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Michael S. Zerban - Foto © Klaus Handner

Runter vom Sockel

Inten­danten an öffentlich bezahlten Kultur­in­sti­tuten genossen vor der Pandemie hohes Ansehen, wenn man von einigen Ausnahmen absieht. Mittler­weile arbeiten viele von ihnen daran, vom Sockel zu stürzen und ihre Häuser gleich mitzu­nehmen. Wie das geht, zeigt eine kürzlich geführte Korre­spondenz, die so exempla­risch ist, dass wir den Namen des Inten­danten für diesen Kommentar nicht brauchen.

Ein Journalist, genervt von den E‑Mails, die der Presse­sprecher eines Stadt­theaters regel­mäßig mit vielen Sternchen verschickte, bat den Chefkom­mu­ni­kator, ihn von der Gender-Liste auf den Verteiler mit den Presse­mit­tei­lungen zu setzen. Der PR-Arbeiter antwortete, das ginge nicht, er müsse schon in Kauf nehmen, dass er die Sternchen-Mails bekäme, weil es keinen anderen Verteiler gäbe. Das sei eine Weisung des Intendanten.

Der Intendant weist seinen Mitar­beiter an, Presse­ver­treter mit ideolo­gisch verbrämten Schreiben zu beläs­tigen, statt auf Infor­mation angelegte Presse­mit­tei­lungen zu verschicken? Wie kann der Presse­sprecher dann seine Arbeit erledigen? Als ich von der Geschichte erfuhr, setzte ich mich unver­züglich mit dem Inten­danten in Verbindung, um ihn danach zu fragen.

Die Antwort, die der Intendant schließlich erteilte, erscheint mir exempla­risch für viele Häuser, die sich zwar vom Steuer­zahler gern und ausgiebig finan­zieren lassen, aber dessen Willen geflis­sentlich ignorieren. Und deshalb braucht der künst­le­rische Leiter des Stadt­theaters auch keinen Namen. Es geht hier nicht darum, jemanden bloßzu­stellen, sondern die Mecha­nismen aufzu­zeigen, mit denen Kultur­schaf­fende in den deutsch­spra­chigen Ländern gerade nachhaltig der Kultur schaden.

Für mich waren, von Jugend an, die Theater – und mögen sie noch so klein gewesen sein – die Tempel der Kunst, die Bewahrer der Sprache. Das mag eine roman­tisch-verklärte Sicht eines jungen Mannes gewesen sein, der schon als Schüler dankbar dafür war, dass es Reclam-Heftchen gab, in denen er die großen Theater­stücke lesen konnte. Selbst Autoren, die versuchten, Sprache zu dekon­stru­ieren, übten einen Reiz auf mich aus, weil ich der festen Überzeugung war, dass man, um solche Zerstö­rungs­ver­suche zu unter­nehmen, im Besitz überdurch­schnitt­licher Sprach­kennt­nisse sein muss. Ich übertrug das, man mag die Naivität des Puber­tiers nachsehen, auf das Theater als solches. War tatsächlich bis vor Kurzem der Überzeugung, dass die Kultur der Hort der deutschen Sprache sei.

