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Pedro Obiera - Foto © O-Ton

Kein Respekt vor dem Publikum

Zwei Jahre lang lässt die Leitung des Theater Aachens ihr Publikum in dem Glauben, der General­mu­sik­di­rektor Kazem Abdullah höre auf „eigenen Wunsch“ auf. Jetzt stellt sich heraus, dass das nicht stimmt. Anstatt die Gründe für ein solches Verhalten zu nennen, schweigt der Intendant weiter.

Das Lachen ist GMD Kazem Abdullah inzwi­schen vergangen. – Foto © Carl Brunn

Den General­mu­sik­di­rektor auf Lebenszeit wie zu Karajans Zeiten gibt es nicht mehr. Das ist auch gut so. Dass Verträge nicht verlängert werden, sei es von Betrof­fenen oder von der Stadt, gehört zum Alltag unserer schnell­le­bigen Zeit. Merkwürdig jedoch, wenn sich sowohl ein Orchester als auch die Stadt gegen die Vertrags­ver­län­gerung ihres Musik­chefs aussprechen, aber die Öffent­lichkeit zwei Jahre lang im Glauben lassen, der Dirigent wolle sein Amt aus eigenem Willen aufgeben.

Genau dieses Szenario führt derzeit in Aachen zu heißen Diskus­sionen. General­mu­sik­di­rektor Kazem Abdullah, der im Sommer nach Ablauf seines fünfjäh­rigen Vertrags Aachen verlassen wird, habe bereits im Herbst 2015 signa­li­siert, dass er an einer Verlän­gerung nicht inter­es­siert sei. So hieß es in Verlaut­ba­rungen der Stadt und des Theaters. Abdullah selbst hat jede Antwort auf die Frage nach den Gründen verweigert und auf später verwiesen. Jetzt, kurz vor Abdullahs Abgang, hat Bernd Mathieu, der Chefre­dakteur der Aachener Zeitung und der Aachener Nachrichten, Wind von den tatsäch­lichen Vorgängen bekommen und sich persönlich kundig gemacht. Kompliment für einen heutigen Chefre­dakteur, der sich noch so vehement kultu­rellen Fragen widmet. Jetzt heißt es plötzlich, dass Abdullah im Herbst 2015, er war da gerade drei Jahre im Amt, signa­li­siert wurde, dass die Stadt nicht beabsichtige, seinen jetzt auslau­fenden Vertrag verlängern. Das ist Tatsache, wie Reaktionen aus Stadt und der Theater­leitung erkennen lassen. Dass sich auch das Orchester gegen Abdullah ausge­sprochen haben soll, wird behauptet, kursiert aber immer noch als „offenbare“ Vermutung. Dass die Öffent­lichkeit, die schließlich als Steuer­zahler und Besucher den Betrieb bezahlt, zwei Jahre lang belogen wurde und ein Anrecht auf eine letzte Klärung dieser unappe­tit­lichen Vorgänge hat, scheint niemanden in den Führungs­etagen zu inter­es­sieren. Auch der Orches­ter­vor­stand hält sich zurück. Dabei dürfen sich Turbu­lenzen wie zu Zeiten Elio Boncom­pagnis und Elmar Ottenthals in den 1990-er Jahren, die zu massiven Einbrüchen der Besucher­zahlen und einem fast ruinösen Quali­täts­abfall des Orchesters und des Theaters geführt haben, nicht wieder­holen. Mit viel Einsatz hat Marcus Bosch das Niveau des Orchesters und das Vertrauen des Publikums wieder­ge­winnen können. Eine Basis, die Kazem Abdullah mit Erfolg für eine Stabi­li­sierung der Verhält­nisse nutzte und die jetzt wieder gefährdet ist. Dass Abdullah nicht ganz so virtuos und direkt mit dem Publikum kommu­ni­zieren konnte wie Bosch, haben die Aachener akzep­tiert. Dass sie freilich belogen werden auf Kosten eines Mannes, dessen Leistungs­bilanz bis jetzt stimmt, könnte zu bösen Reaktionen führen.

Was hat man sich von diesem Versteck­spiel eigentlich erhofft? Intendant Michael Schmitz-Aufterbeck deutet an, man habe Abdullah „schützen und mit Blick auf seine Bewer­bungen vor allem in Deutschland nicht beschä­digen“ wollen. Erst einen Tritt vors Schienbein und danach tröstendes Strei­cheln: Kann man jemanden noch stärker demütigen? Abdullah ist jeden­falls maßlos enttäuscht von dem Procedere, bei dem ihm selbst kaum Gelegenheit gegeben wurde, ausführlich Stellung nehmen zu können. Das haben weder Abdullah noch das Theater und erst recht nicht das Publikum verdient.

Pedro Obiera

Kommentare geben die persön­liche Meinung der Verfas­serin oder des Verfassers, aber nicht in jedem Fall die Auffassung von O‑Ton wieder.

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