O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Michael S. Zerban - Foto © O-Ton

Auf der falschen Schiene

Die Ankün­digung, dass das Auftritts­verbot zum 30. Mai aufge­hoben wird, entpuppt sich als Chuzpe. Anstatt diese Ankün­digung konstruktiv in die Tat umzusetzen, werden „strenge Auflagen“ erlassen, die es unmöglich erscheinen lassen, die Türen von Veran­stal­tungs­räumen oder Spiel­stätten wieder zu öffnen. Die Regierung spielt mit dem geschenkten Vertrauen.

Maximal-Besetzung eines Theaters in Corona-Zeiten – Foto © Theresa Stößel

Die Zeichen stehen auf Sturm in Deutschland. In Berlin, München, Stuttgart und wer weiß, wo noch, demons­trieren Menschen. Wer jetzt moralisch empört mit zitterndem Zeige­finger auf die Menschen zeigt, die sich da ohne Abstand und Maske im Gesicht zusam­men­rotten, sollte sich vielleicht überlegen, ob er oder sie gerade der deutschen Blockwart-Menta­lität erliegen. Die Menschen, die sich da zu Tausenden versammeln, haben ebenfalls Ängste, die sie mindestens so antreiben wie dieje­nigen, die sich nur noch mit Mundschutz und Handschuhen aus dem Haus trauen.

Ja, die Angst geht um in Deutschland. Und Angst war immer schon ein schlechter Ratgeber. Der Regierung, offenbar selbst von Ängsten getrieben, scheint das Ruder aus der Hand zu gleiten. Sie erinnert an einen Schran­ken­wärter, der weiß, dass zwei Züge aufein­ander zu rasen, und die Schranken schnell herun­ter­lässt, um dann geschwind das Stellwerk zu verlassen, anstatt die Weichen umzustellen. Das vorschnell geschenkte Vertrauen der Bevöl­kerung wird hemmungslos missbraucht und verschenkt, indem man die verspro­chenen Hilfe­leis­tungen mit Trick­se­reien wieder aushebelt. Der hübscheste Trick heißt „strenge Auflagen“. Damit kann man leich­ter­dings alle Ankün­di­gungen an der Hintertür wieder einsammeln. Die Gastro­nomie darf wieder öffnen. Hurra! Ist das nicht großartig? Die Regierung sorgt dafür, dass sich rund 70.000 von rund 220.000 Unter­nehmen nicht in Luft auflösen. Na ja. Die „strengen Auflagen“ werden dafür sorgen, dass Wirtschaften und Restau­rants gerade mal so weit öffnen können, dass sie ganz sicher nicht wirtschaftlich arbeiten können. Nein, es geht hier nicht um eine neue Verschwö­rungs­theorie, sondern um Zahlen, die real existieren.

Ähnlich verhält es sich mit den Theatern. Ein kurzer Jubel, als verkündet wird, dass sie am 30. Mai wieder öffnen dürfen – vorbe­haltlich der „strengen Auflagen“ und einer Maximal­teil­neh­merzahl von 1.000 Personen. „Kein Problem“, war aller­orten im Vorfeld zu hören. Inzwi­schen haben die Häuser die „strengen Auflagen“ durch­ge­rechnet. Folge: Wohl kaum eines macht in dieser Saison noch mal die Türen auf. Selbst kleine Privat­theater winken ab, denen das Wasser schon seit letztem Monat bis zum Hals steht. Schau­spieler, die auf der Bühne einen Mindest­ab­stand von sechs Metern einhalten sollen, um anschließend zum Friseur zu gehen? Garde­roben mit mindestens 20 m² pro Person – meine Herren, die gibt es gar nicht. Die müssen erst noch gebaut werden. Catering gestrichen, dafür aber mehr Personal, um Perso­nen­an­samm­lungen vornehmlich vor den Frauenklos zu vermeiden. Nein, da braucht man über eine Öffnung nicht mehr nachzu­denken. Das ist komplett absurd.

Auch die Festivals, die noch kurz hofften, zumindest ein Minimal­pro­gramm über den Sommer zu präsen­tieren, müssen angesichts solcher Vorschriften resignieren. Und wen trifft das? All die Künstler, die ohnehin schon um ihre Existenz kämpfen. Die Grenz­schlie­ßungen tun ihr Übriges. Einen Solisten aus dem Nachbarland einladen, um wenigstens beim Publikum in Erinnerung zu bleiben? Nichts da.

Du kannst es drehen und wenden, wie du willst: Es geht den freischaf­fenden Künstlern an den Kragen. Hilfs­pro­gramme für Solisten wenden sich gegen sie. 9.000 Euro auf dem Konto, die für notwendige Betriebs­aus­gaben ausge­geben werden dürfen. Dafür kannst du dir nicht mal eine Gitarre kaufen, wenn du schon eine hast. In Bayern gibt es den wertvollen Ratschlag, mal gegen­zu­rechnen, ob man nicht eher Sozial­hilfe in Anspruch nimmt, weil sich das eher rechnet als die Hilfs­pro­gramme. Das kann man freundlich mit „Faust in die Fresse“ umschreiben. Daran wird auch das Lippen­be­kenntnis der Kanzlerin nichts ändern. Im Gegenteil. Die Situation spitzt sich zu. Nein. Die Künstler werden nicht vor dem Reichstag aufmar­schieren. Sie werden dahin marschieren, wo sie Geld verdienen, um zu überleben, und das wird nicht die Kultur sein. Mit hyste­risch überzo­genen Maßnahmen wird die Regierung dafür sorgen, dass Künstler im Nichts verschwinden. Denn sie haben, anders als zwischen 1939 und 1945, nicht die Möglichkeit, sich in anderen Ländern eine neue Existenz aufzu­bauen – was ja auch schon oft genug schiefging. Aber die Regierung kann ihre Hände in Unschuld waschen. Sie hat schließlich das Auftritts­verbot ab Ende Mai wieder aufge­hoben. Oder?

Nicht so ganz. Die Schäden sind bereits heute immens. Die Bevöl­kerung versteht nicht mehr, warum ihr Unter­haltung und Erkenntnis vorent­halten werden. Statt die Kultur zu stützen, redet die Regierung über Prämien für Autokäufe. Gut, die Kreativen haben sich in den letzten zwei Monaten nicht wirklich gut verkauft. Schock­starre, Versuche, das eigene Leben zu finan­zieren, standen im Vorder­grund. Und wer von ihnen hat schon einmal eine Krise in dem Ausmaß erlebt? Aber jetzt muss es auch mal gut sein damit. Wer sich aktuell noch darauf verlässt, Hilfe von Staat oder Veran­staltern zu bekommen, steht auf verlo­renem Posten. Was hilft, ist die Eigen­in­itiative. Die große Hoffnung könnte Open-Air unter einfachsten Bedin­gungen heißen. An den Kreativen liegt es, einen nie erlebten Kultur­sommer zu insze­nieren. Die Unter­stützung der Bevöl­kerung und der Wirtschaft wird es den Kultur­schaf­fenden abseits der staat­lichen Insti­tu­tionen leicht machen. Es wird keine einfache Zeit, aber das „unter­neh­me­rische Risiko“ scheint derzeit überschaubar. Denn die Bevöl­kerung ist, anders als die Regierung, bereit, die Kultur­schaf­fenden zu unter­stützen. Und da sollte es wohl ein Leichtes für kleinere Ensembles, Compa­gnien und Schau­spiel­gruppen sein, mit Hilfe von Sponsoren, Crowd­funding und Eintritts­geldern Auffüh­rungen zu ermög­lichen. Es liegt jetzt an jedem einzelnen Künstler, gegen die Absur­di­täten von „strengen Auflagen“ Kultur zu ermög­lichen. Und wenn wir gerade wieder so viel über Helden reden: Lasst uns die Helden der Kultur auf Äckern und Weiden feiern, wenn denn nicht einmal der Kirchhof in Frage kommt, weil sich da die Nachbarn über die Lärmbe­läs­tigung beschweren. Wenn uns die Künstler endlich dazu einladen.

Michael S. Zerban

Kommentare geben die persönliche Meinung der Verfasserin oder des Verfassers, aber nicht in jedem Fall die Auffassung von O‑Ton wieder.

Teilen Sie sich mit: