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Markus Poschner - Foto © Magnus Manske

Dirigenten-Karussell

Vom 25. Juli bis zum 1. September finden die 110. Bayreuther Festspiele statt. Der übliche „Skandal“ blieb in diesem Jahr aus. Offenbar gab es zu viel zu tun, das Festival überhaupt statt­finden zu lassen. Heuer geht es in erster Linie darum, ausrei­chend Ersatz­per­sonal zu finden, weil der Corona-Virus mächtig zuschlägt. Bislang ist es den Verant­wort­lichen gelungen, ohne Striche bei den Vorstel­lungen auszukommen.

Markus Poschner – Foto © Magnus Manske

Der garstige Corona-Virus hat zwar die Proben der letzten Wochen mächtig durch­ein­an­der­ge­wirbelt und kann noch bis zur Eröff­nungs­pre­miere am 25. Juli für einige Überra­schungen sorgen. Aber eine verläss­liche Tradition bleibt unberührt: Angela Merkel wird den Roten Teppich zur Neuin­sze­nierung von Tristan und Isolde betreten.

Ansonsten schwankt einiges bei den Festspielen so unbere­chenbar wie das Schiff des Fliegenden Holländers. 61 offizielle Corona-Infek­tionen vor allem unter den Solisten und dem techni­schen Personal hielten die Beset­zungs- und Leitungs­büros auf Trab. Zum Glück blieben Chor und Orchester weitgehend verschont. Größere Ausfälle könnten zu ernst­haften Störungen bis hin zu gestri­chenen Auffüh­rungen führen. Zumal man in diesem Jahr der Chor, der vor allem im Fliegenden Holländer und dem Tannhäuser viel zu singen hat, wieder live auf der Bühne singen und nicht aus isolierten Kabinen im Probenraum ins Festspielhaus übertragen werden soll.

Ein großes Problem bereitete die Corona-Erkrankung von Pietari Inkinen, der den neuen Ring des Nibelungen dirigieren sollte. Für ihn springt Cornelius Meister, General­mu­sik­di­rektor der Stutt­garter Staatsoper, ein, der bereits die letzten Proben übernahm, als werkkundig gilt und derzeit auch an einem neuen Ring in Stuttgart arbeitet. Bayreuther Erfah­rungen sammelte er bereits 2004 als Assistent von Pierre Boulez beim legen­dären Parsifal von Christoph Schlingensief.

Meister war ursprünglich für den neuen Tristan vorge­sehen, den Markus Poschner übernimmt. Hätte Meister auch noch den Tristan dirigiert, müsste er innerhalb von 16 Tagen dreizehn ellen­lange Auffüh­rungen überstehen. Einen solchen Kraftakt hat bisher nur Herbert von Karajan gestemmt, als er 1951 zusätzlich zu den Meister­singern von Nürnberg für den erkrankten Hans Knapperts­busch den Ring übernahm.

Auch wenn Poschner vor zwei Jahren als Chef des Bruckner-Orchesters Linz für eine Produktion von Tristan und Isolde mit dem Öster­rei­chi­schen Musik­thea­ter­preis ausge­zeichnet wurde, gehört er noch nicht zu den etablierten Wagner-Dirigenten. Dass der Vorstand dieses Musik­thea­ter­preises in diesem Jahr mit der Nominierung von Anna Netrebko und Teodor Currentzis in die Kritik geraten ist, steht auf einem anderen Blatt.

Die Verpflichtung Poschners, wie auch die Pietari Inkinens, der dann im nächsten Jahr den Ring dirigieren soll, entspricht der Philo­sophie der Festspiel­chefin Katharina Wagner, neue Namen an den Hügel zu binden. Was auch für Regis­seure wie Valentin Schwarz gilt, der mit dem Ring vor einer Herku­les­aufgabe steht. Viele große Opern­pro­duk­tionen hat er bisher nicht aufzu­weisen. Die letzte an der Kölner Oper mit York Höllers komplexer Roman-Vertonung Der Meister und Margarita, die er mit einer wahren Bilderflut überschwemmte, das Verständnis der diffi­zilen Handlung damit aller­dings nicht erleichterte.

Die Besetzung neuer Dirigenten wie Cornelius Meister, Pietari Inkinen und Markus Poschner geht einher mit einem schwin­denden Einfluss von Christian Thielemann, dessen Vertrag als „Musik­di­rektor der Bayreuther Festspiele“ nicht verlängert wurde und der in dieser Saison lediglich die Wieder­auf­nahme des Lohengrin leiten wird.

Ausfälle auf der ganzen Linie

Der Bariton John Lundgren hat „wegen schwerer persön­licher Gründe“ sowohl die Partie des Holländers als auch die des Wotan zurück­ge­zogen. Bereits im letzten Jahr waren seinem Holländer die Folgen einer schweren Corona-Infektion anzuhören. Die Wotan-Partien übernehmen statt­dessen Egils Silins und Tomasz Konieczny.

Einen Teil der Probenzeit musste auch Publi­kums­liebling Georg Zeppe­nfeld in Quarantäne verbringen. Der im westfä­li­schen Attendorn geborene Bassist wird aber wohl seine sage und schreibe fünf Rollen singen können. Mit diesem Kraftakt tritt der stets zuver­lässig in Hochform auftre­tende Sänger in die würdigen Fußstapfen seines Lehrers Hans Sotin, der in früheren Jahren in Bayreuth mit ähnlichen Rekorden aufwarten konnte.

Als Wieder­auf­nahmen stehen der Lohengrin, Der Fliegende Holländer und der extrem wider­sprüchlich bewertete, teils hymnisch glori­fi­zierte, teils vernichtend kommen­tierte Tannhäuser in der Regie von Tobias Kratzer auf dem Programm. Probleme mit der Vertrags­ver­län­gerung von Katharina Wagner und kompli­zierte recht­liche Verein­ba­rungen der Richard-Wagner-Stiftung und der Familie Wagner werden in der Öffent­lichkeit derzeit nur marginal wahrge­nommen. Ebenso der an sich übliche Familien-Knatsch im Wagner-Clan. Aber verlassen kann man sich auf Angela Merkel. Sie wird kommen, wenn auch wahrscheinlich mit Maske, die die Festspiel­leitung zwar nicht vorschreibt, aber im voll besetzten Haus dringend empfiehlt.

Pedro Obiera

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