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Du stehst inmitten von fast 150.000 Menschen und singst mit – ein Lied so ergreifend und schön und einfach wie nur ein altes Volkslied sein kann – unweigerlich und spontan kommen dir Tränen der Rührung. Ja, so ist es fast allen Teilnehmern am gerade zu Ende gegangenen Laulupidu-Fest im estnischen Tallinn ergangen. Erwachsene Männer, Frauen, Kinder und Senioren, aktive Teilnehmer oder nur Zuhörer – kaum ein Auge blieb trocken am Ende des fast achtstündigen Sängerfestes.
Einige Zahlen, um die Dimension dieser Veranstaltung überhaupt zu begreifen: 1020 Chöre mit insgesamt mehr als 35.000 Sängern. 713 Tanzgruppen mit mehr als 11.500 Tänzern. Die jüngste Teilnehmerin ist 5, der älteste 90 Jahre alt. 25 Chorgruppen und 15 Tanzgruppen sind estnische Gruppen aus dem Ausland. Das estnische Fernsehen überträgt die wichtigsten Veranstaltungen an vier Tagen live – insgesamt sind das fast 24 Stunden Sendezeit. Und dann sind noch die etwa 100.000 Zuschauer, die es sich auf Bänken und auf der Wiese bequem machen … Glücklicherweise und entgegen den ursprünglichen Schlechtwettervoraussagen, spielt das Wetter mit moderaten Temperaturen und immer wieder durchscheinender Sonne mit.
Die viertägige Veranstaltung ist in zwei Teile aufgeteilt: Die ersten zwei Tage sind dem Tanzfest gewidmet, und dann kommen zwei Tage Sängerfest. Das Tanzfest wird im Kalev-Stadion abgehalten und ist bunt und fröhlich. Komplizierte Choreografien zu Volksliedern mit schönen Titeln wie Die Seele von Mutter Erde, Eine Brosche für meinen Liebling, Wir sind die Architekten unseres Glücks mit zum Teil tausenden Teilnehmern zeugen von langen und intensiven Proben.
Mit der Parade zur Muschel

Ab Mittag des dritten Tages geht das Sängerfest los. Vom Freiheitsplatz aus startet eine Parade, die an der Sängerwiese endet. Das sind stolze vier Kilometer, die alle Teilnehmer in einem langen und feierlichen Zug zu Fuß und ohne Pause gehen. Nur die vielen enthusiastischen Zuschauer, die den Weg säumen, feuern sie an. Sie alle ziehen in die speziell zugedachte Sängerfestwiese ein, mit ihrer 1960 von dem estnischen Architekten Alar Kotli entworfenen, gigantischen Halbmuschel. Danach folgt die feierliche Eröffnung mit einigen wenigen Danksagungen und dem Anzünden des Laulupidu-Feuers – ganz wie bei den Olympischen Spielen. Und auch wie bei diesen, wandert die Fackel schon Monate vorher durch die vielen teilnehmenden Dörfer und Städte, um an diesem Tag feierlich auf die Sängerwiese einzuziehen. Hier wird sie noch von Hand zu Hand der vielen Verantwortlichen des Sängerfestes und Dirigenten den 42-Meter hohen Turm hinaufgereicht. Mit dem Zünden der Biogas-Flamme ist das Fest offiziell eröffnet.
Sogar die Präsidentin des Landes, Kersti Kaljulaid, singt als ganz normale Teilnehmerin eines Chores mit. Sie ist sicherlich nicht die einzige Politikerin oder Würdenträgerin – beim Tanz- und Sängerfest machen alle mit. Viele Teilnehmer erzählen vom ersten Mal, als sie dabei waren – als achtjähriger Knabe oder Mädchen wurden die traditionellen Lieder schon monatelang vorher einstudiert. Diese Verbindungen und Freundschaften ziehen sich oft durch das ganze Leben. Nicht selten singt die gesamte Familie mit – jeder in seinem Mädchen‑, Knaben‑, Männer‑, Frauen- oder Gemischtchor. Alle Teilnehmer sind auf diese Traditionen sichtbar stolz. Wie steht es mit der russischen Bevölkerung des Landes, macht sie mit? „Solange sie auf Estnisch singen, sind sie willkommen“, sagt Peeter Perens, Künstlerischer Leiter.
