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Kaisersaal - Foto © Achim Bunz

Die harte Arbeit der Leichtigkeit

Jedes Jahr im Frühsommer findet in der fürst­bi­schöf­lichen Barock­stadt Würzburg ein Mozartfest statt. Dazu wird eine namhafte Person einge­laden, die man aller­dings nicht Star nennt, sondern sehr vornehm l’artiste étoile. In diesem Jahr konnten die Würzburger Chris­tiane Karg für die Aufgabe gewinnen. Und sie wird ihrer Rolle voll und ganz gerecht. 

Chris­tiane Karg – Foto © Gisela Schenker

Ihr umfas­sendes Engagement in Würzburg bestreitet die Sopra­nistin aus Feucht­wangen mit Herzblut, charmant und erstaunlich offen. Schon beim Eröff­nungs­konzert des Mozart­fests mit dem Freiburger Barock­or­chester ist Chris­tiane Karg unbestrit­tener Star des Abends. Zum Auftakt präsen­tiert sie, umschmei­chelt von den schwung­vollen, frischen, leben­digen Klängen des Kammer­or­chesters frühe Arien und eine berühmte Motette Mozarts. Dabei stellt sie gleich ein ganzes Spektrum vokaler Ausdrucks­mög­lichkeit vor. Mit der Arie aus Mozarts früher Oper Mitridate schlägt sie einen eher tragisch ernsten, leiden­schaft­lichen Ton an im Zwiegesang mit dem Naturhorn; über dieser dunklen Basis erhebt sich ihr klarer, von Elan getra­gener Sopran empor zu ab und zu strah­lenden Höhen, brilliert mit lockeren Kolora­turen. Ganz anders dann die Arie des Aminta aus Il re pastore; hier kann die Sängerin in idylli­schen Stimmungen schwelgen. Strah­lender Höhepunkt dieses Abends aber ist, wie erwartet, Exsultate jubilate, Inbegriff festlichen Jubels, von Mozart geschrieben für die virtuose Kehle des Kastraten Rauzzini. Der Sopran, nun perfekt sitzend, wartet auf mit subtilen Steige­rungen; die schwung­vollen Kolora­turen liegen auf einer Linie, scheinen sich in ihrem Glanz mit dem goldenen Stuck des Kaiser­saals zu vereinen; den langsamen Mittelteil gestaltet Chris­tiane Karg lyrisch mit ihrer von einem dunkleren, energie­ge­la­denen Kern getra­genen Stimme, und im gelöst strah­lenden Alleluja schwingt sie sich mit feinst diffe­ren­zierten Verzie­rungen auf zu mitrei­ßenden Höhen.

Geliebtes Metier: Das Lied

Bei der Liedma­tinee im Fürstensaal faszi­niert sie das begeis­terte Publikum restlos. Beteiligt am Erfolg ist dabei ihr konge­nialer Begleiter, Andreas Staier, am Hammer­klavier. Zum ersten Mal musizieren die beiden zusammen, in vollkom­mener Harmonie, und man wünschte sich öfter solche Glücksmomente.

Andreas Staier – Foto © Josep Molina

Chris­tiane Karg liebt den Liedgesang, und an diesem sonnen­um­glänzten Vormittag kann sie einen ganzen Kosmos von Gefühlen und Stimmungen entfalten, auf den Flügeln des Gesangs durch ihren glanz­vollen, ausdrucks­starken Sopran mit dem ganzen Reichtum an Inter­pre­ta­ti­ons­mög­lich­keiten bezaubern. Für diese Stern­stunde des Liedge­sangs hat sie relativ bekannte Lieder von Mozart, Mendelssohn-Bartholdy und Schubert ausge­sucht, für den Schluss aber eine kleine Opern-Miniatur von Haydn gewählt. Warum aber gerade die bei Gesangs­wett­be­werben so oft malträ­tierten Lieder wie Das Veilchen oder An Chloe? „Das Publikum liebt eben diese Lieder, und gerade daran kann eine Sängerin zeigen, was an Überra­schendem drinsteckt!“, erläutert Karg. Neckisch beginnt sie mit Mozarts Der Zauberer, fügt An Chloe strahlend an, lässt düstere Gedanken nicht aufkommen, sondern endet beseligt, immer wunderbar unter­stützt vom fein illus­trie­renden Klavier. Beim Veilchen betont sie das Schlichte, Naive, Muntere, um doch leuch­tende Brillanz dazwi­schen aufscheinen zu lassen. Bei den franzö­si­schen Liedern Mozarts aber klingt ihre Stimme runder, die Höhen feiner angesetzt, die Mitte offener, stärker. Bei Ridente la calma erweist sich ihr Sopran als echte Mozart-Stimme, in den klug abgestuften großen Linien, in die sie genie­ße­risch ein paar Schleifen einflicht, und in der Lust am Melos und glänzenden Höhen. Auch bei Mendelssohn-Bartholdys Liedauswahl finden sich so beliebte „Ohrwürmer“ wie Gruß oder Auf Flügeln des Gesangs, doch sie klingen ganz neu, auch wegen der feinsin­nigen Klavier­be­gleitung und der textnahen Gestaltung, etwa wenn das liebliche Geläute des kleinen Frühlings­lieds zart ins Weite strömt oder die Wellen­be­we­gungen des Gesangs nachvoll­zogen werden wie eine geheime Botschaft in sanften Steige­rungen, alles in einem Verzau­berung atmenden Traum endet. Begeis­ternd die präzise Artiku­lation beim bewegten Elfenritt in Neue Liebe, und mit der Ruhe im Nachtlied kehrt dann auch innere Ruhe ein. Nach einem unglaublich spannenden, in Tempo, Färbung und Ausdruck ständig überra­schenden Impromptu c‑moll von Schubert schließt das Programm mit Haydns Arianna a Naxos. Da hört man am Klavier die Natur­stim­mungen, denen die Stimme sehnsuchts­volle Betonungen entge­gen­setzt; Glanz bestimmt die Mitte, mit klaren Höhen faszi­niert die erste Aria, und mit starker innerer Bewegung, einer Art emotio­nalem Aufruhr endet diese kleine Oper. Die Zugabe aber muss dann die vor Begeis­terung aufge­regten Gemüter des Publikums wieder beruhigen.

Vokaler Schwer­punkt beim MozartLabor

Im idylli­schen Kloster Himmels­pforten ist der abgeschirmte Platz, sich im Rahmen des Mozart­Labors mit der Stimme zu beschäf­tigen. Dazu probt Karg mit zwei ausge­wählten Stipen­dia­tinnen Lieder und Duette für deren Konzert im Kaisersaal der Residenz ein und nimmt sich dafür einen ganzen Tag Zeit.  „Sie hat sich wunderbar um uns gekümmert; wir haben viel gelernt“, loben die beiden Elevinnen, die Mezzo­so­pra­nistin Laura Murphy und die Sopra­nistin Louise Kemény, mit leuch­tenden Augen ihre Lehrerin. Beim Stipen­dia­ten­konzert aber kann Karg das Ergebnis ihrer Bemühungen nicht beurteilen, denn da probt sie selbst schon wieder für ihr eigenes, nächstes Konzert.

Laura Murphy – Foto © Frances Marshall

Doch die beiden Sänge­rinnen, beide schon wettbe­werbs- und opern­erfahren, schlagen sich souverän am Abend im Kaisersaal, was man von ihrem Klavier­be­gleiter Maros Klátik nicht immer behaupten kann. Murphy beginnt mit zwei Mozart­liedern, anfangs etwas unruhiger Stimm­führung und dunkel abgetönten Vokalen, trifft den schlichten Lied-Ton nicht immer, steigert sich aber im Drama­ti­schen, während Kemény mit glänzenden Höhen und ausdrucks­voller Mitte aufwartet. Zusammen aber harmo­nieren sie in zwei Duetten von Mendelssohn-Bartholdy wunderbar, entfalten bei Gruß kostbares Timbre  und leiten so über zu dem, was die Sektion Kammer­musik beim Mozart­Labor entwi­ckelt hat, nämlich eine fabelhaft leuch­tende Fremde Szene III von Wolfgang Rihm sowie ein klang­schönes Klaviertrio C‑Dur KV 548, musiziert vom jungen Busch-Trio, und danach zwei Werke für Streich­oktett von Schost­a­ko­witsch und Mendelssohn-Bartholdy; diese seltene Besetzung erklingt herrlich homogen und in fein abgestufter Tongebung, als Einheit gebildet aus dem profi­lierten Minguet-Quartett und dem neuen eigenArt Quartett, als geglückte Kombi­nation von Lehrmeistern und – schon sehr arrivierten – Schülern.

Entwicklung einer Stimme

Beim Stimmentag am Sonntag im Kloster aber ist Chris­tiane Karg unermüdlich präsent bis in die Abend­stunden. Zuerst geht es, moderiert von Johannes Bultmann, um „ihr“ Künst­ler­porträt. Da berichtet sie zum Erstaunen und Vergnügen der Zuhörer schonungslos offen, wie sie zu ihrem Beruf kam und wie sie ihn heute sieht. Sehr behütet aufge­wachsen in der Klein­stadt Feucht­wangen, wo ihre Eltern das bekannte Café am Kreuzgang betreiben und wo sie immer ganz selbst­ver­ständlich mithalf, wird sie schon früh von klassi­scher Musik geprägt. „Bei uns lief den ganzen Tag Klassik, mein Vater sang die bekannten Melodien nach.“ So beherrscht sie schon als kleines Mädchen sämtliche „Schmet­ter­arien“, von Sarastro bis Tamino, und auch die Kirchen­musik beein­flusst sie sehr. „Mein Kinder­zimmer lag praktisch im Kloster“. Im zarten Alter von fünf Jahren wusste sie schon: „Ich will einmal Sängerin werden!“

Mit der ihr eigenen Zähigkeit erstreitet sie sich, weil sie angeblich zu jung ist, die Teilnahme am Kirchenchor und singt schon mit zehn ihr erstes Solo. „Fortan sang ich bei allen Hochzeiten und Beerdi­gungen“; das bessert das Taschengeld auf. Doch sie will sich fortbilden. In Eigen­in­itiative besucht sie die Berufs­fach­schule für Musik in Dinkelsbühl, weil es etwas Ähnliches in Feucht­wangen nicht gibt, per Fahrrad oder mit dem Bus. Sie organi­siert alles selbst. Die Familie hat dafür keine Zeit. Immerhin fährt sie mit den Eltern nach Bayreuth, nach Salzburg und nach München zu den Opern­fest­spielen. Doch eines macht ihr Schwie­rig­keiten: das Klavier; damit hat sie sich bis heute nicht so recht angefreundet. Wegen der Mängel im Klavier­spiel besteht sie auch mit 17 die Aufnah­me­prüfung in der Münchner Musik­hoch­schule nicht. Im Nachhinein hält sie das für einen Glücksfall: „Im richtigen Moment einmal zu scheitern, ist gut.“ Später bewirbt sie sich dann in Salzburg und wird trotz der „einsei­tigen Begabung für Gesang“ genommen. Dort saugt sie von früh bis spät alles auf, was angeboten wird, profi­tiert von „tollen Lehrern“. Immerhin besteht sie, quasi nebenher, auch noch ihr Abitur. „Mein Kurzzeit­ge­dächtnis ist gut; das hat mir geholfen“. Wenn sie zurück­blickt, weiß sie: „Ich wollte immer vorne stehen, nie hinten im Chor mitwirken“.

Sie ist sich bewusst, dass das Leben als Gesangs­so­listin keine Sicherheit bietet, dass man in einem solchen Leben auf Familie, Weihnachten und Ostern verzichten muss, immer unterwegs ist. Salzburg aber erweist sich weiterhin für sie als Glück, denn sie erhält das Angebot, bei den Salzburger Festspielen in zwei frühen Mozart-Opern zu singen – eigentlich ein Wahnsinn, aber ihr mangelt es nicht an Selbst­ver­trauen, und sie nimmt an. Die Folge des großar­tigen Engage­ments sind zwei weitere Angebote, eines für Darmstadt mit Festvertrag, eines für das Opern­studio in Hamburg. Sie entscheidet sich für Letzteres, und damit wird sie sehr froh. Aus dieser Tätigkeit ergibt sich dann ein festes Engagement an der Frank­furter Oper. Heute ist sie freischaffend tätig und sich dabei stets bewusst, dass die Stimme als Organ anfällig ist. Bis jetzt hatte sie viel Glück, achtet aber stets auf eine stabile körper­liche Gesundheit, viel Schlaf, kaum Alkohol. Besonders viel Spaß macht es ihr, „eine Entde­ckungs­reise durch alle Werke Mozarts“ zu singen, denn er kompo­nierte nach ihrem Verständnis „mit einer wunder­baren Unbedarftheit, mit Witz und Freude für die Stimme“. „Schon seine ersten Stücke sind gut!“ Außerdem schrieb Mozart in verschie­denen Sprachen, für die jeweils eine andere Farbe der Stimme erfor­derlich ist. Karg meint, dass sich das Deutsche grund­sätzlich gut zum Singen eigne; im Italie­ni­schen müsse man das Augenmerk auf die Doppel­kon­so­nanten legen, und Singen auf Franzö­sisch erfordere mehr Legato als im Italie­ni­schen. Auch wenn sie sich für sprach­begabt hält: Mit dem Russi­schen steht sie noch ein wenig auf Kriegsfuß, da möchte sie noch lernen. Eines betont sie: „Für die Inter­pre­tation etwa einer Mozart-Arie gibt es nicht eine selig­ma­chende Wahrheit“, und ihr gefällt, dass sie beim Mozartfest als l‘artiste étoile zu verschie­dener Begleitung auch verschieden singen kann. Eines unter­streicht sie: Die mensch­liche Stimme kann sich nicht verändern, aber heute sei im Musik­be­trieb alles lauter geworden. Damit hängt ihrer Meinung nach sicher auch zusammen, dass Stimmen heute eher verbraucht sind, dass sie früher „verheizt“ sind. Denn in der Musik­branche werde keine Rücksicht genommen. „Alle sind gnadenlos, Veran­stalter, Kritiker, Publikum“. Nur um der Karriere willen aber fängt Karg nicht an „zu schreien“. Sie weiß: Wenn Sänger oft heiser werden, ein echtes Piano nicht mehr möglich ist, dann laufe etwas falsch, die Rollen passten nicht. Auch deshalb ist sie ihre eigene Managerin.

Ein schwerer Bühnen­unfall vor drei Jahren in Glynde­bourne, bei dem sie sich während einer Aufführung von Mozarts La finta giardi­nieira eine Kniever­letzung zuzog und trotzdem weitersang, bestä­tigte sie darin, selbst­ver­ant­wortlich zu handeln, ihr eigenes Programm bei ihren Engage­ments zu kreieren. Wichtig ist ihr das Singen und nicht die Beant­wortung von 1000 Mails pro Tag oder Dauer­präsenz auf Facebook. Gelegentlich fühlt sie sich schon mal von Regie oder Bühnenbild regel­recht behindert. In solchen Fällen nimmt sie dann auch mal die Regie selbst in die Hand. Doch anderer­seits traut sie sich nicht zu, selbst Regie zu führen. Damit aber Kultur nicht nur eine schöne Vision für wenige bleibt, hat sie in ihrer Heimat­stadt Feucht­wangen, „in der fränki­schen Provinz“, ein eigenes Festival, Kunst­Klang, ins Leben gerufen. Hohe Kultur solle eben nicht nur in den Großstädten statt­finden. Die Eintritts­karten für Kinder sind bei ihr frei; sie trifft sich vor der Vorstellung mit den Kindern, spricht über das, was sie hören werden an klassi­scher Musik, und nach dem Konzert gibt es auch noch ein Nachge­spräch. Dabei hat sie die gute Erfahrung gemacht, dass die Kinder sich verstanden fühlen, dass ihr Bewusstsein geöffnet wird für die Schönheit der Musik.

Die ideale Mozartstimme

Julian Prégardien – Foto © Marco Borggreve

Zusammen mit dem Tenor Julian Prégardien unterhält sich Chris­tiane Karg bei einem weiteren Podium unter der Moderation von Musik­wis­sen­schaftler Hansjörg Ewert über Mozart und seine Sänger. Beide Künstler kennen sich aus ihrem gemein­samen Frank­furter Engagement. Eines stellen sie gleich klar: Mozart zu spielen scheint relativ leicht, ist aber letztlich schwer. Beide schwärmen von seinen „herrlichen“ Ensembles. Prégardien, ein Liebhaber konzer­tanter Auffüh­rungen, rühmt den „schlanken Mozart­klang“ bei der Arbeit mit René Jacobs. Beide sind skeptisch, was das Wieder­auf­leben eines Mozart­stils wie unter Böhm betrifft. Ein gutes Mozar­t­en­semble aber zeichne sich laut Karg dadurch aus, dass man eine Einheit bildet; empfeh­lenswert sei, dass die Sänger vom Lied her kommen; es gehe nie darum, „laut“ zu singen. Ein Dirigent wie Harnon­court habe das Bewusstsein geschärft, weil er alles wusste, aber er ließ den Sängern eigentlich ihre Freiheit, anders als derzeit „angesagte“ Pultstars. Im Gegensatz zu Karg möchte Prégardien lieber angeleitet werden. Wichtig sei jedoch beim Einstu­dieren einer Mozart-Partie, sich bewusst zu sein, dass damals ein ganz anderer Werkbe­griff herrschte. Also könne man heute auch ruhig Verzie­rungen einstreuen, wenn sie zur Stimme passen; denn sie können einen Affekt oder den verzückten Moment verstärken; sie dienten der Lust am Spiel, aber nicht zur virtuosen Selbst­dar­stellung. Auch die lebendige Stimm­farbe des Vibrato – natürlich nicht als techni­scher Makel – sei ein Stilmittel, um mit dieser Stimm­farbe Ausdruck zu gewinnen. Hohe Töne müssten nicht heraus­ge­stoßen werden, sondern könnten auch leise sein. Denn der Mozart­klang benötige Sensi­bi­lität. Deshalb sei es oft schwierig, für Mozart Sänger zu finden, die unter­ein­ander harmo­nieren. Mozart­klang lebe eben nicht von „großen“ Sängern. Die Unsitte des aufdring­lichen Porta­mentos passe eher zu Werken des 19. Jahrhun­derts. Aller­dings befinden sich Sänger im Spannungsfeld der Oper immer auch in Abhän­gigkeit von Inten­danten und der Führung der Häuser. Prégardien meint, man müsse sich immer wieder geist­liche Musik als Freiraum gönnen, und Karg plädiert dafür, die größte Freiheit und Verant­wortung eines Sängers im Lied zu sehen. Letztlich aber bewegen sich singende Bühnen­künstler immer zwischen Kunst und Kommerz.

Produkt des Marketings

Bei einem erwei­terten Podiums­ge­spräch disku­tieren die beiden Sänger mit dem Theater­fo­to­grafen Wilfried Hösl aus München, mit der Künst­ler­ma­na­gerin Andrea Hampl aus Berlin, mit dem Musik­jour­na­listen Jürgen Christ aus Karlsruhe und Andreas Kolb von der Neuen Musik-Zeitung über die Abhän­gigkeit des Künstlers vom Kommerz. Hampl steuert gleich Desil­lu­sio­nie­rendes vom US-ameri­ka­ni­schen Markt bei: In Amerika herrscht Lautstärke vor, die Orchester sind größer und spielen lauter als in Europa, „ständig wird man durch blinkende Lichter abgelenkt“. Die Ameri­kaner liebten schrille Farben, große Kostüme seien gefragt. „Alles muss haupt­sächlich unter­halten.“ Ihre ernüch­ternde Prognose: „In spätestens 15 Jahren erreicht dieser Trend auch uns.“ Ganz wichtig sei außerdem, sich vorteilhaft zu präsen­tieren, etwa mit Fotos oder digital. Es herrsche das Produkt­denken vor. Entsetzen bei den Zuhörern! „Wer nicht in den Medien ist, ist nicht präsent“, ergänzt Christ.

