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Michael S. Zerban - Foto © Klaus Handner

Kleinstadt im Größenwahn

Eigentlich sollte alles besser werden in Neuss. Ein Genera­ti­ons­wechsel im Kulturamt hätte den berühmten frischen Wind in die Kultur­pro­gramme bringen können. Seit Anfang August ist der neue Kultur­amts­leiter im Amt. Aber schon seine ersten Äußerungen sorgen für Verär­gerung. Ob ein Mensch, der offenbar der deutschen Sprache nicht mächtig ist, geeignet ist, ein Kulturamt zu leiten, darf bezweifelt werden.

Benjamin Reissen­berger missbraucht sein neues Amt für eine ideolo­gische Fanta­sie­sprache – Foto © Andreas Fischer

Mehr als drei Jahrzehnte hat Kultur­re­ferent Rainer Wiertz als künst­le­ri­scher Leiter dafür gesorgt, dass die Stadt Neuss inter­na­tional bekannt war für ihre Kultur­pro­gramme. Bei den Tanzwochen lud er die renom­mier­testen Kompa­gnien der Welt ein, um die Neusser in der stets vollen Stadt­halle in die Welt des Balletts und des zeitge­nös­si­schen Tanzes zu entführen. Das Shake­speare-Festival in Neuss ist weltbe­rühmt. Und die Zeughaus-Konzerte, eine Konzert-Reihe, verkaufte so viele Abonne­ments, dass kaum noch Eintritts­karten für den freien Verkauf verfügbar waren. Wiertz hielt energisch an seinen Erfolgs­mo­dellen fest. So waren seine Programme stets von Tradition beseelt. Dieses Jahr hat er sich fast zeitgleich mit Kultur­amts­leiter Harald Müller in den Ruhestand verab­schiedet. Für die Stadt, und das ist ja vollkommen legitim, wenn nicht sogar wünschenswert, ein Grund, über die alten Struk­turen nachzu­denken, denn unter anderem dürfte es schwer sein, heute noch einen Genera­listen wie Wiertz zu finden. Und so ist seit diesem Jahr Astrid Schenka für das Shake­speare-Festival und die Tanzwochen zuständig, während der neue Kultur­amts­leiter die Verant­wortung für die Zeughaus-Konzerte übernehmen soll.

Der heißt Benjamin Reissen­berger, hat das Klari­net­ten­spiel erlernt und war damit auch recht erfolg­reich. Ein musik­wis­sen­schaft­liches Studium schloss sich an, in dem er über Klari­netten promo­vierte. Bei einer Chemie­fabrik in Ludwigs­hafen program­mierte er klassische Konzerte in den unter­neh­mens­ei­genen Konzert­reihen und betreute kultu­relle Sponso­ring­pro­jekte. Zuletzt war er Orches­ter­ma­nager beim Sinfo­nie­or­chester Wuppertal. Ein Profil, bei dem Verwal­tungs­fach­leute mögli­cher­weise ins Grübeln geraten könnten, aber der Mensch kann an seinen Aufgaben wachsen. Wenn er will. Auch wenn die Stadt bei der Auswahl viel Wert darauf gelegt hat, dass der neue Kultur­amts­leiter ein verstärktes musika­li­sches Verständnis besitzt, soll man die Zeughaus-Konzerte vielleicht nicht überbe­werten. Neun Konzerte für sechs Monate einzu­kaufen, nötigt einem erfah­renen Konzert­ver­an­stalter ein mildes Lächeln ab. Sich für diesen Aufga­ben­be­reich den Titel eines Inten­danten ans Revers zu heften, klingt jeden­falls erst mal reichlich hochtrabend.

So unter­schreibt Reissen­berger auf der Start­seite des Inter­net­auf­tritts für die Zeughaus-Konzerte. Aber vermutlich werden das gar nicht so viele Leute lesen, weil es unter dem Vorwort des Managers steht und bis dahin kommen sie erst gar nicht. Denn das hat es in sich. Dazu muss man wissen, dass städtische Angestellte – und nichts anderes ist der Musiker – eine Stellen­platz­be­schreibung haben. Und in der steht nichts, aber auch gar nichts davon, dass es zu ihren Aufgaben gehört, ideolo­gisch gefärbte Fanta­sie­sprachen zu verwenden, die gesell­schafts­spaltend und sexis­tisch daher­kommen. Ganz im Gegenteil haben sich gerade städtische Angestellte in einem Rechts­staat nach den geltenden Recht­schreib­regeln zu richten, um eine verständ­liche Ansprache des Bürgers zu gewähr­leisten. Reissen­berger ficht das alles nicht an. Kann er ja mögli­cher­weise auch gar nicht wissen, ist eben kein Verwal­tungswirt. Was er aber sehr wohl kennen sollte, wenn die vergleichs­weise kurzen Tätig­keiten als PR-Mann und Orches­ter­ma­nager nicht einen anderen Grund als Sprünge auf der Karrie­re­leiter haben, ist eine geeignete Zielgrup­pen­an­sprache. Den Inter­net­auf­tritt der Zeughaus-Konzerte rufen überwiegend Menschen jenseits des Erwerbs­lebens auf, die sich nicht im mindesten dafür inter­es­sieren, welche Vorlieben der Programm­planer für die Geschlechter der Bühnen­ak­teure hat. Die wollen Infor­mation statt Ideologie.

In den 1980-er Jahren gab es für „Kommu­nisten“ Berufs­verbote für öffent­liche Ämter. Wenn heute ein öffentlich Bediens­teter seine Stellung dazu ausnutzt, mit Sternchen Menschen auszu­grenzen und die Gesell­schaft in verschiedene Lager zu spalten, indem er ihnen zuerst zwischen die Beine schaut, ehe er vielleicht Inhalte erwähnt, ist das genauso wenig eine Bagatelle. Und sollte mindestens die gleichen Konse­quenzen haben. Für Neuss gilt das in beson­derer Weise. Die äußerst erfolg­reichen Kultur­pro­gramme nach drei Jahrzehnten mutwillig zu riskieren, um die Stadt­ge­sell­schaft in Geschlechts­gruppen zu dividieren, zeugt von fehlender Profes­sio­na­lität. Unter den geltenden Regeln der deutschen Recht­schreibung Diver­sität als selbst­ver­ständlich herzu­stellen – bitte schön. Aber davon ist das jetzt vorge­stellte Programm der Zeughaus-Konzerte ziemlich weit entfernt. Da bleibt jetzt nur zu hoffen, dass Bürger­meister Reiner Breuer seinen neuen Kultur­amts­leiter ganz schnell in die rechts­staat­lichen Grenzen zurückruft, ehe seine Bürger mit den Füßen abstimmen. Und die sind bekanntlich – je nach Quellenlage – zu 65 bis 80 Prozent gegen jede Fantasiesprache.

Michael S. Zerban

Kommentare geben die persönliche Meinung  des Verfassers, aber nicht in jedem Fall die Auffassung von O‑Ton wieder.

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