Es „sei meine persön­liche Auffassung an dieser Stelle geäußert, dass ich zu wissen glaube, dass es in der Bundes­re­publik zwar mit dem ‚Duden‘ ein Nachschla­gewerk zur deutschen Sprache und ihren Regeln gibt und die ‚Gesell­schaft für Deutsche Sprache‘ es sich zur Aufgabe gemacht hat, die deutsche Sprache, die Einhaltung ihrer Regeln und Ihren vermeint­lichen Missbrauch zu beobachten und diesen gegebe­nen­falls zu benennen“, sagt der Intendant. Und ehe mir die Deutsch­lehrer Füllfe­der­halter mit roter Tinte in die Brust rammen: Die Recht­schreib­fehler wurden bewusst übernommen. Eine Petitesse angesichts der Unkenntnis, die der Theater­leiter da von sich gibt. Gut, jeder blamiert sich, so gut er kann. Der Duden ist eine großartige Geschäftsidee, mit der ein Verlag über viele Jahre viel Geld verdient hat. Der Duden hat nämlich das Regelwerk der deutschen Sprache übernommen und abgedruckt. Die hohe Reputation, die sich das Werk damit erworben hat, verspielt es in diesen Tagen, wenn es sich in seiner Online-Ausgabe den Gender-Ideologen anschließt. Das Regelwerk gibt es entgegen der Annahme des Inten­danten tatsächlich. Man bekommt es kostenlos im Internet, wenn man den entspre­chenden Suchbe­griff eingibt. Es gibt auch die Gesell­schaft für deutsche Sprache, die hat mit dem Regelwerk aller­dings herzlich wenig zu tun. Der Rat für deutsche Recht­schreibung, eine Versammlung Delegierter der deutsch­spra­chigen Länder, ist das Institut, das über dieses Regelwerk wacht. Das ist übrigens eine geniale Konstruktion. Weil Delegierte aus drei Ländern zusam­men­kommen, ist der Rat weder für Lobby­isten noch für Staats­ein­flüsse zugänglich. Manches ist in Deutschland und den Nachbar­ländern doch besser geregelt, als man glaubt. „Anderer­seits gibt es in Deutschland keine verbind­liche oder gar von Staats wegen vorge­schriebene Regeln in Bezug auf Wortneu­schöp­fungen, ‑verän­de­rungen oder die Einbindung anderer Sprachen in den Sprach­ge­brauch des Deutschen, die es recht­fer­tigen, uns Vorsatz und Ignoranz als Vergehen vorzu­werfen.“ Auch hier irrt der Intendant gewaltig. Denn das Regelwerk der deutschen Sprache gibt sehr wohl vor, was wir als sprach­liche Grundlage unserer Gesell­schaft verstehen dürfen. Und das ist sehr gut so. Denn so – und nur so – wird Menschen ein Riegel vorge­schoben, die versuchen, unsere Sprache für ihre Zwecke zu verein­nahmen. Da hat man aus der Geschichte gelernt. „Gesell­schaft verändert sich permanent, damit auch die Sprache und auch ihre Regeln. Wenn der Gebrauch eines Wortes, seine Schreib­weise und somit seine Bedeutung Eingang in die Alltags­sprache finden, wird es über kurz oder lang auch in den gelebten und sinnvollen Kanon übernommen werden“. Ein wahrer Satz, gelassen ausge­sprochen. Eben dafür ist der Rat für deutsche Recht­schreibung zuständig. Er beobachtet ständig, wie sich Sprache verändert, und ist dafür zuständig, das Regelwerk der deutschen Sprache auf dem neuesten Stand zu halten – und dafür zu sorgen, dass nicht jeder Blödsinn zur Regel wird. Deshalb hat er auch im März vergan­genen Jahres noch einmal ausdrücklich festgelegt, dass eine „Gender­sprache“ nicht funktio­niert und deshalb keinen Eingang in das Regelwerk finden kann. Das hätte der Intendant in vielen Medien nachlesen können. Und hätte da auch finden können, dass Sternchen und Doppel­punkt mit anderen Bedeu­tungen unterlegt sind und die lokale Verortung „innen“ meist keinen Sinn ergibt.

Aber wozu sich mit Wissen und dem erklärten Willen der Geldgeber belasten, wenn man sich als Nabel der Welt fühlt, in seiner Blase lebt und lieber eigene als die geltenden Regeln erfindet? Daran, so erfahre ich aus dem Schreiben des künst­le­ri­schen Theater­leiters, haben sich alle Abtei­lungen und Sparten mit Freuden beteiligt – ohne anscheinend auch nur im Geringsten darüber nachzu­denken, wozu gültige Regeln da sind. Da hat sich offenbar ein ganzes Haus in die Euphorie der Fantasie verstiegen. Das ist auf derselben Recht­fer­ti­gungs­stufe wie die Aussage „Morgen beschließen wir im Stadt­theater, dass rote Ampeln nicht mehr gelten“. Die Gründe für eine solche „autonome“ Entscheidung liegen nach Ansicht des Inten­danten auf der Hand. „Zum einen werden Texte durch die Nennung von männlicher und weiblicher Form unnötig lang, zum anderen bleiben dabei nicht­binäre Menschen weiterhin unberück­sichtigt. Für uns ist es selbst­ver­ständlich, dass auch diese nicht­bi­nären Menschen, mit denen wir tagtäglich harmo­nisch zusam­men­ar­beiten und ‑leben, von uns mit dem gebotenen Respekt angesprochen werden.“ Ja, um was geht es denn nun? Um die Kürzung lästiger Längen bei Texten oder um Trans­se­xuelle? Oder solche, die nicht wissen, ob sie Männchen oder Weibchen sind?

Lieber Intendant, mit einem Grund­wissen der deutschen Sprache ist allen geholfen. Denn die deutsche Sprache ist, wenn sie nicht behörd­lichen Bedin­gungen unter­worfen wird, eine auf größt­mög­liche Ökonomie ausge­richtete Sprache. Deshalb gibt es das generische Masku­linum. Hier werden alle unsichtbar, und der Inhalt wird sichtbar. Wenn ich darüber spreche, dass die Musiker die Bühne betreten, die Tänzer ihre Körper­sprache finden wollen oder die Sänger eines Abends alle Erwar­tungen erfüllen, ist jedem, der noch nicht komplett verblödet und der deutschen Sprache mächtig ist, vollkommen klar, dass alle gemeint sind. Ich habe das an anderer Stelle bereits ausge­führt. Der Inhalt ist, dass ein Berufs­stand gemeint ist. In dem Moment spielt es überhaupt keine Rolle, welche Menschen dem Berufs­stand angehören und schon gar nicht, welchem Geschlecht sie angehören. Weil das die unnötigste Infor­mation überhaupt ist. Und das der einzig respekt­volle Umgang mit Menschen sein kann. Inzwi­schen haben sich Schrift­stel­le­rinnen geäußert, dass sie Autoren sein wollen, weil nicht das, was zwischen ihren Beinen ist, wichtig sei, sondern der Inhalt ihrer Bücher. Da haben sie verdammt recht. Gleich­be­rech­tigung bedeutet nicht, dass ich auf den Buchdeckel schaue, wer den Text verfasst hat, sondern den Text lese und auf seine Bedeutung prüfe. Aber das gilt in deutschen Theatern ohnehin nicht mehr.

Ach, wie nun die Anekdote mit dem Presse­sprecher ausge­gangen ist? Dem musste der Intendant nach eigenen Worten gar nichts mehr sagen, weil er „ohnehin einen zeitge­mäßen Umgang mit Sprache verin­ner­licht“ hat. Mit anderen Worten: Der Presse­sprecher hat dem Journa­listen, nicht anders sind die Worte des Inten­danten zu verstehen, ins Gesicht gelogen. Aber so ist das mit der „neuen Sprache“. Es geht nicht mehr um Inhalte und Wahrhaf­tigkeit, sondern um Ideologie und Dummheit, ach nein, Nicht­wissen. Der Journalist wird seine Konse­quenzen daraus ziehen.

Der Intendant hat sich als Bewahrer der deutschen Sprache vom Sockel gestürzt. Als einen in ideolo­gisch gefärbter Wolle Theater­vor­stand, der die Gesell­schaft in neue Klassen einteilt, um nicht zu sagen, in sexis­tische Klassen spaltet, braucht ihn das Publikum nicht. Und es ist an der Zeit, Inten­danten und ihre Mitläufer, die das Sternchen lieben, zu verab­schieden. Schon jetzt bleiben viele Menschen den Häusern fern. Bei den bevor­ste­henden Haushalts­ver­hand­lungen wird sich für die Stadt­theater zeigen, ob sie auf Solida­rität von Theater­be­su­chern hoffen dürfen, deren Willen sie heute ignorieren.

Michael S. Zerban

Kommentare geben die persönliche Meinung  des Verfassers, aber nicht in jedem Fall die Auffassung von O‑Ton wieder.

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