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Bezeichnend, dass Andreas Homoki für seinen Abschied als Intendant des Opernhauses Zürich eine Repertoire-Vorstellung wählt. In den vergangenen dreizehn Jahren gab es wenig Spektakuläres, aber viel Kontinuität. So zeigt sich das Opernhaus am Ende seiner Intendanz in bester Verfassung. Versuch einer Bilanz.

Nach dreizehn Jahren verabschiedet sich Andreas Homoki von seiner Position als Intendant des Opernhauses Zürich. In einer Wiederaufnahme fällt der letzte Vorhang mit dem ersten Werk der Operngeschichte. Evgeny Titov zeichnet verantwortlich für Claudio Monteverdis L’Orfeo von 1607, und der Regisseur beweist ein gutes Geschick dafür, den alten Stoff in ein modernes Kleid zu weben, ohne dabei den Geist der frühen Barockoper zu schmälern.
Rund 14000 Menschen wohnen außerdem am darauffolgenden Abend der beliebten Open-Air-Veranstaltung Oper für alle und der Live-Übertragung des Opus Les Contes d’Hoffmann von Jacques Offenbach auf dem Vorplatz des Opernhauses bei. Andreas Homoki überreicht bei der Gelegenheit den Schlüssel des Hauses an seinen Nachfolger Matthias Schulz, der die Großveranstaltung unter seiner Intendanz weiterführen und auf drei Tage in Folge erweitern wird.
Homokis Amtszeit von 2012 bis 2025 war geprägt von einem bemerkenswerten Paradox: Während der gebürtige Deutsche das traditionsreiche Haus erfolgreich zu einem der international angesehensten Opernhäuser formte, blieb er selbst oft im Schatten seiner Arbeit – Homoki wurde dadurch als ein Intendant geschätzt, der bewusst auf Glamour verzichtete und vielmehr auf künstlerische Substanz setzte.
Homokis größte Leistung liegt in der systematischen Öffnung des Opernhauses für ein breiteres Publikum. Was in Zürich oft als elitärer Tempel der Hochkultur verunglimpft wurde, entwickelte sich unter seiner Führung zu einem lebendigen, zugänglichen Kulturort. Mit innovativen Formaten wie Oper für alle gegen Ende einer Saison, rauschenden Eröffnungsfesten und einem erweiterten Vermittlungsprogramm für Schulen durchbrach er die unsichtbaren Barrieren zwischen Bühne und Publikum.
Die Zahlen sprechen für sich: Neben den Wiederaufnahmen entstanden über 120 Opern-Neuproduktionen und 40 Ballettpremieren unter seiner Ägide, die insgesamt zweieinhalb Millionen Besucher anzogen. Eine Auslastung von über 80 Prozent bei gleichzeitiger finanzieller Stabilität – trotz jährlicher Subventionen von 80 bis 90 Millionen Schweizer Franken – zeugt von einer strategisch klugen Hausführung.
Homokis Repertoire-Politik war von einer gewissen Bandbreite geprägt, obschon er gerade die Zeit des Verismo und der Spätromantik wohlklingender Opern sträflich vernachlässigte. So hatten zum Beispiel Werke wie Fedora von Umberto Giordano oder Adriana Lecouvreur von Francesco Cilea keine Chance. Das künstlerische Spektrum spannte sich jedoch von Barock-Opern bis zu zeitgenössischen Uraufführungen, von Operetten bis hin zu Kinderopern. Die Uraufführung von Heinz Holligers Lunea 2018, die von der Fachwelt zur Uraufführung des Jahres gekürt wurde, unterstrich seinen Mut zu zeitgenössischen Werken.
Homokis eigene Inszenierungen zeugten von einem tiefen musikalischen Verständnis und schlicht gehaltener, kühler Ästhetik. Dmitri Schostakowitschs Lady Macbeth von Mzensk sorgte 2013 für internationale Aufmerksamkeit, während sein Wagner-Ring durch klassische, mythische Reduktion überzeugte. Seine Abschiedsinszenierung von Mendelssohns Oratorium Elias mit Christian Gerhaher wurde 2025 als würdiger Schlusspunkt einer Ära gefeiert.
Besonders bemerkenswert war die Ensemble-Philosophie von Andreas Homoki: Statt auf kurzfristige Star-Auftritte zu setzen, förderte er einen starken Teamgeist und wertschätzte auch die scheinbar unscheinbaren Mitarbeiter. Seine Besetzungspolitik war daher stark ensembleorientiert. Stars, die nicht proben wollten, hatten bei ihm keine Chance auf einen Auftritt.
Doch gerade diese Solidität wurde Homoki nicht selten zum Vorwurf gemacht. Kritiker bemängelten das Fehlen spektakulärer Höhepunkte und großer künstlerischer oder medialer Paukenschläge. Inszenierungen wie Verdis La forza del destino 2018 in eigener Regie galten als Tiefpunkte seiner Laufbahn. Die Entscheidung, den umstrittenen Regisseur Sebastian Baumgarten 2023 für Puccinis Turandot zu verpflichten, erwies sich zumindest in einem Punkt als Debakel. Startenor Piotr Beczała traf vor lauter Schreck die Töne nicht in der misslungenen Inszenierung und verließ die Produktion umgehend.
Schwerer wogen die Vorwürfe bezüglich seines Führungsstils in Krisenzeiten. Bei MeToo-Vorwürfen gegen Mitarbeiter oder der kontroversen Einladung von Placido Domingo 2019 blieb Homoki oft unsichtbar und überließ die Kommunikation seinem Team. Die Entlassung von Operndirektor Fichtenholz wegen Machtmissbrauchsvorwürfen wurde bezeichnenderweise nicht von ihm selbst, sondern von seinem Team kommuniziert.

Auch die Besetzungspolitik unter Operndirektorin Sophie de Lint stieß regelmäßig und zurecht auf Kritik: Zu oft schien die Optik wichtiger als die stimmliche Qualität, was dem hohen künstlerischen Anspruch des Hauses widersprach. Während die Künstler in den Titelpartien bis auf wenige Ausnahmen vorwiegend glänzten, waren bei den Nebenrollen oft Mängel auszumachen. Schwere Partien wurden mitunter zu schnell aufstrebenden Talenten vergeben, was sich stimmlich entsprechend bemerkbar machte.
Trotz aller Kritik hinterlässt Homoki seinem Nachfolger Matthias Schulz ein großes Erbe: ein finanziell gesundes, künstlerisch lebendiges Haus mit einem motivierten Ensemble und einer breiten Publikumsbasis. Seine Ära war geprägt von Kontinuität, künstlerischer Solidität und einer systematischen Öffnung für neue Zielgruppen.
Die unverwechselbare visuelle Identität durch François Berthouds Plakatkunst wird ebenso in Erinnerung bleiben wie Homokis Fähigkeit, renommierte Künstler wie Barrie Kosky oder Dirigenten wie Gianandrea Noseda ans Haus zu holen, ohne dabei die Ensemble-Struktur zu gefährden.
Andreas Homokis dreizehnjährige Intendanz war letztlich ein Plädoyer für die Kraft der stillen Größe. In einer Zeit, in der Kulturinstitutionen oft durch Skandale oder spektakuläre Coups auf sich aufmerksam machen, bewies er, dass nachhaltiger Erfolg auch durch kontinuierliche, substanzielle Arbeit erreicht werden kann.
Sein bewusster Verzicht auf Glamour und Selbstinszenierung mag manche Kritiker enttäuscht haben, doch er schuf damit ein Opernhaus, das nicht von der Persona seines Intendanten, sondern von der meist hohen Qualität seiner Produktionen lebt. Diese Haltung – so unsexy sie manchen erscheinen mag – könnte sich als sein wertvollstes Vermächtnis erweisen.
Die Opernwelt wird Homoki nicht als progressiven Visionär in Erinnerung behalten, sondern als einen Intendanten, der bewies, dass eine hohe Qualität auch ohne Exzesse möglich ist. In einer Branche, die oft von Eitelkeiten und Machtkämpfen geprägt ist und in der Intendanten mehr nach dem Feuilleton schielen als ein Besucherbedürfnis zu bedienen, hat er das in den Vordergrund gestellt, wofür ein Opernhaus dieser Klasse stehen sollte: Packendes Musiktheater auf hohem Niveau!
Peter Wäch