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Michael S. Zerban - Foto © Lennart Rauße

Stillschweigen vereinbart

Der Opern­di­rektor Michael Fichtenholz hat überra­schend das Opernhaus Zürich verlassen. Erst im Nachhinein stellte sich heraus, dass es mehrere Fälle von Macht­miss­brauch gab, in denen es bis zu sexuellen Übergriffen gekommen sein soll. Fichtenholz erhielt ein hochlobendes Zeugnis, und von allen wurde ein allge­meines Still­schweigen vereinbart. Sieht so Opfer­schutz aus?

Opernhaus Zürich – Foto © Thomas Wolf

Männer sind Schweine sang 1998 die Popgruppe Die Ärzte äußerst erfolg­reich. Und an der Aussage scheint sich zwei Jahrzehnte später nicht viel geändert zu haben, zumindest, wenn man vielen Menschen glaubt, die an Theater- oder Opern­häusern arbeiten. Seitdem die Diskussion um Führungs­struk­turen und Macht­miss­brauch im Theater begonnen hat, rumort es in der Theater­land­schaft. Das System ist dabei immer das gleiche. So erging es jetzt auch Michael Fichtenholz, der seit 2018 am Opernhaus Zürich arbeitete. Geboren in Moskau, studierte er dort auch Musik­wis­sen­schaften. „In seinen Studi­en­jahren machte er sich einen Namen als Musik­kri­tiker und Journalist. Es folgten Engage­ments an der Moskauer Philhar­monie, beim russi­schen Natio­nal­or­chester sowie bei den Moskauer Oster­fest­spielen, bevor er im Jahr 2009 als Leiter der langfris­tigen Programm­planung sowie als Direktor des von ihm gegrün­deten Opern­studios ans Moskauer Bolschoi-Theater berufen wurde. Zur Spielzeit 201415 wechselte Fichtenholz nach Karlsruhe, zur Spielzeit 201819 ans Opernhaus Zürich“, beschreibt das Opernhaus Zürich seine Biografie. Auch in der Schweiz oblag ihm die Leitung des altehr­wür­digen Opern­studios, also der Abteilung, die sich dem sänge­ri­schen Nachwuchs an einer Oper widmet.

Jetzt, also offiziell zum Ende der Spielzeit 202021, schied Fichtenholz für Außen­ste­hende überra­schend aus. Zunächst hieß es, er habe selbst gekündigt, und er erhielt ein Zeugnis voll des Lobes, ausge­stellt vom Künst­le­ri­schen Leiter, Andreas Homoki, und vom Kaufmän­ni­schen Leiter, Christian Berner. Die Redaktion Kultur­platz vom SRF erteilte der Journa­listin Ivana Imoli den Auftrag, die Gründe für diese Entscheidung zu recher­chieren. Sie stieß nach eigenen Angaben zunächst bei der Leitung des Hauses auf eine „Mauer des Schweigens“. „Fündig wurde ich in einem Online-Branchen-Blog – dort fanden sich nach der Meldung der Kündigung von Fichtenholz zahlreiche anonyme Kommentare mit teilweise harschen Anschul­di­gungen gegen ihn“, erzählt Imoli in einem Interview mit Persönlich.com. Das war Auslöser für weitere Recherchen und so fand sie schließlich doch einen Infor­manten im Opernhaus-Ensemble, dessen Aussagen später von einer weiteren hausin­ternen Quelle bestätigt wurden. Aller­dings sind genau diese Aussagen seltsam nebulös.

„Es gab Parties und Empfänge. Dort kommen­tierte Herr Fichtenholz die Körper von Leuten, etwa die Brüste von Frauen. Er setzte sich sehr nahe zu jungen Kollegen, auch auf ihren Schoß. Er sagte anzüg­liche, sexuell motivierte Dinge zu ihnen. Er betatschte die Kollegen unange­messen, wenn er sich unbeob­achtet fühlte. Ich sah, wie er den Po von Kollegen tätschelte. An öffent­lichen und privaten Anlässen“, gibt der Informant vor der Kamera zu Protokoll. Weiterhin wird Fichtenholz vorge­worfen, er habe nicht alle Menschen gleichbehandelt.

Waren Sie eigentlich jemals auf einem Fußball­platz? Im Theater gibt es solche Umgangs­formen nicht mehr. Dort werden solche „Vorkomm­nisse“ der Leitung des Hauses schriftlich gemeldet. Nein, ich mache mich nicht lustig darüber, dass sich Menschen übergriffig behandelt fühlen. Aber es muss in einem gesunden Rahmen bleiben. Genau dieser Eindruck verblasst gerade. Erlaubte ich mir solche „Übergriffe“, würde ich bei mir wohlge­son­nenen Damen mit einer entspre­chenden Bemerkung vom Platz gebeten, ansonsten bekäme ich wohl eine Backpfeife – mögli­cher­weise verdient. Und das, obwohl viele Theater­men­schen glauben, sie bewegten sich in einem Abhän­gig­keits­ver­hältnis zu mir – nach dem Motto: Bin ich nicht nett zu dem, schreibt der schlecht über mich. Und solche Reaktionen wären auch normal und hätten sicher keinen Einfluss auf die Bericht­erstattung. Wenn die Leitung eines Hauses solche Beschwerden erhält, muss sie reagieren. In Zürich hat man eine nicht näher benannte „externe Fachstelle“ beauf­tragt, sich mit den Vorwürfen ausein­an­der­zu­setzen. Daraufhin erfolgte ohne Begründung die Trennung vom Opern­di­rektor, weil, so erklärt es Berner, mit allen Betei­ligten Still­schweigen vereinbart worden sei.

Mobbing­opfer, egal aus welcher Branche, werden jetzt zusam­men­zucken. Weil ihnen eine solche Vorge­hens­weise bekannt vorkommt. Und ich habe mit solchem Vorgehen ebenfalls beträcht­liche Kopfschmerzen. Da sitzt man plötzlich vor einer „Unter­su­chungs­kom­mission“, die einen mit Vorwürfen überhäuft und gleich­zeitig Trennungs­ge­lüste verlauten lässt. Da setzt du dich nicht mehr mit dem Geschehen ausein­ander, sondern bist überwältigt von dem, was die Leute, die da vor dir sitzen, dir um die Ohren hauen. Damit wir uns richtig verstehen. Ich will Michael Fichtenholz hier nicht reinsprechen, kann ich ja auch gar nicht. Und ich gehe davon aus, dass die Menschen, die sich über ihn beschwert haben, Grund dazu hatten. Zumindest zu einer Beschwerde. Weil sie sich übergangen fühlten, weil sie sich in bestimmten Situa­tionen überfordert fühlten und sich bis heute darüber ärgern.

Was mich massiv stört und nachhaltig nachdenklich stimmt: Hier hat kein ordent­liches, also rechts­staat­liches Verfahren statt­ge­funden, sondern das, was ich „Mobbing­kon­ferenz“ nenne. Am Ende einer hochnot­pein­lichen Befragung von Menschen, die sich zu Richtern aufschwingen, die sie nicht sind, geht der Angeschul­digte gesenkten Hauptes aus dem Raum und tröstet sich mit dem Versprechen eines ordent­lichen Zeugnisses. Er kommt gar nicht erst auf die Idee eines rechts­staat­lichen Verfahrens, weil das ja noch peinlicher wäre. Haben ihm ja auch alle im Raum anwesenden Personen so gesagt. Und darüber sollten die Menschen in Karlsruhe wie in Zürich oder sonst wo in Zukunft sehr genau nachdenken. Entweder sind die Vorwürfe justi­tiabel, dann gehören sie zur Anzeige. Einfach zur nächsten Polizei­dienst­stelle gehen und Anzeige erstatten. Dann wird man sehen, was dabei heraus­kommt; weil es dann Insti­tu­tionen beschäftigt, die dazu legiti­miert sind. Und dazu gehören eben genau nicht Inten­danten oder Kaufmän­nische Direk­toren und auch keine „externen Fachstellen“. Sondern dazu gehören Anwälte, die Staats­an­walt­schaft und das Gericht. Und sonst niemand. Das ist in der Schweiz nicht anders als in Deutschland.

Längst sind die Gerichte sensi­bi­li­siert für sexuelle Übergriffe am Arbeits­platz, aber auch für Mobbing-Versuche. Genau deshalb sind sie die richtigen Ansprech­partner. Für das Opernhaus Zürich scheint der Fall erledigt. Sagt Berner. Der Opern­di­rektor sei gegangen, die anderen Häuser seien gewarnt, trotz guten Zeugnisses. Und jetzt darf der Direktor nur darauf hoffen, dass er unter Umgehung des Rechts­staates die richtige Entscheidung getroffen und nicht einfach nur die beruf­liche Karriere eines Menschen zerstört hat.

Michael S. Zerban

Kommentare geben die persönliche Meinung der Verfasserin oder des Verfassers, aber nicht in jedem Fall die Auffassung von O‑Ton wieder.

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