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Foto © Studio Amati Bacciardi

Weltruhm mit Wermutstropfen

Für echte Fans von Gioac­chino Rossini ist es quasi Pflicht, in den Sommer­mo­naten ins italie­nische Pesaro, die Geburts­stadt des Kompo­nisten, zu reisen. Seit 1980 finden dort alljährlich Festspiele statt, die längst legendär sind. Der beispiel­hafte Besuch dreier Auffüh­rungen zeigt, dass es aber auch hier noch Verbes­se­rungs­mög­lich­keiten gibt.

Foto © Studio Amati Bacciardi

Pesaro und Rossini sind eine untrennbare Einheit, und das Rossini-Festival ehrt die Verbindung des Ortes zu seinem berühm­testen Bürger. Das Festival zieht alljährlich viele Besucher aus dem Ausland an, und für zwei Wochen im Sommer wird Pesaro die Haupt­stadt des Belcanto. Um den Ansturm wirtschaftlich zu nutzen, weicht das Festival neben dem renom­mierten, hübschen Teatro Rossini und dem Auditorio Pedrotti für die Konzerte auf die Adriatic Arena, den nüchternen Zweckbau eines Basket­ball­sta­diums, aus. Das fasst nach einem geschickten und ästhe­tisch anspre­chenden Umbau 1200 Besucher vor den Toren der Stadt. Mit seinen hellen Holzwänden und der breiten Bühne wirkt die Arena wie ein moderner Konzertsaal, die Akustik spielt einiger­maßen mit. Hier werden die ein bis zwei Opern­pro­duk­tionen aufge­führt, die, mit inter­na­tio­nalen Stars besetzt, großes Publi­kums­in­teresse heraus­fordern sollen.

Die große Neupro­duktion dieses Jahres ist die erste franzö­sische Oper des verehrten Kompo­nisten Gioachino Rossini, Le Siège de Corinthe – die Eroberung Korinths. Nachdem die Origi­nal­fassung verschollen ist, gelang es durch intensive Recherche und akribi­sches Zusam­men­fügen einzelner überlie­ferter Stimm- und Instru­men­tal­auszüge, die monumentale Oper zu rekon­stru­ieren und wie eine zweite Urauf­führung nunmehr in Origi­nal­fassung vorzu­stellen. Das Werk ist Ausfluss der helle­nis­ti­schen Euphorie rund um den Befrei­ungs­kampf der Griechen von der türki­schen Besetzung in den Jahren ab 1820.

Lord Byron wurde in diesem Kampf zum Helden und taucht auch in der sehr wider­sprüch­lichen Insze­nierung des katala­ni­schen Regie­teams Fura dels Baus dominant auf. Zur Ouvertüre werden Verse von ihm in engli­scher, spani­scher, griechi­scher und italie­ni­scher Sprache groß einge­blendet, bevor die belagerten Griechen mit fast leeren, übergroßen Plastik­was­ser­fla­schen aufmar­schieren. Aufein­an­der­gelegt ergeben sie am hinteren Bühnenende die Mauern der belagerten Stadt. Losgelöst von jedem histo­ri­schen Bezug erscheinen Griechen und Musel­manen, weiblich und männlich, in kaum unter­scheid­baren schlab­bernden Stretch-Overalls von Lita Cabellut geschmacklos gestaltet und von Desigual, einer katala­ni­schen Modemarke, farblich inspi­riert. Das macht es nicht einfacher, dieser verfrem­denden Insze­nierung zu folgen.

Sicherlich ist die Geschichte des Liebes­paares Pamyra, Tochter des griechi­schen Befehl­habers Cleomene, und Mahomot, dem türki­schen Eroberer, in diesem Libretto von Luigi Barlochi keine packende Umsetzung des beliebten Sujets politisch inkor­rekter Lieben. Aber dem sonst so einfalls­reichen Regieteam scheint hier auch nichts einge­fallen zu sein. Durch den Einbezug des Zuschau­er­raums für großan­ge­legte Einmärsche bis hin zur fast lächerlich wirkenden Animation einzelner Zuschauer, sich in den überbor­denden Jubel der Griechen einzu­finden, kommt kaum Stimmung auf. Durch die auffällig steil anstei­gende Bühne wird es auch den Sängern nicht leicht­ge­macht, lebendig dabei zu sein, ohne ihre Stand­fes­tigkeit zu verlieren. Wenige Stellen der Partitur werden zu musika­li­schen Erleb­nissen, sodass der Abend seine Längen bekommt. Der Wegfall eines echten Balletts zur aufreizend kompo­nierten Ballett­szene im zweiten Akt wird zum erfreu­lichen Hörerlebnis, soweit man den wiederum proji­zierten Versen Lord Byrons nicht folgt.

Ebenso erfüllen die Auftritte von Luca Pisaroni als Mahomet, der mit seiner warmen, offenen Bariton­stimme Ehrfurcht als Herrscher erzeugt und sich insbe­sondere mit franzö­si­scher Wortdeut­lichkeit abhebt. Nino Machaidze als Parmyra wirkt stimmlich müde und an der Schwelle zwischen Belcanto und drama­ti­schem Sopran. Melan­cho­lisch überträgt ihre Stimm­farbe ihr tragi­sches Schicksal. Die Entscheidung über Tod oder Leben wird auch in der Regie deutlich in Schrift und Bild heraus­ge­ar­beitet, dabei aber positiv auf jeden aktuellen politi­schen Bezug verzichtet. John Irvin als griechi­scher Heerführer Cleomene und gekränkter Vater füllt die große Halle nicht mit seiner noch jugendlich wirkenden Stimme. Sergey Romanovsky schmettert mit seinem breit angelegten und auch höhen­si­cheren Tenor heftig; die Probleme mit der franzö­si­schen Aussprache schmälern seine Wirkung als Neocles. Im Schlussbild dominiert eindrucksvoll Carlo Cigni als Heils- und Unheilsbote Hieros mit vollmun­diger, wuchtiger, aber doch klarer Stimme, ohne viel Anstrengung zu zeigen. Beein­dru­ckend die Leistung des gut vorbe­rei­teten Chores des Teatro Ventidio Basso unter der Leitung von Giovanni Farino.

Roberto Abbado ist über die Grenzen Italiens hinaus ein gefragter Dirigent des italie­ni­schen Fachs. Trotz Verletzung am Arm dirigiert er mit Armbinde frisch und unermüdlich das Orchestra Nazionale della RAI, das erstmals beim Festival dabei ist und mit einer reifen, hochwer­tigen Leistung überzeugt. Abbado versteht es, die einzelnen Instru­men­ten­partien heraus­zu­ar­beiten, niemals den Schwung zu verlieren und viel Leben und Gefühl in der Ausge­staltung des bedeutend und breit angelegten Orches­ter­parts zu erzeugen. Hier steigt Rossini voll in das roman­tische Fach ein und lässt Rezitative und Kammer­or­chester zurück. Buhstimmen für die Regie beein­träch­tigen immer wieder die Begeis­terung des Publikums für die musika­lische Umsetzung.

Wohlge­fallen an Torvaldo und Dorliska

Einträch­tiges und breites Wohlge­fallen dagegen am Vorabend für die Wieder­auf­nahme der Oper Torvaldo und Dorliska im ehrwür­digen und heime­ligen Teatro Rossini. Realis­tisch histo­risch ist die Insze­nierung von Mario Martone aus dem Jahr 2006 mit einer vorbildhaft filmreifen, raumaus­fül­lenden Perso­nen­regie ohne jeden Rampen­gesang. Zügig wird die Handlung im Fluss gehalten, auch ohne spekta­kuläre Arien. Mit Witz und vielen effekt­vollen Einfällen sowie Liebe zum Detail erreicht diese Aufführung unein­ge­schränkten Beifall. Stimmlich durchwegs gut besetzt, erfüllt Dmitry Korchak mit seinem frischen, artis­tisch sprung­si­cheren Tenor alle Erwar­tungen an die anspruchs­volle Rolle des Torvaldo. Salome Jicia meistert die Rolle der liebenden Ehefrau Dorliska, mit ihrer dunklen Färbung fehlt ihr ungestüme Jugend­lichkeit. Die hat sich Raffaella Lupinacci als wirbelige Carlotta erhalten. Viele Lacher und begeis­terte Zuhörer erreicht der massige und stimm­ge­waltige, junge Nicola Alamo als ungeliebter, komischer Duca d’Ordow. Francesco Lanzi­lotti begleitet das muntere Spiel mit einer ebenso frischen, aber klar ausge­feilten Sprache im Orchester Sinfonica G. Rossini. Er übersetzt Belcanto in die einzelnen Instru­mente, die solis­tisch begleiten, und präsen­tiert einen leben­digen, aber auch tiefsin­nigen Komponisten.

Zurück in die nüchterne Adriatic Arena führt die zweite Wieder­auf­nahme der Festspiele. 2002 schuf der für seine ästhe­ti­schen, modern designten Insze­nie­rungen berühmte Per Luigi Pizzi eine Fassung des Melod­ramma giocoso La Pietra di Paragone. Der Prüfstein oder treffender übersetzt die Liebes­probe ist in einem reichen Dorf auf dem anmutigen Anwesen des Grafen Asdrubale angesiedelt. Pier Luigi Pizzi, der Regie, Bühnenbild und Kostüme gestaltet, lädt den Zuschauer in den Garten einer modernen Villa mit großen Glasfenstern, Terrasse und Swimmingpool ein. Alles ist blendend weiß gestaltet, eine wahrhafte Hollywood-Filmku­lisse, vor der die Handlung frisch lebendig und mit viel Bewegung abläuft.

Der Gastgeber Graf Asdur­baldo, vom attrak­tiven, durch­trai­nierten Bassba­riton Gianluca Margheri sportlich inklusive Sprung ins Schwimmbad übersetzt, ist in schweren Nöten, sich für eine liebende Ehefrau zu entscheiden und stellt die Kandi­da­tinnen auf die Probe, indem er seinen vermeint­lichen Ruin vorgibt. Die Marchese Calice spielt ihrer­seits ihren Zwillings­bruder, der sie in die Ferne führt. Der Graf erkennt in der Zwangs­si­tuation seine wahren Gefühle und bittet um die Hand Calices.

Die Regie Pizzis sprüht von unter­halt­samen Ideen, die einen lockeren, aber stimmigen Ablauf ergeben. Italie­nisch korrekt und anspre­chend in Design und Farben die Kostüme für die allesamt modell­haften Sänger. Hier zieht der Laufsteg auf der Bühne, sehr zum Gefallen des Publikums, ein.

Die Stimmen der Sänge­rinnen bleiben farblos zurück. Aya Wakizono stellt Anmut dar, ist aber keine Belcanto-Entde­ckung. Aurora Faggioli übersteuert blechern als Aspasia. Maxim Mironov als Giocondo spart seine Kräfte für seine große Arie, die ihm nach holprigem Anlauf aber gut gelingt. Ein warmer, klarer Tenor bis in die Spitzentöne. Davide Luciano steuert eine überzeu­gende Darstellung des lästigen Poeten Macrobio bei.

Daniele Rustioni führt das Orchestra Sinfonica Nazionale della RAI mit Sinn für spiele­rische und effekt­volle Malerei. Fest hält er das Tempo im Auge, denn davon lebt dieses Werk und treibt die Musiker, die zum Verweilen am Swimmingpool neigen. Das kleine Orchester breitet keinen weich betörenden Orches­ter­klang in der Halle des Zweckbaus aus und wirft die Frage auf, ob die wirtschaft­liche Überlegung für den Standort das musika­lische Ergebnis rechtfertigt.

Neben den Opern­auf­füh­rungen erweitert das Rossini-Festival immer mehr sein Programm. Lieder­abende von Luca Pisaroni oder Ildar Abdrazakov sowie Orgel- und Kammer­kon­zerte sind beliebte Programm­punkte um weitere – unbekannte – Werke des Kompo­nisten kennen­zu­lernen.  Das Team rund um das Festival ist sehr bemüht, Pesaro auch im inter­na­tio­nalen Vergleich erfolg­reich zu positio­nieren und im Festspiel­be­trieb seinen fixen Platz zu bekommen. Die Beliebtheit des Festivals zeigt sich in zahlreichen Gruppen, die sich in und vor den Spiel­stätten sammeln und die Nähe zur ihrem geliebten Kompo­nisten wie zu Strand und Meer genießen.

Helmut Pitsch

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