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Michael S. Zerban - Foto © O-Ton

Bärendienst für die Musikwelt

Anfang August dieses Jahres entließ das König­liche Concert­gebouw-Orchester mit sofor­tiger Wirkung seinen Chefdi­ri­genten Daniele Gatti, nachdem Vorwürfe wegen sexueller Übergriffe gegen ihn laut geworden waren. Die Vorwürfe sind ungeklärt, Gerichts­ver­fahren gegen den Musiker anhängig. Jetzt hat die Oper in Rom bekannt­ge­geben, dass Gatti die Stelle ihres musika­li­schen Leiters zum kommenden Monat antreten wird. Unanstän­diger kann es kaum werden.

Daniele Gatti, designierter Chefdi­rigent, und Virginia Raggi, römische Bürger­meis­terin – Foto © Yasuko Kageyama

Stellen Sie sich mal vor, Sie arbeiten in leitender Stellung in einem Betrieb. Eines Tages werden Sie mit solch massiven Vorwürfen sexueller Übergriffe von Ihren Mitar­beitern konfron­tiert, dass die Geschäfts­leitung sich entschließt, Sie mit sofor­tiger Wirkung vom Dienst zu suspen­dieren. Da wären Sie ja blöd, wenn Sie die Freizü­gigkeit im modernen Europa nicht nutzen. Sie gehen also in ein anderes Land zu einem anderen Betrieb – natürlich gleiche Branche, was anderes können Sie ja nicht – und machen dort an gleicher Stelle weiter, wo Sie im ersten Betrieb als massive Gefährdung erlebt wurden. Und dann staunen Sie nicht schlecht, dass die Bürger­meis­terin persönlich Sie willkommen heißt und sich so freut, dass Sie im neuen Betrieb anfangen. Na, wenn das keine Einladung zum Weiter­machen ist. Dass im früheren Land inzwi­schen Gerichts­pro­zesse gegen Sie anhängig sind, ist total lustig. Denn in diesem Fall können die Gerichte Ihnen gar nichts. Das Leben kann so schön sein.

Das findet auch der 57-jährige Daniele Gatti. Geboren in Mailand, feierte er weltweit als Dirigent Erfolge, hatte mit dem Concert­gebouw-Orchester in Amsterdam einen wunder­baren Arbeit­geber und wurde Anfang August dieses Jahres fristlos gefeuert, weil die Vorwürfe sexueller Übergriffe zu laut wurden. Anders als in Öster­reich inter­es­sierten sich die Nieder­länder erst mal für eine klare Situation, aus der heraus man dafür hätte sorgen können, die Vorwürfe gegen den Dirigenten zu entschärfen. Aber ganz offenbar hatte Gatti daran kein weiter­füh­rendes Interesse. Dieser Tage hat das Teatro dell’Opera di Roma offiziell bekannt­ge­geben, dass der Dirigent ab 1. Januar kommenden Jahres musika­li­scher Leiter des Hauses werden wird. Wegen der tollen Zusam­men­arbeit bisher und so weiter und so fort. Und wirklich: Die Bürger­meis­terin der Stadt Rom und damit gleich­zeitig Mitglied der Stiftung des Hauses hält gleich mal eine Laudatio auf den „Maestro“. Kein Wort zu den Vorgängen in Amsterdam.

Nein, Gatti wird in Rom als Held empfangen. Einver­standen, Italiener können kein Nieder­län­disch. Wie hätten Sie also von den Vorgängen in Amsterdam erfahren können? Da stehen die Mächtigen – oder weniger pathe­tisch: die Entschei­dungs­träger – also völlig ahnungslos einem italie­ni­schen Helden gegenüber und empfangen ihn mit offenen Armen. Ist das nicht rührend? Wer will da noch von Verdäch­ti­gungen reden, von denen man nichts wissen kann? Niemand.

Die Fragen nach den Opfern, ja, Menschen, die sexuelle Übergriffe erlebt haben, nennt man Opfer, sind in der italie­ni­schen Haupt­stadt so inter­essant wie ein Fahrrad, das in die Amstel gefallen ist. Darauf verlassen sich die italie­ni­schen Entschei­dungs­träger. Ist ja auch das Gesell­schafts­modell, das derzeit vorgelebt wird. Die Mächtigen treiben es immer toller, verlieren alle Sitte, Moral und Anstand. Dürfen sie ja, sagt die Wirtschaft. Und die Regie­rungen schweigen dazu, wenn sie nicht gleich applaudieren.

Vielleicht sind wir in Deutschland da ein bisschen mimosen­hafter, weil wir nach dem Krieg im Glauben an die Demokratie erzogen worden sind, ständig die Rede vom mündigen Bürger war und wir uns nun mit der Umerziehung ein wenig schwerer tun. Die Causa Gatti zeigt, wie es mit dem visio­nären Modell Europa bestellt ist. Einen Dreck scheint es wert zu sein. Jeder zieht für sich den Nutzen daraus, den er braucht. Daniele Gatti macht einfach in einem anderen Land weiter, mit dem Dirigieren auch.

Eine Hoffnung bleibt. Denn die Entschei­dungs­träger können sich noch so wild aufführen, in die Vorstel­lungen geht jeder freiwillig. Jeder, das meint ganz ohne Sternchen, sondern einfach nach den Regeln der deutschen Recht­schreibung, Männer und Frauen. Und ab Januar kommenden Jahres hat jeder Italiener zu entscheiden, ob er Auffüh­rungen besucht, die von einem geleitet werden, der in einem anderen Land gerichtlich wegen sexueller Übergriffe verfolgt wird. Unzucht mit Abhän­gigen ist ein wunder­barer deutscher Begriff, der antiquiert die Schwere eines solchen Vergehens auf den Punkt bringt. Oder um es einfacher auszu­drücken: Jede Aufführung könnte mögli­cher­weise eine Ohrfeige für die Opfer sexueller Übergriffe sein, so lange die Sachver­halte nicht geklärt sind. Und die bislang gehörten Ausflüchte Gattis sprechen ihre eigene Sprache.

An Italien, den italie­ni­schen Bürgern, liegt es also nun, ob die Oper in Rom noch Karten für die Vorstel­lungen verkauft. Eines aber steht heute schon – mit der Bekanntgabe der Oper Rom – fest: Das Teatro dell’Opera di Roma hat der Gattung Oper einen Bären­dienst erwiesen. Wieder hat die Oper an Glanz verloren. Und nein: Es gibt keinen unersetz­lichen Dirigenten. Gab es noch nie. Jetzt liegt es an den Römern, sich dieses Mythos‘ zu erwehren und mögliche Opfer zu schützen.

Eine Gnaden­frist bleibt den Römern noch. In der Nacht vom 4. auf den 5. Dezember erlitt Daniele Gatti Herzrhyth­mus­stö­rungen. Deshalb wird er in diesem Jahr nicht mehr auftreten, um sich davon zu erholen.

Michael S. Zerban

Kommentare geben die persönliche Meinung der Verfasserin oder des Verfassers, aber nicht in jedem Fall die Auffassung von O‑Ton wieder.

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