Kirchenmusik 2.0 – Klassik und Pop

Das Interesse der Bevöl­kerung an der Kirche schwindet. Und damit auch die Begeis­terung für die Kirchen­musik. Ein kultu­reller Verlust, darüber sind sich die Kirchen­mu­siker einig. Aber wie geht man dagegen vor? Die Fachtagung „Popular­musik in der Kirche“ Anfang Oktober in der Evange­li­schen Pop-Akademie Witten widmete sich der brennenden Frage.

Hartmut Naumann und Martin Bartel­worth – Foto © O‑Ton

Während Wirtschaft und Industrie heftig damit beschäftigt sind, im digitalen Zeitalter in Produktion und Entwicklung die Einrichtung der 4.0‑Generation voran zu treiben, um den inter­na­tio­nalen Anschluss nicht zu verlieren, geben einige Landes­kirchen der Evange­li­schen Kirche eine Ergänzung zum vor 20 Jahren entstan­denen Evange­li­schen Gesangbuch heraus. „Das neue geist­liche Lied kam als kreativer Regenguss über eine ausge­trocknete kirchen­mu­si­ka­lische Landschaft“, urteilte das Gemein­schaftswerk der Evange­li­schen Publi­zistik zum Gesangbuch von 1993 noch und sprach vom „Einfall der Pop- und Rock-Idiome“ in die Kirchen­musik. Im neuen Beiheft von 2017 mit 164 Titeln sind zu 60 Prozent bekannte und bewährte Kirchen­lieder und Choräle und zu 40 Prozent modernes Liedgut enthalten. Die Gemeinden finden die neuen geist­lichen Lieder in einer vertrauten Alltags­sprache und in modernen, auch einfa­cheren Klängen. Also ein Durch­bruch? Die EKD sieht auch in diesem Gesangbuch eine „Moment­auf­nahme, festge­halten zwischen zwei Buchde­ckeln“, wie bei ihren Vorgängern. Für den Gemein­de­gesang ist das sicher ein Fortschritt, in der Kirchen­krise eher ein schüch­terner Versuch, den Zug der Zeit nicht zu verpassen.

Viele der Zahlen sind bekannt, sie brauchen kaum wiederholt zu werden: Das Interesse an den christ­lichen Kirchen nimmt ständig ab, die Mitglie­der­zahlen sinken rapide. Die katho­lische Kirche hat seit 2000 bundesweit mehr als 500 Kirchen aufge­geben, im Bistum Essen allein 105.  Von den rund 27 Millionen Mitgliedern der evange­li­schen Kirchen in 1992 sind aktuell noch knapp 22 Millionen Mitglieder übrig, also ein Verlust von etwa 20 Prozent. Immer weniger Menschen folgen den Erklä­rungs­mustern der Kirchen und ihrer Prediger zum Weltge­schehen; die Rituale, Lebens­regeln und Normen finden kaum noch Zustimmung oder Beachtung. Ob Taufen, Kommunion oder Konfir­mation, kirch­liche Trauungen, die Zahlen gehen massiv zurück. Lediglich zum letzten Gang, zur Beerdigung, ist der Pfarrer noch eher gefragt, obwohl auch hier Aller­welts­pre­diger und Humanisten versprechen, die „richtigen“ Worte zu finden. Viele Gemein­deräte müssen sich mit der Geneh­migung neuer Bestat­tungs­ri­tuale befassen und Örtlich­keiten dafür bereitstellen.

Das hat viele Folgen, denen sich die Kirchen erst allmählich zuwenden: Die Zusam­men­legung von Gemeinden, die Übernahme mehrerer Pfarreien durch einen Priester, die Beschäf­tigung von jungen Priestern aus Entwick­lungs­ländern – oft mit brüchigen Deutsch­kennt­nissen – längst ist das Alltag in den Bistümern und Landes­kirchen. Wer näher hinschaut, entdeckt schnell noch weitere Entwick­lungen, die den Kirchen zusetzen, zum Beispiel in der Kirchen­musik. Doch hier scheint sich einiges zu bewegen. Die Hochschule für Kirchen­musik mit Stand­orten in Herford und Witten ergänzt seit 2015 den bis dahin ausschließlich angebo­tenen Schwer­punkt Kirchen­musik Klassik um den neuen Studi­engang Kirchen­musik Popular, der von Grad D und C bis zum Bachelor und Master studiert werden kann.  Von Amsterdam über Melbourne und Wien bis nach Witten finden sich ähnliche Angebote und warten seit kurzem auf Studierende.

Eine Volks­kirche gibt es in Deutschland nicht mehr

„Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum“: Ausge­rechnet der Skeptiker Friedrich Nietzsche liefert das Motto, mit dem der Geschäfts­führer des Instituts für Weiter­bildung an der POP-Akademie in Witten, Martin Bartel­worth, die gut 40 Gäste begrüßt, die aus der ganzen Bundes­re­publik zur Fachtagung „Popular­musik in der Kirche“ nach Witten angereist sind.

