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Vor der Pandemie gehörte es zum Berufsalltag des erfolgreichen Musikers, möglichst weit und oft in der Welt herumzureisen. Ob das in Zukunft wieder so sein wird, ist heute noch ungewiss. Die Tonhalle in Düsseldorf experimentiert schon mal auf dem umgekehrten Weg. Mit dem Mammutkonzert Neuland stellte sie einen Ausschnitt der heimischen Musikszene vor. Und siehe da, es wurde ein durchweg „internationaler“ Abend.

Als das Reisen noch billig und überhaupt möglich war, galten insbesondere die Musiker als besonders erfolgreich, die möglichst oft weit weg in der Welt unterwegs waren. „Und nächsten Monat bin ich dann wieder auf Asien-Tournee“ ist so ein Satz, den wir in Zukunft vielleicht nicht mehr so oft hören werden. Es gab kaum noch ein Festival, das in seinem Namen nicht das Adjektiv international führte. Die Pandemie bewirkte nicht nur Auftrittsverbote, sondern auch ein Umdenken. Zwar versuchen auch in schwierigen Reise-Zeiten Festivals weiterhin, ausländische Musiker auf ihre Bühnen zu holen.
Aber es gibt auch Veranstalter, die darüber nachdenken, was Zukunftsforscher prognostizieren. Die sagen nämlich, die Zukunft werde lokal. Das muss ja gar nicht so negativ sein, wie es auf den ersten Blick klingt. Fand jedenfalls auch die Tonhalle Düsseldorf und beschloss, sich mal in der eigenen Stadt umzusehen, was da eigentlich die Musik-Szene so macht. Und hoppla. In Düsseldorf leben viele Musiker, die in der Stadt so gut wie unbekannt sind, weil sie ihre Karrieren weltweit gestalten. Aus dieser Erkenntnis entwickelte die Tonhalle als der Konzertsaal für klassische Musik in der Stadt das Projekt Neuland. Zwölf Auftritte für einen Konzertabend im Rahmen des Schumannfestes, dem jährlichen Festival der Tonhalle, wurden ausgeschrieben. Die Resonanz war gewaltig, und das wundert nun keinen. Die Auswahl nahm ein Team unter Federführung von Ariane Stern vor. Als quasi in letzter Minute bekannt wurde, dass nun doch Publikum im Saal zugelassen werden durfte, musste die Abfolge des Abends noch einmal komplett geändert werden.
Am Abend des 10. Juni war es soweit. Zu diesem Zeitpunkt hat vermutlich die Hälfte der Crew in der Tonhalle schon mindestens einen Nervenzusammenbruch hinter sich, weil die Vorbereitung eines „Hybrid-Konzerts“, also die Parallel-Übertragung im Internet, in dem Ausmaß etwas ist, was früher einmal höchstens große Sendeanstalten unternahmen. Und das ist schon lange her. Aber die Stimmung war und blieb gut, bestätigten einige der beteiligten Künstler ungefragt.
Im Saal sitzen Ehrenamtliche, die der Sponsor eingeladen hat als Dankeschön für ihre in der Corona-Krise geleistete Arbeit. Na, ein paar Freunde der auftretenden Künstler werden auch eine Karte ergattert haben. Und vor den heimischen Monitoren sitzt der Rest des Publikums. Das Konzert wird satte fünf Stunden dauern und von Michael Becker, dem Intendanten der Tonhalle, exzellent moderiert. Von Anfang an gefällt die Professionalität der Live-Übertragung. Es ist schier unglaublich, was die Tonhalle hier auf die Beine stellt. Die Kleinigkeiten, die zu bemängeln sind, lassen sich an einer Hand abzählen. Die Künstler bei ihrem Auftritt permanent von hinten zu filmen, zeugt von wenig Fantasie bei der Kameraführung. Den Legastheniker im Chat zur Fortbildung zu schicken, damit er weiß, dass Gender-Sonderzeichen nicht zur deutschen Sprache gehören, sollte im Budget drin sein. Und das ist bei einem fünfstündigen Konzert dann wirklich vernachlässigbar. Viel wichtiger ist, dass es der Tonhalle gelingt, eine Farbvielfalt, ein unglaublich breites Spektrum der Musik in ihrer Stadt darzustellen. Am Ende des Abends wird man sich fragen müssen: Warum hat es das nicht längst gegeben? Und warum gibt es das nicht in anderen Großstädten? Das Versprechen Beckers in einem Nebensatz, dass es eine Wiederholung des Formats geben wird, beruhigt und erfreut gleichermaßen.
Denn Becker hat nichts anderes getan als das, was Intendanten aller möglichen Häuser alljährlich nur versprechen: Wir bringen uns in die Stadt ein. Ja, so macht man das. Und nicht, indem man wieder und wieder möglichst viele Künstler einfliegt. An diesem Abend sollte keiner der Künstler mehr als 20 Kilometer gefahren sein. Und kein Düsseldorfer musste irgendetwas vermissen. Im Gegenteil. Endlich hatten die Düsseldorfer Gelegenheit, die Künstler ihrer Heimatstadt in all ihrer Vielfalt kennenzulernen. Das dürfte für so manchen noch einmal die Lebensqualität deutlich gemacht haben, die die Landeshauptstadt bietet. Und wer jetzt noch Angst vor „lokal“ hat: Dank des Livestreams konnten sich auch viele Besucher aus aller Welt ein Bild von der lokalen Szene in Düsseldorf machen – bessere Werbung für eine Stadt gibt es wohl kaum, was die Kommentare während der Live-Übertragung nachdrücklich zeigen.
Der Tonhalle ist ein Festival der Superlative gelungen, bei dem übrigens ganz selbstverständlich die Welt zuhause war, weil es in Düsseldorf längst eine bunte, um das hässliche Wort divers zu vermeiden, Gesellschaft gibt. Und damit hat sie Maßstäbe gesetzt, die für andere Großstädte wegweisend sein können. Somit verliert die Angst vor der „lokalen Kunst“ an Wirkung. Doch Vorsicht! Drei Dinge haben maßgeblich zum Erfolg des Abends beigetragen, die bei der Nachahmung dringend empfohlen sind. Die Musik-Szene in Düsseldorf hat ein extrem hohes Niveau, wie der Abend gezeigt hat. Die Tonhalle hat einen Sponsor gefunden, der die maßgebliche Finanzierung leisten konnte. Und sie hat eine professionelle Leistung abgeliefert, die die Zuschauer über fünf Stunden an die Monitore gefesselt hat. Nur so kann es gelingen, lokale und dann auch überregionale Aufmerksamkeit zu erlangen. Für die Tonhalle Düsseldorf allerdings kann es nur heißen: Weitermachen.
Michael S. Zerban