Die Teilnehmer tragen ihre Tracht mit großem Selbstbewusstsein – farbenfroh die Frauen mit unterschiedlichen, meist gestreiften, bunten, langen Röcken und weißen Blusen mit aufwändiger floraler Stickerei; strenge dunkle Gehröcke, oft mit Hut, für die Männer. Viele Mädchen tragen handgeflochtene Girlanden aus weißen Margueriten und blauen Kornblumen, während die Frauen eine standesgemäße bestickte Kopfbedeckung tragen. Wie bei allen Trachten, gibt es unzählige Herkunfts- und Standeshinweise auf Traditionen, die in den Details abzulesen sind.
Jedes Lied wird in unterschiedlicher Konfiguration gesungen – mal sind es nur Männerchöre oder nur Frauenchöre, dann wieder alle zusammen. Somit dauern die Umbauphasen schon mal 20 bis 30 Minuten, immerhin sind es dann Tausende, die die Treppen der großen Halbmuschel hinauf oder hinab gehen müssen. Das Publikum nimmt’s gelassen und holt sich vielleicht noch ein Eis – immerhin wird die Statistik von 180.000 in biokompostierbarem Papier eingewickelten, verkauften Portionen verkündet.
Als Chordirigent im Sängerfest teilzunehmen, ist als besondere Ehre angesehen. Sie alle – es sind an die 60, inklusive Neeme Järvi und die in Deutschland bekannte Kristiina Poska, wie auch die Komponisten der diesjährigen neuen Lieder und alle wichtigen Organisatoren – erhalten jeder zum Schluss feierlich einen großen Kranz aus heimischen Eichenlaub umgelegt.
Aufhebung der Leibeigenschaft

Die Veranstaltungen spielen ohne Pause, am ersten Tag sind es vier Stunden, am zweiten fast acht Stunden. Das ist für das kleine Orchester, welches inmitten der Orchestermuschel aufgebaut ist, ein langer Arbeitstag. Besonders schön ist es, wenn die Teilnehmer selbst eine Wiederholung eines Stückes fordern – nicht der Applaus des Publikums bestimmt ein da capo, sondern die Sänger. Und das geschieht sehr oft. Die aufgeführten Lieder sind von Sängerfest zu Sängerfest thematisch aus dem reichen Repertoire an Volksliedern und speziell für die Sängerfeste komponierte Lieder, ausgesucht. So auch in diesem Jahr, manche datieren aus dem späten 19. Jahrhundert, andere sind Auftragskompositionen für dieses Laulupidu. Ausschließlich von estnischen Komponisten, versteht sich.
Das alle fünf Jahre stattfindende Fest hat einen interessanten Ursprung im Jahr 1869. Damals wollten die estnischen Bürger das 50-jährige Jubiläum der Aufhebung der Leibeigenschaft durch Zar Alexander I. im gesamten russischen Reich feiern. Aber wie? Auch damals gab es schon Männergesangsvereine, die aber eher deutsche Kirch- und Volkslieder vortrugen. Um das aufstrebende estnische Selbstbewusstsein zu stärken, hat man estnische Volkslieder gesammelt oder neue in Auftrag gegeben. Allen voran der damalige Organisator in Tartü, Johann Voldemar Jannsen. Seine Tochter, Lydia Koidula, schrieb die Texte für grundlegende Lieder wie Mu isamaa on minu arm – das Land meiner Väter, das Land, welches ich liebe – die heute noch gesungen werden. Auch in der Sowjet-Zeit wurden die Sängerfeste abgehalten, allerdings wurde die Programmierung stark von Propagandaliedern infiltriert. Immerhin durften die Esten auch viele ihrer eigenen Lieder behalten, und das Zusammenkommen der Landsleute trug viel zur Aufrechterhaltung des eigenen Identitätssinnes bei.
Heutzutage ist das Tanz- und Sängerfest, und insbesondere diese Ausgabe zum 150-jährigen Bestehen, das auch mit dem 100-jährigen Jubiläum der Ausrufung der ersten estnischen Republik zusammenfällt, die vorrangige Veranstaltung zur Identitätsbestätigung. Bei einem Volk, das nur eine knappe Million Zugehörige zählt, ist es ein Fest, das an Symbolkraft weit über die viertägige Feier ihre Wichtigkeit und Wirkung behält und ausstrahlt.
Zenaida des Aubris