Hösl merkt dazu an, dass mittler­weile alles geschönt werden könne, man so aber die Ernst­haf­tigkeit verliere. Doch der Pop-Klassik-Markt mache genau das vor, wenn man sich beispiels­weise David Garrett oder André Rieu anschaue. Karg meint, im Bereich Gesang habe es eigentlich nur die Netrebko zu Recht ganz nach oben geschafft, obwohl Anja Harteros das auch verdient hätte. Prégardien betont, ein ernst­hafter Sänger müsse sich eigentlich auch als Kommu­ni­kator verstehen, der ein kultu­relles Gut trans­por­tiere; deshalb müssten auch immer wieder Raritäten aufge­führt werden. Leider aber werde selbst bei hoher Qualität und künst­le­ri­scher Botschaft die „Verpa­ckung“ immer wichtiger. Facebook, E‑Mails, Website und ähnliche digitale Errun­gen­schaften setzen den Künstler unter Druck, verbrauchen seine Zeit, und die Veran­stalter verlangen immer mehr. Außerdem wird mittler­weile nahezu alles dokumen­tiert; Mitschnitte oder unerlaubte Fotos, beides leicht per Handy möglich, seien eigentlich „Räuberei“. Solche Auswüchse müssten abgestellt werden.  Es geht doch letztlich um den Menschen, um direkte Wahrnehmung.  Zum Schluss äußert sich Karg noch einmal skeptisch. „Es gibt zu viel Geld an den Opern­häusern – und zu viele schlechte Regis­seure.“ Dennoch fällt das Fazit positiv aus: Deutschland mit seinen vielen Opern­häusern ist für Sänger eigentlich – noch – ein Paradies.

Stimme und großes Orchester

Renaud Capuçon – Foto © Ronald Knapp

Dass es aber auch zumindest unsen­sible Dirigenten gibt, was die Ausge­wo­genheit zwischen Gesang und Orchester anlangt, zeigt sich beim Konzert mit den Bamberger Sympho­nikern unter dem Briten Leo Hussain. Denn zu den Konzert­arien Bella mia fiamma von Mozart und Infelice von Mendelssohn-Bartholdy lässt er die Bamberger im akustisch ohnehin heiklen Kaisersaal der Residenz wie ein großes Opern­or­chester klang­stark aufspielen. Da muss dann Chris­tiane Karg ihren hell strah­lenden Sopran mit drama­ti­schem Elan einsetzen für das Bravour­stück. Ohne die äußere Virtuo­sität, die Mozart einst für die befreundete Sängerin Josepha Duschek schrieb. In die schmerz­liche Abschieds­klage von drei mythi­schen Figuren fügt Karg herrlich geläufige Verzie­rungen in die schön gestal­teten Linien ein, wobei in den Höhen bisweilen die Anstrengung, sich gegen das Orchester durch­zu­setzen, spürbar wird. Bei Mendels­sohns Konzert­stück beginnt das Orchester wiederum sehr opernhaft; dann aber, im Dialog mit der ersten Violine, kann die Sängerin schmei­chelnde, süße Melodien entfalten, in der Kavatine strahlen, die Wieder­ho­lungen subtil variieren, fein abstufen. Dann aber legt das Orchester in der Cabaletta wieder zu schnell, zu laut los. Dennoch kann hier der klare, nun sehr bewegte Sopran brillieren bis zu einem stark betonten Schluss. Das Publikum ist begeistert, leider aber später auch von der überwäl­ti­genden Klangstärke von Mozarts Jupiter-Sinfonie. Die wird sehr trocken, lapidar begonnen, imponiert mit schema­tisch akzen­tu­ierter Kraft, ist auf äußer­liche Effekte konzen­triert und scheint wenig inspi­riert.  Ganz anders dagegen der orches­trale Höhepunkt des Abends, Wolfgang Rihms Lichtes Spiel – ein Sommer­stück. Da müssen sich die Bamberger zurück­nehmen, da trium­phiert feinst abgestufte Trans­parenz zur wunderbar singenden Solo-Violine von Bart Vanden­bo­gaerde. Der orches­tralen Kraft­meierei entkommt Chris­tiane Karg zu guter Letzt zusammen mit ihren Vorgängern beim Mozartfest als l‘artiste étoile, mit dem Geiger Renaud Capuçon und dem Pianisten Kit Armstrong. Ein Gipfel­treffen drei heraus­ra­gender Künstler.

Renate Freyeisen

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