O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Foto © Thilo Beu

Bedingt innovativ

Zwei Auftrags­pro­duk­tionen, ein reakti­viertes Oratorium, drei Ausein­an­der­set­zungen mit dem Fidelio/​Leonore-Sujet –  Beethovens überschau­bares Vokalwerk für die Bühne und das Konzerthaus reizt die Szene der Kreativen. Wie weit diese Ambitionen reichen werden, ist derzeit völlig offen.

Opernchor Theater Bonn – Foto © Thilo Beu

Ein solches Kompliment haben Marco Medved und seine Schütz­linge vermutlich lange nicht mehr vernommen. Es sei erfreulich zu sehen, schreibt Herbert Hiess unter dem Eindruck der Wiener Aufführung des Beethoven-Orato­riums Christus am Ölberge im Online­portal klassik​-begeistert​.at, wie der Chor des Theaters Bonn „das Vorurteil Lügen strafte, dass nur jüngere Leute gut singen“. Größten­teils habe man „ältere Herrschaften“ gesehen, notiert der Kritiker, „die mit Inbrunst und guten Stimmen den gewal­tigen Chorpart“ bravourös bewältigt hätten.

Wertschät­zungen, insbe­sondere begründete, dürfte das Theater Bonn, wichtiger Faktor im Opern- und Konzert­pro­gramm von bthvn2020, gewiss gern einsammeln. Insbe­sondere solche Wiener Prove­nienz. Und sicherlich umso lieber, selbst wenn die Vorstellung einer Art Visiten­karte in eigener Sache in der zweiten der beiden wichtigsten Beethoven-Städte nicht unter einem guten Stern steht. Am 8. Februar erfahren die Urauf­führung der Auftrags­kom­po­sition Ein Brief von Manfred Trojahn sowie die Quasi-Wieder­ent­de­ckung des Beethoven-Orato­riums von 1803, jeweils in szeni­schen Insze­nie­rungen, eine viel beachtete Premiere im Bonner Opernhaus. Exakt drei Wochen danach steht das Premie­ren­doppel als Gastspiel des Bonner Theaters auf dem Spielplan des Theaters an der Wien. Das Theater war 1803 die Stätte der Urauf­führung des Orato­riums, das Gastspiel der Bonner so gesehen ein Heimspiel.

Ausfall der Novität 

Doch ausge­rechnet die Novität, Trojahns Auftrags­kom­po­sition nach Hugo von Hofmannsthals Chandos-Brief für Orchester und einen Sänger, muss wegen Erkrankung des Baritons Holger Falk – Titel­figur und einziger Solo-Protagonist – ausfallen. Das Beethoven-Orchester Bonn (BOB) unter seinem musika­li­schen Leiter Dirk Kaftan versucht sein Bestes, sich aus der unwill­kom­menen Situation zu befreien. Es spielt die Fidelio-Ouvertüre, zudem Sätze aus der Pastorale und der Fünften Beethovens. So ist das verwöhnte Wiener Publikum natürlich nicht sonderlich zu beeindrucken.

Auch mit der Jubiläums-Trouvaille, dem selten aufge­führten Oratorium, kann das nur bedingt gelingen. In Bonn begeistert die von Reinhild Hoffmann ersonnene choreo­gra­fische Konzeption für das natur­gemäß statische Werk das Publikum. Im Haus an der Wien wird die Kompo­sition konzertant gegeben, bleibt der Erregungs­level von vornherein flacher. Dazu gibt es einen Wechsel in der Titel­partie, was nie gern gesehen wird. Statt Kai Kluge aus Bonn agiert Rainer Trost in der Tenor­rolle des Christus. So schlägt in der Stunde der Not die Stunde des Bonner Chores, 44 Sänge­rinnen und Sänger stark. Medved weiß um die plötz­liche Verant­wortung, das Konzert an der Donau zu retten. Er hält vor der Vorstellung eine Rede: „Ich habe meinem Chor bewusst gemacht, wie toll sie singen und wie gut sie vorbe­reitet sind.“ Er habe sie gebeten, berichtet der Chorleiter, ihr Bestes zu geben, „um auch in Wien zeigen zu können, wie gut wir in Bonn arbeiten und mit welcher beson­deren Liebe wir unser Kind Ludwig pflegen“.

