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Michael S. Zerban - Foto © Lennart Rauße

Wenig Grund zur Freude

Der afgha­nische Künstler Ahmad Shakib Pouya darf vorläufig nach Deutschland zurück­kehren. Was nach einer guten Nachricht klingt, wirft eine Menge Fragen auf. Fragen nach unserem Umgang mit anderen Menschen und dem Fortbe­stand der Rechts­staat­lichkeit. Und es geht um unsere Kultur, die in diesen Tagen immer mehr ins Wanken gerät, wenn es sie je gab.

Ahmad Shakib Pouya – Foto © Zuflucht Kultur

Die Menschen­würde ist unantastbar. So steht es im deutschen Grund­gesetz. Da steht weder „Die Menschen­würde ist unantastbar, solange du ein Deutscher bist“, noch „Die Menschen­würde ist unantastbar, bis der Staat es anders sieht“. Ahmad Shakib Pouya hat das ganz anders erfahren. Während der afgha­nische Künstler noch um seinen Aufent­halts­status rang, darum kämpfte, sich schnellst­möglich in die deutsche Gesell­schaft zu integrieren, um in diesem Land eine neue Heimat zu finden, nachdem er vor den Taliban in Todes­gefahr fliehen musste, tauchten in der Nacht Polizisten vor seiner Wohnung auf, um ihn ebenso schnell abzuschieben. Wir hatten so was schon mal. Heute nennen wir das vornehm Depor­ta­tionen. Als Menschen in der Nacht verschleppt wurden. Weil sie aus politi­scher Sicht keine Deutschen waren. Der Staat hatte beschlossen, Angehörige einer Religi­ons­ge­mein­schaft zu elimi­nieren. Sehr viele Deutsche machten mit, die Mehrheit vermutlich schwieg dazu und nur einige wenige lehnte sich dagegen auf. Heute werden Menschen nachts aus ihren Wohnungen geholt, um sie „abzuschieben“. Schon die Assozia­tionen zu diesem Begriff sollten eigentlich jeden Deutschen wachrütteln. Schon die Erklärung, bei Afgha­nistan handele es sich um ein „sicheres Herkunftsland“, hätte jeden halbwegs vernunft­be­gabten Bürger aufhorchen lassen müssen, dass etwas verdammt faul ist im Staate Deutschland.

Meine Generation ist mit dem Dauer­appell „Wir dürfen nicht vergessen!“ aufge­wachsen, als ob wir auch nur ansatz­weise etwas mit dem so genannten Dritten Reich zu tun gehabt hätten. Als wir auf die Welt kamen, war das Schreck­liche schon geschehen. Und wir konnten mit diesen Mahnungen so wenig anfangen, weil wir uns nicht für etwas schuldig erklären lassen wollten, das wir nicht einmal hätten verhindern können, wenn wir zwei Jahrzehnte eher aus der großen Milch­suppe ins Leben geschwommen wären. Unange­messen wurde uns die „Gnade der Spätge­bo­renen“ angehängt. Wir nicht. Wir wussten, dass Frieden der einzige Weg in unserem Leben sein konnte. Was wir nicht wussten, war, dass es nicht ausreicht, wenn wir uns ruhig verhalten, um nirgendwo anzuecken. Plötzlich müssen wir erleben, dass ein Staat nicht Gnade vor Recht ergehen lässt, sondern gleich das Grund­gesetz außer Kraft setzt. Und wieder mit dem Argument, der Deutsche müsse beschützt werden. Das ruft tägliche Übelkeit hervor. Pouya, wie seine deutschen Freunde ihn nennen, hatte Glück. Er war, als er „abgeholt“ werden sollte, nicht zuhause.

Ich lernte Pouya in der nachfol­genden Extrem­si­tuation persönlich kennen. Da stand er schon unter enormem Druck. So wie seine Freunde auch. Die kämpften wie Löwen um ihr Junges. Ich hatte das bislang aus der Ferne miterlebt und war beein­druckt, wie sie Politiker auf allen Ebenen angingen, gegen Behörden kämpften, Kompro­misse aushan­delten, Verlän­ge­rungen erwirkten. Das beein­druckte mich kolossal. Erst als ich in München auftauchte, wurde mir klar, welchen Preis die da alle zahlten. Kaum jemand, der noch Zuver­sicht ausstrahlte, wenige, denen nicht längst die Angst die Kehle zugeschnürt hatte. Angst, den afgha­ni­schen Freund wieder zu verlieren, Angst, gegen die Allmacht des Staates nicht stand­halten zu können. Allen voran die Sängerin Cornelia Lanz und der Geiger Albert Ginthör. Die hatten eigentlich keine Zeit für Ablen­kungen, waren sie doch mit ihrer Aufführung Zaide. Eine Flucht beschäftigt. Aber es verging kein Tag, an dem sie nicht neben ihrer künst­le­ri­schen Arbeit Gespräche führten, Briefe schrieben, Hilfe suchten, um Pouya in diesem Land zu behalten. Bis heute ist nicht klar, auf welcher Grundlage die Behörden den jungen Künstler vor seiner Härtefall-Verhandlung abschieben wollten. Was ich aber schnell verstanden habe, ist, warum seine Freunde ihn nicht gehen lassen wollten. Pouya ist ein warmher­ziger, menschen­lie­bender Künstler, der nichts anderes will, als was wir alle wollten. In Frieden mit unseren Mitmen­schen leben. Klingt zu pathe­tisch? Nein, nein. Wir reden hier über den kleinsten gemein­samen Nenner einer Gemein­schaft, die sich christ­liche Werte auf die Fahnen geschrieben hat. Und so tiefgehend unser Gespräch in dieser impro­vi­sierten Künst­ler­gar­derobe war – draußen lag ein wenig Schnee, es war der einzige Schnee, den ich in diesem Jahr sah – umso mehr erschrak ich.

Dieser sympa­thische Kerl, der sich zwischen Augsburg, Stuttgart und München binnen kürzester Zeit in die Herzen der Menschen spielte, sang und scherzte, ist doch nur einer von vielen, die sein Schicksal teilen. Menschen, die in der Falle sitzen, weil sie sich hier in Sicherheit wiegen, nach einer oft monate­langen Flucht angekommen wähnen und statt­dessen wieder in die Hölle zurück­ge­schickt werden. Die keine Lobby haben, aber in der Heimat eine Menge Feinde. Die verschwinden namenlos im Nichts. Die kapita­lis­tische Verrohung in diesem Land hat ein Maß erreicht, von dem man nur hoffen kann, dass jetzt endlich ein Zenit erreicht ist, von dem aus wir umkehren, um uns auch zukünftig noch gegen­seitig in die Augen schauen zu können. Als ich als Jugend­licher aus der Kirche austrat, hätte ich mir nicht träumen lassen, dass ich derjenige sein könnte, der christ­liche Werte wieder herauf­be­schwören möchte. Bigot­terie, Verlo­genheit und Moral waren mir damals zuwider – und sind es bis heute. Aber dass wir heute Begriffe wie Nächs­ten­liebe oder moderner Solidar­ge­mein­schaft verhöhnen und explo­dieren lassen wie faule Kartoffeln auf einem verne­belten Acker, macht mir Angst.

Und so freue ich mich in diesen Tagen wenigstens über die Nachricht, dass Pouya, der schließlich ausreisen musste, um einer Abschiebung – und damit dem Verwirken eines neuer­lichen Aufent­halts­an­trags – zuvor­zu­kommen, in diesen Tagen ein Visum erhält und wieder nach Deutschland kommt, weil die Hilfe seiner Freunde nicht nachge­lassen hat. In den 50 Tagen seines Aufent­halts in Kabul, von Versteck zu Versteck eilend, so wird erzählt, gereichte ihm so sehr zum Inferno, dass er sich darauf freut, so schnell wie möglich in ein Land zurück­zu­kommen, das ihn behörd­li­cher­seits nicht will. Auf Zeit, gewiss. Der Wahnsinn, der seine Seele auffrisst, ist noch nicht beendet. Aber die Chancen stehen gut. Er kann sich vor Angeboten kaum retten. Sein Visum hat er für einen Projekt­vertrag mit der Münchner Schauburg erhalten. Dort wird er die Haupt­rolle in einer Neupro­duktion von Rainer Werner Fassbinders Angst essen Seele auf spielen. Josef E. Köpplinger, Intendant des Staats­theaters am Gärtner­platz, hat ihm ebenfalls bereits ein Engagement in Aussicht gestellt. Wie viel Erfolg er auch immer in der Zukunft haben wird, die Narben werden bleiben.

Schlimmer aber noch: Wie viel Narben werden der deutschen Kultur bleiben, wenn sie diesen unwür­digen, unmensch­lichen Umgang mit den Flücht­lingen hinter sich gebracht haben wird? Wird es nach den Geflüch­teten überhaupt noch so etwas wie eine deutsche Kultur geben? Oder hat es sie überhaupt je gegeben?  Dass es in anderen Ländern noch viel schlimmer aussieht, soll hier keine Rolle spielen. Wir sind dafür verant­wortlich, dass die Würde des Menschen nicht angetastet wird. Das zählt. Und wenn wir unseren Kindern noch aufrichtig in die Augen schauen wollen, ist es jetzt an uns, eine Kultur zu entwi­ckeln, in der alle Menschen und deren Würde Platz haben zu existieren. Und es möge sich, verdammt noch mal, niemand darauf hinaus­reden, dass die Unbeflecktheit der Musik keine Einmi­schung erlaube. Das hatten wir auch schon mal. Und längst hat die Musik ihre Unschuld verloren. Weil sie von Musikern gespielt wird, die so wie wir alle in der Verant­wortung stehen, eine Welt zu bauen, in der Menschen, die von Obergrenzen reden, aus dem Lande gejagt werden. Würdevoll, versteht sich.

Michael S. Zerban

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