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Michael S. Zerban - Foto © Lennart Rauße

Die Zukunft ist lokal

Vor der Pandemie gehörte es zum Berufs­alltag des erfolg­reichen Musikers, möglichst weit und oft in der Welt herum­zu­reisen. Ob das in Zukunft wieder so sein wird, ist heute noch ungewiss. Die Tonhalle in Düsseldorf experi­men­tiert schon mal auf dem umgekehrten Weg. Mit dem Mammut­konzert Neuland stellte sie einen Ausschnitt der heimi­schen Musik­szene vor. Und siehe da, es wurde ein durchweg „inter­na­tio­naler“ Abend. 

Michael Becker, Intendant der Tonhalle Düsseldorf, moderierte exzellent. – Bildschirmfoto

Als das Reisen noch billig und überhaupt möglich war, galten insbe­sondere die Musiker als besonders erfolg­reich, die möglichst oft weit weg in der Welt unterwegs waren. „Und nächsten Monat bin ich dann wieder auf Asien-Tournee“ ist so ein Satz, den wir in Zukunft vielleicht nicht mehr so oft hören werden. Es gab kaum noch ein Festival, das in seinem Namen nicht das Adjektiv inter­na­tional führte. Die Pandemie bewirkte nicht nur Auftritts­verbote, sondern auch ein Umdenken. Zwar versuchen auch in schwie­rigen Reise-Zeiten Festivals weiterhin, auslän­dische Musiker auf ihre Bühnen zu holen.

Aber es gibt auch Veran­stalter, die darüber nachdenken, was Zukunfts­for­scher prognos­ti­zieren. Die sagen nämlich, die Zukunft werde lokal. Das muss ja gar nicht so negativ sein, wie es auf den ersten Blick klingt. Fand jeden­falls auch die Tonhalle Düsseldorf und beschloss, sich mal in der eigenen Stadt umzusehen, was da eigentlich die Musik-Szene so macht. Und hoppla. In Düsseldorf leben viele Musiker, die in der Stadt so gut wie unbekannt sind, weil sie ihre Karrieren weltweit gestalten. Aus dieser Erkenntnis entwi­ckelte die Tonhalle als der Konzertsaal für klassische Musik in der Stadt das Projekt Neuland. Zwölf Auftritte für einen Konzert­abend im Rahmen des Schumann­festes, dem jährlichen Festival der Tonhalle, wurden ausge­schrieben. Die Resonanz war gewaltig, und das wundert nun keinen. Die Auswahl nahm ein Team unter Feder­führung von Ariane Stern vor. Als quasi in letzter Minute bekannt wurde, dass nun doch Publikum im Saal zugelassen werden durfte, musste die Abfolge des Abends noch einmal komplett geändert werden.

Am Abend des 10. Juni war es soweit. Zu diesem Zeitpunkt hat vermutlich die Hälfte der Crew in der Tonhalle schon mindestens einen Nerven­zu­sam­men­bruch hinter sich, weil die Vorbe­reitung eines „Hybrid-Konzerts“, also die Parallel-Übertragung im Internet, in dem Ausmaß etwas ist, was früher einmal höchstens große Sende­an­stalten unter­nahmen. Und das ist schon lange her. Aber die Stimmung war und blieb gut, bestä­tigten einige der betei­ligten Künstler ungefragt.

Im Saal sitzen Ehren­amt­liche, die der Sponsor einge­laden hat als Danke­schön für ihre in der Corona-Krise geleistete Arbeit. Na, ein paar Freunde der auftre­tenden Künstler werden auch eine Karte ergattert haben. Und vor den heimi­schen Monitoren sitzt der Rest des Publikums. Das Konzert wird satte fünf Stunden dauern und von Michael Becker, dem Inten­danten der Tonhalle, exzellent moderiert. Von Anfang an gefällt die Profes­sio­na­lität der Live-Übertragung. Es ist schier unglaublich, was die Tonhalle hier auf die Beine stellt. Die Kleinig­keiten, die zu bemängeln sind, lassen sich an einer Hand abzählen. Die Künstler bei ihrem Auftritt permanent von hinten zu filmen, zeugt von wenig Fantasie bei der Kamera­führung. Den Legasthe­niker im Chat zur Fortbildung zu schicken, damit er weiß, dass Gender-Sonder­zeichen nicht zur deutschen Sprache gehören, sollte im Budget drin sein. Und das ist bei einem fünfstün­digen Konzert dann wirklich vernach­läs­sigbar. Viel wichtiger ist, dass es der Tonhalle gelingt, eine Farbvielfalt, ein unglaublich breites Spektrum der Musik in ihrer Stadt darzu­stellen. Am Ende des Abends wird man sich fragen müssen: Warum hat es das nicht längst gegeben? Und warum gibt es das nicht in anderen Großstädten? Das Versprechen Beckers in einem Nebensatz, dass es eine Wieder­holung des Formats geben wird, beruhigt und erfreut gleichermaßen.

Denn Becker hat nichts anderes getan als das, was Inten­danten aller möglichen Häuser alljährlich nur versprechen: Wir bringen uns in die Stadt ein. Ja, so macht man das. Und nicht, indem man wieder und wieder möglichst viele Künstler einfliegt. An diesem Abend sollte keiner der Künstler mehr als 20 Kilometer gefahren sein. Und kein Düssel­dorfer musste irgend­etwas vermissen. Im Gegenteil. Endlich hatten die Düssel­dorfer Gelegenheit, die Künstler ihrer Heimat­stadt in all ihrer Vielfalt kennen­zu­lernen. Das dürfte für so manchen noch einmal die Lebens­qua­lität deutlich gemacht haben, die die Landes­haupt­stadt bietet. Und wer jetzt noch Angst vor „lokal“ hat: Dank des Livestreams konnten sich auch viele Besucher aus aller Welt ein Bild von der lokalen Szene in Düsseldorf machen – bessere Werbung für eine Stadt gibt es wohl kaum, was die Kommentare während der Live-Übertragung nachdrücklich zeigen.

Der Tonhalle ist ein Festival der Super­lative gelungen, bei dem übrigens ganz selbst­ver­ständlich die Welt zuhause war, weil es in Düsseldorf längst eine bunte, um das hässliche Wort divers zu vermeiden, Gesell­schaft gibt. Und damit hat sie Maßstäbe gesetzt, die für andere Großstädte wegweisend sein können. Somit verliert die Angst vor der „lokalen Kunst“ an Wirkung. Doch Vorsicht! Drei Dinge haben maßgeblich zum Erfolg des Abends beigetragen, die bei der Nachahmung dringend empfohlen sind. Die Musik-Szene in Düsseldorf hat ein extrem hohes Niveau, wie der Abend gezeigt hat. Die Tonhalle hat einen Sponsor gefunden, der die maßgeb­liche Finan­zierung leisten konnte. Und sie hat eine profes­sio­nelle Leistung abgeliefert, die die Zuschauer über fünf Stunden an die Monitore gefesselt hat. Nur so kann es gelingen, lokale und dann auch überre­gionale Aufmerk­samkeit zu erlangen. Für die Tonhalle Düsseldorf aller­dings kann es nur heißen: Weitermachen.

Michael S. Zerban

Kommentare geben die persönliche Meinung der Verfasserin oder des Verfassers, aber nicht in jedem Fall die Auffassung von O‑Ton wieder.

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