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In eigenen Beiträgen im AC-Foto-Blog gewährt Theaterfotograf Paul Leclaire aus Köln derzeit einen hochinteressanten Einblick in seine Arbeitsweise. Anlass genug, sich einmal mit den immer wieder grandiosen Produktionsfotos zu beschäftigen, die manchmal aussagekräftiger als die Rezension selbst sind. Denn wie bei den beeindruckenden Bildern gibt es auch bei deren Entstehung und Verwendung Licht- und Schattenseiten.

Es soll ja Menschen geben, die ein Kulturmagazin nur besuchen, um sich die eindrucksvollen Fotos von Theater- und Musiktheater-Produktionen anzuschauen. Was angesichts der durchgängig hohen Qualität dieser Bilder vollkommen nachvollziehbar ist. Umso bedauerlicher, dass man über die Menschen, die hinter diesen Fotos stehen, kaum mehr als ihren Namen erfährt. Einer dieser Fotografen ist der Fotodesigner Paul Leclaire. Er ist Diplom-Ingenieur für Fotografie und lebt und arbeitet seit über 30 Jahren in seinem Kölner Studio.
Dass die künstlerisch wertvollen Fotos von Bühnenproduktionen heute massenhaft Verbreitung in der Berichterstattung finden, ist keineswegs eine Selbstverständlichkeit und auch durchaus nicht unproblematisch. Denn die Fotografen werden von den Veranstaltern bezahlt, und natürlich haben diese Veranstalter ein ausgesprochen hohes Interesse daran, dass die Bilder einen werblichen Effekt erzielen. „Schaut her, egal, was der Rezensent schreibt, dieses Foto wird doch wohl jeden überzeugen, sich die Aufführung anzuschauen“, steht da also. Darüber hinaus findet damit eine deutliche Einschränkung der Pressefreiheit statt. Denn selbstverständlich umfasst die auch die Bildberichterstattung. In Zürich war es bis zum Amtsantritt des amtierenden Intendanten Andreas Homoki das Selbstverständlichste auf der Welt, dass Zeitungen ihre eigenen Fotografen entsandten, um Bilder von einer Aufführung anzufertigen. Es gab einen Aufruhr, als Homoki das System änderte. Ein Eingriff in die Pressefreiheit sei es, Bilder „diktiert“ zu bekommen. Der Intendant setzte sich durch, weil das Leben ein Kompromiss ist. Sicher, wenn zwölf Fotografen den Kölner Dom ablichten, werden wir zwölf verschiedene Aspekte finden, aber es handelt sich eben immer um den Kölner Dom. Und in einer Zeit, in der Tageszeitungen immer häufiger kostenlose Leserfotos verwenden, anstatt Fotografen zu beauftragen und zu bezahlen, fällt es schwer, den Verlockungen zu widerstehen, wenn einer Redaktion kostenlose Bildveröffentlichungen angeboten werden. Also gilt auch in Deutschland der Kompromiss, dass ein Fotograf stellvertretend für viele aussagekräftiges Bildmaterial anfertigt, dass dann in der Berichterstattung Verwendung findet. Und in der Regel funktioniert das auch ganz gut, wenn die Häuser mit den Fotografen sinnvolle Verträge aushandeln. Dann steht den Journalisten üblicherweise eine ausreichend große Auswahl an Fotos zur Verfügung, aus denen sie für ihren Bedarf auswählen können. Schwieriger wird es in Häusern wie Dortmund oder Berlin, wo gerade mal drei kostenfreie Fotos angeboten werden. Hier stellt sich dann tatsächlich die Frage, ob nicht die freie Bildberichterstattung so massiv eingeschränkt wird, dass es nicht mehr hinnehmbar ist. Der Hinweis, die Redaktionen könnten ja andere Bilder kaufen, greift nicht, weil hier einerseits eine Wettbewerbsverzerrung stattfindet und andererseits der Fotograf ja bereits für seinen Einsatz bezahlt wurde. Glücklicherweise sind aber diese beiden Häuser die unrühmliche Ausnahme; im Allgemeinen klappt es ganz gut mit dem Kompromiss.
Projektbezogene Auseinandersetzung
Und damit rücken wieder die Menschen in den Vordergrund, die für die Herstellung des Materials verantwortlich sind. Die Auftraggeber verfolgen verschiedene Philosophien. Häuser wie Krefeld mit Matthias Stutte, Bonn mit Thilo Beu oder Erfurt mit Lutz Edelhoff, um nur einige Beispiele zu nennen, verpflichten Hausfotografen. Das erleichtert die Betriebsabläufe, gibt den Fotografen Planungssicherheit und erlaubt auch schon mal Nebenaufträge. Legt die Auftraggeber aber auch stilistisch fest. Was bei den genannten Beispielen als Glücksfall gelten darf, kann auch schon mal nach hinten losgehen. Deshalb setzen andere Häuser auf produktionsbezogene Auftragsvergaben. Das bedeutet erheblich mehr Verwaltungsaufwand, aber auch mehr Spielraum in Honorar und Stil. Und für freie Fotografen wie Matthias Baus eine größere Aussicht auf Aufträge. Eine weitere Spielart sind Aufträge an „feste Freie“. Das spart zwar ebenfalls die Sozialabgaben für die Häuser, gibt den Fotografen aber relative Planungssicherheit. So wie Paul Leclaire. Der kann mit einem gewissen Auftragsvolumen seitens der Kölner Oper rechnen. Das gibt Freiraum, sich um die eigentliche Arbeit statt um ständige Bewerbungen zu kümmern.
In einer Zeit, in der die Technik auch ohne großes Zutun durch Experten Ergebnisse erlaubt, die nahezu perfekt erscheinen, wird auch für Fotografen die Auftragslage immer schwieriger. Viele von ihnen hüllen sich daher lieber in tiefes Schweigen über ihre Arbeit – immer in der Hoffnung, von ihrem Wissensvorsprung noch eine Weile profitieren zu können. Anders Leclaire. Der hat jetzt auf dem AC-Foto-Blog mehrere Beiträge über seine Arbeitsweise veröffentlicht. Und das Ergebnis ist mit einem Wort umrissen: Chapeau. Hut ab. Da erfährt man, mit welchem Material er arbeitet – wer es mal überschlagsmäßig zusammenrechnet, kommt schnell darauf, wie viel Geld Fotografen investieren müssen, bevor an ein Honorar überhaupt zu denken ist – und welche Einstellungen er bevorzugt. Da staunt der Laie, wenn der Fotograf leichterdings „zugibt“, bevorzugt mit der Blendenautomatik zu arbeiten, obwohl doch ein „echter Fotograf“ eigentlich nur mit manuellen Einstellungen zufrieden sein kann. Dem Raw-Format, seit Jahren von Software-Herstellern propagiert, weil damit die eigentliche „Entwicklung“ des Fotos erst am Monitor stattfindet, erteilt der Profi eine klare Absage. Bei ihm gibt’s JPEG, also das komprimierte Dateiformat, das weitaus weniger Nachbearbeitung erlaubt, weil er fertige Bilder abliefert. Und er erklärt auch, warum es für ihn diesen Schnickschnack nicht braucht, ja, in der Produktionsphase am Theater gar keine Zeit für solche Spielereien bleibt. Da bleibt zwischen erster Hauptprobe oder noch schlimmer, zwischen Generalprobe und Veröffentlichung der Fotos keine Zeit für großartige Software-Bearbeitungen mehr. Da muss man aus den Hunderten von Fotos die 15 oder 20 Fotos herausfiltern, die den „Kick“ bringen.
Das Foto ist das wenigste
Es ist kein großes Geheimnis, dass das Foto selbst oft die wenigste Arbeit erfordert, wenn man die Technik beherrscht. Sagt ja auch Leclaire. Der beschäftigt sich vorher mit Libretto und Partitur, unterhält sich mit dem Regisseur, um dessen Herangehensweise zu verstehen und taucht auch schon mal in den Vorproben auf, um ein Gefühl für die Auseinandersetzung des Ensembles mit dem Stück zu entwickeln. Und dann geht es eben nicht mehr um die Technik, sondern nur noch darum, mit dem Bild eine eigene Geschichte zu erzählen. Kein bloßes Abbild dessen, was auf der Bühne passiert, interessiert irgendjemanden. Sondern das Bild muss für sich selbst stehen, sagt Leclaire. Wenn dieses Motiv geschafft ist, braucht es keinen Lichtraum mehr, der von irgendwelchen Software-Spezialisten entwickelt wurde. Dann entsteht genau diese Faszination, die aus den Fotos die besten Werbebilder für eine Produktion macht. Die dann auch – ungeachtet aller Pressefreiheit – gerne und oft allzu beiläufig von den Journalisten übernommen werden, weil sie im Betrachter etwas auslösen.
Paul Leclaire erzählt sehr persönlich von seiner Arbeitsweise, erhebt keinen Zeigefinger und keinen Allwissenheitsanspruch. Aber nach der Lektüre weiß man als Leser doch ziemlich genau, dass es nur so funktionieren kann. Und er weiß noch etwas: Dass es – zumindest bei Fotografen wie beispielsweise Leclaire, Monika Rittershaus, Bettina Stöß oder Michael Pöhn – immer auch um die Kunst geht, selbst wenn regelmäßig nur noch die Dienstleistung bezahlt wird.
Michael S. Zerban