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Das Festspielhaus Erl wird fünf Jahre alt, und alle freuen sich. Alle? Ein Blogger hat jetzt Dokumente veröffentlicht, die eher ein Haus des Schreckens zu zeichnen scheinen. Noch ist die Gemengelage unklar, aber vieles deutet darauf hin, dass in den Tiroler Bergen alles andere als eine Hochkultur gepflegt wird.

Wenn das stimmt, was Markus Wilhelm aus Sölden dieser Tage auf seinem Blog veröffentlicht hat, können wir nur hoffen, dass die Überschrift einer Tageszeitung sich bewahrheitet. „Eine Ausnahmeerscheinung im europäischen Kulturleben: Gustav Kuhn“ heißt es da. Der heute 72-jährige Musiker lässt sich in seiner Heimat feiern wie ein Weltstar, seitdem er 1989 die Festspiele in Erl gründete. Zwei Jahre zuvor übernahm er die künstlerische Leitung des internationalen Gesangswettbewerbs Neue Stimmen der Bertelsmann-Stiftung in Gütersloh, die er bis heute innehält. An seine Seite trat 2005 der Bauunternehmer und ehemalige Politiker Hans Peter Haselsteiner als Präsident der Tiroler Festspiele Erl. „Sein Wirken ermöglichte den Bau des neuen Festspielhauses. Die feierliche Eröffnung des Festspielhauses erfolgte am 26. Dezember 2012“, ist im Pressematerial des Hauses nachzulesen.
Was dort nicht steht, ist, wie das Haus geführt ist. Wilhelm reicht dazu Dokumente nach, die ein wenig rühmliches Bild zeichnen. Da sind Ausschnitte aus Arbeitsverträgen, persönliche Korrespondenzen und mehr zu sehen, von denen Wilhelm sagt, dass sie allesamt echt seien. Versucht man, die wesentlichen Vorwürfe zu extrahieren, dann ist da zu lesen, dass die Musiker – und wohl auch Choristen – aus Minsk einen Tagessatz von 35 Euro erhalten, ein Sänger mit einer Gage von rund 2.200 Euro für zwei Monate wohl eher am unteren Ende der Gehaltsliste steht. Für die Musiker ist das ein Vielfaches dessen, was sie in der Heimat verdienen. Das kennen wir von den Erntehelfern. Und es muss mir niemand erzählen, er hätte gedacht, dass die Orchester eines kleinen Festspielhauses in den Alpen großartige Gehälter bekämen. Mit vergleichsweise geringen Besucherzahlen, einem nicht allzu üppigen Landeszuschuss und ein paar, wenn auch solventen Sponsoren macht man in einem inzwischen ganzjährigen Festspielbetrieb keine großen Sprünge. Da braucht man kein Betriebswirt zu sein, um das zu sehen. Und jeder in der Branche weiß, dass Sänger, die nicht zu den ganz Großen gehören, vor allem die Anfänger, miserabel entlohnt werden. Auch da fügt sich Erl eher in das Gesamtgeschehen Oper ein. Und es ist doch auch kein Geheimnis, dass in Probenphasen keiner, der Regisseur zuallerletzt, auf die Uhr schaut, um die vorgeschriebene Stundenzahl einzuhalten. Wobei vermutlich gilt: Je schlechter Regisseur oder Dirigent, desto länger und unerfreulicher verlaufen die Proben. Dass darunter am meisten Darsteller und Musiker zu leiden haben, liegt in der Natur der Sache.
So ist nur allzu verständlich, dass es im Laufe der Jahre etliche Menschen gibt, die gern bei passender Gelegenheit mal nachkarten und dem künstlerischen Leiter ein paar deutliche Worte hinterherrufen. Damit muss man rechnen, wenn man als „Maestro“ immer noch glaubt, sich durch einen rüden Umgang mit dem Personal und Verzicht auf alle Manieren auszeichnen zu können. Dass das Haus nun gleich mit Klagen droht, weil Wilhelm solche Dokumente geballt veröffentlicht, mag zwar zum aufgezeigten Stil passen, der Sache angemessener wäre aber sicher eine Stellungnahme gewesen. Wenn, ja, wenn nicht zu befürchten wäre, dass noch ganz andere Dinge ans Licht kommen könnten.
Inzwischen hat der Blogger einen weiteren Brief veröffentlicht, von dem er sagt, dass er echt sei. Was da steht, hat allerdings nichts mehr mit der „üblichen“ Ausbeutung in Kulturbetrieben zu tun. Die Verfasserin lässt es an deutlichen Worten nicht fehlen. Spricht von Vergewaltigung in Kuhns Zimmer, von öffentlicher sexueller Belästigung bis hin zum „Blow-job in der Tiefgarage“. Alte Männer, die glauben, dass ihr finanzieller Reichtum ihnen sexuelle Übergriffe gestatte, kennen wir aus anderen Milieus. „Und immer wussten es alle“, gibt die Verfasserin erschütternd zu Protokoll. Da tut man sich mit der Unschuldsvermutung erst mal schwer. Wilhelm kündigt derweil eine Fortsetzung seiner Veröffentlichungen an. Weder von Kuhn noch von der Bertelsmann-Stiftung gibt es bislang eine Stellungnahme. Dabei dürfte man von dem alten Mann, der so gern und beherzt austeilt, doch erwarten, dass er so schnell wie möglich Konsequenzen zieht, wenn auch nur ein Quäntchen Wahrheit in solchen Vorwürfen liegt.
Nach Film und Theater hat also nun auch die Hochkultur ganz offiziell ihre Unschuld verloren. Da werden Besucher wie Sponsoren in Zukunft etwas genauer hinschauen müssen, wen und was sie da so finanziell unterstützen.
Michael S. Zerban