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Der Fall Intrada oder: Warum ein russischer Chor kein Konzert auf der Wartburg geben kann, was das mit den Sanktionen des Westens zu tun hat und weshalb das Plädoyer von Kulturstaatsministerin Claudia Roth für die russische Kultur Lippenbekenntnis bleibt.

Kürzlich, im Interview der Augsburger Allgemeinen, hat Kulturstaatsministerin Claudia Roth die „großartige russische Kultur“ gelobt, im gleichen Atemzug deren aktuellen Boykott beklagt, ja für „völlig falsch“ befunden und zwar mit dem nicht ganz von der Hand zu weisenden Argument, dass es ja oft die russischen Künstler seien, „die versuchen, die letzten Freiräume aufrechtzuerhalten“. Um einmal die Probe aufs Exempel zu machen, wäre interessant, zu erfahren, ob Roth den Moskauer Chor Intrada kennt, ob sie Ekaterina Antonenko, die Gründungsdirigentin des Chors kennt? Und ob sie weiß, wie die von ihrer Bundesregierung verhängten Sanktionen die russischen Künstler von Intrada jetzt an der Kunst-Ausübung erfolgreich gehindert, die beschworenen Freiräume verunmöglicht haben? Wohl gemerkt: Nicht Putin, die Sanktionen haben das geschafft.
Eigentlich hätte Intrada am 23. Juli ein von Deutschlandfunk Kultur veranstaltetes Konzert auf der Wartburg geben sollen. Man hätte die hierzulande selten zu erlebende Chrysostomos-Liturgie von Sergej Rachmaninow hören können, in der Ausführung eines russischen Spitzenensembles – denn nichts weniger ist Intrada, ein durch und durch professionell aufgestelltes Ensemble. Wer dort eintritt, kommt mit einer ausgebildeten Stimme, hat in nicht wenigen Fällen selbst chorische Leitungserfahrung. „Genau jetzt“, sagt Leiterin Antonenko im Interview Mitte Juli, „singt und spielt ein Quartett von meinen Sängern in der Premiere von Kirill Serebrennikows Der schwarze Mönch nach Tschechow in Avignon“. Unter Antonenko, die an der Kölner Musikhochschule ein Studium beim international renommierten Dirigenten Markus Creed absolviert hat, hat sich Intrada von der Alten Musik fortbewegt, hat sich verschiedenen Stilrichtungen des 19. und 20. Jahrhunderts geöffnet und hat, es ist der Künstlerin wichtig, „neues Repertoire aus der russisch-ukrainischen Barockmusik“ erschlossen, wozu man passenderweise ergänzen darf, dass nicht wenige Intrada-Mitglieder Verwandte in der Ukraine haben.
Was die Ziele angeht, die die exzellent deutschsprechende Antonenko mit ihrem Chor verfolgt, so sind diese ausnahmslos künstlerische. Es geht ihr nicht um Folklore, schon gar nicht um verkappten Nationalismus. Und auch hinsichtlich der ökonomischen Basis setzt man auf Unabhängigkeit, finanziert sich über die Konzerte, die man gibt, und die Förderungen, die man einwirbt. Bevorzugte Intrada-Partner sind die in Moskau ansässigen diplomatischen Vertretungen, Deutsche, Britische, Französische, Schweizerische Botschaft.
Womit wir wieder bei der Politik angelangt wären, in diesem Fall bei der Sperrung des EU-Luftraums für russische Airlines und deren Auswirkungen für die von Claudia Roth so freundlich apostrophierten „russischen Künstler und Künstlerinnen“. Antonenko rechnet vor: „Wenn man jetzt nach Deutschland reisen möchte, kann man entweder via Türkei über Istanbul oder Antalya oder via Usbekistan nach Deutschland fliegen. Die Dauer ist unterschiedlich, der Preis liegt bei wenigstens 1600 Euro pro Person.“ Übernachtungs‑, weitere Reisekosten kämen hinzu. Bei einer Chorgröße von 24 Mitgliedern lässt sich leicht ausrechnen, in welche Dimensionen man hier eintritt. Apropos. Abgeleitet ist Intrada aus dem italienischen entrata – etwas, was dem Chor gerade jetzt unmöglich gemacht wird: Eintreten nämlich und Kunst machen. – Was geht da in einem vor? Unmöglich kann Ekaterina Antonenko ihre Enttäuschung kaschieren. „Die Tatsache, dass Intrada in Russland überhaupt existiert, ist ein Wunder. Wir bieten etwas ganz Neues – neuen Klang, neues Repertoire, neue Sichtweise. Für uns wäre es sehr wichtig gewesen, genau in dieser Zeit auf der Wartburg ein Meisterwerk von Rachmaninow aufzuführen.“
Nicht nur für die Intrada-Choristen, darf man hinzufügen. Auch für uns wäre es in dieser Zeit einigermaßen wichtig gewesen. Natürlich wegen, um noch einmal Claudia Roth zu zitieren, einem Stück „großartiger russischer Kultur“. Und überhaupt wegen den „aufrechtzuerhaltenden Freiräumen“, wegen des Zeichens, das von einem solchen Konzert aus- und ins Land gegangen wäre. – Zum Schluss hatte Antonenko übrigens noch die Deutsche Botschaft in Moskau um Unterstützung angefragt. К сожалению, нет. Leider, nein.
Was uns der Fall Intrada lehrt? – Zumindest doch dies, dass, sofern es nicht bei einem Lippenbekenntnis der Kulturstaatsministerin bleiben soll, die Regierung in der Pflicht steht, für andere Lösungen zu sorgen. Sanktionen nach dem Rasenmäher-Prinzip sind jedenfalls keine.
Georg Beck