O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Baltic Sea Philharmonic - Foto © Geert Maciejewski

Hochkultur in der Gedenkstätte

Noch bis zum 12. Oktober findet das Usedomer Musik­fes­tival statt. Was erst mal nach piefigen Kurkon­zerten klingt, ist tatsächlich eine umfang­reiche Veran­stal­tungs­reihe, die nicht nur mit hochka­rä­tigen Gästen, sondern auch einem überra­schenden und vielfäl­tigen Programm aufwartet. Eine Rundreise durch den Spätsommer.

Kristjan Järvi – Foto © Geert Maciejewski

Gut, der Sommer ist kalen­da­risch in diesen Tagen gelaufen, doch nach wie vor lockt die strah­lende Sonne zahlreiche Gäste auf die idyllische Ostsee­insel im Nordosten Deutsch­lands. Neben guten Wetter hat die Insel auch für Kultur­freunde einiges zu bieten – zum Beispiel das Usedomer Musik­fes­tival. Dafür haben die Organi­sa­toren rund um Intendant Thomas Hummel nicht nur in den glanz­vollen Kaiser­bädern mit ihrer beein­dru­ckenden Bäder­ar­chi­tektur einen bunten Strauß hochka­rätig besetzter Musik­ver­an­stal­tungen organi­siert, sondern auch einige archi­tek­to­nische Highlights der Insel als Veran­stal­tungsorte einge­bunden, wie das Turbi­nenhaus der einstigen V2-Raketen­for­schungs­an­stalt Peene­münde, Schloss Stolpe oder die malerische Landkirche von Liepe.

Peene­münde – Heeres­ver­suchs­an­stalt und Wiege der V2

Unser erstes Ziel auf der Insel ist Peene­münde. Schon kurz nachdem der Bummelzug Zinnowitz verlassen hat, erreichen wir die Außen­zonen der einst 25 Quadrat­ki­lo­meter großen ehema­ligen Heeres­ver­suchs­an­stalten. Von 1936 bis zum Kriegsende war es Europas größtes militä­ri­sches Forschungs­zentrum. Bis zu 12.000 Menschen arbei­teten dort gleich­zeitig unter deren techni­schen Direktor Wernher von Braun an neuar­tigen Waffen­sys­temen wie dem ersten Marsch­flug­körper der Welt und der ersten funktio­nie­renden Großrakete. Nur linien­treue Ingenieure und kontrol­lie­rende Wehrmacht wohnte komfor­tabel im benach­barten Karls­hagen, die harte Arbeit erledigten Zwangs­ar­beiter aus dem Kriegs­ge­fan­genen-Lager und dem KZ-Außenlager.

Eindrucksvoll ragt am Peene­münder Hafen der Bau des Kraft­werks mit seiner riesigen Turbi­nen­halle empor. Das monumentale Stein­kohle-Kraftwerk erinnert mit seinem kubischen Bau mit dunkler Klinker­fassade an frühere große Kraft­werks­bauten. Durch die Nähe zum Hafen konnte Kohle effizient über eine Förderbahn ins Kraftwerk gebracht werden und auch Kühlwasser stand aus der Peene direkt zur Verfügung und hielt über die Abwasser-Rückleitung den Hafen im Winter eisfrei. Damals war es das modernste Kohle­kraftwerk Deutsch­lands, weshalb es die Sowjets nicht zerstörten, sondern weiterhin nutzten. So blieb es als Gesamt­komplex fast vollständig erhalten.

Heute arbeitet dort das Histo­risch-Technische Museum Peene­münde die Geschichte der Entstehung und Nutzung der auf dem Gelände entwi­ckelten Waffen auf, dokumen­tiert, wer hier arbeitete, wie man lebte und weshalb diese aufwän­digen Projekte durch­ge­führt wurden.

Das Usedomer Musikfestival

Sophie von Preußen – Foto © Geert Maciejewski

Wir sind dorthin zum Eröff­nungs­konzert des diesjäh­rigen Usedomer Musik­fes­tivals in der Turbi­nen­halle angereist. Göttliche Geometrie heißt das neue Programm des Baltic Sea Philhar­monic und sucht Symmetrie von Vergan­genheit und Gegenwart mit Kompo­nisten, die in ihrer Epoche Großes geleistet haben: Bach und Händel als musika­lische Haupt­fi­guren eines hansea­ti­schen Nordens, Reich und Glass als Klassiker des ameri­ka­ni­schen Minima­lismus. Ein ziemlicher Kontrast.

Den Klavierpart im dritten Klavier­konzert von Philip Glass übernimmt die außer­ge­wöhn­liche Simone Dinner­stein, für die Glass das Konzert 2017 eigens geschrieben hat, um es zusammen mit Bachs Musik aufzu­führen. „Glass hatte mich einge­laden“, erzählt sie nach dem Konzert „nachdem er CD-Aufnahmen von mir gehört hat. Er wollte ein Konzert für Klavier und Streich­or­chester schreiben, das mit der Musik Bachs zusam­men­ge­spielt werden sollte.“ Arman Tigranyan hat dafür gekonnt Bachs Chaconne von der Solovioline auf das Streich­or­chester transkri­biert. Dinner­stein gelingt es, die harmo­ni­schen Akkorde von Glass mit den barocken Klängen Bachs gekonnt zu verknüpfen. Die beiden Stücke gehen inein­ander über und vermengen sich beinahe. Eine energie­ge­ladene Begegnung, bei der sich auch dank des Dirigats von Kristjan Järvi Welten und Zeiten durch­dringen. Seit seiner Urauf­führung 2017 ist Dinner­stein inter­na­tional mit dem Werk auf Tournee. „Ich bin die einzige Pianistin, die es bisher einge­spielt hat,“ erzählt sie stolz. „Es war sehr befreiend, diese Musik zu spielen.“

Mitreißend war dabei das offene Zusam­men­spiel des Baltic Sea Philhar­monic unter Musik­di­rektor Kristjan Järvi. Wer als Frank­furter seinen zehn Jahre älteren Bruder Paavo kennt, der von 2006 bis 2013 das HR-Sinfo­nie­or­chester als Chefdi­rigent leitete, ist überrascht über die jugend­liche Ungezwun­genheit, die Kristjan Järvi ausstrahlt. Der als Kind mit seiner Familie in die USA ausge­wan­derte estnische Pianist und Dirigent ist inzwi­schen wieder nach Tallin zurückgekehrt.

Das Orchester mit Musikern aus den zehn Ostsee­ländern braucht sich wegen der Einführung einer Frauen­quote keine Sorgen zu machen. Faszi­nierend ist das variable Spiel und die Einteilung außerhalb der klassi­schen Orches­ter­auf­stellung in Klein­gruppen. Das Orchester spielt im Stehen. Järvi geht in seiner anste­ckenden Leiden­schaft sogar noch weiter. Da Opern­sänger und viele Konzert­so­listen ohne Noten auskommen, studierte er 2017 mit dem sich aus einem Pool von rund 300 jungen Orches­ter­mu­sikern zusam­men­set­zende Orchester erst Strawinskys Feuer­vogel auswendig und ohne Noten ein. Eine ziemliche Heraus­for­derung, die aber gelang und beim Publikum – zum Beispiel beim Rheingau-Musik­fes­tival – sehr gut ankam. „Seitdem“, sagt Järvi, „spielen wir das gesamte Programm auf diese Weise. Wir sind zusammen Teil eines einzigen großen Gehirns“. Die Flexi­bi­lität, die auch das unkom­pli­zierte Auf und Ab der Musiker auf der Bühne ermög­licht, macht zusammen mit der Archi­tektur der Halle, den Einklang von Klang und Licht zu einem wahrhaft außer­ge­wöhn­lichen Erlebnis.

Sophia Warczak – Foto © Geert Maciejewski

Das Orchester ging aus der Baltic Sea Youth Philhar­monic hervor, die 2008 talen­tierte Musiker aus Dänemark, Deutschland, Estland, Finnland, Lettland, Litauen, Norwegen, Polen, Russland und Schweden versam­melte und die Einheit in einer histo­risch geteilten Region verkörpern sollte. Schnell wurden die wichtigsten Konzert­häusern und Festivals aufmerksam und Weltstars wie Julia Fischer, Jonas Kaufmann und Kurt Masur beglei­teten das Ensemble, das 2015 von der Europäi­schen Kultur­stiftung Pro Europa für seine Leistungen mit dem Europäi­schen Kultur­preis geehrt wurde.

Vor drei Jahren benannte sich das Ensemble in Baltic Sea Philhar­monic um. Nach seiner Nordic-Pulse-Tour durch Litauen, Lettland, Estland, Finnland und Russland im Frühjahr stand im Sommer Midnight Sun in Deutschland und jetzt Divine Geometry auf dem Programm bei einer Reise durch Italien und Deutschland. Das neue große Werk von Steve Reich, das auf Usedom seine deutsche Erstauf­führung erlebte, hat das Orchester zusammen mit dem New York Philhar­monic, dem Los Angeles Philhar­monic, dem San Francisco Symphony, dem London Symphony Orchestra und dem Sydney Symphony Orchestra in Auftrag gegeben. Für den 82-jährigen Reich, der leider nicht in Usedom dabei sein konnte, ein willkom­mener Auftrag, damit man sein neues Werk schnell von Spitzen­or­chestern gespielt auf der ganzen Welt hören kann.

Am nächsten Tag konnten wir im Kaiserbad Ahlbeck den Erinne­rungen der schönen deutschen Kronprin­zessin Cecilie von Preußen an den letzten Friedens­sommer an der Ostsee lauschen. „Die Luft ist warm und still. Die See atmet ganz leise”, schrieb sie in ihren etwas pathe­ti­schen Erinne­rungen, die von  Harfen­klängen von Kompo­nisten, die dem preußi­schen Königshaus nahe standen, begleitet wurden, als die ihre Nachfahrin Sophie von Preußen, die mit ihrem Ehemann Georg Friedrich, dem Oberhaupt des Hauses Hohen­zollern von Babelsberg an die Ostsee gekommen war, im gläsernen Oberge­schoss eines Ahlbecker Boutique-Hotels vortrug.

Der Bildungs­auftrag: das Ostsee-Musikforum

Auch die Bildungs­arbeit kommt beim Usedomer Musik­fes­tival nicht zu kurz. Mit Klavier­trios und der Urauf­führung der Sonate für Cello und Klavier des Esten Jüri Reinvere hatte man drei Ostsee­länder beim Ostsee-Musik­forum vereint, das im eleganten gräflichen Salon auf Schloss Stolpe brillierte. Primus inter pares war dabei Meister­cellist David Geringas, dem Reinvere die Musik förmlich in die Finger schrieb. Daneben waren Tschai­kowskys tiefemp­fundene Huldigung auf seinen früh verstor­benen Förderer Nikolaj Rubin­stein und ein Trio von Clara Schumann zu hören, deren Geburtstag sich nur wenige Tage zuvor zum 200-sten Mal jährte.

Das Ostsee-Musik­forum auf Schloss Stolpe ist inzwi­schen schon zur Tradition geworden. David Geringas ist dort eine Woche lang künst­le­ri­scher Mentor der Meister­kurse für hochbe­gabte Studenten. Es stellt mit dem Abschluss­konzert ein außer­ge­wöhn­liches Podium für eine konzen­trierte Arbeit mit renom­mierten Künstlern und Programmen, die sich eng am Programm des Usedomer Musik­fes­tivals anlehnen. Geringas zählt zur Musiker-Elite der Gegenwart und beein­druckt durch sein ungewöhnlich breites Reper­toire vom frühesten Barock bis zur zeitge­nös­si­schen Musik. Flexi­bi­lität und Neugier verbinden sich dabei mit intel­lek­tu­eller Strenge, stilis­ti­scher Vielsei­tigkeit, melodi­schem Sentiment und Klang­sinn­lichkeit, die den Rostro­povich-Schüler und Sieger des Tschai­kowsky-Wettbe­werbs viele Preise und Anerkennung einbrachten und einbringen. Neben seiner Arbeit als Cellist ist er auch als Dirigent tätig und seit Jahren regel­mä­ßiger Gast beim Usedomer Musik­fes­tival, wo er sein Können zeigt und an den Nachwuchs weitergibt.

Musika­lische Inselrundfahrt

Eine erstklassige Chance, die Insel kennen­zu­lernen, die deshalb von Einhei­mi­schen wie Gästen gerne genutzt wird, ist die musika­lische Insel­rund­fahrt. Die Insel Usedom bezaubert neben Meeres­strand und schönen Villen auch mit Seen, Wäldern, Schlössern und zahlreiche Kirchen, deren reizvolle Orgeln auf dieser Reise zum Klingen gebracht wurden. Der Leipziger Organist Johannes Gebhardt begleitete den stimmungs­vollen Ausflug mit kleinen Konzerten in Ahlbeck, dem polni­schen Swine­münde, Liepe und auf Schloss Stolpe, nur unter­brochen von der Mittags­pause im schönen Wasser­schloss Mellenthin. Den zwischen 1575 und 1580 errich­teten Bau im Zentrum der Insel hat 2001 der aus Nordrhein-Westfalen stammende Jan Fidora übernommen, der neben einem hübschen Hotel auch ein  gut besuchtes Café und Restaurant betreibt. Vor einiger Zeit kam eine eigene Brauerei – Fidora hat das Handwerk gelernt – und eine Kaffee­rös­terei hinzu. Spezia­lität: Cannabis-Bier. So beschwingt konnten die Gäste die musika­li­schen, archi­tek­to­ni­schen und landschaft­lichen Reize der Insel noch besser genießen und in wenigen Stunden kennen­lernen – oder alte Bekannt­schaften vertiefen.

In diesem Jahr stellt das Usedomer Musik­fes­tival erstmals Deutschland und seine Musik in den Mittel­punkt. Bis zum 12. Oktober sind auf der Insel rund 40 Konzerte geplant. Erwartet werden Künstler wie der Bariton Matthias Goerne und Musicalstar Ute Lemper, die ihre New Yorker Broadway-Show auf den Spuren von Marlene Dietrich nach Heringsdorf bringt. Neben dem auf Usedom gegrün­deten Orchester Baltic Sea Philhar­monic kommen renom­mierte Ensembles wie der Rias-Kammerchor und das NDR-Elbphil­har­monie-Orchester. Spielorte sind auf dem deutschen und dem polni­schen Teil der Insel sind neben dem Kraftwerk Peene­münde vor allem Schlösser, Kirchen und Hotels, der Kaiser­bä­dersaal in Heringsdorf und der Lokschuppen der Usedomer Bäderbahn. Für etliche der hochka­rätig besetzten Konzerte und Veran­stal­tungen sind noch Karten erhältlich.

Michael Ritter

Teilen Sie sich mit: