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Blick in die Neubaukirche - Foto © Universität Würzburg

Superiores Talent

In Würzburg feiert das Mozartfest in diesem Jahr seinen 100. Geburtstag. Sein Anspruch ist es, den Wert von Kunst und Kultur besonders heraus­zu­stellen. Musik­wis­sen­schaftler und Dirigent Peter Gülke stellt die Frage in den Raum, ob wir es uns mit dem fernen Mozart zu einfach machen.

Peter Gülke – Foto © O‑Ton

Das Jubilä­umsjahr ist gekenn­zeichnet von den schwersten Erschüt­te­rungen des europäi­schen Kultur­lebens in den letzten 75 Jahren. Deshalb ist es ein anderes Mozartfest, in dem flexibler denn je auf Unwäg­bar­keiten reagiert werden muss.

„Was wäre Würzburg ohne das Mozartfest? Was wäre das Mozartfest ohne Würzburg?“ Diese Frage scheint in Zeiten von Pandemie und Lockdown der Theater eher von nachran­giger Bedeutung. Und doch feiert die Stadt Würzburg in diesem Jahr ein beson­deres Jubiläum, nämlich „100 Jahre Mozartfest Würzburg.“ Seit 100 Jahren gehört beides zusammen, ist unter sich stets verän­dernden Voraus­set­zungen zusammen gewachsen und zusam­men­ge­wachsen. 1921, als der Erste Weltkrieg noch tiefe Schatten warf, wurde das Mozartfest gegründet. Eine Initiative in die Zukunft, ein Impuls der Besinnung, der Selbst­findung, der Volks­bildung. Eine neue Identität für die Residenz auch, die nun öffentlich zugänglich war. Eine regionale Initiative, die schnell für überre­gionale Künstler attraktiv wurde und ihr Publikum aus Nähe und Ferne bezog. Nach dem Schrecken des Zweiten Weltkrieges wurde 1951 das Mozartfest aus den Trümmern der Stadt wieder­ge­gründet, nun direkt unter der Träger­schaft der Stadt Würzburg. Es sind 100 Jahre bewegter deutscher Geschichte, die das Mozartfest und seine Stadt spiegeln.

Und was vor wenigen Wochen noch nicht möglich schien, scheint sich nun zum Jubiläum zu erfüllen, es dürfen wieder Besucher zu den zahlreichen Veran­stal­tungen. Natürlich nur in reduzierter Zahl, unter Beachtung strenger Hygie­ne­auf­lagen. Aber es ist ein erster und wichtiger Schritt hin zur Norma­lität. Das Mozartfest besteht nicht nur aus Konzerten, sondern ist in seinem weit gespannten, facet­ten­reichen Programm gleich­zeitig dessen Spiegel. Wegmarken und Wende­punkte des Jahrhun­derts werden mit Impulsen der Gegenwart konfron­tiert. Wie in den ersten Jahren des Mozart­festes werden die Diszi­plinen Musik, Archi­tektur, Literatur, Bildende und Darstel­lende Kunst komple­mentär gedacht. Ihr Zusam­men­spiel soll seine Wirkung entfalten: ein Fest, das Menschen und Künste gleicher­maßen verbindet.

Eine besondere Form des Mozartfest ist das Mozart­Labor, gleich­zeitig das Herzstück. Hier wird das Festi­val­thema unter die Lupe genommen. Weit über Klänge hinaus forscht das Mozart­Labor in Wahrneh­mungs­welten aus Bild, Sprache, Digitalen Medien und Musik­wis­sen­schaft. Die ausge­wählten Stipen­diaten kommen aus ganz unter­schied­lichen Diszi­plinen und treffen auf promi­nente Dozenten. Sie alle treten in einen inten­siven Austausch, schauen sich über die Schulter, lassen sich gegen­seitig inspi­rieren und antworten mit dem Erfah­rungs­ho­rizont des 21. Jahrhunderts.

„Wie viel Mozart braucht der Mensch?“ Als Sonderform des Mozart­Labors wird die Frage nach dem Wert von Hochkultur – und dem verant­wort­lichen Umgang damit gestellt. Die Frage scheint einfach, und ist doch schwer zu beant­worten, denn gefragt ist nicht nach Maß und Zahl. Wenn das Mozart­Labor in seiner Jubilä­ums­ausgabe ein Sonder­format erhält, steht die Frage nach dem grund­sätz­lichen Wert von Hochkultur im Fokus. Promi­nente Vertreter aus Kunst, Politik, Wirtschaft und Wissen­schaft nähern sich in sechs Vorträgen den Fragen nach der Bedeutung des europäi­schen Musikerbes, dem Umgang damit und der Verant­wortung, die daraus erwächst. Wie recht­fertigt sich die Beschäf­tigung mit Hochkultur im Hinblick auf aktuelle gesell­schaft­liche Entwick­lungen? „Wie viel Mozart braucht der Mensch? Europas Musikerbe zwischen Werte- und Haushalts­de­batte“, lautet die Kernfrage der Vortrags­reihe. Der Blick auf Mozarts Werk kommt darin ebenso zum Tragen wie die Bedeutung ästhe­ti­schen Erlebens für die mensch­liche Sozia­li­sation – bevor die Grund­satz­frage in den Fokus rückt: Wie viel ist uns die Kultur tatsächlich wert? Eine geplante Buchpu­bli­kation soll im Anschluss die Vorträge der Reihe zusammenfassen.

„Ich könnte ohne ihn nicht sein.“

Für den Auftakt­vortrag konnte das Mozartfest mit Peter Gülke einen gefragten Mozar­t­ex­perten gewinnen. Der Musik­wis­sen­schaftler, Musik­schrift­steller und Dirigent referiert aus der Perspektive eines „Praktikers“ mit einem unermess­lichen Kennt­nis­schatz und einer über 60-jährigen Berufs­er­fahrung als Dirigent. Gülke kennt die Werke Mozarts und ihre Rezep­ti­ons­ge­schichten nur zu Genüge. „Ich könnte ohne ihn nicht sein“, antwortet er auf die Frage „Wie viel Mozart braucht der Mensch?“. Für die Vortrags­reihe, die sich mit dem Wert von Hochkultur ausein­an­der­setzt, wird der Dirigent und Musik­for­scher zum Impuls­geber aus der musika­li­schen Praxis. Er wählt dabei den direkten Weg und fragt seiner­seits: „Machen wir es uns mit Mozart zu einfach?“ Als Impuls­geber für die Vortrags­reihe wirft er einen genauen Blick auf das klingende Erbe, mit dem Mozart der Nachwelt einen Auftrag formu­liert hat. Seit mehr als vierzig Jahren berei­chert Gülke mit zentralen Publi­ka­tionen das Denken über Musik. Nicht zuletzt für Mozarts letzte drei Sinfonien und ihr Umfeld waren seine Forschungen bereits in den 1990-er Jahren prägend. Wie kalku­liert und strate­gisch Mozart seine Werke anlegt und mitein­ander verknüpft, hat Gülke in vielbe­ach­teten Publi­ka­tionen dargelegt und in seinen Inter­pre­ta­tionen dem Hörer nachvoll­ziehbar gemacht. Erst vor einem halben Jahr hat er viele Zuhörer bei einem Symposium des Richard-Wagner-Verbandes Nürnberg über „Wagner und Beethoven“ mit seinen Kennt­nissen über die Werke und ihre Einordnung begeistert. Er ist zwar Musik­wis­sen­schaftler, aber in seinen Vorträgen doziert er nicht, sondern er erzählt über den Kompo­nisten, seine Werke und ihre Rezep­ti­ons­ge­schichten und ihre Bedeutung für uns heute. Damit nimmt er den Zuhörer auf eine spannende Reise mit, die garniert wird mit Anekdoten und Zitaten. Der Dirigent ist ein wandelndes Musik­le­xikon mit der Begabung, auch den musika­li­schen Laien zu begeistern. Die geistige und körper­liche Vitalität des mittler­weile 87-jährigen Musikers erzeugen dabei Respekt und Bewun­derung in einem.

Doch bevor Gülke mit seinen Ausfüh­rungen zum „fernen Mozart“ und „ob wir es uns mit ihm zu einfach machen“ beginnt, obliegt es Evelyn Meining, der Inten­dantin des Würzburger Mozart­festes, die etwa 50 zugelas­senen Zuschauer in der Neubau­kirche der Univer­sität Würzburg zu begrüßen sowie die zahlreichen Zuschauer an den Bildschirmen, denn dieser Vortrag wird auch live gestreamt.

Evelyn Meining – Bildschirmfoto

Nicht erst seit den Pande­mie­zeiten, sondern bereits seit 2016 disku­tiert das Mozartfest die Frage, wieviel die Kunst uns heute noch wert ist. Die Veran­stal­tungs­reihe zu dem Leitthema „Wieviel Mozart braucht der Mensch?“, an der an allen sechs Sonntagen des Mozart­festes Wissen­schaftler über diese zentrale Frage aus ganz unter­schied­lichen Perspek­tiven referieren, ist eine Koope­ration mit der Univer­sität Würzburg und dem Uni-Bund, der in diesem Jahr ebenfalls seinen 100. Geburtstag feiert. In ihrer Laudatio beschreibt sie Peter Gülke als „Musik­denker“, der sich mit seinen zahlreichen Schriften über Mozart, Schubert, Beethoven, Schumann, Bruckner, Brahms und Janáček ein inter­na­tional anerkanntes Renommee als Musik­wis­sen­schaftler erarbeitet hat. Gülke ist unter anderem Preis­träger des Siemens-Musik­preises, dem „Nobel­preis der Musik“. Meining bezeichnet Gülke in ihren weiteren einfüh­renden Worten auch als „Homo politicus“. Der gebürtige Weimarer hat auch Wider­stand gegen die Repres­salien des DDR-Staates geleistet. Für Meining ist Gülke daher in der Summe der ideale Referent, um über den Wert von Kunst und Kultur im Allge­meinen und über Mozart im Spezi­ellen zu sprechen.

Der mit so viel Vorschuss­lor­beeren willkommen geheißene Musik­wis­sen­schaftler ist bescheiden in seinem Auftreten, er nimmt sich selbst überhaupt nicht wichtig, sondern ordnet alles Kunst und Kultur unter. Und es beginnt ein über 90 Minuten dauernder, spannender Vortrag, in dem Gülke die Zuhörer in die kompo­si­to­rische Welt von Mozart und weit darüber hinaus entführt. Zu Beginn offenbart er, dass sein Vortrags­titel „Der ferne Mozart“ ein Plagiat sei von Wolfgang Hildes­heimer, der vor etwa fünfund­dreißig Jahren einen Vortrag mit dem Titel „Der ferne Bach“ gehalten habe. Und natürlich sei der Unter­titel auch etwas fragwürdig, denn nach Ansicht Gülkes machen wir es uns natürlich zu leicht mit Mozart. Und mit schon philo­so­phi­schem Akzent führt Gülke aus, dass Mozart es uns aber leicht gemacht hat, es mit ihm leichter zu machen, als es eigentlich sein müsste. Um diese Theorie etwas zu verdeut­lichen, spricht Gülke von den „selbst­ana­ly­ti­schen Anwand­lungen“ Mozarts und zitiert dabei aus Briefen, die Wolfgang Amadeus an seinen Vater Leopold geschrieben hatte. Mozart musste seinen Vater immer beruhigen, da Leopold seinem Sohn immer vorwarf, nicht volks­tümlich genug, nicht „popular“ genug zu kompo­nieren. Daher schreibt Sohn Wolfgang an Vater Leopold über seine Klavier­kon­zerte: „Angenehm in den Ohren, natürlich ohne ins Leere zu verfallen. Hier und da können Kenner allein auch Satis­faktion erhalten, so dass die Nicht­kenner damit zufrieden sein können, ohne zu wissen warum!“

Auch heute bleiben Fragen

Gülke stellt die Frage in den Raum: „Auf welche abgründige Weise war sein Leben identisch mit der Musik, so dass für das alltäg­liche Leben nur der Rest von Musik blieb, der notwendig war, um dieses Leben in Musik zu ermög­lichen?“ Für Gülke stellt sich diese Frage bei Mozart für jeden, „der sich einlässlich mit Mozart beschäftigt, immer und immer wieder!“

In einem anderen Brief, auf der Reise von München nach Mannheim, schreibt Mozart wieder an seinen Vater: „Ich bin vergnügter, weil ich zu kompo­nieren habe, welches doch meine einzige Freude und Passion ist.“ Und vier Wochen später schreibt er erneut an seinen Vater: „ich kann nicht poetisch schreiben, ich bin kein Dichter. Ich kann die Redens­arten nicht künstlich so einteilen, dass sie Schatten und Licht geben. Ich bin kein Maler, ich bin kein Tanzer, ich kann es aber durch Töne, ich bin ein Musikus!“ Und Gülke stellt die Frage, „wieviel alltäg­liches Leben ist da noch möglich?“ Er spricht von einer naiven, ja schon kindlichen Zuwendung Mozarts zu den Alltäg­lich­keiten. Für Gülke wird eine Frage in den vielen Mozart-Biografien nicht ausführlich genug beleuchtet, nämlich ob für die „Begabungs­struktur dieses nahezu  einma­ligen Genies die stilis­tische, die musik­sprach­liche Situation in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhun­derts auch besonders geeignet war?“ Oder andersrum negativ formu­liert, „hätte die gleiche Begabungs­struktur in einer anderen stilis­ti­schen Situation die Chance gehabt, zu dieser einma­ligen Entwicklung zu kommen?“ So zitiert er den Kompo­nisten Busoni, der gesagt hat, „dass er Mozart für die bisher vollkom­menste Erscheinung musika­li­scher Begabung hält.“ „Heiterkeit“ hält Busoni für die hervor­ste­chendste Eigen­schaft Mozarts, und er „überblümt“ selbst das Unange­nehmste durch ein Lächeln. Gülke setzt sich im Weiteren intensiv mit der wandelnden Bedeutung des Begriffs „Heiterkeit“ in Bezug auf Mozart und seine Werke ausein­ander. Klassische „Heiterkeit“ bedeutete zu Mozarts Zeiten auch Trans­parenz, direkte Fasslichkeit. Das Bonmot „ernst ist das Leben, heiter ist die Kunst“ wird laut Gülke eher oberflächlich verstanden, dabei ist diese Aussage wesentlich tiefgrün­diger, wenn man Heiterkeit als einleuch­tende Struktur versteht, die Freude und Glück hervor­rufen kann. Um diese These zu vertiefen, zitiert Gülke den Philo­sophen Friedrich Schelling und dessen Abhandlung zum Thema „Heiterkeit“.

Nach diesen philo­so­phi­schen Überle­gungen kommt Gülke dann auf einzelne Werke Mozarts zu sprechen, deren Bedeutung, aber auch musika­lische Struktur er in die histo­rische Zeit und die Rezep­ti­ons­ge­schichte stellt. Auch biogra­fische Dinge wie der Tod des Vaters Leopold und das Zerwürfnis mit seiner Schwester Nannerl stellt er in den musika­li­schen Kontext der Werke dieser Zeit, wie zum Beispiel sein Adagio h‑Moll, KV 540. Gülke spricht auch über die „klassenlose Musik“ Mozarts, die alle Hierar­chien durch­bricht. Um seine Thesen zu unter­mauern, zitiert Gülke auch aus einem etwas deftigen Brief Mozarts an seinen Freund Joseph Bullinger: „Machen Sie ihr Möglichstes, dass die Musik bald einen Arsch bekommt, denn das ist das Notwen­digste! Einen Kopf hat sie jetzt, das ist eben das Unglück!“

Das Thema Hierar­chien in Mozarts Opern beleuchtet Gülke sehr ausführlich und erläutert, warum in der Zauber­flöte Sarastro und Papageno auf einer Ebene stehen. Die Zauber­flöte, die in diesem Jahr ihren 230. Geburtstag der Urauf­führung in Wien feiert, ist für Gülke auch eines der zentralen Werke Mozarts, über das er sehr ausführlich referiert. Aber auch die drei großen Werke, die Mozart mit dem Libret­tisten Lorenzo Da Ponte verfasste, nämlich Le nozze di Figaro, Don Giovanni und Così fan tutte werden im Laufe des Vortrages von Gülke analy­siert und die psycho­lo­gi­schen Bezie­hungs­ge­flechte der handelnden Personen unter­ein­ander aufgelöst. Diese Ausfüh­rungen seien so manchem Regisseur empfohlen, bevor er oberflächlich an die Insze­nierung herangeht und vor allem in den Dialog­opern kürzt, was Gülke fast schon als sträflich erachtet. Die Schönheit in der Werkeinheit schafft für ihn eine „übergrei­fende Wirklichkeit“.

Das eigene Genie wollte er verbergen 

Der Wider­spruch in Mozarts Persön­lichkeit, der einer­seits ein kindliches, ja, kindi­sches Verhalten im Alltag zeigte, anderer­seits das Aufblitzen der Abgründe von Mensch­lichkeit in seinen Partien, das ist ein weiteres Thema des Vortrags, mit dem sich Peter Gülke ausführlich beschäftigt, das er anhand von zwei Beispielen erläutert, in denen den Zuschauern „das Grausen über den Rücken gelaufen sei.“ So schreibt die öster­rei­chische Schrift­stel­lerin Caroline Pichler über ein Erlebnis mit Mozart: „Er begann so schön aus dem Stehgreif zu variieren, dass alle mit angehal­tenem Atem dem deutschen Orpheus lauschten. Plötzlich aber ward ihm das Ding zuwider. Er fuhr auf, und begann in seiner närri­schen Laune, wie er es öfter machte, über Tisch und Sessel zu springen, wie eine Katze zu miauen und wie ein ausge­las­sener Junge Purzelbaum zu schlagen.“ Ein weiteres Zitat stammt von dem Schau­spieler und Maler Joseph Lange, einem Schwager Mozarts: „Nie war Mozart weniger in seinen Gesprächen und Handlungen für einen großen Mann zu erkennen, als wenn er gerade mit einem wichtigen Werk beschäftigt war. Dann sprach er nicht nur verwirrt durch­ein­ander, sondern machte mitunter Späße in einer Art, die man an ihm nicht gewohnt war. Ja, er vernach­läs­sigte sich sogar absichtlich in seinem Betragen. Dabei schien er doch über nichts so zu brüten und zu denken. Entweder verbarg er vorsätzlich aus nicht zu enthül­lenden Ursachen seine innere Anstrengung unter äußerer Frivo­lität, oder er gefiel sich darin, die göttlichen Ideen seiner Musik mit den Einfällen platter Alltäg­lichkeit in scharfen Kontrast zu bringen, und durch eine Art von Selbst­ironie sich zu ergötzen. Ich begreife, dass ein so erhabener Künstler aus tiefer Verehrung für die Kunst seine Indivi­dua­lität gleichsam zu Spott herab­ziehen und vernach­läs­sigen könne.“ Für Gülke ist diese Betrachtung Mozarts eine sehr kluge Darstellung. Ein weiteres charak­te­ri­sie­rendes Merkmal Mozarts ist seine Ungeduld sowohl im Kompo­si­to­ri­schen als auch im Alltäg­lichen. Diese Eigen­schaft Mozarts beschreibt Gülke ebenfalls ausführlich anhand diverser Zitate und belegt sie unter anderem auch mit Takten aus der g‑Moll-Symphonie. Diese Ungeduld ist für Gülke auch der Ausdruck einer „schwin­delnden Überlegenheit“.

Mozart war, was seine kompo­si­to­ri­schen Künste anbelangte, schon sehr von sich überzeugt, und so schrieb er in einem Brief an seinem Vater: „… aber ein Mensch von superiören Talenten, welches ich mir selbst, ohne gottlos zu sein, nicht absprechen kann …“

Zum Schluss seines Vortrages geht Gülke auf die Jupiter-Sinfonie ein und da im Beson­deren auf den Finalsatz, in dem Kontra­punkt und Sonate zugleich vorhanden sind, was eigentlich nicht sein kann. Doch Mozart bringt diese beiden kompo­si­to­ri­schen Elemente in „halsbre­che­ri­scher Form“ überein­ander, in dem er Komplexe, die für vier Takte ausgelegt sind, einfach auf  dreieinhalb Takte verkürzt, was so manchen Dirigenten fast verzweifeln lässt. Gülke geht sogar weiter und spricht von einem „Jupiter­trauma“, dass die großen sinfo­ni­schen Kompo­nisten nach Mozart gehabt haben. So hat Beethoven teilweise auf bestimmte „Haydnsche Modelle“ zurück­ge­schaltet, wie es laut Gülke in der 1., 2., 4. und 8. Symphonie ganz sicher der Fall war, während er in der Eroica, in der 5. und auch in der 9. Symphonie „eher ideolo­gische Finali“ geschrieben hat, und diese Kompo­si­ti­ons­technik Bruckner und Brahms gequält und zu ganz anderen Lösungs­mög­lich­keiten des Finales geführt hat.

Gülkes letzte Reprise gehört noch einmal der Così fan tutte und den unter­schied­lichen Charak­teren, bevor er mit den bemer­kens­werten Worten schließt: „Unsere Kompass­nadel, die so in Richtung Mozart zeigt, die wir, immer wenn wir uns mit ihm beschäf­tigen, insbe­sondere wenn wir ihn musizieren, bei der wir merken, dass sie immer zittert, die wird wohl immer weiter zittern, und ich kann nur sagen, glück­li­cher­weise!“ Das Publikum, dessen Kompass­nadel bei diesem beein­dru­ckenden und inhalts­reichen Vortrag sicher auch stark gezittert hat, dankt dem Dirigenten und Musik­wis­sen­schaftler Peter Gülke mit langem und herzlichem Applaus.

Der Vortrag über den fernen Mozart, der uns doch so nahe ist, hat die Messlatte beim Jubiläums-Mozartfest in Nürnberg für die weiteren fünf wissen­schaft­lichen Vorträge hoch gehängt, die an den kommenden Sonntagen vor Publikum gehalten und ebenfalls im Live-Stream über die Website des Mozart­festes Würzburg übertragen werden. Der sehens- und hörens­werte Vortrag von Peter Gülke ist ebenfalls noch bis zum nächsten Livestream am 6. Juni abrufbar.

Andreas H. Hölscher

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