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Michael S. Zerban - Foto © Lennart Rauße

Für dumm verkauft

Da passiert scheinbar eine Bagatelle, das Internet lacht sich krümelig – kein Grund, sich weiter darum zu kümmern. Schon gar nicht, dafür einen Kommentar zu verschwenden. Aber dann versucht die Oper Köln, ihr Publikum für dumm zu verkaufen. Und das ist nicht mehr so lustig.

Da erwartet uns ein Jahrhundertwerk.

Gern zeigt die Oper Köln auf Facebook Fotos von Plakat­auf­stellern, um ihre Premieren anzukün­digen. So auch dieser Tage. Und diesmal werden gleich zwei Sensa­tionen angekündigt. Die Premiere des Fidelio von Wolfgang Amadeus Mozart dauert vom 11. Juni bis zum 5. Juli dieses Jahres. Ein Werk, das die Welt noch nicht gesehen hat. Und Ludwig van Beethoven wäre sicher stolz darauf gewesen, dass ein Werk, das den gleichen Namen wie seine Oper trägt, über so einen langen Zeitraum aufge­führt wird. Einige glauben an fake news, der Rest der Internet-Gemeinde biegt sich vor Lachen. Halbwegs liebe­voller Spott ergießt sich über die Oper. „Ich als ÖA-Kollegin glaube, ich kann erklären, wie das passiert ist: Die Premiere davor ist Le nozze di Figaro, da hat die Grafik nur den Titel und die Daten ausge­tauscht, nicht den Kompo­nisten. Wenn man Stress hat, kann sowas passieren“, versucht Valerie Seufert gar noch, den Lapsus zu entschul­digen. Was natürlich, mit Verlaub, Quatsch mit Soße ist. Eben weil die Grafik häufig unter Hochdruck arbeitet, gibt es mindestens drei Menschen, die nach der Arbeit der Grafik­ab­teilung dafür verant­wortlich sind, dass eventuelle Fehler entdeckt werden: die Leitung der Grafik­ab­teilung, derjenige, der für die Druck­ab­nahme zuständig ist und diejenige, die das Druck­ergebnis zu beurteilen hat.

Trotzdem darf, bitte schön, jedermann entspannt bleiben. Shit happens. Wer weiß das besser als die SPD in Nordrhein-Westfalen, die der deutschen Sprache nicht mächtig zu sein scheint und Plakate veröf­fent­licht, auf denen steht „Seid 2010“. Damit war keine erfor­der­liche Gruppen­stärke gemeint. Und dass die Plakate der Oper zwischen­zeitlich im gesamten Stadt­gebiet aufge­hängt seien, wie in zahlreichen Facebook-Einträgen nachzu­lesen ist, wäre schon ärgerlich – und in der Folge teuer – genug. Die Presse-Referentin der Oper Köln hingegen gibt an, es habe sich um ein einzelnes Plakat gehandelt. Bis dahin ist also alles lustig und banal, aber entspannt. Dass die PR-Abteilung, das sind die Menschen, die für den Kontakt mit der Presse zuständig sind, Presse­an­fragen mit extremer zeitlicher Verzö­gerung beant­wortet, kann man ebenfalls mögli­cher­weise noch unter „selber schuld“ verbuchen. Wenn die Kommu­ni­ka­toren der Oper ihre Kompetenz in der Verteilung von Presse­mit­tei­lungen und ‑karten sehen, anstatt den Dialog mit den Journa­listen zu suchen, kann man zwar getrost von einer falschen Berufs­auf­fassung ausgehen und sich fragen, wofür sie eigentlich ein monat­liches Gehalt beziehen, aber in einer solchen Angele­genheit mag man darüber hinweg­sehen, weil die PR-Arbeiter dann eben mit den Konse­quenzen zu leben haben. Eine Public-Relations-Abteilung kann im Übrigen immer nur so gut sein, wie es die Intendanz zulässt.

In den Abend­stunden aller­dings äußert sich die Oper Köln – zwar nicht gegenüber der Presse – aber auf Facebook. Wer jetzt eine Entschul­digung und Erklärung erwartet, wie es zu dem Versehen kommen konnte, und damit wäre im Grunde ja alles erledigt gewesen, sieht sich nicht nur enttäuscht, sondern geradezu belehrt. „So kommt es, wenn prestissimo statt im tempo giusto gearbeitet wird“, heißt es da hochmütig, wenn nicht beleidigt. Aber Moment mal. Kein Kölner Bürger erwartet, dass die Oper schnellst­möglich arbeitet. Eine profes­sio­nelle Arbeits­weise soll es wohl sein, kein „Gehudele“. Dummer Spruch und völlig daneben statt einfacher Entschul­digung. Ein solches Verhalten passt aber gut zu jemandem, der keine Besserung gelobt, sondern lieber mit dem Finger auf andere zeigt. „Wer hat noch lustige, spannende, überra­schende Tippfehler auf Opern- und Konzert­pla­katen gefunden? Schreibt uns, oder schickt uns ein Foto davon. Wir haben – nicht bei uns in der Oper Köln – zum Beispiel eine Cenerentola von Puccini gefunden“, heißt es da als nächstes. Sag mal, Oper Köln, geht’s noch?

Und ist der Ruf erst ruiniert, so lebt sich’s richtig ungeniert. Ein Lebens­motto, das man sich offenbar erst wirklich leisten kann, wenn man ein zweistel­liges Millio­nen­budget im Jahr verbrät. Aber weit kommt man damit nicht. Die Oper Köln hat ein Image-Problem. Und das hat sie mit Hilfe eines einfachen Plakates noch einmal klar gemacht. Weil die Geistes­haltung, die hier deutlich wird, nicht nur ungezogen ist, sondern wirklich keines Steuer-Euros mehr bedarf.

Michael S. Zerban

Kommentare geben die persön­liche Meinung der Verfas­serin oder des Verfassers, aber nicht in jedem Fall die Auffassung von O‑Ton wieder

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