgesandter der Gemeinde, der die Gebete stell­ver­tretend vor Gott bringt. Im Wesent­lichen ist es der Kantor, der der Liturgie durch die gesun­genen Gebete ihr Gepräge gibt. Agiert er mit zurück­hal­tender Orgel- und Chorbe­gleitung, vernimmt die Gemeinde Kanti­lenen mit leicht ariosem Charakter. „Meine Aufgabe ist es“, beschreibt Seelig sein Metier, „durch die Gottes­dienste zu führen.“ Der Mannheimer Kantor, Stimmlage „hoher Bariton“, wie er sich selbst beschreibt, ist Absolvent des Abraham-Geiger-Kollegs in Potsdam und als Gründer wie Mitglied des Ensembles Die Drei Kantoren von 2013 bis 2020 mit vielen Spiel­arten der Vokal­kultur vertraut. „Die Ausbildung zum Kantor dauert mindestens vier Jahre und nimmt norma­ler­weise fünf bis sechs Jahre in Anspruch“, berichtet Seelig. „Aber die richtige Ausbildung ist die Erfahrung,“

Offenheit gegenüber unter­schied­lichen Gesangs­rich­tungen ist in der Mannheimer Synagoge stilbildend. „Musika­lisch gesehen gibt es keinen richtigen Unter­schied zwischen ortho­doxer und liberaler Ausrichtung,“ meint Seelig, „nur in der musika­li­schen Besetzung.“ Wie musika­lisch ein Gottes­dienst gefasst werde, sei nicht abhängig von der Richtung. „Bestimmte Melodien, die für liberale Gläubige geschrieben wurden, etwa von Lewan­dowski, werden auch von Ortho­doxen gesungen“, verdeut­licht Seelig. An hohen Feier­tagen könne sich der Ritus auch für westliche tonale Musik öffnen, auch unter Einbindung von Melodien aus der Volksmusik.

Neun Konzerte plant die Gemeinde Mannheim ab Juni im Rahmen des Festjahres. Das ehrgei­zigste Projekt könnte Ende 2021 die Urauf­führung eines Chanukka-Orato­riums auf Hebräisch werden. Kompo­nieren wird es der an der Univer­sität Haifa lehrende Alon Schab. Das Konzert wird vom Samuel-Adler-Verein in Koope­ration mit der Jüdischen Gemeinde Mannheim und dem Verein „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ organi­siert. Adler ist ein 1928 in Mannheim geborener ameri­ka­ni­scher Komponist. Haifa ist eine Partner­stadt von Mannheim.

Ralf Siepmann

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