Die Ansprache zeigt Wirkung, wie Medved nicht zuletzt am Beifall des Publikums für den Chor feststellen darf. „Alle Sänger haben diese Heraus­for­derung fantas­tisch angenommen und eine Leistung geliefert, die mich noch jetzt stolz macht“, sagt er. Von Vorteil sei zudem der Vorlauf der Proben und der Auffüh­rungen am Rhein gewesen. „Die Tatsache, dass der Chor die gesamte Partie auswendig kennt“, erläutert Medved, „hat natürlich geholfen, noch einen engeren Kontakt mit Dirk Kaftan in Wien haben zu können.“

„Brücke zwischen Bonn und Wien“

Christian Jost – Foto © privat

Auch in der Musik­me­tropole Öster­reichs gibt es positive Stimmen. „Dieses Gastspiel“, unter­streicht Susanne Stricker, die Koordi­na­torin von WIENBEETHOVEN2020, „stellt eine Brücke zwischen den beiden Beetho­ven­städten Bonn und Wien dar.“ Hier zeige sich die Chance des Beetho­ven­jahrs, „dass auch selten gespielte Werke für das Wiener Publikum greifbar werden“.

Das im Vergleich mit der Staatsoper kleinere Wiener Haus wartet im Februar ebenfalls mit einer Auftrags­kom­po­sition auf. Der Komponist Christian Jost und sein Librettist Christoph Klimke rücken eine Figur ins Zentrum, die Beethoven als einen Wegbe­reiter von Frieden und Freiheit in Europa schätzt und mit der er sich viele Jahre befasst hat. Es ist der nieder­län­dische Freiheits­kämpfer Graf Egmont, der 1567 den spani­schen Besatzern wider­steht. Beethoven widmet ihm auf der Grundlage von Goethes Trauer­spiel eine Schau­spiel­musik, die 1810 urauf­ge­führt wird.

Es gehört zu den reizvollen Aspekten der offenen oder latenten Allianz zwischen Bonn und Wien im Zeichen Beethovens, dass Kaftan die damals vom Burgtheater in Auftrag gegebene   Schau­spiel­musik aufge­griffen und in einer 2019 bei Dabringhaus und Grimm erschie­nenen Einspielung dokumen­tiert hat. Das BOB geht so weit über den üblichen Konzert­be­trieb hinaus, der sich auf die Wiedergabe der beliebten Ouvertüre beschränkt, unter Ausklam­merung des großen Bogens von der Beschreibung der brutalen Herrschaft bis hin zur Beschwörung des Freiheits­kampfes. Die Inter­pre­tation mit Matthias Brandt als Sprecher und Olga Bezsmertna, Ensem­ble­mit­glied der Wiener Staatsoper, in der Sopran­partie macht exempla­risch das Innova­ti­ons­po­tential eines wohl verstan­denen Beethoven-Jubiläums bewusst.

Der Kritiker Christoph Irrgeher wünscht in der Wiener Zeitung Josts zeitge­nös­si­scher Ausein­an­der­setzung mit Beethoven „ein Leben über das Jahr des Jubiläums hinaus“. Womöglich alsbald auch auf deutschen Bühnen? Als eine „Inkar­nation der Beetho­ven­schen Freiheitsidee und sicherlich ein beson­deres Asset des Wiener Beetho­ven­jahres“ empfindet sie jeden­falls die Wiener Koordi­na­torin Stricker. Zu den Erfolgs­fak­toren der Urauf­führung zählt nicht allein die bestechende Klangwelt des Kompo­nisten. Mit Edgaras Montvidas in der Titel­partie, Bo Skovhus als dessen Gegen­spieler Herzog Alba, Maria Bengtsson als Clara sowie Angelika Kirch­schlager in der Rolle der Margarete von Parma engagiert sich zudem ein hervor­ra­gendes Ensemble an Sängerdarstellern.

Opernblut geleckt

Weitet die Neuent­de­ckung des Orato­riums und die Fokus­sierung auf Graf Egmont den Blick auf Beethovens Œuvre im Bereich der Vokal­musik, sacer wie säkular, so ist der Rekurs auf seine einzige Oper Fidelio im Jubilä­ums­nar­rativ natürlich unver­meidlich. „Work in Progress“ nennt der Beethoven-Biograf Jan Caeyers die Leonore/​Fidelio-Phase des Kompo­nisten zwischen 1804 und 1814. An deren Ende hat der „einsame Revolu­tionär“ Blut geleckt, Opernblut. Die zentrale Bedeutung des Werks für das Verständnis des Musikers wie des homo politicus Beethoven offenbart allein schon der Umstand, dass in den ersten knapp 100 Tagen des Jubiläums drei Bühnen­aus­ein­an­der­set­zungen zu verzeichnen sind.

Im Einzelnen: Die bei O‑Ton bespro­chene Bonner Insze­nierung des Fidelio in der vollendeten Fassung von 1814, die der Theater­re­gisseur Volker Lösch „mit aktuellen Geschichten von politi­schen Gefan­genen in der Türkei und deren Angehö­rigen“ auflädt. Die Insze­nierung der als Leonore geführten Urfassung als erste Premiere des Jahres an der Wiener Staatsoper, mit der auch dank der textlichen Überar­beitung von Moritz Rinke ein beson­derer Akzent gesetzt werden soll. Nachzu­er­leben ist sie auf Arte Concert. Als „verspielte Chance“ bewertet die Kriti­kerin Miriam Damev auf Falter​.at die Produktion, sowohl die musika­lische Perfor­mance als auch die Regie­arbeit von Amélie Niermeyer. Schlicht „misslungen“ nennt sie Thomas Rauchenwald im Opernglas. Eines der Frage­zeichen betrifft das Finale. Entgegen Beethovens Idee von der Übermacht der Utopie der Freiheit erschießt Pizarro Leonore, die den Jubel-Schluss folglich nur als Vision erfährt. Schließlich die zweite Fassung von 1806, die Christoph Waltz im Theater an der Wien einrichtet, deren geplante klassische Premiere aller­dings von der Corona-Krise verhindert wird und dann nur als Fernseh­über­tragung ohne Publikum gezeigt wird.

Die von Bildre­gisseur Felix Breisach besorgte HDTV-Adaption – auch eine Innovation im Jubilä­umsjahr – zu erleben am 20. März auf ORF 2 sowie als Livestream im Netz, offeriert textlich wie musika­lisch einige Anleihen und Überra­schungen. So das irritie­rende Duett von Leonore und Marzelline über die eheliche Liebe, das mit der finalen Überar­beitung Beethovens wieder elimi­niert wird. Immerhin wird so mehr als deutlich, warum sich heute auf den Bühnen der Welt die dritte Fassung etabliert hat, bisweilen durch die Ouvertüre zu Leonore ergänzt.

Bedingt innovativ. So lässt sich ein Fazit der ersten Wochen ziehen. Lassen die beiden präsen­tierten Auftrags­kom­po­si­tionen Vielver­spre­chendes auch für die kommenden Monate erwarten, überzeugen die ersten Ausein­an­der­set­zungen mit der Trias Leonore/​Fidelio aus ganz unter­schied­lichen Gründen nicht. Bis zum Fixpunkt des Beethoven-Jubiläums im Dezember sind zwar noch etliche Monate Zeit. Doch könnte sich dieser scheinbare Vorteil unter den Gegeben­heiten der Corona-Krise in sein Gegenteil verwandeln, eine erzwungene Stagnation. In Auffüh­rungen des Fidelio ist das „süße Glück des Augen­blicks“, das Florestan besingt, am Ende gewiss. Zeit seines Lebens kennt Beethoven Gewissheit nur als Ausnahme Wie weit das ihn und uns geführt hat, ist bekannt. Auch das kann beflügeln.

Ralf Siepmann

Teilen Sie sich mit: