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Der so genannte Corona-Gipfel, bestehend aus der Bundeskanzlerin und den Ministerpräsidenten der Länder, hat am 28. Oktober beschlossen, die Theater in der Bundesrepublik ab dem 2. November für den Rest des Monats wieder zu schließen. Der Niedergang der deutschen Theater wird also noch einmal beschleunigt. Und das, obwohl die Häuser eindeutig als Nicht-Verbreiter des Corona-Virus ausgemacht sind. Hier scheint Staatsräson vor Verhältnismäßigkeit zu gehen.

Geplant war es schon vorher, wie der Entwurf einer Beschlussvorlage vom 27. Oktober zeigt, jetzt ist es also beschlossene Sache: Ab dem 2. November müssen die Theater wieder schließen. Vorläufig befristet bis Ende November. Das hat der so genannte Corona-Gipfel, eine Video-Konferenz von Bundeskanzlerin und Ministerpräsidenten der Länder, am 28. Oktober festgelegt. Dass die Politik dabei „Theater, Opern, Konzerthäuser und ähnliche Einrichtungen“ den „Institutionen und Einrichtungen, die der Freizeitgestaltung zuzuordnen sind“ subsumiert, zeigt schon viel ihres Verständnisses von der Kultur in Deutschland.
Genannte Häuser werden sich sehr genau überlegen müssen, ob sie diese radikale Maßnahme einfach wieder so hinnehmen wie im März. Denn inzwischen hat sich die Erkenntnislage deutlich gewandelt. Ende Mai mussten die Kulturschaffenden – mit einigem Entsetzen – feststellen, dass die Bevölkerung nicht sehnsüchtig darauf gewartet hatte, endlich wieder in die Theater strömen zu können. Vielmehr wirkte die Panikmache in den vorangegangenen Monaten nach, und es war erhebliche Vertrauensarbeit zu leisten, um wenigstens einen Teil des Publikums zurückzugewinnen. Dazu gehörten auch umfangreiche Sicherheitskonzepte, mit denen sichergestellt werden konnte, dass die Häuser zu den bestbehüteten Orten der Republik gehören. In den vergangenen Wochen konnten die Kulturinstitutionen nachweisen, dass von ihnen nicht eine einzige Infektionskette ausging.
Damit verliert aber die Behauptung, die Bevölkerung vor Infektionen schützen zu wollen, indem man ihr verbietet, ins Theater zu gehen, an Glaubwürdigkeit. Was vorher als Annahme ausreichte, gilt jetzt nicht mehr. Denn jetzt gibt es die belegte Sicherheit, dass niemand durch das Verbot von Kultur geschützt wird. Werden also die Ministerpräsidenten der Bundesländer in den kommenden Tagen diesen Beschluss in so genannten Corona-Schutzverordnungen um- und durchsetzen, müssen sie sich den Vorwurf gefallen lassen, nicht nur ohne Augenmaß zu handeln, sondern auch Staatsräson über Verhältnismäßigkeit zu setzen. Erschwerend kommt hinzu, dass die Beschlüsse außerhalb jeder parlamentarischen Teilhabe fallen. Ein Kritikpunkt, der erst in den letzten Tagen überhaupt ausgesprochen werden durfte.
Das panische Vorgehen einer Video-Konferenz, die gar nicht demokratisch legitimiert ist, sondern erst durch die Ministerpräsidenten in den Ländern verwirklicht werden muss, ist aus Sicht der Machthabenden durchaus verständlich. Denn jetzt besteht die Gefahr, dass sich rächt, was jahrelang Politik in Deutschland war: Die sträfliche Vernachlässigung des Gesundheitswesens. Nicht die Zahl der Infektionen, nicht die ausreichende Anzahl an Krankenhausbetten bereitet Grund zur Sorge. Sondern es gibt gar kein Personal, das die Versorgung zahlreicher Neuerkrankter gewährleisten könnte. Jetzt muss also die Bevölkerung die Fehler der Politik ausbaden. Das ist nicht zu ändern. Aber es ist nicht nachvollziehbar, warum sie darüber hinaus auch noch mit dem Entzug von Kultur bestraft werden muss.
Und so sinkt nicht nur die Akzeptanz im Volk, sondern auch bei den Akteuren der Kulturszene. Wie etwa bei Markus Dietze, Intendant des Koblenzer Theaters. „Egal, dann spielen wir halt für uns“, wird er zitiert. Das ist schön und gut, und es ist davon auszugehen, dass das Publikum seinen Anteil daran im Internet finden wird. Aber das kann nicht die Lösung sein, denn die Entwöhnung des Publikums von der Live-Kultur schreitet weiter voran. Schon jetzt sehen bis dato treue Konzertbesucher, die Risiko-Gruppen angehören, keine Notwendigkeit mehr, in die Konzerthallen und Theater zu gehen. Ein Prozess, der eine nachhaltige Schädigung der Kulturwirtschaft nach sich ziehen wird – mit unabsehbaren Folgen. Schon jetzt hat die erste Stadt massive Budget-Kürzungen um 20 bis 30 Prozent angekündigt.
Da könnte eine Abwärtsspirale ihren Anfang nehmen, deren Ende nicht abzusehen ist. Vertreter der Industrie haben bereits im Vorfeld mit massiven Klagewellen gedroht, sollte ihre Klientel weiter eingeschränkt werden. Von Seiten der Kultur hat es immerhin zuvor einen Brief an die Ministerrunde gegeben, in dem man darum bittet, die Häuser doch nicht wieder zu schließen. Das wird nicht reichen. Schon im eigenen Interesse werden die Interessenverbände der Kultur jetzt ebenfalls den Klageweg beschreiten müssen, um die Unverhältnismäßigkeit der Maßnahmen gerichtlich bestätigen zu lassen. Da dürften die Erfolgsaussichten gut stehen. Letzte Hoffnung gibt es immerhin für zwei Bundesländer. Die Ministerpräsidenten von Thüringen und Schleswig-Holstein haben schon vor der Konferenz geäußert, dass sie diesen Weg nicht mitgehen werden. In allen anderen Ländern wird sich die Kultur voraussichtlich freiklagen müssen. Aber das ist dringend notwendig, will sie nicht mit hängenden Fahnen untergehen.
Michael S. Zerban