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Foto © Thomas Müller

Verbindungslinien

Seit 1990 gibt es das Kunstfest Weimar mit einer durchaus wechsel­vollen Geschichte. Und während andernorts die Mittel für solche Veran­stal­tungen – teils radikal – zusam­men­ge­strichen werden, blickt man in Thüringen voller Euphorie in die Zukunft, wenn es erstmals mit Katharina Germo und Juliane Hahn eine Doppel­spitze geben wird, die zudem einen ganzen Beraterstab zur Seite gestellt bekommt. Das kann was werden.

Katharina Germo und Juliane Hahn – Foto © Jacob Schröter

Jedes Jahr im Spätsommer findet seit 1990 das Kunstfest in Weimar statt. Ursprünglich als deutsch-deutsche Kultur­in­itiative gegründet, hat es sich längst zu einem sparten­über­grei­fenden Festival entwi­ckelt, das mit zahlreichen inter­na­tio­nalen Ur- und Erstauf­füh­rungen glänzt und eigens für Weimar entwi­ckelte Projekte präsen­tiert. Der Blick auf den dazuge­hö­rigen Wikipedia-Eintrag zeigt, dass das Festival bislang eine durchaus wechsel­hafte Geschichte durch­laufen hat, sowohl, was die Zahl der Inten­danzen als auch der Veran­stalter angeht. Eine der promi­nen­testen Leite­rinnen des Festes war Nike Wagner, die von 2004 bis 2013 die Fäden in der Hand hielt. Sie verlieh der Veran­staltung den franzö­si­schen Namen Pèleri­nages, also Pilger­fahrten. 2016 geriet das Fest gar auf die Rote Liste des Deutschen Kultur­rates, war damit als gefährdet einge­stuft. Alles Geschichte.

So wie auch die Träger­schaft der Kunstfest Weimar GmbH. Heute ist das Kunstfest Weimar ein künst­le­risch eigen­stän­diger Betriebsteil des Deutschen Natio­nal­theaters und der Staats­ka­pelle Weimar. 2018 übernahm Rolf C. Hemke die Leitung des Festivals. Eine der größten Leistungen seines Teams war vermutlich, das Kunstfest durch die Pandemie zu bringen. Das Festival habe „mit aller Kraft ein Programm präsen­tiert, das so umfang­reich ist, als gelte es vor allem zu beweisen, dass trotz Corona nicht nur einiges, sondern sehr vieles möglich ist“, schrieb der Journalist Simon Strauss darüber. Im kommenden Jahr wird Hemke sein letztes Festival als Intendant ausrichten.

Ab 2026 soll das Kunstfest „mit frischen Impulsen“ weiter­ent­wi­ckelt werden. Dazu wurden Katharina Germo und Juliane Hahn als künst­le­rische Leite­rinnen verpflichtet. Beide sind in Ostdeutschland nach dem Mauerfall aufge­wachsen, also gewis­ser­maßen gemeinsam mit dem Kunstfest großge­worden. Germo stammt aus Halle, arbeitet derzeit als Co-Leiterin des Fabrik­theaters Rote Fabrik Zürich. Hahn ist in Fried­richsroda, Thüringen, geboren und verant­wortet momentan als Produk­ti­ons­lei­terin das Festival Politik im Freien Theater Leipzig.  „Mit Katharina Germo und Juliane Hahn übernimmt erstmals eine junge weibliche Doppel­spitze die künst­le­rische Leitung des Kunst­fests Weimar – ein starkes Signal für die Zukunft des Festivals. Mit ihrer Erfahrung und ihren frischen Ansätzen werden sie ab 2026 neue Akzente setzen, die Kunst, Verbindung und Teilhabe ins Zentrum rücken. Das Kunstfest wird unter ihrer Leitung ein Ort sein, an dem inter­na­tionale künst­le­rische Impulse und lokale Identi­täten zusam­men­finden, um ein breites Publikum zu bewegen und zum Nachdenken anzuregen. Gemeinsam mit der designierten Leitung des DNT, Valentin Schwarz, Dorian Dreher und Timon Jansen, entsteht so ein inspi­rie­rendes Zusam­men­spiel von Theater und Festival, das neue Verbin­dungs­linien zwischen Weimars Bühnen und seiner Stadt­ge­sell­schaft schaffen kann“, erklärt Benjamin-Immanuel Hoft, geschäfts­füh­render Thüringer Kultur­mi­nister und Aufsichts­rats­vor­sit­zender des Deutschen Natio­nal­theaters Weimar.

Kunst, Verbindung und Teilhabe

Um ihre Ziele umzusetzen, werden Germo und Hahn Fachleute in den Bereichen Inter­na­tionale Programm­arbeit, Vermittlung und Barrie­re­freiheit zur Seite gestellt. So soll erreicht werden, das inter­na­tionale Programm durch „innovative Handschriften des zeitge­nös­si­schen Theaters und Tanzes“ zu stärken. Außerdem soll das Kunstfest in Zukunft noch stärker lokal verankert werden. Inter­na­tionale Künstler sollen sich mit der regio­nalen Kultur­szene vernetzen. So möchte das Leitungsduo ein breites Publikum mit einem vielsei­tigen Programm ansprechen, das bewegt und zum Denken anregt. „Darin sollen sich sowohl geteilte Erfah­rungen als auch die kultu­relle Vielfalt unserer Gegenwart wieder­finden“, heißt es.

Auch der Oberbür­ger­meister Weimars, Peter Kleine, kann sich der Aufbruchs­stimmung nicht verschließen. „Mit der neuen Leitung beginnt eine weitere Ära des tradi­ti­ons­reichen Kunst­festes Weimar. Ich verbinde damit die Hoffnung, dass sich dieser wichtige Baustein im Veran­stal­tungs­ka­lender der Stadt Weimar weiter als Publi­kums­magnet für jung und alt, aber auch für Gäste erweist. Die Stadt steht diesem Neuanfang mit Offenheit und Neugier gegenüber. Wir freuen uns auf das junge Team und auf eine gute Zusam­men­arbeit“, sagt der Oberbür­ger­meister. Überflüssig zu erwähnen, dass sich auch das designierte Leitungsteam des DNT auf die Zusam­men­arbeit freut.

„Wir verstehen das Kunstfest als beson­deren Anlass, für den sich Menschen jeden Sommer versammeln, um mitein­ander die Künste zu feiern und sich auf außer­ge­wöhn­liche Begeg­nungen und neue Perspek­tiven einzu­lassen. Wir sind neugierig auf Weimar und seine Menschen und werden uns mit großer Sorgfalt der spannenden und verant­wor­tungs­vollen Aufgabe widmen, das gesell­schaft­liche Potenzial auszu­bauen und neue Verbin­dungs­linien zu knüpfen. Auch aufgrund unserer Biografien freuen wir uns sehr darauf, eines der bedeu­tendsten inter­na­tio­nalen Kunst­fes­tivals Ostdeutsch­lands zu gestalten und damit einen wichtigen Beitrag zu einer vielfäl­tigen und leben­digen Kultur­land­schaft zu leisten”, erklären Germo und Hahn zu ihrer Berufung.

Bei aller Euphorie, die aus Weimar zu hören ist und die den beiden künftigen Leite­rinnen gegönnt sei, darf man wohl festhalten, dass es eher nach einer Fortsetzung der von Hemke und seiner Mannschaft geleis­teten und noch zu leistenden Arbeit klingt. Was ja wohl auch der richtige Weg ist. Dass bislang sämtliche „Wokeness“-üblichen Äußerungen unter­lassen werden, deutet darauf hin, ein ideolo­gie­freies Festival auch ab 2026 erleben zu dürfen. Und das ist in diesen Tagen ja ein schon mehr als erfreu­liches Signal.

Michael S. Zerban

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