Darin sind sich die Teilnehmer wohl weitgehend einig. Doch dann macht Bartel­worth schnell klar, von der aktuellen Krise der Kirchen bleiben die musika­li­schen und musik­päd­ago­gi­schen Bereiche nicht unberührt, sie sind massiv betroffen. Er berichtet, dass heute etwa 85 Prozent aller Musik­ver­an­stal­tungen und die Musik­arbeit von meist ehren­amtlich tätigen Mitar­beitern im Nebenamt angeboten werden. Die verblei­benden 15 Prozent Haupt­amt­lichen sind durchweg bei den Landes­kirchen beschäftigt und haben viel mit Organi­sation und Verwaltung zu tun. „Eine Volks­kirche gibt es in Deutschland nicht mehr“, stellt Bartel­worth fest. Die Kirchen rechnen bis 2030 mit einem weiteren Mitglie­der­schwund von 50 Prozent und, mindestens so schlimm, mit einer Minderung der Haushalts­mittel um ein Drittel. Eine Folge: 31 Kirchen wurden allein im Bistum Essen seit 2000 abgerissen. Obwohl sich Öffent­lichkeit und Kultur­szene darin einig sind, dass die Kirchen­musik ein wesent­licher Bestandteil unseres Kultur­schatzes und, gerade mit Bezug auf Luther, ein unver­zicht­bares Element evange­li­scher Gottes­dienste ist, ist ihr Bestand mehr als gefährdet, von einer Weiter­ent­wicklung ganz zu schweigen. Bartel­worth fordert entschiedene Anstren­gungen zur Förderung der kirch­lichen Musik­ver­sorgung und nennt zwei Schwer­punkte. Die Kirchen müssen sich endlich der Nutzung aller neuen Medien zuwenden und mit ihnen intensiv experi­men­tieren. Und die Kirchen müssen dringend neue Wege auch außerhalb kirch­licher Räume suchen und gehen, um die Kirchen­musik wieder attrak­tiver zu machen.

Um das zu erreichen, nennt er beispielhaft mehr Inter­aktion mit den Teilnehmern, eine stärkere Vernetzung der Landes­kirchen, eine andere Kosten­ver­teilung im Sinne einer mixed economy, eine verbes­serte örtliche Kontakt­pflege, mehr und bessere Hör- und Inter­pre­ta­ti­ons­hilfen, die Wahrnehmung der „Weltmusik“, eine Verän­derung des Verhält­nisses von klassi­scher und populärer Musik – um nur die wichtigsten Punkte aufzuzeigen.

Prorektor Naumann, selbst aktiver Jazzer, geht auf Einzel­heiten des neuen Studi­en­gangs ein, indem er die Moder­ni­sierung der Schwer­punkte Gottes­dienst­ge­staltung, gemein­de­päd­ago­gische Arbeit, kirch­liche Musik­erziehung und Konzerte anmahnt. Er unter­streicht, dass die Unter­scheidung der Studi­en­gänge in Klassik und Popular nicht als Wertung verstanden werden dürfe. Seine Visionen für verän­derte kirchen­mu­si­ka­lische Inhalte und Formen verlangen viel Arbeit: Kirchen­musik für alle – Vielfalt durch alle Bereiche  – Technik­nutzung und Vernetzung.

Erst die Theologen, dann die Musiker

Die anschlie­ßende Diskussion dokumen­tiert zwar viel grund­sätz­liche Überein­stimmung bei den Teilnehmern, aber die Berichte aus dem Alltag zeigen ebenso viele Hemmnisse und Probleme: Schlechte Vernetzung, manche Überbü­ro­kra­ti­sierung und fehlende Finanzen für die Basis­arbeit sind nur einige Beispiele.

Die Einrichtung eines Studi­en­ganges „Kirchen­musik popular“ war sicher längst fällig und ist, mit Blick auf Witten, eine sinnvolle und notwendige Initiative, deren Vermarktung erst langsam beginnt. Ob die Arbeit der Pop-Akademie die Defizite und Engpässe der gemeind­lichen Musik­arbeit verändern kann, hängt von der  fachlichen und hochschul­di­dak­ti­schen Qualität der Studien ab. Welche Bedeutung die neuen Aus- und Weiter­bil­dungs­mög­lich­keiten für die Gemeinden haben, lässt sich erst in einigen Jahren beurteilen. Bei insgesamt gut 50 Studie­renden sind 19 Teilnehmer im Studi­engang Popular­musik zwar anerken­nenswert, um die kirchen­mu­si­ka­lische Arbeit vor Ort zu verbessern, dürfte das aber kaum ausreichen. Bisher aber hat man mit Sakralpop noch nie neue und jüngere Gläubige gewonnen“, hielt die Frank­furter Allge­meine Zeitung im vergan­genen Jahr fest. Dass diese Neuerungen bis zum Kern der aktuellen Kirchen­krise vordringen, ist eher unwahr­scheinlich – hier sind Theologen gefragt. Sie müssen Nietz­sches These „Gott ist tot“ überzeugend wider­legen, dann kann die Musik folgen – ob klassisch oder populär.

Horst Dichanz

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